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ÄGYPTEN »In schönstem Ebenmaß«

Kleine Revolution in Kairo: Eine Konferenz höchster muslimischer Theologen ächtet weibliche Genitalverstümmelung und erklärt sie als mit dem Islam unvereinbar.
Von Amira El Ahl
aus DER SPIEGEL 49/2006

Fatimas Schrei lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Er trifft mitten ins Herz. Die Kleine, wohl acht Jahre alt, schreit panisch, erst vor Angst, dann, weil sie den Schmerz, der sie durchfährt, nicht aushalten kann. Das Mädchen liegt auf dem Boden einer schmutzigen Hütte, irgendwo in der Wüste Äthiopiens. Sie windet sich, schreit, jammert, am Ende winselt sie nur noch. Ihr neues Kleid, grün geblümt, ist blutgetränkt.

Zwei Männer und ihre Mutter drücken das zierliche Kind zu Boden, pressen die dünnen Beinchen auseinander. Eine Alte hockt sich vor Fatima, in ihrer Hand eine glänzende Rasierklinge und eine dicke Stopfnadel mit einem weißen Faden dran. Heute soll Fatima zur Frau werden, zu einer anständigen Frau.

Die dicke Stopfnadel dient dazu, die kleinen Schamlippen anzuheben, um sie einfacher abschneiden zu können. Dann setzt die Alte die Rasierklinge an. Zuerst die kleinen Schamlippen, dann die Klitoris. Überall Blut. Der kleine Körper bäumt sich auf, ist schweißnass. Immer wieder schüttet die Alte eine milchige Flüssigkeit über die Wunde, zur Desinfektion. Dann kommt die Großmutter, stochert in der Wunde, verlangt, tiefer zu schneiden. Also, wieder von vorn. Fatimas Schreie gellen entsetzlich. Wenn schon die Bilder nicht auszuhalten sind, wie hält das Mädchen bloß den Schmerz aus?

Dann ist es vollbracht. Mit Dornen wird die Wunde verschlossen, bis nur noch eine winzige Öffnung übrigbleibt. Damit das winzige Loch nicht auch noch zuwächst, wird ein Strohhalm in die Öffnung gesteckt. Anschließend werden Fatimas Beine mit einem Seil zusammengebunden, damit die Wunde heilen kann. Wochen wird sie so in einem Bett liegen bleiben.

Mit einem Klaps auf den Po vollendet die Alte ihr barbarisches Werk. Jetzt ist Fatima eine Frau.

Täglich werden etwa 6000 Mädchen Opfer der Genitalverstümmelung. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind zwischen 100 und 140 Millionen Frauen weltweit beschnitten; jedes Jahr kommen rund zwei Millionen hinzu. Die meisten beschnittenen Frauen leben in 28 afrikanischen Ländern, aber auch in Asien und dem Nahen Osten. In Entwicklungsländern wie Äthiopien, dem Sudan, Dschibuti, Somalia und Sierra Leone sind nach Angaben von Unicef mindestens 90 Prozent aller Frauen beschnitten, im Irak, in Iran und Saudi-Arabien liegt die Rate bei fast null Prozent.

Dabei werden von der WHO vier Formen der Genitalverstümmelung unterschieden:

* Typ I, »Sunna": Exzision der Vorhaut mit der ganzen oder einem Teil der Klitoris,

* Typ II, »Exzision": Entfernung der Klitoris mit der partiellen oder völligen Entfernung der kleinen Labien,

* Typ III, »Infibulation": Entfernung der ganzen oder eines Teils der äußeren Genitalien und Zunähen des Orificium vaginae bis auf eine minimale Öffnung,

* Typ IV: diverse andere Praktiken, beispielsweise Punktion, Piercing, Einschnitt und Einriss der Klitoris.

Bei der Infibulation, der sogenannten Pharaonischen Verstümmelung, wie sie Fatima erleiden musste, stirbt jedes dritte Kind.

Seit Jahrtausenden werden Frauen beschnitten. Der Brauch hat sich tief in das Denken der Menschen eingebrannt. Frauen werden, ja müssen beschnitten werden, fordert die Tradition. Und oft sind es die Frauen selbst, die dieses Ritual fortsetzen wollen, zum Beispiel, um das sexuelle Verlangen der Mädchen zu unterbinden. Denn ein unbeschnittenes Mädchen gilt vielerorts auf dem Heiratsmarkt als unvermittelbar. Schließlich ist es »unrein« und »unverschlossen«.

Oft werden auch religiöse Gründe für die Beschneidung angegeben. Dabei gibt es keine religiöse Rechtfertigung dafür, weder im Christentum noch im Islam.

Doch um diese schreck-liche Praxis zu bannen, ist eine scharfe Verurteilung durch religiöse und moralische Führer erforderlich. Deshalb kommt es einer kleinen Revolution gleich, was in der vorvergangenen Woche in Kairo geschah.

Zwei Tage lang diskutierten muslimische Gelehrte mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Afrika und dem Nahen Osten über die weibliche Genitalverstümmelung. Das Ziel: jede Form dieser Beschneidung als unvereinbar mit der Ethik der Weltreligion Islam zu erklären.

Es war ein Deutscher, der die Konferenz organisierte und finanzierte. Rüdiger Nehberg, 71, der Abenteurer, der unter anderem im Tretboot den Atlantik überquerte, gründete im Jahr 2000 die Menschenrechtsorganisation Target, deren Hauptaufgabe der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung ist. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Annette Weber

zieht er seitdem durch Afrika, sammelt per Videokamera Belege für die unmenschliche Praxis und versucht, politische und religiöse Führer von seiner Mission zu überzeugen. Nehberg sagt landauf, landab: »Nur mit der Kraft des Islam ist dieser Brauch zu beenden.« Mit der Konferenz, die unter der Schirmherrschaft des ägyptischen Großmuftis Ali Dschumaa an der Azhar-Universität stattfand, der wichtigsten Hochschule der islamischen Welt, ist er seinem Ziel näher gekommen.

Zahlreiche wichtige muslimische Gelehrte waren gekommen. Der ägyptische Minister für religiöse Stiftungen, Mahmud Hamdi Saksuk, verurteilte die Praxis ebenso wie der Groß-Scheich der Azhar-Universität, Mohammed Sajjid Tantawi. Sogar der berühmt-berüchtigte ägyptische Rechtsgelehrte und Publizist Jussuf al-Kardawi, der durch seine Kommentare im Fernsehsender al-Dschasira große Popularität im Nahen Osten genießt, war in Kairo dabei.

Kardawi machte seinem Ruf als Hardliner alle Ehre, indem er zuallererst nicht die Verstümmelung kritisierte, sondern die Tatsache, dass die Konferenz von einer ausländischen Institution finanziert wurde. Außerdem monierte er, dass der Titel, nämlich das »Verbot der Verstümmelung des weiblichen Körpers durch Beschneidung«, voreingenommen sei. »Das ist eine Vorwegnahme«, wetterte der Scheich.

Doch nach reichlichem Hin und Her fasste auch er zusammen, dass der Koran besagt, es sei verboten, Gottes Kreatur zu verstümmeln. »Wir sind auf der Seite derjenigen, die diese Praxis verbieten.« Mit einer Einschränkung allerdings: Das letzte Wort sollten die Mediziner haben.

Frauenrechtlerinnen ging das nicht weit genug. Die Sonderbotschafterin der Präsi-

dentengattin und Vorsitzende des Nationalen Rates für Kindheit und Mutterschaft, Muschira Chattab, forderte die Rechtsgelehrten auf, eindeutig gegen das Beschneiden Partei zu ergreifen. Dann wandte sie sich direkt an Kardawi. »Sie sollten es nicht den Ärzten überlassen, diese Praxis zu verurteilen.«

Dass es keine medizinische Rechtfertigung für die weibliche Genitalverstümmelung gibt, darüber waren sich alle anwesenden Mediziner einig. »Absolutes Unverständnis« äußerte Heribert Kentenich, Chefarzt der Frauenklinik an den DRK-Krankenhäusern in Berlin über die Tatsache, dass in Ägypten mittlerweile 75 Prozent der Beschneidungen von Ärzten vorgenommen werden. »Dass sich die Ärzte daran bereichern, ist für mich fast das Erschreckendste.« Zwar soll die Beschneidungsrate in Ägypten von 97 auf mittlerweile etwa 50 Prozent gefallen sein - damit geht es jährlich aber immer noch um rund 400 000 Mädchen. »Die Medikalisierung der weiblichen Genitalverstümmelung führt zu einer Verharmlosung«, glaubt Kentenich.

Zu den unmittelbaren Folgen gehören unter anderem Blutungen, aber auch starke Schmerzen und Angst, die zu einem Trauma führen können. Außerdem kann es zu Infektionen der Harnwege, der Gebärmutter, der Eileiter und der Eierstöcke kommen. Tetanusinfektionen, Wundbrand oder eine Blutvergiftung können sogar zum Tode führen. Außerdem leiden vor allem Frauen, die pharaonisch verstümmelt wurden, während der Menstruation unter erhöhten Schmerzen; oft sammelt sich das Blut in der Scheide, weil die Öffnung nicht mehr genug Platz zum Abfließen bietet. Verstümmelte Frauen haben zudem ein erhöhtes Risiko, sich mit dem HI-Virus zu infizieren.

Jeder Geschlechtsverkehr bereitet ihnen Schmerzen. Um überhaupt penetrieren zu können, öffnen die Männer ihre Frauen oft mit Gewalt. Wenn dafür ihre Männlichkeit nicht reicht, wird ein Messer zur Hilfe geholt. Auch in der Schwangerschaft kann es zu Problemen kommen, und Mutter und Kind tragen ein erhöhtes Risiko, im Verlauf der Geburt zu sterben.

Eine religiöse Rechtfertigung für diese Praxis gibt es nicht. Alle drei großen monotheistischen Weltreligionen sehen im Menschen die perfekte Schöpfung des Allmächtigen, der kein Schaden zugefügt werden darf. Im Koran, Sure 95, Vers 4 heißt es: »Wir haben den Menschen in schönstem Ebenmaß erschaffen.« Und nicht nur das. Im Islam sollen Mann und Frau sexuelle Erfüllung erfahren, und es ist eine eheliche Pflicht für den Mann, seine Frau zu befriedigen. Bei einer beschnittenen Frau ist das fast unmöglich.

Zwar herrschte auf der Konferenz weitgehendes Einvernehmen über diese Tatsachen. Es meldeten sich aber immer wieder Männer zu Wort, die Beschneidung als etablierten Brauch verteidigten. »Unsere Frauen sind seit Jahrtausenden beschnitten, und nie haben sie sich beschwert«, erregte sich ein älterer Herr im Publikum lautstark. Die Konferenz sei eine westliche Verschwörung. Und Bilder von Beschneidungen zu zeigen, sei ein Verbrechen.

Die Wissenschaftler und Gelehrten dagegen erklärten die Genitalbeschneidung zu einer vererbten Unsitte ohne textliche Grundlage in den Offenbarungsbüchern. Sie forderten die Parlamente auf, ein Gesetz zu erlassen, welches die Genitalverstümmelung als Verbrechen deklariert.

Einen Tag später versah der Großmufti von Ägypten diesen Beschluss mit seiner Unterschrift. Er glaube fest daran, dass der Kampf gegen die Unsitte Erfolg haben werde, erklärte Ali Dschumaa. Für Muslime sind die von Gelehrten erlasse- nen Rechtsgutachten eine wichtige Handlungsgrundlage.

Für Rüdiger Nehberg, den Abenteurer, der für die Frauen eintritt, war die Konferenz die Erfüllung eines Traums. Jetzt will er »mit der Empfehlung und den Reden der Gelehrten ein kleines Buch drucken und es vier Millionen Mal in der Welt verbreiten«. AMIRA EL AHL

* Mit Kongress-Organisatoren Rüdiger Nehberg und Annette Weber.

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