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KIRCHE In Eigenregie

Die katholische Kirche hat Probleme mit ihren friedensbewegten Jung-Christen, die ein Alternativprogramm für den Katholikentag planen.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Weil sich die katholischen Bischöfe vor der Friedensbewegung fürchten, erfüllten sie dem Bundeskanzler einen langgehegten Wunsch. Der Regierungschef, der sich von kirchlichen Würdenträgern oft mißverstanden fühlt, wollte »gerne auch mal auf ihrem Parteitag sprechen«. Nun darf er: Am 3. September redet Helmut Schmidt auf dem 87. Deutschen Katholikentag in Düsseldorf über den Frieden als »Herausforderung für den Politiker«.

Die Einladung der Bischöfe ist für die »Initiative Kirche von unten«, in der sich insgesamt 43 kritische Gruppen, vom intellektuellen Zirkel »Bensberger Kreis« und den »Christen für den Sozialismus« bis zur Arbeitsgemeinschaft »Homosexuelle und Kirche« zusammengetan haben, nur als »massive Gegenreaktion zu verstehen«. Auch in der katholischen Kirche hat die Auseinandersetzung um Frieden und Abrüstung begonnen. Um die Diskussion an der Basis aufzufangen, bauen die Oberhirten auf die Friedenskompetenz des Kanzlers, den sie sonst auch schon mal heftig angreifen.

»Die haben«, meint Jo Leinen vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), »eine Riesenangst, daß es jetzt bei ihnen losgeht.« Auf der Friedensdemo am 10. Juni auf der Bonner Rheinaue hatte Katholik Leinen die Devise ausgegeben: »Das nächste Mal treffen wir uns beim Katholikentag in Düsseldorf!«

Am 3. September werden auf einer Gegenveranstaltung der »Kirche von unten« der nicaraguanische Kulturminister Ernesto Cardenal und der Rüstungskritiker Alfred Mechtersheimer sprechen. Motto: »Kehrt um - Widersteht den Herren der Welt.«

Ungewiß ist noch, ob der amerikanische Aufrüstungsgegner Bischof Leroy Matthiesen am »Katholikentag von unten« teilnehmen wird. Joseph Kardinal Höffner, der seinen Kollegen willkommen heißen müßte, hat Matthiesen eine Zusage nahezu unmöglich gemacht.

Höffner ließ den Amerikaner wissen: Zwar gebe es in seiner Kirche »keinen Visum-Zwang«, aber: »Da ich Parallelveranstaltungen zum Katholikentag nicht für wünschenswert halte«, könnten weder er noch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) »diesbezügliche Einladungen unterstützen«.

Für die alternativen Glaubensgenossen wurden vom ZdK immerhin zwei Hallen auf dem Düsseldorfer Messegelände angemietet. Aber als Mitveranstalter des großen Meetings dürfen die kritischen Christen nicht fungieren. Die Erfahrungen auf dem letzten Katholikentag in Berlin, wo sich die Alternativen erstmals geschlossen öffentlich präsentierten, ließen es den Kirchenfunktionären ratsam erscheinen, die Linkskatholiken von der Programmgestaltung auszuschließen. Das diene, so ZdK-Generalsekretär Friedrich Kronenberg, »der Klarheit unserer Beziehungen«.

In Berlin hatten die progressiven Katholiken dem Abweichler Hans Küng ein Forum verschafft, in einem liturgischen Fest den »Gott der kleinen Leute« gepriesen und sich als Atomkraftgegner bekannt.

In Düsseldorf wollen sie mit einer Friedensdemonstration »sichtbar machen, daß auch katholische Christen nicht mehr bereit sind, stillschweigend zu dulden, daß der deutsche Katholizismus zur Absegnung der herrschenden Rüstungspolitik in den 'staatstragenden Parteien' CDU/CSU, SPD und FDP mißbraucht wird«. Rund 40 000 haben sich für den 4. September zum Friedensmarsch (Motto: »Kehrt um - Entrüstet Euch") angesagt.

Auch ein Beitrag des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zum Thema Frieden paßt nicht ins offizielle Konzept. Die ZdK-Veranstalter werfen den Nachwuchs-Katholiken, die in Düsseldorf Friedenscamp und -forum veranstalten wollen, eine »eingeschränkte und falsche Sicht« vor.

Weil die Jung-Katholiken nicht bereit waren, sich von den Kirchenoberen vorschreiben zu lassen, wie ihr Frieden auszusehen habe, muß der Verband sein Alternativprogramm nun in eigener Regie durchführen.

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