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Nordkorea In Freiheit gefangen

Tausende von Nordkoreanern schlagen in Sibirien Holz für ihren Staat. Viele setzen sich ab, obwohl ihr stalinistisches Regime sie jagt. Der SPIEGEL sprach mit den Flüchtlingen im russischen Untergrund.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Wäre Park Chong Hwa* im Sommer vergangenen Jahres in seiner Heimat gewesen, statt irgendwo im Fernen Osten Rußlands, er hätte wie Millionen seiner Landsleute schluchzend den Tod Kim Il Sungs beklagt. Doch Parks Weltbild ist durcheinandergeraten, seit er für den »Großen Führer« in Sibirien Holz geschlagen hat. So weint er vor Erleichterung, als ihn die Nachricht vom irdischen Ende des gottgleichen Staatschefs erreicht, im neunten Monat seiner Flucht.

Seit Park untertauchte, um sich nach Moskau durchzuschlagen, lebt er in ständiger Angst vor Rußlands Polizei und Nordkoreas Häschern. Nur Vertraute kennen seinen Namen, seine Herkunft oder seinen Aufenthaltsort. Flucht gilt in Kim Il Sungs Arbeiterparadies als Landesverrat, und der kann mit sieben Jahren Straflager, in schweren Fällen mit dem Tod geahndet werden.

Vor drei Jahren hatte Park die Genehmigung erhalten, in einem nordkoreanischen Holzfällerlager in Rußland Bäume zu schlagen. Seit Ende der sechziger Jahre verfügt sein Staat dort über _(* Name von der Redaktion geändert. )

Abholzungslizenzen; die Schufterei im Fernen Osten verrichteten anfangs Zwangsarbeiter.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zog Nordkorea die Mehrheit seiner rund 20 000 Waldarbeiter aus Sibirien ab. Als Park seinen Antrag stellte, durfte nur noch zum Holzfällen hinaus, wer als linientreu galt. Er verpflichtete sich, niemals schlecht über sein Land zu reden, immer den Führer Kim Il Sung oder dessen Sohn und Nachfolger Kim Il Jong zu preisen.

Doch in der rauhen Taiga, wo es im Winter 50 Grad kalt wird und im Sommer Schwärme von Stechmücken in den Sümpfen brüten, entdeckte Park, daß er 29 Jahre lang betrogen worden war. »Keinem Volk geht es besser als euch«, schärften auch fern der Heimat Wandtafeln den Campbewohnern ein. Die Wirklichkeit außerhalb des Holzfällerlagers widerlegte die Losung.

Während die Arbeiter des »Großen Führers« Schnee schmelzen mußten, um sich waschen zu können, und selten ausreichend zu essen hatten, ließen sich neureiche Russen Bäder in ihre Datschas einbauen. Nur wer nichts verdiente und keine Ersparnisse hatte, hungerte. Wie Park. Der besaß statt Bargeld nur Bezugsscheine für ein Paar Filzstiefel aus heimischer Produktion.

Um zu Rubel zu kommen, borgte er welche. Er kaufte russischen Wodka und chinesische Daunenjacken, verscherbelte alles mit Aufpreis weiter. Die Sicherheitskräfte, von postsozialistischer Goldgräberstimmung erfaßt, ließen ihn gegen eine Beteiligung am Umsatz gewähren. Bald handelte Park mehr, als daß er Bäume fällte. Das veränderte seine Welt. »Wer handelt, der kommt auf neue Gedanken«, sagt er.

Er merkte, daß die Russen »über ihr Leben frei entscheiden können«, während die Menschen in Nordkorea »wie gefesselt« seien. Er hörte, daß selbst Chinesen über den Führerkult seiner Landsleute spotteten. Er sah, daß es nicht nur die Schwarzweißfernseher zu kaufen gab, die zurückkehrende Holzfäller mit nach Hause brachten. Auch Waschmaschinen und Fleischkonserven waren im Angebot - in der Heimat so gut wie unauffindbar.

Im Sommer 1993 kam es in seinem Camp zum Streit. Die Lagerverwalter hielten die illegalen Geschäfte der Arbeiter und Sicherheitsleute für ideologisch nicht korrekt. Sie drohten, alle, die handelten, statt Holz zu hacken, wegen »mangelnden Arbeitswillens« vorzeitig aus ihren Verträgen zu entlassen.

Park wußte: Zu Hause würden ihn Zwangsarbeit und Folter erwarten. Bevor er sich nach Sibirien bewarb, hatte er nicht nur als Soldat die Wehrhaftigkeit seines Staates gestärkt, sondern auch als Polizist. Seine Einheit beaufsichtigte ein »Umerziehungslager« für Wirtschaftskriminelle.

Nicht wenige der 5000 Gefangenen, die Park zu bewachen hatte, waren für geringere Vergehen als »mangelnde Arbeitsmoral« in das Lager von Hamnamdo eingewiesen worden. Manche hatten nur Lebensmittel gestohlen. Sie mußten Innenauskleidungen für Hochöfen produzieren. Das Gestein, aus dem das dafür benötigte Magnesiumoxid gewonnen wurde, bauten die politischen Häftlinge ab. Wer nicht spurte, wurde mit einem Stock zwischen Unterschenkeln und Gesäß in Isolationszellen gesteckt, geprügelt und »manchmal auch an den Füßen aufgehängt«. Viele starben an Entkräftung, denn zu essen bekamen sie nur eine Brühe aus Salzwasser, Mais und Sojabohnen.

Länger als zehn Jahre überlebte keiner die Haft, erzählt Park. Er flieht aus dem Holzfällerlager in der Taiga, obwohl er weiß, daß seinen Eltern daheim damit die Verbannung droht und seine Frau sich mit dem gemeinsamen Sohn der Sippenhaft nur entziehen kann, indem sie die Scheidung einreicht.

Park ist nicht der erste und nicht der einzige, der diesem Regime zu entkommen versucht, das wie kein anderes seine Bürger abschirmt und überwacht. 70 nordkoreanische Holzfäller sind im Polizeicomputer von Chabarowsk als vermißt registriert. Die Zahl sei mit Sicherheit zu niedrig, glaubt ein Vertreter der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Die Lagerverwaltung melde viele der Entkommenen nicht. Nordkoreas Staatsschützer stellen ihnen lieber unbemerkt von russischen Behörden selbst nach.

Als gelte es, einen Hochverräter zur Strecke zu bringen, spionierten Kim Il Sungs Geheimagenten jahrelang dem in die Ukraine geflohenen Holzfäller Han Chel Gil hinterher. Als der Nordkoreaner im Oktober 1990 nach Chabarowsk zurückkehrte, um einen japanischen Gebrauchtwagen zu kaufen, griffen ihn die Jäger am Bahnhof ab. Es kam zu einem Handgemenge, Han wurde vorübergehend von der russischen Polizei verhaftet; die anderen ließ man laufen.

Als die Verfolger zwei Jahre später in seine Wohnung in der Ukraine eindrangen und eine Drohung auf dem Küchentisch zurückließen, wurde Han klar, daß er auf dem ehemaligen Territorium der Sowjetunion niemals und nirgends sicher sein würde.

Auch Park weiß, daß er Rußland verlassen muß, wenn er je ein normales Leben führen will. Er hofft auf ein Flugticket in den kapitalistischen Süden der seit Ende des Zweiten Weltkriegs geteilten koreanischen Halbinsel.

Doch Seouls diplomatische Vertreter in Rußland bearbeiten Asylanträge untergetauchter Holzfäller nur schleppend. Sie fürchten, allzu große Aufnahmebereitschaft könnte einen ähnlichen Massenexodus auslösen wie 1989 die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze für DDR-Bürger. Einen Kollaps des Regimes im Norden aber könnte der Süden nicht bezahlen. Also vertrösten die Diplomaten Flüchtige und überlassen sie sich selbst. So fühlt sich Park mit jedem Tag, den er länger in Freiheit lebt, mehr gefangen.

Zweieinhalb Jahrzehnte lang hatten die Sowjetbehörden und ihre Nachfolgeorganisationen die Selbstherrlichkeit, mit der Nordkorea auf russischem Territorium eigene Landsleute strafte und verfolgte, billigend in Kauf genommen. Das Holz brachte jährlich Devisen in Millionenhöhe ein. Erst als Moskaus Menschenrechtsbeauftragter Sergej Kowaljow 1993 die »Absonderlichkeiten« in den Holzfällerlagern öffentlich machte, wurden die totalitären Enklaven russischer Rechtsprechung unterstellt.

Geheime Operationen nordkoreanischer Agenten innerhalb Rußlands sind seitdem theoretisch illegal. Tatsächlich jedoch, schreibt Amnesty in einem soeben veröffentlichten Bericht, »operiert Nordkoreas Staatsschutz nach wie vor auf russischem Gebiet, verfolgt Flüchtlinge und versucht, sie zu verschleppen oder einzuschüchtern«.

Im März wurden in Chabarowsk ein koreanisch-amerikanischer Missionar und seine Frau in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Nichts deutete auf einen Überfall hin: Die Tür war nicht aufgebrochen, das Bargeld, 17 000 Dollar, blieb unangetastet.

Die beiden hatten nordkoreanischen Fluchtwilligen den Weg in die Freiheit geebnet. So auch Song Chang Keun. Song wurde wegen Mordverdachts verhaftet, aber aus Mangel an Beweisen den Behörden Nordkoreas überstellt. Ob er das überlebt hat, weiß Amnesty nicht.

Handlanger für das Willkürregime sind in Rußland leicht zu finden. Unter den Polizisten und Beamten, die ohnehin zu Übergriffen auf Ausländer und ethnische Minderheiten neigen, gibt es immer einen, der bestechlich ist. Wer dabei den kürzeren zieht, der Flüchtling oder seine Häscher, ist eine Frage der gebotenen Summe. Park hat deshalb meist einen größeren Geldbetrag dabei; nachts meidet er die Straßen, denn auch der Ausweis, den das Flüchtlingshilfswerk der Uno ihm gegeben hat, würde ihm bei einer Personenkontrolle nichts nützen. »Wenn du aufgegriffen und ausgeliefert wirst«, sagt er, »bist du am Ende.«

Festgenommene Nordkoreaner sind schon aus fahrenden Polizeiwagen oder vor heranrollende Züge gesprungen, um der Abschiebung zu entgehen. Sie gestehen Verbrechen, die sie nicht begangen haben, weil sie hoffen, sich in russischer Haft dem Zugriff ihres Staats entziehen zu können. Doch selbst Ehen mit Russinnen schützen die Untergetauchten nicht vor Auslieferung. Und wer deportiert wird, von dem fehlt meist jede Spur.

Park versucht, sowenig wie möglich aufzufallen. Geschäfte treibt er nur auf den Märkten der Chinakoreaner, deren Gesichtszüge den seinen ähneln und die »auch schlecht Russisch sprechen«. Rußlandkoreaner meidet er, in den Gemeinden südkoreanischer Pfarrer aber findet er Hilfe und Schicksalsgenossen.

Die meisten konnten ähnlich wie Park entkommen, weil ihre Brigadiere sie losschickten, Devisen für das notleidende Mutterland zu verdienen. Seit Rußland für seine Öl- und Benzinlieferungen Dollar verlangt, stehen in den sibirischen Camps viele Motorsägen still. Die Holzfäller, die keinen Handel treiben, werden an russische Baufirmen ausgeliehen. Die Begegnungen, welche die Ersatzjobs ihnen ermöglichen, bestärken sie in dem Wunsch, sich abzusetzen.

Zu Hause im Reich der Kims, wo nach Parks Einschätzung in jedem zehnten Haus ein Polizeispitzel wohnt, wo Nachbarn jedes abweichende Verhalten melden, um nicht in den Verdacht der Komplizenschaft zu kommen, wäre Park einem Landsmann wie Oh Ki Su* mit Argwohn begegnet.

»Selbst dein Rücken ist dir fremd«, warnt eine nordkoreanische Volksweisheit vor zuviel Vertrauensseligkeit. Der Flüchtling Oh Ki Su muß besonders linientreu gewesen sein: Der gelernte Traktorist durfte gleich zweimal nach Rußland ausreisen. Nach seinem ersten Job in der Taiga sei er mit »umgestürzten _(* Name von der Redaktion geändert. )

Gedanken« in die Heimat zurückgekehrt, sagt Oh.

Umsturzpläne habe er dennoch nicht geschmiedet. Alle, die heimkamen, waren vorsichtig mit dem, was sie erzählten; manche seien nicht vorsichtig genug gewesen: Sie verschwanden aus der Nachbarschaft.

Bei neugierigen Fragen von Freunden und Verwandten hielt sich Oh an die Weisheit der drei Affen: Er sei tief im Wald gewesen, antwortete er stets, habe nichts gesehen, nichts gehört.

Bevor er in der sibirischen Taiga die Welt entdeckte, wäre er nie auf die Idee gekommen, etwas zu sagen, was gegen den Staat gerichtet war, bestätigt Park. Das Verbot, Kritik an seinem Führer zu üben, reglementierte sein Leben wie ein biblisches Gebot, weshalb er selten Angst verspürte, nur »dieses ungemütliche Gefühl«, jede Regung der Unzufriedenheit unterdrücken zu müssen.

Als Staatsverräter haben Oh und Park einander nichts mehr zu verbergen. Schon gar nicht den Zorn auf den Mann, der mit seiner Lebenslüge eine ganze Nation vom Rest der Welt isoliert hat.

Sie hatten Kim Il Sung vertraut, ihm für jede Mahlzeit gedankt und seine Abbilder täglich aufs neue mit roten Tüchern poliert, obwohl die Reisrationen von Jahr zu Jahr kleiner wurden. Jetzt wollen sie so schnell wie möglich vergessen - die Geschichten von Kim Il Sung und seinem Sohn und die Lobeshymnen auf das Paradies, das keines war.

Und sie hoffen, selbst in Vergessenheit zu geraten, hoffen, daß man sie für erfroren oder erschlagen halten möge, damit die Nachstellungen aufhören und die zurückgelassenen Familien nicht den Preis für ihre Freiheit zahlen müssen.

Wer deportiert wird, von dem fehlt in der Regel jede Spur

* Name von der Redaktion geändert.* Name von der Redaktion geändert.

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