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KOLLABORATION In Rostock

aus DER SPIEGEL 4/1951

Letzten Freitag legte der dänische Redakteur Aksel Olesen in Apenrade 90 Druckseiten »schwerwiegender Beweise auf den Tisch der Gerechtigkeit"*). Sie belegen,

*) A. Olesen »Fra utrykte Kilder« ("Aus ungedruckten Quellen"), A. Olesens Forlag, Aabenraa, 1951. Preis 4, - Kronen. daß die deutsche Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 vorher zwischen Berlin und Kopenhagen verabredet war. Das geschah am 16./17. März 1940 in Rostock/Bad Doberan, und die Partner waren der damalige dänische Außenminister Dr. Peter Munch und der Reichsführer SS Heinrich Himmler.

Die Rostock-Gerüchte sind so alt wie der Marsch der großdeutschen Wehrmacht über die deutsch-dänische Grenze. Während des Krieges wurden sie durch die Zensur unterdrückt, und nach 45 wollte die Mehrzahl der dänischen Politiker lieber nicht darüber sprechen. Selbst die »Parlamentarische Kommission« des dänischen Reichstags, die amtlich die Geschichte der fünf Besatzungsjahre zu schreiben hat, ließ noch Mitte 1950 durch ihren Vorsitzenden, Richter Aage D. Holm, erklären, sie habe die Rostock-Berichte geprüft, sei aber auf keine Tatsachen gestoßen.

»Das liegt daran, daß die Kommission sich bisher hartnäckig weigerte, die von uns genannten Zeugen zu vernehmen«, erklären Redakteur Olesen und seine Freunde.

Olesens Freunde sind einige Zehntausend dänischer und volksdeutscher Mitglieder des »Faarhus-Vereins.« (Ex-Häftlinge des dänischen Internierungslagers Faarhus) und des »Vereins vom 6. Mai« (Betroffene der dänischen Sondergesetze gegen Kollaborateure mit den Deutschen).

Auch Olesen gehört zu den Betroffenen. Obwohl er bereits 1937 aus der Redaktion von »National-Socialisten« ausschied und die DNSAP (Danmarks National-Socialistiske Arbejder-Parti) verließ, wurde er auf Grund einer Denunziation 1945 von Widerstandsmännern verhaftet und in Faarhus interniert. Damals schwor der kleine, gemütliche Mann, für die Rehabilitierung der kleinen NS-Mitläufer zu kämpfen und die großen Kollaborateure von Rostock zu entlarven.

Mehrere von Olesens Freunden sind in den letzten Jahren schon mit Anklagen und Andeutungen vorgeprellt. Der letzte war Leutnant a. D. Ove Leif Guldberg, der im August 1950 ein »Rostock-Flugblatt« allen

Ministern, den Reichstagsabgeordneten und den Zeitungen zuschickte. Außenminister Dr. Munch sei zu der fraglichen Zeit gar nicht in Rostock gewesen, das habe er noch vor seinem Tode schriftlich bekundet, wurde ihm die amtliche Antwort.

Dieser offiziellen Version setzt Olesen jetzt die folgenden Dokumente entgegen:

* Eidesstattliche Erklärung des ehemals stellvertretenden Stabsführers des Reichsführers SS, Sepp Tiefenbacher, jetzt Rottach - Egern, Karl - Theodor-Str. 17. In ihr heißt es: »Ich erinnere mich noch genau daran, daß Heinrich Himmler im Februar/März 1940 eine Besprechung mit dänischen Herren an der Ostseeküste hatte. Meines Wissens war diese Besprechung entweder in Rostock oder in Doberan.«

* Eidesstattliche Erklärung des ehemaligen SS-Standartenführers Dr. Rudolf Jacobsen, der als Kenner dänischer Verhältnisse am 16. März nach Rostock beordert wurde, um sich zur Verfügung Himmlers zu halten: »In Rostock erfuhr ich persönlich: Erstens, daß der dänische Außenminister Munch als Vertragspartner erschienen sei, und zweitens, daß über die reibungslose Besetzung Dänemarks verhandelt würde.«

* Schriftliche Erklärung des früheren volksdeutschen Abgeordneten im dänischen Reichstag, Pastor D. Johannes Schmidt-Wodder: »Es ist richtig, daß ich zufällig Zeuge dessen wurde, daß Dr. Munch und Dr. Jacobsen**) am 17. März 1940 in Rostock anwesend waren. Ich hielt mich damals aus völlig privaten Gründen in Mecklenburg auf und war nicht wenig überrascht, Dr. Munch in Rostock zu begegnen. Wir führten eine kurze Unterhaltung. Dr. Munch meinte, seine Anwesenheit mit einem Wochenendausflug begründen zu müssen. Meine Ueberraschung wurde größer, als ich kurz darauf Dr. Jacobsen traf und erfuhr, daß er hier sei, um bei den Verhandlungen zwischen Munch und Himmler zu assistieren.«

Nach diesen Dokumenten glaubt Olesen, den Gang der Rostocker Verhandlungen rekonstruieren zu können. Die dänische Regierung, durch eine bewußte Indiskretion des deutschen Abwehrchefs Canaris von dem bevorstehenden Einmarsch in Dänemark informiert, habe in Berlin diplomatisch angefragt. Darauf seien ihr Verhandlungen in Rostock angeboten worden,

**) Dr. Jacobsen ist ein entfernter Verwandter von Frau Schmidt-Wodder. Er war daher dem Pastor bekannt. zu denen von dänischer Seite außer Dr. Munch

* Kammerherr Herluf Zahle, dänischer Gesandter in Berlin,

* Generalmajor J. D. von Steman, Direktor im Kriegsministerium, und

* Rittmeister Hans M. Lunding, heute Oberstleutnant und Chef der dänischen Abwehr,

erschienen seien. Ihnen habe Himmler erklärt: Deutschland müsse der geplanten Besetzung Norwegens durch die Alliierten zuvorkommen und dabei auch Dänemark besetzen. Wenn die Dänen keinen echten Widerstand leisteten und sich mit einer, allerdings notwendigen Schein-Verteidigung begnügten, werde Deutschland die (sozialdemokratisch - liberale Koalitions-) Regierung im Amt belassen und Dänemark eine Sonderstellung einräumen.

So wichtige Entscheidungen könne er nicht allein treffen, habe Außenminister Munch geantwortet. Er werde die deutschen Vorschläge dem Kabinett vorlegen.

Was daraufhin letztlich zwischen Berlin und Kopenhagen vereinbart wurde, hat Redakteur Olesen noch nicht ergründen können. Aber aus der Vielzahl von Indizien, die sich ihm anbieten, hält er vor allem den wirklich nur »symbolischen Widerstand« des dänischen Heeres am 9. April für einen schlüssigen Beweis. Der »symbolische Widerstand« kostete die Dänen 13 Tote und 20 Verwundete.

Von den Männern, die zur Zeit der Rostocker Konferenz in der Regierung saßen, sind Ministerpräsident Stauning und Außenminister Munch tot. Dafür leben noch der damalige Verteidigungsminister Alsing Andersen und der damalige Finanzminister Vilhelm Buhl. Beide sind Sozialdemokraten. Andersen war nach 45 politisch nicht mehr tragbar, Buhl wurde Chef der ersten dänischen Nachkriegsregierung. Er ist heute zweiter Mann der SP Dänemark.

Finanzminister Vilhelm Buhl gab am 8. April 1940 dem Chef der dänischen Grenzgendarmerie telefonisch den Befehl: »Was auch geschieht, es darf nicht geschossen werden.«

Ministerpräsident Vilhelm Buhl brachte 1945 im Reichstag die Sondergesetze gegen Kollaborateure ein.

Ihre nächste Denkschrift werde auch die Ereignisse zur Zeit der angeblichen Rostocker Konferenz behandeln, verlautbarte die »Parlamentarische Kommission« im August 1950. Die Denkschrift sei bereits im Druck. Sie ist bis jetzt noch nicht erschienen.

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