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IN SOCKEN FLOH DER PRÄSIDENT ZUM HELIKOPTER

Ein Kollaps des indonesischen Präsidenten Sukarno im Stadion von Djakarta löste am 30. September 1965 einen kommunistischen Putschversuch aus, der im blutigsten Massaker seit Hitlers Zeiten erstickt wurde und in der letzten Woche zum Sturz des einstigen Nationalhelden Sukarno führte. Der ceylonesische. Journalist Tarzie Vittachi schrieb nach monatelangen Recherchen die erste detaillierte Dokumentation des indonesischen Dramas. Seinem Buch »The Fall of Sukarno«, das in diesem Monat im Londoner Verlag André Deutsch erschien, ist folgender Auszug entnommen:
aus DER SPIEGEL 10/1967

Das Drama begann am Abend des 30. September 1965 im Stadion von Djakarta. Präsident Sukarno sprach vor einer Versammlung der Indonesischen Techniker-Vereinigung. Neben ihm erhob sich das Nationaldenkmal -- gekrönt von einer gut sechs Meter hohen Flamme aus purem Gold. Es war ein symbolträchtiges Nebeneinander, denn an diesem Abend sollte Sukarnos Fackel erlöschen.

Der Präsident, in der Uniform des Oberbefehlshabers, trug seine schwarze Kappe und zum Schutz gegen die Stadionscheinwerfer eine dunkle Brille.

Er war nicht so gut in Form wie sonst, aber er sprach vor wohlwollenden Zuhörern. Seit Wochen schon wußten sie, daß der Präsident sehr krank war. Seine Nieren, schon anfällig, als er noch ein junger Revolutionär war, glichen -- so Sukarno -- einem »Steinbruch«.

Sukarno hatte schon eine Stunde und zehn Minuten geredet, da fing er plötzlich an zu stammeln. Er verließ das Rednerpult; es sah aus, als ob er hinkte.

Man hörte seine Adjutanten, offenbar riefen sie nach Sukarnos -- Ärzten. Dr. Wu, Chef eines Ärzte-Teams, das Mao Tse-tunig ans Peking geschickt hatte, eilte herbei. Sukarno, der offensichtlich einen Kollaps erlitten hatte, wurde in einen kleinen Raum des Stadions getragen. Nur seine Ärzte begleiteten ihn.

Unter den Zuhörern brach die Hölle los. Viele versuchten, das Podium zu stürmen, um herauszufinden, wie krank der Präsident sei. Andere fingen an zu weinen, Eine Frau löste eine Panik aus -- sie schrie: »Der Präsident ist tot.« Die Menge nahm den Schrei auf, und die Leibwächter des Präsidenten versuchten vergebens, sie zur Ruhe zu bringen. Schon verbreitete sich die Nachricht über den Zustand des Präsidenten, schon schwirrte das Gerücht über seinen Tod von Haus zu Haus. Doch es war falscher Alarm. Nach einer Stunde kehrte Sukarno zum Rednerpult zurück und setzte seine Rede an die zwar erleichterten, aber noch immer verwirrten Zuhörer fort.

Das hätte das Ende des Zwischenfalls sein können, eine Episode im Leben eines alternden, kränkelnden Revolutionärs. Jedoch: Die Gerüchte von Sukarnos Tod, den viele Bewerber um die höchste Macht im Staate herbeisehnten, wurden zum Signal für eine Reihe bedeutsamer Ereignisse.

Einer der prominentesten Zuhörer stürzte nicht zum Podium. Er kümmerte sich auch nicht darum, was hinter den Kulissen vor sich ging. Er strebte dem Stadionausgang zu und wurde seitdem nie wieder gesehen. Es war D. N. Aidit, der Chef der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI).

Bei den Ereignissen jener Nacht spielte er eine entscheidende Rolle. Ausgelöst aber wurden diese Ereignisse von Oberstleutnant Untung, dem Kommandeur des Elite-Regiments »Tjakrabirawa«, der Prätorianergarde des Präsidenten. Untung war nicht im Stadion, als Sukarno zusammenbrach. Ihn erreichte die Nachricht in seinem Hauptquartier, nicht weit vom Präsidenten-Palast. In dem Glauben, Sukarno sei tot oder liege im Sterben, löste Untung den inzwischen Geschichte gewordenen Coup des 30. September aus.

Auf Jeeps und Lastwagen schwärmten Soldaten des Tjakrabirawa-Regiments aus. Sie sollten acht Generale kidnappen und zum Militärflugplatz Raum bringen, knapp 25 Kilometer vom Stadtzentrum Djakartas entfernt, Dort sollten die Gefangenen bis auf weiteren Befehl festgehalten werden. In diese Operation sollten sich Tjakrabirawa-Soldaten und Mitglieder der kommunistischen Jugendorganisation teilen.

General Achmed Jani, Befehlshaber der Armee, sollte als erster gefangengenommen werden, dann General Abdul Hans Nasution, der Verteidigungsminister. General Suharto sollte morgens um zwei Uhr drankommen, die anderen Generale zu verschiedenen Zeiten zwischen drei und fünf Uhr morgens.

Ein Schuß auf die Tür riß Janis Familie kurz nach Mitternacht aus dem Schlaf. Einige Soldaten hatten das Schloß mit einem Pistolenschuß herausgesprengt und marschierten ins Wohnzimmer. Jani trat ihnen im Pyjama entgegen. Frau Jani und einige ihrer acht Kinder hörten, wie er die Tjakrabirawa-Soldaten ziemlich unwirsch aufforderte, ihr Verhalten zu erklären. Ihre Antwort: Präsident Sukarno habe sie geschickt, um den General zum Palast zu bringen. Jani fragte, wie sie denn an der Wache vor seinem Haus vorbeigekommen seien. Keine Antwort. Der General weigerte sich, sie zu begleiten; er erklärte sich aber bereit, allein in den Palast zu gehen.

Da versuchten sie, ihn zu greifen; es entspann sich ein kurzes Handgemenge, und einer der Soldaten erschoß den General. In Gegenwart von Frau und Kindern rollten sie die Leiche in einen auf dem Boden liegenden Teppich und schleppten sie nach draußen zum Lastwagen.

General S. Parman, Janis erster Adjutant, war wie gewöhnlich um Mitternacht ins Bett gegangen. Um vier Uhr hörte er draußen ein Geräusch, glaubte, irgendwo trieben sich Einbrecher herum, und stand auf. Aber vor dem Haus standen 20 bewaffnete Männer in der Uniform des Tjakrabirawa-Regiments.

»Oh, ihr seid von der Tjakra?« fragte der General.

»Ja, Pak (Vater). Der Oberbefehlshaber (Präsident Sukarno) hat uns befohlen, Sie abzuholen.« »Ist die Lage ernst?« »Ja, Pak, sehr ernst.«

Die Aktion gegen General Pandjaitan rollte kurz vor Anbruch der Dämmerung ab. Den Neffen und Leibwächter des Generals, Albert Neiborho, befremdete das Auftreten der Soldaten. Er versuchte, sie aufzuhalten -- und wurde erschossen. General Pandjaitan, in voller Uniform, erhob die Hände. Vor seiner Haustür schossen die Soldaten auf ihn; seinen leblosen Körper trugen sie auf einen Las wagen.

Als die toten und lebenden Generale gebracht wurden, herrschte auf dem Luftstützpunkt Halim große Erregung. Die Führer der kommunistischen Jugend hatten ihre Mitglieder, die bereits seit Wochen überall im Lande randalierten, vorbereitet: »Wenn ihr was erleben wollt, dann geht nach Halim.«

Seit jener Nacht wuchern in Indonesien die wildesten Gerüchte. Monatelang, so hieß es, hätten sich die jungen Leute für den Blutrausch vorbereitet. Eines ist jedenfalls sicher: Die Generale wurden in der brutalsten Weise verstümmelt. Eine der Beteiligten an den Ereignissen jener Nacht, Frau Djamilah, die 15jährige Ehefrau eines Kommunisten, erzählte, was sich zutrug:

»Kleine Messer und Rasierklingen wurden verteilt. Ich bekam nur eine Rasierklinge. Von weitem sahen wir einen untersetzten Mann im Schlafanzug, die Hände mit einem roten Tuch gefesselt, die Augen mit einem roten Tuch verbunden. Ein Zugführer befahl uns, diese Person zu verprügeln und ihm dann seine Männlichkeit abzuschneiden. Herr und Frau Sastro, die Führer unserer Ortsgruppe Tandjung Priok, fingen als erste an zu schlagen und zu schneiden. Dann folgten andere Genossen ...

»Schließlich beteiligte auch ich mich· an der Quälerei. Alle 100 Frauen taten es und sahen zu ... Dreimal wurde auf das Opfer geschossen, dann fiel es hin, war aber noch nicht tot. Ein Mann in grüner Uniform mit gebogenen weißen Schulterstücken gab die Befehle und stach selbst auf das Opfer ein« bis es starb.«

Der erste Teil des Staatsstreichs ergab eine eindrucksvolle Strecke, aber die Mordkommandos hatten zwei Opfer verfehlt -- und das sollte sich für die Putschisten als verhängnisvoll erweisen. Es war ihnen nicht gelungen, zwei der bedeutendsten, für die Schlächterei vorgesehenen Männer einzufangen: General Nasution und General Suharto.

Als das Mordkommando zwei Stunden vor Anbruch der Dämmerung zu Nasutions Haus kam, witterten die bewaffneten Posten Verrat und verweigerten den Soldaten den Zutritt. Zwei Wachleute wurden erschossen; die Soldaten gingen ins Haus, um zunächst die mündliche »Botschaft« des Präsidenten vorzutragen und Nasution dann tot oder lebendig mitzunehmen.

Leutnant Tendean, einer der Adjutanten Nasutions, war durch die Schießerei aus dem Schlaf gerissen worden. Er alarmierte den General und seine Familie. Um Nasution Zeit zum Entkommen zu geben, zog Tendean -- von Statur und Aussehen dem General sehr ähnlich -- Uniform und Schirmmütze seines Chefs an, ging auf die Veranda und begrüßte die Besucher. Der Zugführer rief aus der Dunkelheit: »General Nasution?« Barsch antwortete Tendean: »Ja, was gibt's?«

Daraufhin schleppte man ihn mit Gewalt zum wartenden Lastwagen, um ihn nach Halim zu bringen. Unterwegs wurde einer der Männer mißtrauisch und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf den Gefangenen. Leutnant Tendean wurde entlarvt und auf der Stelle erschossen, die Gang kehrte zu Nasutions Haus zurück.

Frau Nasution hatte ihren Mann inzwischen angefleht, das Haus zu verlassen und irgendwo anders Zuflucht zu suchen. Er war jedoch entschlossen, zu bleiben und zu kämpfen. Als das Mordkommando zurückkam, stieß Frau Nasution ihren Mann förmlich zu einem Hinterfenster hinaus.

Dann schloß sie die Tür des Kinderzimmers ab, um ihre fünfjährige Tochter zu beschützen, und versuchte, sich wieder in die Gewalt zu bekommen. Nach wenigen Minuten flog das Schloß durch eine Kugel in Stücke, die Tür sprang auf, einige Männer stürmten herein, schossen wild um sich. Das Kind wurde fünfmal getroffen -- im verschwommenen Licht kurz vor Anbruch der Dämmerung hatten die Schützen das Mädchen wahrscheinlich mit dem General verwechselt. Frau Nasution riß das verletzte Kind an sich, stürzte auf die Straße und bat, sie ins Krankenhaus zu fahren. Als sie dort ankam, lebte das Kind noch und wurde sofort operiert.

Dann setzte sich Frau Nasution mit der Polizei und der Armee in Verbindung und informierte sie über die Rebellion der Palastwache. Kurz danach starb ihr Kind.

Nasution gelang es, über die mit dichtem Stacheldraht gesicherte Gartenmauer auf das -Grundstück seines Nachbarn zu klettern. Dabei erlitt er eine bösartige Verletzung am Bein. Per Anhalter erreichte er eine Stunde nach dem Überfall das Armeehauptquartier.

Dort wartete General Suharto. Er wußte, daß ein Coup abrollte und daß die Armeegenerale gekidnappt waren. Aber er war nicht bereit, die politische Initiative zu ergreifen. Der Präsident war nicht aufzufinden, die Generäle gefangen. Es gab also niemanden, an den er sich wenden konnte -- bis Nasution erschien.

General Suharto selbst glaubt an seinen »guru«, einen »weisen Mann« mit prophetischen Gaben. Er befolgt dessen Anweisungen aufs Wort.

Am 25. September hatte der »guru« dem General geraten, am Abend das 30. September nicht nach Hause zu gehen, sondern erst am Morgen des 1. Oktober. In den Nachtstunden solle er »dort zu Gott beten, wo sich die Wasser treffen«.

Als Suharto an jenem Abend das Büro verließ, ging er daher zur Flußmündung und segelte stromab, dorthin, wo sich die Wasser des Meeres und des Flusses treffen. Vier oder fünf Stunden lang verrichtete er dort seinen »zikkir«, die Lobpreisung Gottes.

Als er schließlich nach Hause kam, war es weit nach zwei Uhr. Vor dem Haus bemerkte er einige Jeeps und Lastwagen und eine recht ungewöhn-

* Mit einer Beinverletzung, die er auf der Flucht vor einem kommunistischen Mordkommando erlitt.

liche Geschäftigkeit. Er wendete seinen Wagen und fuhr direkt ins Armeehauptquartier. Dort berichtete man ihm, der Präsident sei ernstlich krank, so etwas wie eine politische Krise sei ausgebrochen.

Suharto versuchte, seine Vorgesetzten, General Jani, General Suprapto und General Harjono, anzurufen, kam jedoch nicht durch. Gegen vier Uhr morgens hörte er die ersten Gerüchte über Janis Erschießung und die Entführung der anderen Generale. Er blieb, wie er später berichtete, ganz ruhig. Sein »guru«, der ihn vor der Festnahme und der wahrscheinlichen Ermordung gerettet hatte, würde ihn auch weiterhin führen.

Führung kam in Gestalt von General Nasution. Als Verteidigungsminister konnte Nasution in Abwesenheit des Präsidenten -- dessen Aufenthaltsort unbekannt war -- der Armee politische Befehle geben. Im Armeehauptquartier begannen Nasution und Suharto, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Die erste Sofortaktion richtete sich gegen die neuen Wachtposten vor Radio Djakarta. Die Rundfunkstation war schnell besetzt, und nun bezog die Armee Stellung auf den Hauptstraßen rund um Djakarta. Noch während die Generale diese Operationen leiteten, erfuhren sie telephonisch vom Flugstützpunkt Halim, Sukarno sei dort.

Was er im Hauptquartier der Verschwörer, wo die Generale gemeuchelt worden waren, tat, ist eines der großen Geheimnisse. Nasution und Suharto hielten es- jedenfalls für dringend erforderlich, sich mit, dem Präsidenten in Verbindung zu setzen. Sie jagten nach Halim und gaben dem Präsidenten »Schutzgeleit« nach Bogor, knapp 65 Kilometer von Halim entfernt.

Die kommenden Generationen Indonesiens werden Spekulationen darüber anstellen, was wohl geschehen wäre, wenn Sukarno sich zu jenem Zeitpunkt mit der Linken und nicht mit der Armee verbündet hätte. Wem auch immer seine wahre Sympathie galt, in jenem Augenblick blieb ihm keine andere Wahl, als Suharto mit »der restlosen Niederschlagung des Coup« zu beauftragen. Denn die Öffentlichkeit war durch das Schicksal der Generale zutiefst erregt.

Offenbar aufgrund der Aussage der Frau Djamilah begannen Soldaten der Armee, den Luftstützpunkt Halim »und seine nähere Umgebung gründlich zu durchsuchen. Schließlich kamen sie auch an den Krokodil-Brunnen, ein knapp 50 Meter tiefes Loch von einem Meter Durchmesser, in das man die Leichen der sechs Generale und die von General Pandjaitans Leibwache geworfen hatte.

Als man sie ans Tageslicht zog, wuchs das Entsetzen. Einigen der Ermordeten waren die Genitalien abgeschnitten und in den Mund gestopft worden. Ihre Augenbinden waren blutgetränkt. Die Häscher hatten ihren Opfern auch noch die Augen ausgestochen, bevor die Frauenriege der Kommunistischen Partei mit der Spezialbehandlung begann.

Die Armee schlug aus ihrem Fund makabres, aber äußerst wirksames Kapital. Photos der verstümmelten Leichen wurden in den Zeitungen veröffentlicht und mehrfach im Fernsehen gezeigt. Gleichzeitig wurde genau beschrieben, was sich in Halim ereignet hatte. Die blutigen Kleidungsstücke wurden ausgestellt.

Die Kampagne der Armee gegen die Kommunisten und ihre Anhänger wuchs beinahe umgehend zu einer Volksbewegung. Bis dahin hatten die Massen unbeteiligt zugesehen, wie die Kommunisten versuchten, die Macht in Indonesien an sich zu reißen. Nun fielen sie grausam über sie her.

In dieser Stimmung wurden aus den toten Generalen, aber auch aus Nasution und Suharto gigantische nationale Heroen. Sie und die Armee erschienen jetzt als Riesen, die den Halbgott Sukarno vor den Intrigen der Verschwörer gerettet und die geheiligte Indonesische Revolution wiederhergestellt hatten.

KP-Chef Aidit erkannte, daß er verloren hatte, und beschloß, in den Untergrund zu gehen, um seine zerschlagene Organisation wieder aufzubauen.

Es klingt unwahrscheinlich, daß ein so bekannter Mann wie Aldit sich so erfolgreich vor der Armee verstecken konnte. Doch Indonesien ist ein Archipel von gut 7000 Inseln, und fast die Hälfte ist nur recht dünn besiedelt. Der größte Teil dieses Landes besteht noch aus dichtem tropischem Dschungel.

Oberst (heute Brigadegeneral) Sarwo Edhie, ein junger Panzeroffizier mit dem fast legendären Ruf, jeden politischen Flüchtling auf stöbern zu können, erhielt den Auftrag, Aidit »tot oder lebendig zu fangen«. Mit einem Anflug von Zynismus fügte das Oberkommando hinzu: »Aber möglichst tot.«

Sarwo Edhie verfolgte Aidits Spuren von Djakarta nach Zentral-Java. Am 2. Oktober war Aidit mit einem Flugzeug der Luftwaffe nach Djokdjakarta geflogen, wo er Verbindung zum Hauptquartier seiner Partei aufnahm. Er schlief keine zwei Nächte hintereinander unter demselben Dach. Ende Oktober war der Abwehrdienst der Armee sicher, sein Opfer sei auf dem Weg nach Solo in Zentral-Java.

Am 22. November erhielt der Führungsstab die Nachricht, Aidit sei im Haus des Dorfältesten von Sambeng, einem getreuen KP-Anhänger.

Truppen des Strategischen Kommandos umstellten das Haus, ein paar Mann unter Führung eines Hauptmanns begannen mit der Durchsuchung. Sie durchstöberten das ganze Haus, ohne ihr Opfer zu finden.

Enttäuscht gingen sie zurück, als einer von ihnen aufgeregt auf ein Paar säuberlich vor einem Kleiderschrank abgestellte Holzsandalen zeigte. Als ihnen die Erleuchtung kam, grinsten die Soldaten, dann kicherten sie, und schließlich brüllten sie minutenlang hysterisch.

Als sie sich beruhigt hatten, stießen sie die Schranktür auf, und auf einen Wink mit dem Gewehr trat Aidit heraus, schlüpfte in seine Sandalen und wurde abgeführt.

Aidit wurde noch am selben Tag hingerichtet, aber sein Tod wurde niemals amtlich bekanntgegeben. Indonesische Kommunisten sagen jedoch voller Trauer, der 22. November 1965 werde als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem die »Festung Indonesien« fiel. Aidits Vornamen Dipa Nusantara bedeuten »Festung Indonesien«.

Noch während die Jagd auf Aidit im Gange war, begann ein Massenschlachten, das sich mit dem Herannahen des mohammedanischen Fastenmonats Ramadan noch steigerte. Zunächst war es auf Ost- und Zentral-Java beschränkt, aber im Dezember etwa griff die Seuche auch auf Bali, Makassar. Sumatra und Celebes über. In fünf Monaten wurden schätzungsweise 300 000 bis 500 000 Menschen umgebracht.

Die meisten Toten der ersten drei Oktoberwochen waren Opfer bewaffneter Aktionen auf beiden Seiten. Gegen Ende des Monats trat eine neue Armee auf den Plan: die fanatischen Moslems, die es als ihre religiöse Pflicht ansahen, das muselmanische Indonesien vom Unglauben zu säubern.

Die Fanatiker traten unter dem Banner der Nahdatul Ulama auf, der größten politischen Partei der Moslems. Sie entfesselten eine Schlacht gegen die Kommunisten und deren Anhänger, die innerhalb von fünf Monaten zu einem der abscheulichsten Massaker in der Geschichte der Menschheit ausartete und bald die Form eines Heiligen Krieges annahm.

Die Ulemas -- die religiösen Lehrer -- verkündeten, fromme Moslems hätten in den Kommunisten Ungläubige zu sehen, die gemäß den überlieferten Grundsätzen erbarmungslos umgebracht werden müßten. Eine Kugel, so lehrten sie, sei für die Ungläubigen viel zu schade: Kris und Golok -- ein Schwert mit langer Klinge -- seien weit angemessenere Instrumente. Ein weiterer Befehl lautete: Den Moslems ist es strikt verboten, einen toten Ungläubigen zu beerdigen.

Als der »Heilige Krieg« im November seinen blutigen Höhepunkt erreichte, erhielt das Morden einen neuen Namen: »Stormking-Exekutionen« ("Stormking« ist der Markenname einer aus Holland importierten Petroleumlampe).

Wenn ein Dorfbewohner mitten in der Nacht plötzlich das gelbe Licht einer Laterne in einem Reisfeld oder in einer Dschungellichtung ausmachte, rannte gewöhnlich das ganze Dorf auf dieses Licht zu, um zuzuschauen, wie die Henker in dem unheimlichen gelben Licht. ihre Opfer an einen Baum banden und ihnen ihre Messer in die Halsschlagadern stießen.

Die Leichen blieben hängen, verfaulten am Baum, oder man warf sie in Tümpel und Flüsse. Mir liegen viele verläßliche Berichte vor, daß Flüsse auf Sumatra im November und Dezember von ineinander verkeilten menschlichen Leichen verstopft waren.

Dann kam die Zeit, da die »Ungläubigen« anfingen, das Kalimat Sjahadat herzusagen, bevor sie starben. Es ist das heilige Gebet, mit dem man sich zu Allah und Mohammed, seinem Propheten, bekennt. Dieses Bekenntnis stürzte viele in Gewissenskonflikte. Der Mann war Kommunist -- aber jetzt war er auch ein Moslem. Sie jedoch hatten nur Be- -- fehl, die Ungläubigen zu vernichten: Wie konnten sie aus dieser Zwickmühle herauskommen?

Die Kreuzzügler gingen zu ihren örtlichen Lehrern des Islam und baten um Rat. Die Lehrer versprachen, darüber nachzudenken und ihnen innerhalb einiger Tage zu antworten. Eine Woche lang atmete das ganze Land auf. Die weisen Männer dachten lange nach und entschieden schließlich:

»Es ist wahr, die Ungläubigen sprechen jetzt das Sjahadat und müßten deshalb nach den Buchstaben des Gesetzes als Moslems angesehen werden. Aber woher wollen wir wissen, wie ernst sie es meinen? Wir haben keine Möglichkeit, dies herauszufinden. Also müssen wir sie weiter töten. Sollten wir einen Fehler machen, wird Gott ihnen vergeben. Und uns.«

Das Morden wurde mit neuem Eifer wiederaufgenommen.

Im Januar bereiste eine amtliche Untersuchungskommission die Inseln. Öffentlich nannten ihre Mitglieder die Zahl von 87 000 Toten. In ihren persönlichen Berichten an General Suharto und an ihre Freunde sprachen sie jedoch von »höchstwahrscheinlich mehr als 300 000 Toten«.

Dieses Massenmorden blieb der übrigen Welt fast verborgen, da man ausländischen Berichterstattern entweder die Einreise verwehrte oder ihnen die Arbeit unmöglich machte. In Indonesien starben in jenen fünf Monaten weit mehr Menschen als in den fünf Jahren des Vietnamkriegs auf beiden Seiten.

Der Kreuzzug gegen die Ungläubigen schuf unsagbares Elend. Und es könnte sein, daß man in 15 Jahren mit der Rache jener zwei Millionen Kinder rechnen muß, die unter den Stormking-Laternen ihre Eltern verloren. Politisch gesehen, scheint der Kreuzzug jedoch die Katharsis gewesen zu sein, nach der Indonesien wieder zur Herrschaft des Rechts zurückkehren konnte.

Während der entsetzlichen Monate des Blutbades brütete Präsident Sukarno in seinem Palast über seiner versprochenen »politischen Lösung«. Sie kam im Februar -- und sie schlug ein wie eine Bombe. Die bekannten -- Antikommunisten fehlten in seinem neuen Kabinett. Dafür nahm er mehrere Kommunisten in die Regierung, von denen bekannt war, daß sie in den Coup vom 30. September 1965 verwickelt waren.

Das Oberkommando der Armee drängte General Suharto, die Macht zu ergreifen. Aber würde das Volk folgen? Sukarno hatte Indonesien 20 Jahre lang hypnotisiert. Wirkte sein alter Zauber noch, dann konnte bei einem Zusammenstoß mit der Armee unter Umständen alles, was in den letzten fünf Monaten erreicht war, wieder verlorengehen. Doch die jungen Leute der Universitätsstädte waren nicht zum Nachgeben bereit: Sie hatten genug vom Sukarno-Zauber.

Von ihren Eltern massiv unterstützt, gingen die Studenten Indonesiens zu Tausenden auf die Straße. Ihnen war es unbenommen, Undenkbares zu danken und zu sagen -- selbst über den Halbgott Sukarno. Sie beschmierten die Wände des Palastes mit Parolen, die schlicht blasphemisch waren.

Eine lautete: »Wir können uns keine importierten japanischen Puppen leisten.« Niemand konnte die dreiste Anspielung auf Sukarnos vierte Frau, die japanische Nachtklub-Künstlerin Ratna Dewi, mißverstehen.

Am 11. März schließlich hatten die Studenten Djakarta lahmgelegt. Am selben Tag berief Sukarno eine Sitzung seines neuen Kabinetts in den Palast ein.

Im Freizeithemd und in Slacks, die Schuhe unter den Tisch geschoben, die Füße in leichten Pantoffeln, wirkte Sukarno entspannt und selbstsicher. Anders seine Günstlinge, Außenminister Dr. Subandrio und Chairul Saleh, die rechts und links neben ihm saßen. Auch Subandrio hatte die Schuhe ausgezogen, aber nervös krampfte er die Zehen zusammen.

Wenige Minuten vor Mittag brachte Polizeikommissar Sumirat, einer der Adjutanten des Präsidenten, ein Stück Papier. Der Präsident las die Notiz und rief sofort nach seiner Jacke. Er flüsterte Dr. Leimena, dem Zweiten stellvertretenden Präsidenten, etwas zu und verließ hastig, ohne ein Wort der Erklärung, den Raum. Er war so aufgeregt, daß er sich nicht einmal die Zeit nahm seine Schuhe anzuziehen.

Mit Pantoffeln in der Hand, stürzte Sukarno auf einen draußen auf dem Rasen wartenden Hubschrauber zu. Subandrio sprach erst mit Sumirat, dann mit Chairul Saleh, und dann hasteten die beiden Minister hinter dem Präsidenten her. Subandrio rannte auf Strumpfsocken hinaus, seine Schuhe ließ er unter dem Tisch stehen.

Einige Augenblicke später hörten die zurückgebliebenen Minister, wie der Hubschrauber abflog. Johannes Leimena übernahm den Vorsitz und versuchte, die Sitzung weiterzuführen. Niemand paßte jedoch mehr auf. Alle zerbrachen sich den Kopf über Autor und Inhalt der Notiz.

Diese Notiz wird eines der historischen Dokumente Indonesiens werden. Sie war noch kürzer als die Vier-Zeilen-Proklamation der Unabhängigkeit, die Sukarno 1945 auf einen Fetzen Papier geschrieben hatte. Sie lautete: »Der Palast ist jetzt von Truppen umzingelt.«

Die Frage ihrer Urheberschaft ist noch nicht geklärt. Es gibt zwei Versionen. Die eine: Die Notiz sei von Brigadegeneral Mohammed Sabur, dem neuen Befehlshaber der Palastwache, geschrieben; die andere: sie sei von General Suharto geschickt worden. Die Männer in Suhartos Umgebung glauben an die erste Version. Sie weisen darauf hin, Suharto habe an jenem Nachmittag mit einer starken Erkältung und einem Anfall von Angina das Bett gehütet. Der von ihm ausgearbeitete »Operationsplan« jedoch »wurde an den beiden folgenden Tagen ausgeführt. Unter dem Vorwand, den Präsidenten gegen die heftigen Anwürfe der Studenten schützen zu wollen, hatte General Suharto drei Ringe mit eigenen Leuten um den Palast gelegt.

Ich habe sie dort gesehen. Ein merkwürdiger Umstand erregte dabei meine Aufmerksamkeit: Der dritte Ring setzte sich aus Mörsern zusammen, die sämtlich auf den Palast gerichtet waren.

Als Sukarno aus dem Palast stürzte, geleitete ihn General Machmud zum Hubschrauber: »Bapak« (Vater), sagte er, »ich bin über all das hier betrübt.«

Der Präsident schien zum ersten Mal hilflos. Er hielt General Machmuds Hand fest und stammelte: »Kemanu aku, Amir, kemanu aku?« (Wohin soll ich gehen, Amir, wohin?) Machmud blieb in Tränen aufgelöst zurück.

Sukarno versuchte jedoch immer noch, die Schlacht zu gewinnen. Sein Hubschrauber ging im Dorfe Tjilandak, rund 15 Kilometer von der Innenstadt, nieder. Hier alarmierte er eine ihm ergebene Einheit des Marine-Korps, weiter ging's zu seinem Palast. Dort sah er sich aber einer eindrucksvollen Machtdemonstration der Truppen Sarwo Edhies gegenüber, eines der Jungtürken der Armee.

An diesem Nachmittag trafen sich Militärkommandeure aus den verschiedenen Landesteilen im Armeehauptquartier. General Suharto, dar immer noch mit seiner Erkältung kämpfte, leitete die Sitzung. Sarwo Edhie befürwortete eine Politik der Stärke, andere schlugen vor, Sukarno, Subandrio, Chairul Saleh und den Erziehungsminister Sumardjo zu »eliminieren«. Einem der Generale wird die Bemerkung zugeschrieben: »Machen wir ihnen einen fairen Prozeß, und erschießen wir sie dann.«

Schließlich aber gaben Suhartos Anwesenheit und sein beredtes Schweigen den Ausschlag. Sein. Vorschlag, Emissäre zu Sukarno zu schicken und mit dem Präsidenten ein neues Abkommen auszuhandeln, wurde angenommen. In großen Zügen wurde ein Dokument ausgearbeitet, durch das General Suharto als Befehlshabender Minister der Armee de facto die Regierungsgewalt erhalten sollte, die er brauchte, um in Djakarta und im gesamten Land die Ordnung wiederherzustellen.

Drei Generale sollten das Dokument dem Präsidenten vorlegen und ihn »um seine Zustimmung bitten«. Keiner, wagte zu hoffen, daß Sukarno kapitulierte.

Als die Generale bei der Eröffnung des Gesprächs jedoch zart andeuteten, die »Zeiten seien schlecht«, fragte Sukarno bekümmert, was denn dagegen getan werden könne. Sie zogen das Dokument hervor, und Sukarno wußte, daß das Spiel aus war. Als er gerade unterschreiben wollte, bat Subandrio, das Schriftstück einsehen zu dürfen. Er las es und kommentierte: »Aber das bedeutet, daß Suharto alle Macht erhält!« Kurz und bündig antwortete Sukarno: »Einverstanden« und setzte seinen Namen unter das Dokument.

Einmal war Sukarno zu einer Sitzung mit den Generalen in Djakarta eingeladen. Er kam mit seinem Hubschrauber. erklärte jedoch, ihm stünde der Sinn nicht nach Arbeit. Er nörgelte, er habe seine Frau Ratna Dewi seit ihrer Rückkehr aus Amerika am 2. März nicht besuchen können. Voller Teilnahme schnalzte Suharto mit der Zunge und bat den Präsidenten in seinen Jeep.

Mit Suharto am Steuer und dem Sultan von Djokdjakarta auf dem Rücksitz wurde der Präsident -- ohne Eskorte und ohne großes Getue -- in das Dorf Sleepy zum Hause der Madame Dewi gebracht. Der General und· der Sultan warteten vor dem Haus, bis der Präsident fertig war, und dann fuhren sie ihn zum Merdeka-Palast zurück.

Suhartos entscheidender Triumph aber war die Ernennung seines Kabinetts. Nach den Worten seines »guru« mußte er das Kabinett bis zum Freitag, dem 25. März, aufgestellt haben. Da alle Männer Sukarnos ausgeschlossen werden sollten, schien es schwierig, des Präsidenten formelle Zustimmung zu erhalten.

Deshalb rief Suharto am Dienstag, dem 22. März, Dewi an und sagte ihr, er wolle sie beim Wort nehmen, ihre immer noch offenstehende Einladung akzeptieren und zum Essen vorbeikommen.

Von zwei Kameraden begleitet, verbrachte er einen munteren Abend, und als es an der Zeit war, sich zu verabschieden, gab er ihr das Schriftstück mit der Kabinettsliste, die er am Freitag bekanntgeben wollte. »Bitte, zeigen Sie Bapak dies, und sagen Sie ihm, wir hätten seine Zustimmung. gern bis Donnerstag, den 24. März; um Mitternacht«, sagte er und ging. Dewi hatte nicht den geringsten Zweifel, daß die Armee, sollte Sukarno zögern, sich von neuem auf ihn werfen würde; des Präsidenten Zustimmung kam ohne Protest.

Tarzle Vittachi
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