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»In letzter Minute die Kurve gekriegt«

aus DER SPIEGEL 17/1976

SPIEGEL: Herr Schmücker, Ihr Konzern ist wieder einmal ins Gerede gekommen: Entgegen den Empfehlungen von Bundeskanzler Schmidt und Wirtschaftsminister Friderichs haben Sie die Preise Ihrer Autos erhöht und damit heftige Kritik in der Öffentlichkeit hervorgerufen. Hat Sie dieses unfreundliche Echo irritiert?

SCHMÜCKER: Niemand, der gezwungen ist, Preiserhöhungen anzukündigen, kann sich über dieses Echo freuen. Uns muß es darum gehen, die Gründe zu versachlichen und richtig darzustellen. Aber ich will ihnen konzedieren, daß insbesondere wegen des vergleichsweise niedrigen Tarifabschlusses in der Metallindustrie diese Preiserhöhung optisch störend wirkt.

SPIEGEL: Der Volkswagenkonzern hat in den vergangenen zwei Jahren seine Autos um mehr als 25 Prozent verteuert. Der billigste Käfer kostet inzwischen knapp 7500 Mark, der einfachste Golf mehr als 9000 Mark. Halten Sie diese Preise für vertretbar?

SCHMÜCKER: Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, daß der SPIEGEL vor knapp zwei Jahren um 25 Prozent teurer geworden ist ...

SPIEGEL: ... nachdem er jahrelang seinen Preis konstant gehalten hatte, in der Autoindustrie dagegen werden die Preise fast kontinuierlich heraufgesetzt.

SCHMÜCKER: Richtig, und ich glaube, ich spreche nicht nur für den Volkswagenkonzern, wenn ich behaupte, daß diese Preisanpassung unausweichlich war.

SPIEGEL: Muten Sie mit der letzten Preiserhöhung Ihrer Kundschaft nicht reichlich viel zu?

SCHMÜCKER: Natürlich ist jede Preiserhöhung vom Standpunkt des potentiellen Kunden ärgerlich. Auf der anderen Seite wird, daran zweifele ich nicht, die Masse unserer Kunden verstehen, daß wir bei den durchgesetzten Lohnerhöhungen, steigenden Material- und Rohstoffpreisen unser Preisniveau nicht halten können.

SPIEGEL: Ihr Kostenargument zieht diesmal kaum. Dank der höheren Kapazitätsauslastung verdienen die Autofabriken vermutlich pro verkauftem Auto mehr, als die Lohnkostensteigerung tatsächlich ausmacht, denn bessere Auslastung drückt die Fabrikationskosten deutlich herunter.

SCHMÜCKER: Sie haben vor einem Jahr geschrieben, der Aufsichtsrat verlange von mir als VW-Chef, den Konzern rasch wieder in schwarze Zahlen zu bringen. Ich stelle fest, daß Sie mich jetzt in die Lage versetzen, Ihre These vom vergangenen Jahr vertreten zu müssen.

SPIEGEL: Sie übersehen einen gewichtigen Unterschied: Der Konzern arbeitet seit Herbst letzten Jahres wieder ohne Verlust, auch ohne Preiserhöhung würden Sie in diesem Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach einen Gewinn ausweisen.

SCHMÜCKER: Wir sind seit August wieder in den schwarzen Zahlen. Und ich weiß selber, daß dies eine deutliche Tendenzwende für uns war. die allerdings für das Unternehmen bitter nötig war. Bei Ihrer Kritik an der Preiserhöhung dürfen Sie eins nicht übersehen: Auf das Jahr 1976 gerechnet, beträgt sie nur 2,5 Prozent, weil wir erst Ende März erhöhten und alle Kunden, die bis dahin ein Auto bestellt hatten, das in den nächsten vier Monaten ausgeliefert wird, die niedrigen Preise in Rechnung gestellt bekommen.

SPIEGEL: Auch 2,5 Prozent erscheinen uns zuviel. Denn gerade in diesem Frühjahr hat sich die Gewinnsituation Ihres Konzerns ganz entscheidend verbessert.

SCHMÜCKER: Sie dürfen doch nicht übersehen, daß wir im Jahre 1974 eine Milliarde Mark Verlust hinnehmen müßten, und dieser Betrag steht noch im Raum.

SPIEGEL: Der Autokäufer von heute soll also für die Verluste des Volkswagenkonzerns aus der Vergangenheit geradestehen?

SCHMÜCKER: Nein, es ist völlig utopisch zu glauben, daß eine Lohnerhöhung. in welcher Höhe auch immer, durch Rationalisierung oder Produktivitätsverbesserung voll verkraftbar ist. Das ist nicht drin.

SPIEGEL: Wäre es nicht ehrlicher, wenn Sie zugäben, daß Ihr Konzern den Nachfrageboom im Inland ausnutzt, um sich am Markt zu holen, was der Markt hergibt? Zugegeben, Ihre Firma ist ein Sonderfall, weil dank des Mißmanagements Ihrer Vorgänger das Unternehmen in eine Existenzkrise gefahren wurde ...

SCHMÜCKER: ... ich muß Sie unterbrechen, denn zwei Begriffe scheinen mir in diesem Zusammenhang nicht vertretbar. Erstens bin ich Ihnen gegenüber immer ehrlich, und zweitens verwahre ich mich aus Loyalität gegen den Begriff Mißmanagement.

SPIEGEL: ... wie immer Sie die Tatsache nennen mögen, daß der Vorstand der Volkswagen AG jahrelang mit den falschen Modellen antrat und unbeirrbar darauf baute, Made-in-Germany-Autos für alle Zeiten auch in Amerika in hohen Stückzahlen verkaufen zu können.

SCHMÜCKER: Ich will auf diese Vergangenheit nicht eingehen. Immerhin zeigt die Entwicklung eines: Das Unternehmen hat in letzter Minute die Kurve gekriegt, wenn ich das so sagen darf, und da zeigt sich seine Stärke.

SPIEGEL: Ihre Konkurrenten Opel, Ford, aber auch BMW und Daimler-Benz werden in diesem Jahr vermutlich zweistellige Gewinnzuwachsraten erreichen. Wäre es da für die gesamte Branche nicht zumutbar gewesen, Preiserhöhungen einmal ausfallen zu lassen?

SCHMÜCKER: Ich verstehe zwar, daß Sie so fragen, aber muß Ihnen in aller Freundschaft sagen, daß Ihre Fragen an den betriebswirtschaftlichen Primitivkriterien völlig vorbeigehen. Unsere Preiserhöhung hätte angesichts der auf uns zukommenden Belastungen deutlich höher ausfallen müssen, wenn wir nicht die positiven Folgen der besseren Kapazitätsauslastung verspürten.

SPIEGEL: Würde Ihre Firma einen Gewinn ausweisen können, wenn Sie die Preise nicht erhöht hätten?

SCHMÜCKER: Dann wäre dieses Ziel mit Sicherheit in große Gefahr geraten.

SPIEGEL: Sind Sie da nicht etwas pessimistisch? Die Produktivität der VW-Arbeiter, die in der schlechtesten Zeit pro Jahr und Mann nur zehn Autos produzierten. ist deutlich gestiegen. Sie liegt jetzt bei 14 Autos pro Mann und Jahr.

SCHMÜCKER: Ich wiederhole, es ist eine Utopie, anzunehmen, daß ein Automobilunternehmen dieser Dimension in der Lage wäre, nennenswerte Lohnerhöhungen glatt zu verdauen.

SPIEGEL: Es wäre doch denkbar, daß die Produktivitätssteigerung den Lohnzuwachs übertrifft.

SCHMÜCKER: Hypothetisch wäre das denkbar, aber mit der Realität hat das nichts zu tun. Die Industrie insgesamt hat die Produktivitätsfortschritte der Vergangenheit stets dazu benutzt, die Lohnerhöhungen teilweise abzufangen. Und das ist auch jahrelang gutgegangen, der Index der industriellen Erzeugerpreise blieb relativ konstant.

SPIEGEL: Das könnte doch eigentlich 1976 wieder so sein. Sie haben 15 000 Arbeitsplätze gestrichen und damit 700 bis 800 Millionen Mark eingespart und produzieren mit der Restbelegschaft wesentlich mehr als im letzten Jahr.

SCHMÜCKER: Deshalb erhöhen wir aufs Jahr gerechnet die Preise auch nur um 2,5 Prozent. An einem Punkt, meine Herren, hakt es bei mir aus: Wenn ein Unternehmen Verlust macht, argumentieren Sie, sei das Management schuld, und wenn wir mit bescheidenen Preiserhöhungen unsere finanzielle Situation verbessern wollen, kritisieren Sie ebenfalls. Das ist keine ausgewogene Betrachtungsweise. In dem einen Fall bekommt man Prügel, in dem anderen auch.

SPIEGEL: Uns erscheint es ebensowenig angemessen, in guten Zeiten die Preise zu erhöhen und damit die Gewerkschaften herauszufordern. Ihre Preiserhöhung wird die IG Metall veranlassen, den letzten Tarifabschluß von 5,4 Prozent noch einmal zu überdenken und sich zu fragen, ob sie nicht doch etwas zu bescheiden gewesen sei. IG-Metall-Chef Loderer hat immerhin schon davon gesprochen, er werde im Sommer einen »Nachschlag« fordern.

SCHMÜCKER: Unsere Preiserhöhungen sind auch angesichts der zugegebenermaßen verantwortungsvollen Tarifrunde vertretbar und bescheiden. Im übrigen darf ich Sie auf eine Tatsache aufmerksam machen, die Ihnen entgangen zu sein scheint. Die Autopreise gehen in den Lebenshaltungskosten-Index lediglich mit einem Gewicht von 3,7 Prozent ein. Selbst wenn alle Autofirmen 4,6 Prozent aufschlagen würden, stiege der Lebenshaltungskosten-Index um ganze 0,17 Prozent.

SPIEGEL: Wenn auch andere Industriezweige oder Branchen ähnlich denken, addiert sich das Ganze zu einer zweistelligen Inflationsrate.

SCHMÜCKER: Glauben Sie denn im Ernst, daß wir uns unsere Entscheidungen nicht genau überlegen unter Würdigung aller Umstände? So dumm sind wir nicht. Wir mußten zusätzlich zu den schon genannten Faktoren einen weiteren Gesichtspunkt bedenken. Je länger man eine Preiserhöhung aufschiebt, desto massiver wird die Preiskorrektur zu einem späteren Zeitpunkt ausfallen müssen.

Höhere Gewinne als Polster für künftige Absatzflauten.

SPIEGEL: Das dürfte für die Arbeitnehmer nur ein geringer Trost sein. Die Mehrzahl der Arbeitnehmer wird in diesem Jahr real weniger verdienen als 1975, zugleich aber feststellen, daß die Firmenleitung der Automobilindustrie ihnen Sonderschichten abverlangt und ganz offenkundig klotzig verdient. Muß es da nicht irgendwann im Laufe des Jahres nach dem Vorbild der wilden Streiks im Herbst 1973 zu Unruhen in den Betrieben kommen?

SCHMÜCKER: Es wird für die Arbeitnehmer sicherlich nicht leicht zu verkraften sein, daß ihre realen Einkommen in diesem Jahr nicht wachsen. Aber dieser Trend stimmt nun einmal mit dem überein, was auch die Bundesregierung festgestellt hat: Die Unternehmensgewinne müssen steigen, damit wir endlich den Schub kriegen, der uns zu dem lang beschworenen Boom verhilft.

SPIEGEL: Die Gewinne des Volkswagenwerks werden aber doch kaum westdeutschen Arbeitnehmern zugute kommen, denn Ihr Konzern wird vermutlich nicht im Inland neue Arbeitsplätze einrichten, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach im Ausland, zum Beispiel in den USA investieren.

SCHMÜCKER: Wenn unser Aufsichtsrat das Projekt einer Volkswagenfabrik in Amerika positiv entscheiden sollte, dann wird die Rendite dieses Jahres dabei kaum eine Rolle spielen: Es wäre ganz absurd anzunehmen, daß wir die Investition in Amerika aus den Gewinnen dieses Jahres finanzieren wollten.

SPIEGEL: Aber das westdeutsche Arbeitsplatzangebot werden Sie kaum erhöhen?

SCHMUCKER: Aus den Absatzproblemen 1974 und 1975 haben wir eines gelernt: Das Abfangen von Bedarfsspitzen ist auf Dauer eine überaus kostspielige Angelegenheit. Ich hielte es deshalb für falsch, wenn wir durch Einstellung neuer Mitarbeiter unsere Kapazität jetzt ausbauen würden. Wir müssen beim Dosieren von Sonderschichten und Neueinstellungen äußerst vorsichtig sein. Im Falle eines Absatzrückgangs -- und der kommt mit Sicherheit irgendwann -- müssen wir besser gerüstet sein als das letzte Mal.

»Keiner wäre so wahnsinnig, Preisabsprachen zu treffen.«

SPIEGEL: Würden Sie die Belegschaft aufstocken, wenn der Export ähnlich gut laufen würde wie das Inlandsgeschäft?

SCHMÜCKER: Die Frage stellt sich im Augenblick nicht. Denn durch die Unruhen auf den europäischen Devisenmärkten ist das Auslandsgeschäft, das gerade anzulaufen schien, wieder in Gefahr geraten. im übrigen: Wer verbürgt uns, daß unser Inlandsgeschäft auch weiterhin so gut läuft wie im Augenblick? Ich kann mich irren, aber ich bin der Meinung, daß wir in der zweiten Hälfte dieses Jahres ein Abflachen der Absatzkurve erleben werden. Deshalb auch -- und ich komme damit auf eine Frage zurück, die Sie gerade eben gestellt hatten -- sehe ich nicht die Gefahr, daß wir im zweiten Halbjahr durch allzu viele Sonderschichten die Arbeitnehmer zu falschen Schlüssen oder Hoffnungen verleiten könnten.

SPIEGEL: Herr Schmücker, Kartellexperten, aber auch neutrale Beobachter der Autobranche gehen davon aus, daß Sie und Ihre Kollegen Absprachen über die Preiserhöhungen treffen. Fast jedes Mal erhöhen zumindest die Anbieter der sogenannten Massenautos, also Volkswagen, Ford und Opel, ihre Preise im Gleichschritt, sowohl hinsichtlich des Zeitpunkts als auch des Aufschlages scheinen Sie engen Kontakt zu Ihren Kollegen zu halten.

SCHMUCKER: Da irren Sie sich ganz gründlich. Jedes Unternehmen in der Bundesrepublik ist sich des wachsenden und verantwortlichen Einflusses des Kartellamtes bewußt, keiner wäre so wahnsinnig, jene Absprachen, deren Möglichkeit Sie suggeriert haben, wirklich zu treffen. Das wäre sowohl sozialpolitisch als auch persönlich unverantwortlich und mit unübersehbaren Risiken behaftet.

SPIEGEL: Wie erklären Sie das synchrone Verhalten der Autohersteller?

SCHMÜCKER: Das ist einfach der Zwang, mit den zur gleichen Zeit wirksam werdenden Kostenschüben fertig zu werden. Lohnerhöhungen wie Materialpreisaufschläge treffen die ganze Branche ungefähr zur gleichen Zeit.

SPIEGEL: Die Unternehmen verdienen aber durchaus unterschiedlich. Ford beispielsweise dürfte in diesem Jahr soviel Kasse machen, daß eine Preiserhöhung noch weniger nötig gewesen wäre als bei Ihnen. Hätten Sie Ihre Preise erhöht, wenn Ford nicht aufgeschlagen hätte?

SCHMÜCKER: Da muß ich Ihnen etwas für Sie sehr Enttäuschendes sagen: Auch in diesem Fall hätten wir genau die Preiserhöhungen durchsetzen müssen, die wir beschlossen haben. Aber, da haben Sie recht, die Konkurrenzlandschaft wäre für uns sehr viel unfreundlicher geworden.

SPIEGEL: Sie betonen die Risiken von Preisabsprachen. Wer eigentlich soll herausfinden, wenn Sie mit Ford-Chef Lutz telephonieren, um sich über die Preispolitik zu verständigen?

SCHMÜCKER: Es würde mir nie im Traum einfallen, Herrn Lutz deswegen anzusprechen. Es würde uns auch gar nicht helfen, denn wir hätten ohnehin die Preise erhöhen müssen.

SPIEGEL: Können Sie uns verbindlich zusagen, daß Ihr Konzern in diesem Jahr die Preise konstant hält?

SCHMÜCKER: Aus meiner persönlichen Sicht würde ich unverbindlich sagen, daß es -- vorausgesetzt, es gibt keine neuen, bislang unbekannten Kostenschübe -- dabei bleiben wird.

SPIEGEL: Herr Schmücker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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