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»In ihrem neuen Haus ist für uns kein Platz«

aus DER SPIEGEL 22/1976

Die Umerziehungslager für die Diener des Thieu-Regimes sind über das ganze Land verstreut. Für gewöhnlich liegen sie in einsamen Gegenden und im Dschungel. Von den Revolutionsbehörden werden sie »Schulen der Umerziehung« genannt, von den Familien der Lagerinsassen dagegen »Konzentrationslager«.

Ich bekomme eines dieser Lager zu sehen und verlasse es nach einem Tag mit dem Eindruck. in einem Mustergefängnis gewesen zu sein. Hier in der Tat werden die Insassen für ihre »Verbrechen« nicht einfach bestraft, sondern umerzogen, damit sie sich der neuen Gesellschaft anpassen.

Das Lager liegt in der Provinz Tay Ninh. weit hinter dem Berg der Schwarzen Jungfrau, sehr nahe der kambodschanischen Grenze, in einem Gebiet, das während des Krieges lange Zeit vom Vietcong kontrolliert und daher von den Amerikanern stark zerbombt und entlaubt wurde. Meilenweit fuhren wir auf ungepflasterter, mit rotem Staub bedeckter Straße -- kein einziges Dorf zu sehen, nur die Weite des trockenen Landes mit Büschen und Skeletten entlaubter Bäume.

Das Lager sieht wie eines der Dörfer aus, die in den »neuen Wirtschaftsgebieten« gegründet wurden: endlose Reihen einfacher Strohhütten. Der einzige Unterschied ist der Stacheldraht, der das Ganze umzieht. Am Eingang steht unter einem rotgestrichenen hölzernen Torbogen ein Wachtposten.

In der Haupthalle des Lagers. wo die Insassen. ehemalige Offiziere der Saigoner Armee. ihre politischen Kurse besuchen, sind neben den Bildern von Ho Tschi-minh, Lenin und Marx Parolen angebracht. Eine besagt: »Arbeit ist eine heilige Pflicht. denn sie ist die Quelle des Lebens und Wohlstandes.«

Das Lager wurde im Juli letzten Jahres eröffnet. Mehr als tausend Offiziere der Thieu-Armee rodeten hier das Land, bauten Hütten. pflanzten Bananen- und Papayabäume, die jetzt einen Meter hoch stehen. Sie legten Gemüsegärten an, die bereits einen großen Teil der Nahrungsmittel für die Lagerinsassen liefern.

Außer in der Landwirtschaft ist jeder ehemalige Offizier in einer der Werkstätten des Lagers beschäftigt. Leutnant Truong Gia Khanh, 33, zum Beispiel, war Arzt in der Saigoner Armee. Jetzt arbeitet er als Tischler und lernt, Tische und Betten zu zimmern. Andere Insassen arbeiten als Schmiede, sie stellen Messer und Werkzeuge für die Landwirtschaft her.

Im Lager selbst sind nur wenige Wachtposten zu sehen, keiner trägt Waffen. Einige Insassen sahen blaß und krank aus, doch ohne Spuren von Folterung. Sie erhalten die gleiche Verpflegung wie die Soldaten der Volksarmee, das beißt, nicht so viel wie sie als Offiziere der Thieu-Armee bekamen.

Im Raum Saigon dürfen die Familien ihren Angehörigen in den Lagern einmal pro Monat schreiben. Sie dürfen sie aber nicht besuchen. wie es in anderen Regionen der Fall ist.

Die Briefe müssen an eine Postzahl adressiert werden. In ihren zensierten Antworten aber können die Gefangenen Andeutungen machen, wo sie sich befinden. In Saigon zeigte mir die Frau eines Obersten einen Brief, in dem er geschrieben hatte: »Wenn ich zurückkomme, bringe ich Dir Meeresmuscheln und Fischsoße mit.« Da die Insel Phu Quoc für diese beiden Produkte berühmt ist, befindet sich der Oberst wahrscheinlich dort.

Die Dauer der Inhaftierung hat inzwischen Zweifel an der Politik der nationalen Versöhnung aufkommen lassen, die nach dem Fall Saigons von den Revolutionsbehörden verkündet worden war.

Vor allem in Saigon hatten die Diener des alten Regimes gefürchtet, sie würden von den Kommunisten umgebracht werden. Das aber war nicht der Fall. Vielmehr wurde ihnen erklärt, daß ihnen nach einer Zeit der »Hoc Tap«, eben der Umerziehung, verziehen würde und sie dann Bürger des neuen Vietnams wie alle anderen waren.

Die Menschen waren damals erleichtert. Jetzt aber befürchten die »Marionetten« ebenso wie ihre Familien, daß die Umerziehung eine lange Zeit der Haft bedeutet. Zwar wurde, wie die Behörden mitteilen, schon eine »gewisse Anzahl« von hohen Offizieren entlassen, doch sind offensichtlich nur sehr wenige wieder zu ihren Familien zurückgekehrt. Einer der Freigelassenen ist der ehemalige Verteidigungsminister General Nguyen Van Vy -- doch er war schwer krank.

Die Bedingungen einer vollzogenen »Umerziehung« sind vage gehalten; Der Betroffene muß »guten Willen gezeigt« haben, von seiner früheren Umgebung akzeptiert werden, und die Familie muß für ihn bürgen.

Die anfängliche Begeisterung und Dankbarkeit, die den neuen Herrschern entgegengebracht wurde, ist dadurch teilweise geschwunden. Verhärtung gegenüber den »Marionetten«, Mißtrauen gegen alles und jeden, der mit dem früheren Regime etwas zu tun hatte oder unter amerikanischem Einfluß lebte, sind die Indizien einer neuen Haltung der Herrschenden ein Jahr nach dem Fall Saigons.

Obwohl das Land zum Wiederaufbau dringend qualifizierte Leute braucht, werden Ärzte, Ingenieure und Techniker nicht eingesetzt. Viele sind noch in Lagern, nur weil sie für das frühere Regime gearbeitet hatten. Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und viele Abteilungen der neuen Zivilverwaltung wurden daher mit Leuten aus dem Norden besetzt, deren Zahl sich von Monat zu Monat erhöht.

So ist der »Marionetten«-Direktor der Kalkfabrik Lang Tho in der Nähe von Hué »zurückgetreten": er wurde durch Le Ba Lan ersetzt, der aus dem nördlichen Vinh stammt, wo er bis zum Ende des Krieges in einem Elektrizitätswerk arbeitete. Der »Marionetten«-Leiter des Salzwerkes in Hon Khoi, nördlich von Nha Trang, ist ebenfalls »zurückgetreten«; der neue Leiter Lc Man stammt aus dem Norden. Funktionäre ließen sich bestechen.

Selbst viele der neuen Polizisten, die in ihren neuen sandfarbenen Uniformen den Verkehr in Saigon und in anderen Städten des Südens regeln, stammen aus dem Norden. Einige »Marionettern-Polizisten wurden wieder angestellt, nachdem sie ihre »Hoc Tap« erfolgreich absolviert hatten. Auf den Straßen sind sie leicht zu erkennen, denn im Gegensatz zu den Kollegen aus dem Norden tragen sie keine Waffen.

In einem Gespräch über die Haltung des Regimes erklärt mir eine einflußreiche Persönlichkeit, die sich dem Thieu-Regime widersetzt hatte, dafür ins Gefängnis gekommen war und vor einem Jahr die Befreiung begrüßt hatte: »Sie bauen ein neues Haus, aber sie lassen uns fühlen, daß für uns darin kein Platz ist.«

Wenn diese Vertrauenslücke zwischen den neuen Herrschern und einem großen Teil der südvietnamesischen Bevölkerung, vor allem der Städte, nicht überbrückt wird, besteht die Gefahr, daß das Regime Gewalt statt politischer Überzeugungskraft anwendet, um das Land zu regieren.

In offenbar übertriebener Furcht vor den Gefahren einer Infiltration durch die CIA und den Aktionen einer ziemlich unbedeutenden Widerstandsbewegung haben die neuen Herrscher unlängst bekannte Persönlichkeiten wie den Katholiken-Pater Iran Huu Thanh verhaftet, einen Anti-Kommunisten, der aber zu Thieus Zeiten die Kampagne zur Bekämpfung der Korruption geführt hatte. Buddhisten-Führer Tich Tri Quang wurde unter Hausarrest gestellt

Vielfach haben die neuen Herrscher Schwierigkeiten, die richtigen Beziehungen zu den südvietnamesischen Massen herzustellen. So erwiesen sich erfahrene Guerilla-Kader, die sich im Krieg bewährten, als es darum ging, Hinterhalte anzulegen und amerikanische Flugzeuge abzuschießen, für die Verwaltung von Dörfern und Städten als weniger brauchbar. Jüngere und politisch noch unreifere Kader sind oft autoritär, ungebildet, bürokratisch und sogar korrupt.

Die alte Vorstellung. Saigon würde die Kommunisten mehr verändern als von ihnen verändert werden, hat sich in manchen Fällen als richtig erwiesen. Zahlreiche Cando. politische Kader, mußten abgelöst werden. So der Polit-Kommissar des Fünften Bezirks in Cholon, weil er den Bestechungsgeldern nicht widerstehen konnte, die ihm von den dortigen chinesischen Händlern angeboten wurden.

Einzelne Funktionäre sollen für die Entlassung von Gefangenen aus Umerziehungslagern Geld genommen haben. Die Saigoner Fahrradfabrik »Ucia« muß ihre Räder exklusiv an Parteikader und Soldaten verkaufen -- zu einem von den Nutznießern festgesetzten Discount-Preis.

»Wenn sie nicht aufpassen«, so ein ausländischer Beobachter in der südvietnamesischen Hauptstadt, »werden sie in Saigon mehr Kader in Friedenszeiten verlieren als während des ganzen Krieges.«

Tatsache ist, daß die Kommunisten während der Tet-Offensive und durch das von den Amerikanern unterstützte Phönix-Programm -- Ermordung aller verdächtigen Candos in den Städten und auf dem Lande so viele ihrer besten Leute verloren haben, daß sie jetzt unter den Verlusten schwer leiden.

Es heißt, zur Zeit der Befreiung habe das neue Regime in Saigon nur über 2000 treue und zuverlässige Parteimitglieder verfügt. Daher mußte es viele Kader aus Hanoi sowie neurekrutierte Kader aus dem Süden heranziehen.

Die neuen Herrscher sind sich dieser Schwäche bewußt. Sie diskutieren darüber in aller Öffentlichkeit und fordern die Bevölkerung auf, jeden Beamten anzuzeigen, der sich schlecht benimmt. Das wiederum kann jedoch die moralische Überlegenheit untergraben, die die Revolutionäre unmittelbar nach der Befreiung Saigons genossen, und die Vertrauenslücke zwischen den neuen Herrschern und der südvietnamesischen Bevölkerung weiter vertiefen.

Jede Revolution hat, nachdem die Revolutionäre an die Macht gekommen sind und sich institutionalisiert haben, eine Tendenz -zur Kristallisation. Die vietnamesische Revolution macht darin keine Ausnahme. Die Art, wie Ho Tschi-minh jetzt behandelt wird, ist ein gutes Beispiel dafür.

Zu seinen Lebzeiten und noch bis zur Befreiung Saigons wurde Ho Tschiminh von allen »Onkel Ho« genannt -eine bäuerliche Vater-Figur in einer Welt von Bauern. Jetzt wird Ho Tschiminh »ruhmreicher Präsident Ho« genannt.

Sein Leichnam, von den Russen schlecht präpariert und jetzt makaber rot und gelb angestrahlt, liegt in einem gläsernen Sarg in dem neu fertiggestellten Mausoleum am Ba-Dinh-Platz in Hanoi. Sonntags morgens wartet eine lange Schlange Tausender Vietnamesen geduldig, um an dem gläsernen Sarg unter den argwöhnischen Augen der Wachtposten in Gala-Uniform vorbeizudefilieren.

Geht man Saigons ehemalige Tu-Do-Straße entlang, die in »Straße der Erhebung« umbenannt wurde, würde man meinen, daß sich nur wenig geändert hat. Noch immer winken Mädchen in Miniröcken dem Passanten aus den dunklen Eingängen der offenen Bars zu. Noch immer fahren die Jungen in bunten Hemden auf ihren Hondas.

Die Amerikaner sollen Reparationen zahlen.

Mit Ausnahme einiger weniger Läden, die landflüchtigen Indern gehörten, sind jene Boutiquen, in denen man billig eine Baseball-Mütze mit der goldenen Aufschrift »Boß« kaufen kann, noch geöffnet. Sie gehören einigen wenigen Russen und anderen Osteuropäern, die hier »die Amerikaner ohne Dollars« genannt werden.

Das Hotel Miramar, das nach der Befreiung Saigons von der Revolutionsregierung übernommen wurde, da der Besitzer das Land zusammen mit den Amerikanern verlassen hatte, wird immer noch von einem Kader geleitet, den die Revolutionsbehörden ernannt haben. Doch außer einem Strom vietnamesischer Experten und Politkommissare aus Hanoi beherbergt es jetzt eine Gruppe von Damen aus Saigon, die ihr klassisches Gewerbe weiterhin stundenweise ausüben.

Was sich geändert hat, ist die Stimmung in der Stadt und ihr tägliches Leben. Der Standard hat sich für die Mehrheit der Bevölkerung verschlechtert. Es gibt zwar keine Hungersnot, doch die Menschen im heutigen Saigon essen weniger Reis als noch vor einem Jahr. Und Fleisch ist, wie ein Freund es nannte, zu einem »Festmahl« geworden, »das es nur einmal im Monat gibt«.

Die wohlhabende Frau des früheren Senators Tran Van Thuyen -- der als einer der 200 000 »Marionetten« in einem Umerziehungs-Lager lebt -- wohnt immer noch in ihrer eleganten Villa an der Hung-Tap-Tu-Straße. Da sie aber kein Einkommen mehr hat, machte sie ein Fahrrad-Geschäft auf.

Tausende Arbeitslose haben eine Beschäftigung entdeckt, die zumindest das Existenzminimum einbringen kann: Sie stehen vor Staatsläden Schlange, in denen lebensnotwendige Güter zu den niedrigen amtlichen Preisen verkauft weiden -- manchmal stehen sie da den ganzen Tag. »Ich kaufe Reis, Salz, Zigaretten und Streichhölzer«, erzählt ein Mann im mittleren Alter, der vor so einem Laden stand. »Aber ich rauche nicht, daher verkaufe ich die Zigaretten auf dem Schwarzmarkt weiter, der Erlös reicht für die Bezahlung des Rests.«

Besserung erhoffen sich die Behörden vor allem vom Ausland. Hohe Beamte in Hanoi haben mir wiederholt erklärt, daß sie bereit seien, zu den Vereinigten Staaten wieder normale diplomatische Beziehungen aufzunehmen. »Wir waren mit den Franzosen verfeindet und sind jetzt gute Freunde, das gleiche gilt für die Japaner. Warum also sollten wir nicht auch freundschaftliche Beziehungen zu den Amerikanern unterhalten?« sagt ein Mitglied des Zentralkomitees der Partei. Doch amerikanische Reparationsleistungen für die angerichteten Kriegsschäden werden als Vorbedingung betrachtet.

»Die Frage der US-Vermißten kann gelöst werden, sobald die diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt sind. Eines aber kann ich mit Sicherheit sagen. Wir haben keine amerikanischen Kriegsgefangenen«, erklärt Madame Binh, Außenministerin der Provisorischen Revolutionsregierung. Die 25 Amerikaner, die vor einem Jahr in Saigon zurückblieben, weil sie die Evakuierungshubschrauber nicht mehr erreichten, werden das Land verlassen dürfen. »Sehr bald«, so ein anderer hoher Beamter in Saigon.

Die Beziehungen zu Moskau sind offenbar ausgezeichnet. Die Sowjets und die osteuropäischen Staaten beteiligen sich an verschiedenen Entwicklungsprojekten in der Leicht- und Schwerindustrie. 1000 russische Berater sind im Land.

Doch es geht langsam vorwärts -- zu langsam selbst für die genügsamen Nordvietnamesen. Der Kampfgeist, der die ganzen harten Kriegsjahre andauerte, scheint vorüber. »Früher war das Abschießen von B-52 Nationalsport«, sagt ein Diplomat, »heute ist es Fußball. Die Menschen sehen nicht ein, warum sie weiterhin Opfer bringen sollen. Sie wollen endlich mehr vom Leben haben!«

Beamte in Hanoi kündigen an, sie wollten auch private Investitionen aus den westlichen Ländern einschließlich der Bundesrepublik annehmen. »Es ist beinahe schon peinlich«, meint ein westlicher Diplomat in Hanoi' »wann immer man einen höheren Funktionär trifft, fragt er, was wir zu geben oder zu investieren bereit seien.«

Der Wunsch, nicht allein auf die Hilfe der sozialistischen Länder angewiesen zu sein, ist offenkundig, zumal die Beziehungen mit dem größten Nachharn, China, nicht zum besten stehen.

»Unsere Freunde, die Chinesen, haben vorübergehend die Paracel-Inseln besetzt«, sagt Hoag Tung, Chefredakteur der Parteizeitung »Nhan Dan« in Hanoi -- das wußte man schon.

Inoffiziell erfährt man noch etwas anderes: daß es an der Grenze in der Nähe der Eisenbahnstrecke nach China unlängst zu kriegerischen Zwischenfällen gekommen sei.

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