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SPIONAGE / INTERNATIONALES In Nürnberg gechartert

aus DER SPIEGEL 7/1953

Die lettischen Wachsoldaten im Gefängnis des Internationalen Militärtribunals von Nürnberg (IMT) rissen die Knochen zusammen, wenn Captain Ponger in wienerisch verbalhorntem Englisch seine Befehle zum Vorführen von Häftlingen in den Fernsprecher näselte. Der kleine, etwas feiste »interrogator«, dem fast immer eine Lucky Strike im linken Mundwinkel baumelte, war einer von den menschlichen Lügen-Detektoren, mit deren Hilfe es dem IMT gelang, die nazistische Verschwörung gegen den Weltfrieden aufzudecken.

An einem Morgen des vergangenen Januar beleuchteten die Tiefstrahler des Washingtoner Militärflugplatzes eine banale

Szene: Offiziere der amerikanischen Besatzungstruppe in Österreich übergaben den vom Flug Wien-Washington leicht zerknautschten, mit Handschellen gefesselten US-Nachrichtenoffizier Ponger zwei baumlangen Beamten der amerikanischen Sicherheitspolizei F.B.I. (Federal Bureau of Investigation).

Wenige Stunden später machte Ponger vor Untersuchungsrichter Alexander Holtzoff einen bemerkenswert tiefen Bückling und versicherte - wie »eine schadhafte Nähmaschine quasselnd« - , daß er niemals daran gedacht habe, sich mit dem zweiten Sekretär der sowjetischen Botschaft in Washington, Jurij W. Nowikow, gegen die Sicherheit und den Frieden der Vereinigten Staaten zu verschwören.

Richter Holtzoff hörte sich Pongers Redefluß zunächst geduldig an. Schließlich schnitt er ihn mit der trockenen Frage ab, ob Ponger in der Lage und willens sei, eine Sicherheit in Höhe von 50 000 Dollar zu stellen. Als der verneinte, verhängte Holtzhoff vier Wochen Untersuchungshaft. Begründung: dringender Verdacht der Spionage zugunsten einer ausländischen Macht in 14 Fällen.

Letzte Woche dementierte ein hoher Beamter des amerikanischen Hochkommissariats in Österreich naheliegende Gedankengänge: es gebe nicht den geringsten Grund dafür, anzunehmen, daß Kurt L. Ponger »von den Sowjets bereits zur Zeit der Nürnberger Prozesse gechartert« gewesen sei. In den Kaffeehäusern von Wiens Operngasse aber weiß man es besser: die hochkommissarische Beschwichtigung bestätige nur die notorisch himmelblaue Ahnungslosigkeit des amerikanischen Nachrichtendienstes in Österreich (MIS - Military Intelligence Service). Ponger sei nicht erst seit 1945 mit Moskau verschworen, sondern mindestens seit 1933.

Damals war er einer der lautesten Schreier auf der Wienzeile, wenn der Kommunistische Jugendbund Österreichs gegen den »klerikalen Faschismus« der Dollfuß und Schuschnigg demonstrierte.

Nach Beendigung seiner Nürnberger Vernehmer-Tätigkeit übersiedelte Ponger in die alte Wiener Heimat -

* mit einer US-Nummer an seinem Wagen,

* mit einem monatlichen Studien-Stipendium in Höhe von 100 US-Dollar (das Zeitungswissenschaftliche Institut der Universität Wien sah ihn alle halbe Jahr zum Empfang der Testate),

* mit dem neuen Job eines Auswerters beim amerikanischen Military Intelligence Service. (Spezialität: Vernehmung österreichischer, aus Sowjetrußland zurückgekehrter Kriegsgefangener und von jenseits des Eisernen Vorhangs kommender Flüchtlinge.)

In der Paulanergasse im sowjetischen Bezirk Wiens richtete sich Ponger eine luxuriöse Vier-Zimmer-Wohnung ein. Extra aus Westdeutschland geholte ehemalige Agfa-Ingenieure bauten für ihn ein mit allen Raffinessen der modernen Foto-Technik ausgestattetes Labor. Inzwischen hatte Ponger sich nämlich auch noch als Auslandskorrespondent etabliert - und zwar für

* die Central European Press Agency, New York,

* und die offensichtlich mit Rubeln finanzierten Dienste »Baltic Press«, »Mirror Pix« und »China Pictures Service« (österreichischer Absatz gleich Null).

Jeden Tag brachte Ponger seine Tochter Liesl, 5, im Wagen aus der Paulanergasse in den im amerikanischen Sektor gelegenen

Kindergarten. Am Morgen des 14. Januar jedoch »klebte« hinter seinem Audi ein Wagen des »MIS«. Dessen Insassen registrierten, wie Ponger am Naschmarkt gegenüber dem staatlichen österreichischen Verkehrsbüro für Liesl ein paar Apfelsinen kaufte, und folgten ihm dann weiter in den VII. Bezirk (amerikanisch).

Vor der Mechitaristenkirche in der Neustiftgasse stoppte Ponger ein zweites Mal. Er gab Liesl einen zärtlichen Abschieds-Klaps und wollte eben den ersten Gang einschalten, als plötzlich drei Herren neben und hinter ihm im Wagen saßen.

Fast zur gleichen Minute, in der Ponger festgenommen und Liesl einer Fürsorgerin übergeben wurde, drängten sich zwei MIS-Agenten in die Wohnung von Pongers Schwager Otto Verber (früher Färber) und verhafteten ihn an seiner Schreibmaschine. Ferner gingen ins Ami-Kittchen der wie

Ponger und Verber aus Wien gebürtige US-Staatsbürger Walter Lauber und der aus Berlin stammende US-Bürger Ernst Tislowitz.

Ponger und Verber wurden später nach Washington geflogen, Lauber kam nach achttägiger Vernehmung im Salzburger Hauptquartier des MIS wieder frei. Der himmelblaue Dodge von Ernst Tislowitz steht noch heute verdreckt und verschneit vor dem MIS-Gebäude in Wien.

Die Erfahrungen, die Kurt Ponger, 39, und Otto Verber, 31, als hartgesottene Nürnberger Vernehmungs-Offiziere (Verber war in Nürnberg second lieutenant) sammeln konnten, werden ihnen jetzt zugute kommen. Die Anklage wirft ihnen vor, seit Juni 1949 laufend

* Listen amerikanischer Agenten an den militärischen Nachrichtendienst der Russen in Österreich ausgeliefert,

* Offiziere des MIS bestochen,

* Karten und Pläne von amerikanischen Manövern verraten,

* in Washington Beamte der amerikanischen Regierung für den Nachrichtendienst des sowjetrussischen Diplomaten Jurij W. Nowikow geworben zu haben.

Die militärischen Nachrichtendienste Amerikas in Europa rekrutierten sich nach 1945 zum großen Teil aus Emigranten. Die zeichneten sich vielfach durch unverhohlene Sympathien für die Sowjetunion aus.

In Wien munkelt man nun, daß Kurt Pongers erstaunlich luxuriöser Lebenswandel (zwei Dienstmädchen, ein Labor-Gehilfe, eine Sekretärin, ein Kindermädchen) durch die »verdienstvolle« Koordinierung von Schwarzhandel und Nachrichtendienst ermöglicht worden sei. In der Kombination dienstlicher und außerdienstlicher Verpflichtungen erblickt man auch einen der Gründe, warum Ponger schließlich zum hilflosen Werkzeug des russischen Nachrichtendienstes geworden ist. Die Russen hätten nämlich zu viel von seinen dunklen Geschäften in Kaffee, Devisen, Gold und Waffen gewußt.

Zu Pongers Wiener Melange von Schwarzhandel und Nachrichtendienst gehörte aber noch ein besonders düsterer und aktueller Aspekt, der vermutlich den letzten Anlaß zu seiner Festnahme gab. Ponger gilt als der Mann, der den Russen das entscheidende (möglicherweise falsche) Anklagematerial gegen den ehemaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Rudolf Slansky, geliefert hat. Tatsache ist,

* daß Ponger in der Kommunistischen Partei Österreichs den Ruf eines bedenkenlosen MWD-Agenten genoß, dessen Festnahme durch die Amerikaner bei vielen führenden Kommunisten mit Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde,

* daß Ponger andererseits ausgezeichnete Beziehungen zum »Joint« (der zionistischen Welt-Hilfsorganisation) und zu links-sozialistischen Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde Wiens unterhielt,

* daß die staatlichen Schwarzhandels-Transaktionen der »Mitverschwörer« Slanskys, der tschechischen Minister und Staatssekretäre Clementis, Loebel und Reicin, zu einem nicht geringen Teil über Mitglieder der Kultusgemeinde in Wien gelaufen sind.

Ex-Vernehmer Ponger wird aus Erfahrung wissen, wann es bei Vernehmungen Zeit ist zu »spucken«. Möglicherweise erfährt CIA auf diese Weise einige Hintergründe des Prager Slansky-Prozesses und der antizionistischen Pogrom-Welle in der Sowjetunion und der DDR.

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