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SPD/MÜNCHEN In Rente gegangen

Münchens SPD, die einst bei Wahlen fast Zweidrittelmehrheiten erhielt, steckt im Dauertief. Ratlos suchen die Genossen einen Oberbürgermeister-Kandidaten, der es mit der CSU-Konkurrenz aufnehmen könnte.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Als der Münchner SPD-Ortsverein Aubing-Neuaubing vorletzten Sonntag sein 60jähriges Bestehen feierte, gab es, selten genug bei den Münchner Sozialdemokraten, mal wieder tosenden Beifall für einen Genossen.

Der frühere Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel war angereist, um »in alter Verbundenheit« Aubinger Parteiveteranen zu ehren und eine Festansprache zu halten. Doch der Neu-Berliner stellte auch gleich klar, was die alten Freunde gar nicht gern zur Kenntnis nahmen: »Ich werde«, so Vogel, »bestimmt nicht meine OB-Kandidatur für 1984 in München anmelden.«

Nostalgisches Wunschdenken, aber auch eine von Münchner Spitzengenossen gezielt betriebene Desinformation hatten die Hoffnung geweckt, der populäre Oberbürgermeister von einst werde sich für die nächsten Kommunalwahlen 1984 noch einmal zur Verfügung stellen und die SPD in Bayerns Hauptstadt wieder zu einer starken Partei machen. »Nein«, beendete Vogel jede Spekulation, »nach München führt kein Weg mehr zurück.«

Die ersehnte Rückkehr des vor zehn Jahren vergraulten Vogel war die jüngste und sicher auch die abwegigste Überlegung innerhalb der SPD, die um ihr »brennendstes Problem, von dem alles abhängt« (Vorstandsmitglied Christian Ude), weiß: Nur mit einem langfristig in Szene gebrachten, attraktiven OB-Kandidaten böte sich dem personell ausgedünnten SPD-Unterbezirk eine Chance, die verlorengegangene Großstadtbastion zurückzuerobern.

Was für Berlin mit Vogel und für Hamburg mit Klaus von Dohnanyi möglich war, sollte auch für die bayrische Großstadt denkbar sein -- so das Kalkül der Genossen, denen 1978 eine katastrophale Wahlschlappe durch die CSU widerfahren war.

Mal liebäugelt die Münchner Partei mit dem aus Franken stammenden Bonner Justiz-Staatssekretär Hans de With, mal mit dem inzwischen zum SPD-Bundesgeschäftsführer avancierten ehemaligen Berliner Senator Peter Glotz, der seine politische Karriere vor Jahren in München begonnen hatte. Beide wollten nicht.

Realistischer schien da schon die Option für den Münchner Bundestagsabgeordneten Rudolf Schöfberger, der nach Statur und Naturell trefflich ins weißblaue Magistratenmuster paßt und schon früher als Wunschkandidat vieler Parteifreunde galt. Aber auch Schöfberger, bedauerte Ude, »winkte sehr schnell ab«.

Länger im Gespräch hielt sich ein Kandidat, der als »besonderer Geheimtip« ("Frankfurter Rundschau") gehandelt S.106 wurde: der Düsseldorfer Ministerialdirigent und Stadtplanungsexperte Professor Karl Ganser, ein gebürtiger Bayer, der beruflich im Stadtentwicklungsreferat unter OB Vogel gestartet war und sich durch profunde Sachkenntnis, dynamische Erscheinung und ursprünglich auch offene Bereitschaft zur Kandidatur empfahl.

Mit den Spitzengenossen hatte es Ganser allerdings schnell verdorben. Das Debüt des Professors in der Münchner Partei, ein Gastreferat vor der Stadtratsfraktion (Thema: »Sind Millionenstädte noch regierbar?"), ging im Getratsche gelangweilter Zuhörer unter. Der Wunschkandidat hatte »eine Riesenchance«, so ein Vorstandsmitglied, »leichtfertig vertan«.

Wie lau die Unterstützung der SPD-Oberen war, offenbarten auch vieldeutige Erklärungen des Parteivorsitzenden Max von Heckel, etwa so: »Es gibt Leute, die Professor Ganser für einen guten Kandidaten halten, und ich kann auch nicht ausschließen, daß der Kandidat von außerhalb Münchens kommt.«

Die Reaktion ist typisch für die Situation der Münchner Sozialdemokraten, die sich in jahrelangen Flügelkämpfen gegenseitig zermürbt und mattgesetzt haben. Erschlafft und ratlos scheinen sie sich mit der Oppositionsrolle offenbar schon ebensogut abgefunden zu haben wie die Genossen im bayrischen Landtag, die sich dort das Regieren schon gar nicht mehr vorstellen können. Zuweilen könne man meinen, sinnierte der Bundestagsabgeordnete Manfred Schmidt, die Partei sei »nach den Flegeljahren nun in Rente gegangen«.

Kein Wunder, daß die Münchner SPD, die einst beinahe eine Zweidrittelmehrheit im Stadtparlament hatte, bei Wählerumfragen in diesem Jahr nur ernüchternde Ergebnisse erzielte, mal 20, ein anderes Mal nur 17 Prozentpunkte.

Delegierte beklagten auf Parteitagen »allzuviel Negativstimmung«, »ausgemachten Frust« und einen »gefährlichen Hang zur Resignation« -- eine Stimmung, der freilich der Vorsitzende von Heckel durch unbedachte Äußerungen noch Vorschub leistete. So war er sich »sicher, daß wir das Vertrauen der Münchner Wähler verspielt haben«, und glaubte, daß die Partei »nur durch einigermaßen vernünftige Arbeit Schlimmes oder noch Schlimmeres verhindern« könne.

Zunächst geht der Machtverfall mal weiter. Die SPD wird bei den bevorstehenden Neuwahlen der städtischen Referenten die bis zuletzt gehaltenen Positionen in der Stadtregierung einbüßen. Die CSU-Mehrheitsfraktion ist in allen dreizehn Fällen entschlossen, ihre Bewerber durchzusetzen. Max von Heckel, der davon ausgehen muß, sein Amt als Stadtkämmerer zu verlieren, zieht sich auch anderweitig zurück: Er will nicht mehr für den SPD-Vorsitz kandidieren. Der »rote Baron« (Parteijargon) strebt für das kommende Jahr ein Landtagsmandat in München an.

So werden für die endgültige Nominierung des Oberbürgermeister-Kandidaten im nächsten Frühjahr, wie ein SPD-Vorstand vermutet, zwei aussichtslose Bewerber aus unterschiedlichen politischen Lagern übrigbleiben, die sich dann auch noch in einer »Kampfabstimmung mit allem Hickhack« (so ein SPD-Stadtrat) begegnen werden.

Der Mann der Rechten: Ex-Oberbürgermeister Georg Kronawitter, der sein Comeback in der Partei nach einem Urteil von Heckels mit Hilfe eines »satzungswidrigen Sonderzirkels« inszenierte. Der »Schorsch«, mit rund 8000 Mark Pension Münchens teuerster Frührentner, hatte sich lange als die »vagabundierende Kraft« der Münchner SPD verstanden und in einem dilettantischen Buch ("Mit allen Kniffen und Listen") über »Godesberger« und »dogmatische Linke« polemisiert.

Er, den der Parteivorstand 1978 als Kandidat für »nicht mehr vermittelbar« hielt, konnte auf einmal »das Dahingewurstel der Partei nicht mehr mit ansehen«. Er will nun »mit Hilfe vieler Freunde« nichts weniger als »die Münchner SPD wieder wählbar machen«.

Freunde haben ihm mittlerweile zu einem Platz im Unterbezirksvorstand verholfen. In einem Stimmkreis im Münchner Norden beansprucht der Vogel-Freund, den Streitgefährten gern zur Symbolfigur hochstilisieren, die Kandidatur für die Landtagswahl 1982. Das Mandat wäre die geeignete Plattform, um die Rückkehr ins Rathaus vorzubereiten. Schon jetzt gehen linke Genossen im Parteivorstand resigniert davon aus, daß Kronawitters OB-Kandidatur »kaum noch zu verhindern« sei.

Die besten Aussichten, der Konkurrent zu werden, hat derzeit der Bundestagsabgeordnete Manfred Schmidt, bei Linken wie bei Gemäßigten gleichermaßen gelitten. Der behäbige Jurist, der in Bonn zu den Hinterbänklern zählt und sich gern jovial bis proletarisch gibt, war seit Vogels Abgang in München schon immer für personelle Notlösungen gut.

An einen Dritten, den »Deus ex machina, der ein Wunder vollbringen könnte«, so ein Vorstandsmitglied, glaubt in der Münchner SPD ohnehin »schon keiner mehr«.

Der alternative Supermann, der geheimnisvolle Genosse »X (Tarnname)«, von dem in der letzten Ausgabe der SPD-»Stadtillustrierten« berichtet wurde, daß er »mit Sicherheit der OB-Kandidat der Münchner Sozialdemokraten« werde, wird wohl ein Phantom bleiben.

Wie der Wundermann aussehen könnte -- darüber machte sich der »Stadtanzeiger«, eine Regionalbeilage der »Süddeutschen Zeitung«, schon Gedanken. »Hat er«, hinterfragte das Blatt den Unbekannten, »eine Glatze oder einen Vollbart, kommt er aus München, Castrop-Rauxel oder Bonn ...?«

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