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Bergbau In Sünde gefallen

Im Rheinischen kämpft ein Bischof gemeinsam mit den Grünen gegen die Braunkohle.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Die St.-Lambertus-Kirche im nordrhein-westfälischen Immerath ist ein Schmuckstück neuromanischer Baukunst. Die zwei mächtigen Türme, das ausladende Portal mit Säulenkapitellen und der reich verzierte Altarraum stammen aus dem 19. Jahrhundert. Über dem nördlichen Zugang wacht in Sandstein gearbeitet eine Jungfrau Maria mit dem Jesuskind im Arm. In Stein gemeißelt steht die Zeile: »Ich bin die Mutter der Erkenntnis und heiligen Hoffnung.«

Die Hoffnung können die 1100 Gemeindemitglieder fahrenlassen, wenn es nach dem Willen der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) geht. Ort und Kirche sollen den Baggern der RWE-Tochter Rheinbraun weichen, denn unter ihnen liegen 1,3 Milliarden Tonnen kostbarer Braunkohle.

»Der Mensch versündigt sich hier an der Schöpfung Gottes«, sagt der katholische Dechant Günter Salentin, 51. Der Geistliche führt einen ebenso zähen wie aussichtslosen Kampf. Sowohl die SPD-Landesregierung als auch die oppositionelle CDU und die Industriegewerkschaft Bergbau sind für den Tagebau Garzweiler II. Selbst Umweltminister Klaus Matthiesen hat zugestimmt. Dem geplanten Revier in dem überwiegend katholischen Landstrich südlich von Mönchengladbach sollen 13 Ortschaften zum Opfer fallen (siehe Grafik).

Ungewohnte Hilfe bekommt Pastor Salentin neuerdings von ganz oben: Auch der Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff, 54, hält das Projekt, eines der größten Industrievorhaben in Deutschland, für »ökologisch und sozial unverträglich«.

Die Risiken für die Natur, predigte der neue Oberhirte der Diözese Aachen bei seiner Amtseinführung von der Kanzel des Aachener Doms, seien nicht hinnehmbar, außerdem würden bei der geplanten Umsiedlung von 8000 Menschen unverantwortlich »soziale Netze« zerstört.

Ministerpräsident Johannes Rau, Synodale der evangelischen Kirche, ficht der Vorwurf nicht an. Er will Garzweiler II noch vor der Landtagswahl am 14. Mai endgültig durchsetzen, obwohl auch Klimaforscher warnen. Der Einsatz der Braunkohle, so errechnete das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie, mache alle Versprechungen der Bundesregierung auf dem Berliner Klimagipfel zunichte, den Ausstoß von Kohlendioxid bis zum Jahr 2005 um mindestens 25 Prozent zu senken. Mit Garzweiler II, sagt Energieexperte Peter Hennicke, werde die »Chance zum Umsteuern« versäumt.

Am vergangenen Donnerstag stimmte der Landtag in Düsseldorf dem Projekt zu, gegen das Votum der Grünen. Die Milliarden-Investitionen für die Braunkohle, einschließlich neuer Filtertechniken, binden das Kapital für eine »ökologische Energiepolitik«. Für Hennicke sind das die »Dinosaurier« des nächsten Jahrtausends. Spätestens in zehn Jahren soll die Kohleförderung im Revier Garzweiler II beginnen. Schon 1997 will Rheinbraun die ersten Anwohner umsiedeln.

Mussinghoffs Glaubensbruder, der Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes (SPD), mochte die Bischofsschelte nicht auf seiner Partei sitzen lassen. Er freue sich, daß seine Kirche »endlich mal starke Worte gebrauche«, konterte Antwerpes. Aber der Vorwurf, Garzweiler II sei »undemokratisch durchgepeitscht« worden, treffe nicht zu. Da sei der Bischof »in Sünde gefallen«.

Doch Mussinghoff und die Seinen bleiben stur. Mit Prozessionen durch die Felder und Glockengeläut, mit Gottesdiensten und Mahnwachen beten die Katholiken gegen die Braunkohle an. Fünf Kirchengemeinden haben sich bereits mit bischöflichem Segen geweigert, Kirchenland an Rheinbraun zu verkaufen. »Von uns«, sagt Pastor Salentin, »wird kein Quadratmeter Land hergegeben.« Auch die evangelische Kirche vor Ort lehnt den Braunkohle-Tagebau ab.

Auf der Suche nach weiteren Mitstreitern wollen sich die Katholischen jetzt sogar mit einer politischen Partei verbünden, mit der sie ansonsten nicht allzuviel im Sinn haben: Anfang April ist Mussinghoff mit dem umweltpolitischen Sprecher der NRW-Grünen, Gerhard Mai, verabredet. Wichtigstes Gesprächsthema der Zusammenkunft ist der Widerstand gegen Garzweiler II. »Das sind ganz neue Bündnisperspektiven«, sagt Mai.

Ein »Informationsgespräch« mit dem Vorstand von Rheinbraun hat Mussinghoff bereits hinter sich, es hinterließ Frust auf beiden Seiten. Die Manager nahmen den Bischof zunächst nicht recht ernst. »Die dachten anfangs, es handelt sich nur um so ein paar Öko-Pfarrer«, sagt ein Bistumsmitarbeiter.

Doch die Katholiken können das Unternehmen Garzweiler II zumindest empfindlich verzögern. Die Kirche ist vor Ort einer der größten Grundbesitzer. Wie Schutzringe liegen kircheneigene Ländereien um die Gemeinden herum. In einem aufwendigen Verfahren müßte Rheinbraun sich die Nutzung des Geländes vor Gericht erstreiten - eine ebenso zeitraubende wie teure Prozedur mit unsicherem Ausgang.

Zusätzlichen Ärger können die Christen beim Feilschen um die Entschädigung für ihre Gotteshäuser machen, die der Braunkohle weichen sollen. Als Mitte der achtziger Jahre der benachbarte Tagebau Garzweiler I das alte Dorf Garzweiler verschlang, wollte Rheinbraun die dortige Pfarrkirche St. Pankratius zunächst wie eine Scheune taxieren. Doch erst bei einem Angebot von rund 3,5 Millionen Mark Entschädigung lenkte die Kirche ein.

Der kircheneigene Gottesacker wurde nach langwierigen Verhandlungen mit dem Energiekonzern schließlich »wie Gartenland« bewertet - mit rund 35 Mark pro Quadratmeter. Ein jüdischer Friedhof wurde mit Zustimmung der Kultusgemeinde eingeebnet. Für die Gräber mit »laufenden Pachtverträgen« erstattete Rheinbraun die Exhumierungs- und Überführungskosten.

Von Garzweiler II sind mehrere Friedhöfe betroffen - für Pfarrer Salentin ein weiterer Grund, nicht aufzugeben. »Wie kann ich noch sagen: ,Herr gib ihnen die ewige Ruhe'«, so der Kleriker listig, »wenn sie nur einige Jahre dauert.« Y

[Grafiktext]

Braunkohletagebaugebiet Garzweiler II

[GrafiktextEnde]

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