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IN SIEBEN KREISEN HIMMELWÄRTS

aus DER SPIEGEL 37/1966

Es war alles ein wenig zu schön, um wahr zu sein. Gongs übertönten die fernen Geschütze, goldgelb gelackte Giebel königlich kambodschanischer Paläste erhoben sich vor den flammenden Säulen aus Napalm, und das träumerische Trippeln der Tempeltänzerinnen verdrängte den zähen Tritt der Soldatenstiefel in den schlammigen Reisfeldern Vietnams. Friede in Asien so sollte er sein.

Der kleine Prinz inszenierte dem großen General das Schaustück von Frankreichs heilverkündender Wiederkehr ins kriegszerfurchte Indochina wie ein kolossales Königsdrama. Prinz Norodom Sihanouk, Staatschef Kambodschas, gab für den General Charles de Gaulle, Staatschef Frankreichs, die große Gala der von der übrigen Welt Verkannten, die zwar die richtigen Lösungen wissen, aber nicht die Mittel haben, sie zu verwirklichen.

Unmittelbar im Rücken Vietnams demonstrierten Glanz und Glorie vergangene Woche so ihre ungebrochene Befähigung, die Macht, die sie nicht haben, durch Stil zu ersetzen, und die Politik, die sie nicht treiben können, durch Persönlichkeit.

Charles de Gaulle betrat den Boden, Indochinas in PnomPenh, etliche hundert Kilometer von Dien Bien Phu, nicht wie ein abgedankter Kolonialherr, sondern eher wie ein kluger König, dem es dank seiner überlegenen Einsicht geraten schien, einen zwar schwachen, doch treuen Anverwandten seiner Dynastie durch persönliches Erscheinen auszuzeichnen.

Kaiser Charles hielt Hof im Königreich Kambodscha. Die Notabeln und das diplomatische Korps von Pnom Penh empfing er im Thronsaal des Palastes der gastgebenden Monarchie unter einem in sieben Kreisen himmelwärts sich verjüngenden Baldachin - hoheitsvoll harrend, während die also Geehrten auf einem wenigstens zehn Meter langen Anmarschweg sich ihm respektvoll nahten.

Weniger als bei seinen heimischen Reisen auf den direkten Kontakt mit der Menge bedacht, nahm er in den Straßen der frisch gestrichenen Stadt die heißen Huldigungen asiatischer Gastfreundschaft mit jener handaufhebenden Geste entgegen, die sonst dem Papst vorbehalten ist. Und niemals kam ihm - den nervösen Zuckungen des Kopfes und der Hände zum Trotz - seine herrische Gelassenheit abhanden. Selbst den urig brüllenden Ruderern, die beim Drachenbootrennen direkt vor der Ehrentribüne kollidierten und in den braunen Fluten des Tonle Sap versanken, erwies er gnädig Salut.

Prinz Sihanouk, sonst selber in den Byzantinismen eines Volkes badend, dessen fürstlicher Alleinherrscher und selbsternannter Staatschef er mit 43 Jahren ist, tat nichts, um diesen Eindruck der königlichen Prädominanz seines Gastes durch die eigene Positur abzuschwächen. Die optischen Schwierigkeiten, die ihm dabei ohnehin erwachsen wären, denn er ist nur reichlich halb so groß wie de Gaulle, unterstrich er eher noch, indem er dem ragenden General beständig dienernd über das verzweigte Netzwerk roter Läufer am Flughafen folgte, als suche er auch körperlich den Schatten des Gastes.

Wäre dies nicht ein Staatsbesuch gewesen, so hätte man den Prinzen ohne weiteres für des Generals Fremdenführer halten können. Tatsächlich hatte er jedes, auch das geringste Detail der Visite selbst geplant, hatte sogar den Text für die »Son et Lumière«-Vorführung in der grandiosen Ruinenlandschaft der tausendjährigen Tempel von Angkor selber geschrieben.

Norodom Sihanouks Verhältnis zur Größe - besser gesagt: die Frage wie er sie ersetzen könne - ist offensichtlich sein beherrschendes Problem, in mehr als nur einer Beziehung, und er löst es auf mehr als nur eine Weise.

Er besitzt allein sieben Autos der Marke Mercedes, darunter einen 600. den er aber kaum fährt. Er herrscht, obwohl er als König abgedankt hat und Politiker geworden ist, praktisch immer noch wie ein absoluter Fürst, nennt Kambodschas Bürger seine »Kinder«, verrichtet in ihrer Gesellschaft manuelle Arbeit und streut aus dem Hubschrauber bunte Tücher auf sie herab, um die sie sich balgen.

Er gibt drei Zeitschriften heraus, schreibt alle wichtigen politischen Leitartikel selber, komponiert romantische Musik, verfaßt Liebesgeschichten als Film-Drehbücher, inszeniert sie auch und spielt persönlich mit. Er ist der Kaiser Wilhelm, der Heuss, der Axel Springer, der 0. W. Fischer seines Landes in einer Person.

Nichts kränkt ihn tiefer als eine abwertende oder gar herablassende Darstellung des »kleinen Kambodscha«. Deshalb hat er vor kurzem einen Film geschrieben, gedreht und vertont, in dem die Butterseite seines Landes (oder was er dafür hält) hergezeigt wird, garniert mit einer kaum verschlüsselten amourösen Handlung. Darin spielt praktisch die gesamte High Society Kambodschas sich selber (in den Hauptrollen der Armeechef und Sihanouks tanzende Tochter) und demonstriert ihre luxuriöse Lebensweise derart provozierend, daß in einem anderen Land vom Entwicklungsgrad Kambodschas wohl eine Revolution ausgebrochen wäre. Hier aber droht dem Prinzen und seinen Spielgefährten nichts dergleichen;

Auf dem Felde der internationalen Politik, wo solch exzentrische Kompensationen nicht verfangen, hat Sihanouk es schwerer. Denn da sucht er die mangelnde Größe seines kleinen König' reiches zu ersetzen durch Nationalismus und Neutralität: durch permanentes, selbstbewußtes, sich unabhängig gebendes, oft halsbrecherisches Lavieren Zwischen den Blöcken in Ost und West, deren Vorpostengefechte an seinen Grenzen nagen.

Die Freundschaft der Großen hat er sich damit nicht erworben, nur ihr abschätzendes Mißtrauen. So aber ist de Gaulle sein großes Vorbild geworden.

Kambodscha ist dabei nicht schlecht gefahren. Keine Trennungslinie zerhackt es, kein Krieg läßt es verrotten wie Vietnam. Keine zivilen Machtkämpfe zerrütten es wie Laos. Keine fremdländischen Militärbasen belasten es wie Thailand. Die Khmer, Kambodschas geschichtsbewußte Bewohner, tragen saubere Hemden und friedfertige Gesichter zur Schau. PnomPenh - bis auf seine ambitionierten Neubauten von der Anlage her immer noch erkennbar eine freundliche französische Kolonialpräfektur - sieht heute so aus, wie Saigon ausgesehen haben muß, ehe die Vietcong es zernarbten, die Soldaten es zertrampelten und der Kriegstroß es korrumpierte.

Die Beachtung der Großen, zu schweigen von einem Garantieversprechen für die zuweilen heftig schlingernde Balancepolitik seines Herrschers, hat es sich damit nicht erworben, Amerikas fette Freundschaft hat es sich sogar mutwillig verdorben. Aber so ist es zur Hauptstadt der gaullistischen Bewegung in Asien geworden, zum Modell für eine Pax Asiatica, einen asiatischen Frieden, wie de Gaulle ihn machen würde - hätte er die Macht dazu.

Doch er hat diese Macht nicht und weiß das zu genau, um sich mit aussichtslosen Vorstößen zu blamieren. Er gibt vor aller Welt zu, daß die Zeit nicht reif ist für einen Vermittlungsversuch im Vietnamkonflikt, er weiß, daß die Amerikaner nicht daran denken, sich von ihm hinauskomplimentieren zu lassen, und daß Hanoi keineswegs geneigt ist, derzeit nachzugeben, hat er schon seit Wochen gewußt.

Es wurde ihm am Ort noch mal bestätigt In einem Brief des früheren Frankreich-Todfeindes Ho Tschi-minh. Er wurde dem General im Khemarin -Palast vom nordvietnamesischen Missionschef Nguyen Thuong überbracht, dem früheren Generalsekretär des Außenministeriums in Hanoi, der in PnomPenh denselben halbdiplomatischen Status hat wie der Repräsentant Bonns bei Sihanouk.

So beließ er es, was Vietnam angeht, im wesentlichen dabei, den Amerikanern alle Schuld daran zu geben, daß es soweit gekommen sei, und den Chinesen keine. PnomPenh war der ideale Platz für Ausfälle gegen Amerika. Kein einziger US-Offizieller hält sich dort auf.

De Gaulle war gekommen, Frankreichs politische Präsenz in Indochina zu erneuern, ein Exempel allerhöchster Billigung zu statuieren und einen Statthalter des Gaullismus einzusetzen für die machtlose, die schreckliche Zeit.

Norodom Sihanouk schien das Zukunftweisende dieser Mission zu fühlen. Im neuen Stadion von PnomPenh, das so aussieht, als ob hier morgen die Olympischen Spiele stattfinden sollen, legte er dem General die Jugend Kambodschas zu Füßen. Dort auf dem Fußballrasen und auf den Rängen malte er mit Menschenmassen das monumentalste Bild des Gastes, das de Gaulle auf seinen Staatsbesuchen je von sich selber gesehen hat.

Doch als er schließlich gegangen war, um beim Testknall seiner großen Bombe im Pazifik endlich die Macht zu finden, zerfiel das schöne Bild, und aus der Ferne dröhnte wieder der Krieg.

Reisender de Gaulle, Gastgeber Sihanouk: Ein Testknall nach der Schau der Ohnmacht

De Volkskrant, Amsterdam

Die Reise um die Welt in 19 Tagen

De-Gaulle-Porträt in PnomPenh

Der größte General, den es je gab

Hermann Schreiber
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