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»In einem Jahr tausend Erlebnistermine«

SPIEGEL-Gespräch mit Wahlsieger Björn Engholm (SPD) über seine Pläne für Schleswig-Holstein *
aus DER SPIEGEL 20/1988

SPIEGEL: Herr Engholm, Ihr triumphaler Wahlerfolg macht Sie zum neuen Superstar der SPD. Wann kehren Sie nach Bonn zurück?

ENGHOLM: Ich habe nie Superstar-Gelüste gehabt. Ich habe mich 1982, ohne Not noch vor Ende der sozialliberalen Koalition in Bonn, entschieden, nach Schleswig-Holstein zu gehen. Ich werde meinen politischen Lebensabend hier in Schleswig-Holstein verbringen und nicht den Karrierepfad nach Bonn beschreiten. Da gibt es Berufenere.

SPIEGEL: Selbst Ihr Parteichef Hans-Jochen Vogel, der gemeinhin sehr zurückhaltend ist, hat Sie als Vorbild und Hoffnungsträger gefeiert. Kann es da verwundern, daß Sie in Ihrer Partei sogleich für Höheres auserwählt worden sind, noch ehe Sie das Amt in Kiel angetreten haben?

ENGHOLM: Über meinen Lebens- und Karriereweg entscheide immer noch ich persönlich. Ich habe mich entschieden, hier in Schleswig-Holstein für eine längere Zeit meine Arbeit zu tun. Ich habe mal gesagt, daß ich nicht nur zugucke, wie über Vorruhestand diskutiert wird, ich werde für mich selbst auch Vorruhestand irgendwann in Anspruch nehmen. Der Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hat eine Entscheidung getroffen, die ich auch unter diesem Gesichtspunkt sehr respektiere.

SPIEGEL: Sie selbst haben die Ära der Enkel in der SPD ausgerufen. Bislang konzentrierten sich die Erwartungen auf Ihren saarländischen Kollegen Oskar Lafontaine. Können Sie sich dem Ruf nach Bonn auch noch verschließen, falls Lafontaine 1990 die Landtagswahl an der Saar verlieren sollte?

ENGHOLM: An Lafontaines Qualitäten ist nicht zu zweifeln. Wann immer man sich auch über ihn ärgert, er ist ein qualitätsvoller Mann mit viel Durchsetzungskraft - wahrscheinlich sehr viel mehr, als ich sie besitze. Hans-Jochen Vogel ist von viel höherer Qualität, als viele zunächst erwartet haben. Er ist in der schwierigen Zeit nach Willy Brandt ein Glücksfall für die Partei. Ich denke, es gibt über die beiden hinaus eine ganze Menge, von denen man uneingeschränkt sagen kann, das ist eine Spitzengarde. Die müssen nicht durch einen aus Schleswig-Holstein ergänzt werden.

SPIEGEL: Und wenn die Partei Sie als Parteisoldaten in die Pflicht nehmen würde?

ENGHOLM: Ich bin kein Soldat, ich bin auch kein Marschierer. Ich habe immer versucht, eigene Wege zu gehen. Die Karrierewege nach Bonn sind Trampelpfade. Ich habe lange genug in Bonn verbracht. Ich komme schon mit dem Klima dort nicht zurecht.

SPIEGEL: Sie haben gesagt, die traditionell linke Landespartei in Schleswig-Holstein habe der SPD gezeigt, was eine Volkspartei sein kann. Was denn?

ENGHOLM: Volkspartei heißt, zur Kenntnis nehmen, daß die Gesellschaft sich wandelt; daß beispielsweise, konkret für Schleswig-Holstein gesagt, der Anteil derjenigen, die den Sozialstatus Arbeiter haben, auf unter 20 Prozent gesunken ist. Es spricht nichts dagegen zu sagen, wir sind von unserer Herkunft eine Arbeiterpartei, ein Teil der Arbeiterbewegung. Aber wenn wir allein darauf _(Mit Redakteuren Manfred Ertel und ) _(Norbert F. Pötzl im Amtszimmer des ) _(SPD-Fraktionsvorsitzenden im Kieler ) _(Landeshaus. )

verharren, würden wir eine 20-Prozent-Partei.

SPIEGEL: Sie wollen, so haben Sie angekündigt, »nicht so abgehoben und aufgeblasen arbeiten, wie es sonst in der Politik noch üblich ist«. Gründet dieser Vorsatz auch auf schlechten Erfahrungen in den eigenen Reihen?

ENGHOLM: Politik hat sich zu einer Profession wie alle anderen entwickelt. Die herausgehobene Rolle, die sie eigentlich haben sollte, für »polis« dazusein, für die ganze Gesellschaft, haben die Parteien zu einem erheblichen Teil verspielt. Da kann man unsere nicht ganz ausnehmen.

Ich hab'' eine tiefe Abneigung gegen diese permanente Besserwisserei, die es übrigens bei Christdemokraten viel stärker gibt als bei uns. Diese großfürstlichen Allüren, die man heute immer wieder findet in der Politik, sind wirklich verhängnisvoll, weil das Volk sich davon abwendet.

SPIEGEL: Der Vorwurf, die SPD in Schleswig-Holstein habe den Konflikt mit den Gewerkschaften »mit weniger öffentlichen Eitelkeiten bewältigt, als es bundesweit geschehen ist«, zielt erkennbar auf die eigenen Reihen. Das kann doch nur auf Lafontaine gemünzt sein.

ENGHOLM: Oskar hat das natürlich sehr spektakulär öffentlich gemacht. Dafür mag''s auch Gründe geben, um so ein paar Stereotypen mal zu durchbrechen. Aber so manches in der Kontroverse etwa zwischen dem Oskar und dem IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler trägt Züge, die ich nicht für gut halte. Da stecken natürlich auch beiderseits Eitelkeiten dahinter, nicht nur das Ringen um die bessere Sachaussage oder die Suche nach einem gemeinsamen Lösungsweg.

SPIEGEL: Sie haben es sich einfacher gemacht und gar nicht eindeutig Stellung bezogen.

ENGHOLM: Nein, wir haben es hier anders gemacht. Wir haben alle 250 hauptamtlichen Gewerkschafter im Bereich Nordmark eingeladen und mit ihnen eine harte, offene Diskussion geführt. Da sind durch manche Wortbeiträge die Fetzen geflogen, weil ich mich in der Sache ja mehr als nur bedingt zu Lafontaine bekannt habe. Wir haben es aber unter uns ausgetauscht, weil wir gesehen haben, welche Mißverständnisse in der öffentlichen Debatte entstanden waren. Auf den Kern gekommen, haben wir dann festgestellt, das sprengt uns nicht auseinander.

SPIEGEL: Wollen Sie Lafontaines Vorschlag als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein auch umsetzen?

ENGHOLM: Mit dieser Tarifrunde ist das nicht mehr zu machen, sie ist abgeschlossen. Bei der nächsten Tarifrunde werde ich den Gewerkschaften vorher sagen: In diesem Bereich gibt es weiterhin Arbeitszeitverkürzungen, die setze ich auch um; aber darüber hinaus vereinbarte

Zuwächse im Bereich des höheren Dienstes kann ich in diesem Lande nicht tragen. Ich garantiere euch aber für jede eingesparte Mark, daß wir damit Arbeitsplätze schaffen.

SPIEGEL: Das zentrale Thema im Wahlkampf war die Auseinandersetzung um politische Kultur und Moral. In dieser Grundstimmung konnten Sie weithin unverbindlich bleiben und sich in etwas wolkigen Visionen von einer besseren Zukunft des Landes ergehen. »Die Innovation beginnt im Kopf«, sagen Sie - ein hübsches Bonmot, aber es gehört Geld dazu, die Reformen zu finanzieren. Woher soll es kommen?

ENGHOLM: Wenn in Deutschland alles, was sich nicht in Mark und Pfennig ausdrücken läßt, als wolkig gilt, wenn alles, was nicht in einer Prügelei endet, als schmusig oder samtpfotig gilt, weist das auf eine gewisse Degeneration im Denken hin.

SPIEGEL: Aber der neue Wahlkampfstil hat dazu geführt, daß Sie um konkrete Aussagen herumgekommen sind.

ENGHOLM: Das hat doch nichts mit Wolkenkuckucksheim zu tun, wenn man darüber nachdenkt, wie die Zukunft der Menschen gestaltet wird. Wir überlassen es sonst ganz wenigen, die fast immer nach ökonomischen Gesichtspunkten unsere Zukunft verplanen. Wo gibt es denn in diesem Land eine Zukunftswerkstatt außer bei Daimler-Benz, und die planen das Auto der Zukunft, oder bei einem Pharmakonzern, die planen die Pharmazeutika der Zukunft? Ich möchte, daß die Gesellschaft einen Anstoß bekommt und sagt: Wir müssen uns um unser Schicksal wieder selbst kümmern, nicht nur um die Frage, ob die Rente zehn Mark höher wird.

Daß wir ökonomische Sorgen haben, ist gar keine Frage. Wie ich meine 18 Milliarden Mark Schulden los werde, die Erblast - hier trifft das Wort zu wie nie zuvor -, die meine Vorgänger hinterlassen haben, das weiß ich nicht. Wir werden einsparen müssen an vielen Punkten, und es wird an manchen Punkten auch Aufschreie des Entsetzens geben. Wir werden gucken, ob man die Einnahmesituation des Landes bei bestimmten Punkten verbessern kann. Wir werden umschichten müssen, um Schwerpunkte zu setzen - etwa Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Da müssen alle anderen, die bisher noch ihre vollen Töpfe gehabt haben, einen Obolus entrichten.

SPIEGEL: Die geistigen Anstöße sind ja schön und gut, aber hier geht''s zunächst mal um 110 000 Arbeitslose, die damit wenig anfangen können, und eine Schuldenlast dieses Landes, die überdimensional ist. Hilfe aus Bonn ist kaum zu erwarten; denn schon die CDU-Regierung war mit den Hilfen aus Bonn von Finanzminister Gerhard Stoltenberg nicht zufrieden. Welchen Grund

sollte er haben, ausgerechnet den Sozialdemokraten Engholm besser zu bedenken?

ENGHOLM: Das ist ein Hinweis, der, wie ich hoffe, nicht die volle Denkungsart von Stoltenberg trifft, den ich inzwischen überhaupt nicht mehr schätze nach all den Erfahrungen, die ich gemacht habe. Aber so weit kann er nicht heruntergekommen sein, daß er so denkt. Er soll nicht dem Sozialdemokraten Engholm Hilfe geben, er soll dem strukturschwachen Norden das geben, worauf die Menschen hier nach der Verfassung einen Anspruch haben. Er soll nicht nach dem Motto verfahren, daß der Teufel immer auf den größten Haufen macht - und der ist im Süden.

Deshalb darf auch die Steuerreform so, wie sie geplant ist, nicht kommen. Denn allein die Verteilungswirkung dieser Steuerreform ist im Süden viel größer als im Norden. Wenn in Stuttgart durchschnittlich 4000 Mark verdient werden, dann bleibt unter dem Strich an Kaufkraft dort erheblich mehr als in Flensburg, wo 1600 Mark im Schnitt verdient werden. Da bleibt nichts übrig von der Steuerreform.

SPIEGEL: Werden Sie sich Bündnispartner suchen im Norden, den Christdemokraten Ernst Albrecht in Niedersachsen beispielsweise?

ENGHOLM: Ich werde in nächster Zeit alle Regierungschefs der norddeutschen Länder aufsuchen und ihnen anbieten, daß wir bei bestimmten Fragen, die grundsätzlich die Strukturprobleme des Nordens betreffen, die Ungleichverteilung von Nord zu Süd, bereit sein müssen, alles, was uns sonst trennt, zu vergessen. Da muß man eine norddeutsche Kette bilden, um gegen Bonn zu marschieren.

Es ist einfach absurd, daß wir, ohnehin schon strukturschwach, doppelt so hohe Lasten haben wie die im Süden, dreifach sogar bei der Sozialhilfe, daß unsere Gemeinden für die Bekämpfung und die Linderung der Not der Arbeitslosigkeit zuständig gemacht werden und die Bundesanstalt für Arbeit sich raushalten kann.

SPIEGEL: Weil Sie von außen mit Hilfe kaum rechnen können, verlegen sie sich auf Rezepte nach Hausmacher Art. Kleine und mittlere Unternehmen, sagen Sie, sollten innovationsfähiger werden. So etwas läßt sich ja auch nicht einfach verordnen. Auch da muß es wohl finanzielle Anreize geben.

ENGHOLM: Bei der klassischen Sachkapitalförderung gibt es staatliche Zuschüsse, wenn einer eine Halle baut, ein Grundstück kauft, eine Maschine anschafft. Aber das wirklich Innovative steckt im Kopf, etwa in der Qualifizierung der Mitarbeiter oder des Managements in kleineren Unternehmen. Wir müssen den Leuten helfen, daß sie den Anschluß an die nächste technologische Generation schaffen. Wir müssen Kontakte knüpfen zwischen mittelständischer Wirtschaft sowie Hochschulen und Instituten.

Wir können ihnen auch helfen, einen Partner auf einem fremden Markt zu finden. Da muß ihnen die Landesregierung eine Schneise schlagen. Der Mittelständler kann nicht nach Bonn fahren oder zum Bundeswehrbeschaffungsamt nach Koblenz, weil der Chef selbst den ganzen Tag in der Firma arbeitet und mit dem Bürokram und Formularkram wenig am Hut hat.

SPIEGEL: Neue Arbeitsplätze also nicht durch neue Maschinen und Betriebe,

sondern durch neue Absatzmärkte?

ENGHOLM: Natürlich ist beides nötig. Eine der wenigen Zukunftsperspektiven, die dieses Land hat, ist allerdings, daß es sich seiner alten Märkte erinnert. Die liegen im Norden: Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland. Wir haben außer einigen Unternehmenskontakten und ein bißchen Kammerkontakten politisch auf diesem Feld so gut wie nichts getan. Ein anderes Feld ist die DDR. Von SED-Politbüromitglied Hermann Axen höre ich, daß die Japaner dort unglaublich mobil sind. Sie sagen sich, die DDR-Wirtschaft wächst zwar langsam, aber es entwickelt sich etwas. Warum sind wir nicht dabei? Lafontaine hat gezeigt, daß es geht. Drei, vier, fünf Dutzend Kooperationverträge, jetzt wieder interessante Projekte mit Zeiss Jena.

SPIEGEL: Aber Schleswig-Holstein leidet nun mal unter einer bankrotten Wirtschaftsstruktur, die auch ein innovativer Mittelstand nicht so ohne weiteres beheben kann. Nehmen Sie nur die krisengeschüttelte Werftindustrie.

ENGHOLM: Kurzfristig sind hier keine Rosinen zu entdecken. Wir haben schon ein gut Teil unserer Werftsubstanz verloren. Die Frachtraten sind nach wie vor niedrig, die Übertonnage ist nach wie vor nicht abgebaut. Mittelfristig wird es aber einen großen Boom auf dem Markt geben. Das hängt mit der Veralterung der Tonnage zusammen. Das heißt, wir haben noch vier, fünf, sechs Durstjahre vor uns. Diese Durststrecke kann man nur überstehen, wenn sich die Bundesregierung klar dazu bekennt, eine eigenständige deutsche Schiffbauindustrie zu erhalten.

Als Landesregierung wollen wir empfehlen, daß sich die noch vorhandenen Werftkapazitäten - einem sehr alten Gewerkschaftsvorschlag folgend - locker miteinander verbinden zu einem Werftkontor, daß die Kräfte gebündelt werden. Es ist unsinnig, in einer Zeit, in der es allen dreckig geht, noch gegeneinander um das letzte Schiff zu konkurrieren, das in Hongkong vergeben wird. Dann kommen sie allesamt mit heruntergezogenen Hosen nach Hause.

SPIEGEL: Müßten Sie der Werftindustrie nicht auch Impulse zu einer Diversifizierung, einer breiteren Produkt-Palette geben?

ENGHOLM: Die meisten Werften haben es zehn Jahre lang verabsäumt, diese Schritte in Richtung Diversifizierung zu tun. Die meisten haben gesagt: Wir bauen Schiffe und nichts anderes. Wenn die Konditionen auf dem Weltschiffbaumarkt schlechter wurden, sind sie zum Staat gekommen und haben gesagt: Ihr müßt noch mehr und noch mehr subventionieren. Das hat dazu geführt, daß wir Schiffe zum Teil zu 50 Prozent unter Gestehungskosten verschenkt haben.

Der Einstieg in die Windmühlenproduktion zum Beispiel wurde vor zehn Jahren verpennt. Die Husumer Schiffbauwerft macht es jetzt. Das ist einer der wenigen glücklichen Versuche, von denen ich hoffe, daß sie noch ein starkes Standbein werden.

SPIEGEL: Der angekündigte Ausstieg aus der Kernenergie wird Ihnen womöglich Probleme bei der erhofften Ansiedlung von Industriebetrieben machen. Unternehmerverbände haben sich bereits skeptisch geäußert im Hinblick auf Ihre Regierungsübernahme. Hamburger Firmen, die ins Umland abwandern wollen, würden sich eher nach Niedersachsen als nach Schleswig-Holstein orientieren.

ENGHOLM: Ich empfinde diese Äußerungen als außergewöhnlich anmaßend. Die Wirtschaft schädigt damit selbst ihr Ansehen in der Gesellschaft. Die Wahlbevölkerung hat uns 55 Prozent gegeben. Wer dann mit solchen Angstparolen kommt, der muß sich nach seinem Demokratieverständnis fragen lassen. Meine Leute, die ich gerade im Wirtschaftsbereich einsetzen werde, haben seit Jahren gezeigt, daß sie ein viel natürlicheres Verhältnis zu wirtschaftlichen Prozessen haben als alle unsere konservativen Vorgänger. Wir sagen, Wirtschaft ist dazu da, zu produzieren, auch Gewinne zu machen, damit letztendlich die Menschen was davon haben.

SPIEGEL: Die Unternehmer fürchten um die Gewinne wegen angeblich steigender Strompreise bei einem Ausstieg aus der Kernenergie.

ENGHOLM: So argumentiert die CDU.

SPIEGEL: Auch die Verbände, die sich in den letzten Tagen dazu geäußert haben. Es ist im Wahlkampf vor allem nicht klar geworden, in welchen Zeiträumen Sie beziehungsweise Ihr künftiger Energieminister Günther Jansen den Ausstieg bewerkstelligen wollen.

ENGHOLM: Der Zeitraum ist bei uns politisch beschlossen worden. Er heißt: acht Jahre, zwei Legislaturperioden. Das ist eine mutige Vorgabe. Denn wir haben es hier mit der größten, kapitalintensivsten Industrie zu tun, die es in Deutschland gibt. Wer fünf Milliarden in einen einzigen Kernkraftblock steckt, der will nicht, daß das Ding morgen entschädigungslos stillgelegt wird; der will, daß dieses Ding eine Generation läuft, daß der Rubel rollt.

SPIEGEL: Haben Sie nicht manchmal Angst, die hohen Erwartungen, die mit diesem satten Wahlsieg verbunden sind, möglicherweise nicht erfüllen zu können?

ENGHOLM: Die Erwartungen sind gewiß manchmal belastend und bedrückend hoch. Deshalb müssen wir so schnell wie möglich den Menschen durch eine ganz saubere Analyse der finanziellen Situation, auch der mittelfristig vom Land eingegangenen Verpflichtungen, deutlich machen, was wir uns leisten können und was nicht.

SPIEGEL: Sie müssen auch versuchen, die neu zur SPD gestoßenen Wähler zufriedenzustellen, etwa die knapp 100 000, die offensichtlich direkt von _(Schlichting-Werft in Travemünde. )

der CDU herübermarschiert sind zu den Sozialdemokraten. Muß sich die linke Volkspartei SPD nach rechts öffnen, wenn sie diese Wählerklientel wenigstens zum Teil an sich binden will?

ENGHOLM: Die Partei muß sich nicht nach rechts öffnen. Und ich mache auch keinem die Mitte streitig. Wer sich da gegenseitig auf die Füße tritt, ist mir Wurscht. Mitte ist, wenn man es im politischen Sinne sieht, mit Langeweile verbunden, mit Stillstand, mit Bewegungsunfähigkeit. Ich finde, richtig spannend wird es erst, wenn man Konzepte hat, die in der Mitte gar keinen Platz haben, fortschrittliche Konzepte, Visionen, Utopien. Das ist eine Herausforderung wie an einen Hochspringer. Wer die Latte nicht auf 2,45 Meter setzt, der springt doch gar nicht erst den Weltrekord.

SPIEGEL: Dennoch haben Sie angekündigt, die CDU in wichtige Entscheidungen »einbinden« zu wollen. Also doch Kompromisse nach rechts?

ENGHOLM: Nein, Einbinden heißt nicht, daß ich alles Konzeptionelle von der CDU übernehmen will. Gemeint ist, daß das Parlament wieder das Sagen bekommt. In der Vergangenheit ist es ja eingerissen, daß ein Ministerpräsident nach Gutdünken alles entschieden hat. Das Kabinett hat den Kopf eingezogen und ja gesagt. Die Zeiten sind vorbei. Die haben hier die Kassen leergeplündert. Ich brauche künftig, wenn ich einmal tief in die Tasche greifen muß, die Zustimmung des Parlaments. Ich bin kein Großfürst, der Geschenke im Land verteilen kann.

SPIEGEL: Schleswig-Holstein ist nicht über Nacht ein sozialdemokratisches Musterland geworden, sondern nach wie vor mehrheitlich konservativ strukturiert. Wie kann denn so ein Land total umgekrempelt werden, wenn Ihnen die Verhältnisse nur winzig kleine pragmatische Schritte gestatten?

ENGHOLM: Es wird sich mit Sicherheit schon dadurch etwas ändern, daß in der Regierung, die jetzt kommt, zehn Leute sitzen, die alle sehr eigenständige und autonome Persönlichkeiten sind. Ich wüßte nicht, daß ich einen einzigen Jasager in dieser Regierung hätte. Das heißt, Kabinettssitzungen sind nicht mehr der Vollzug von vorgegebenen Direktiven, sondern hier wird debattiert, was in dieser Gesellschaft auf der Tagesordnung steht. Darüber wird auch kontrovers debattiert und kontrovers abgestimmt werden.

SPIEGEL: Das hätte Uwe Barschel natürlich von seinem Kabinett auch gesagt.

ENGHOLM: Ich weiß nicht, ob er ein Kabinett besessen hat, mit Verlaub. Wenn ich mich umhöre nach dieser schlimmen Affäre, scheint niemand jemals dabeigewesen zu sein. Wenn sie dabeigesessen haben, dann nicht am Kabinettstisch, sondern unter dem Tisch. Mein Kabinett nimmt ernst und bindet ein, was in der Gesellschaft an Sorgen und an Potentialen vorhanden ist.

SPIEGEL: Der Neuanfang betrifft ja nicht nur das Kabinett. Sie werden Widerstand in der Administration zu gewärtigen haben, die mit CDU-Parteibuchbeamten durchsetzt ist. Da ist wohl noch ein Obstruktionspotentila. Glauben Sie, das mit Appellen an die Loyalität überwinden zu können?

ENGHOLM: Wenn ich schon wolkig bin und zukunftsschwanger: Ich glaube daran. Alle, die in der öffentlichen Verwaltung dieses Landes tätig sind, haben einen Diensteid geschworen, der Loyalität beinhaltet, nicht Loyalität dem Engholm gegenüber, aber einer vom Volk gewählten Regierung. Wer seine Dienstpflichten verletzt, verletzt sie gegenüber dem schleswig-holsteinischen Volk. Wenn ich einen erwische - und es werden nicht viele sein, da bin ich sicher -, der glaubt, es so mit uns treiben zu können, der muß dann auch in Kauf nehmen, daß alle beamtenrechtlichen Möglichkeiten gegen ihn angewandt werden.

SPIEGEL: Das Aufklaren in Schleswig-Holstein beginnt mit einer Ministermannschaft, die Sie zu einem nicht unbeachtlichen Teil von außerhalb des Landes geholt haben. Trauen Sie Ihren Landsleuten den Umbruch aus eigener Kraft nicht zu?

ENGHOLM: Die Mannschaft besteht etwa zur Hälfte aus Einheimischen, zur anderen Hälfte aus Auswärtigen, wobei die Hälfte davon ihre Wurzeln wiederum in Schleswig-Holstein hat. Das Problem in diesem Land ist, daß es 38 Jahre lang von einer Partei regiert worden ist. Das heißt, wir haben in Schleswig-Holstein nicht einen Sozialdemokraten, der jemals die Chance gehabt hätte, in Regierungen zu arbeiten. Ich kann nicht mit einem ausschließlich aus Laien bestehenden Kabinett antreten nach 38 Jahren doch sehr erstarrter und verfilzter Landschaft und was Neues beginnen. Dazu brauche ich auch ein paar erfahrene Praktiker.

SPIEGEL: Sie haben angekündigt, nach Ihrer Wahl zum Ministerpräsidenten ein Praktikum bei einer Firma für Kommunikationstechnik absolvieren zu wollen. Besteht die Absicht noch? Und was versprechen Sie sich davon?

ENGHOLM: Ich will mir mal konzentriert sagen lassen, wo heute der technische Fortschritt wirklich steht, was man mit ihm machen kann, um für mich zu ergründen, wo die Grenzen des Wünschenswerten sind. Ich weiß zuwenig darüber, wie die meisten in dieser Gesellschaft.

Ich habe übrigens auch meine Kabinettsmitglieder verpflichtet, neben ihren angestammten Aufgabenbereichen jede Woche einen völlig andersartigen Termin zu machen. Der Innenminister soll beispielsweise einen Bauernhof, der Justizminister soll einen Chemiebetrieb besuchen. Dasselbe sollen die Amtschefs, die Staatssekretäre, tun. Das heißt: Zwanzig Leute, mich eingeschlossen, können in einem Jahr tausend Erlebnistermine machen. Dann kriegen sie ein plastisches und sinnliches Verhältnis zu diesem Land.

Ich habe den Anfang gemacht, indem ich gesagt habe, ich muß was über High-Tech lernen. Ich lese viel darüber, aber so richtig sinnlich begriffen, was das ist, habe ich bisher nicht.

SPIEGEL: Herr Engholm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Redakteuren Manfred Ertel und Norbert F. Pötzl im Amtszimmer desSPD-Fraktionsvorsitzenden im Kieler Landeshaus.Schlichting-Werft in Travemünde.

M. Ertel, N. F. Pötzl
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