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PARTEIEN In Unterhosen

Der einstige CDU-Primus Kurt Biedenkopf soll weiter demontiert werden - zugunsten eines Unbekannten aus Westfalen. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Im Landesvorstand der CDU Westfalen-Lippe ging es zu wie früher bei den Jusos - die einen versuchten, die anderen auszusitzen.

Ein halbes dutzendmal hatte Kurt Biedenkopf, 53, am vorletzten Sonntagabend in der Dortmunder CDU-Landesverbandszentrale seine innerparteilichen Gegner aufgefordert, sie sollten doch ihren Bewerber für den Landesvorsitz präsentieren: »Nennen Sie doch endlich einen Namen.«

Dann, nach gut sieben Stunden Marathon-Sitzung, als die Christdemokraten ausgiebig über den Fraktionszuschuß zu Biedenkopfs Telephonrechnung und die von ihnen vermißte »menschliche Wärme« debattiert hatten, fühlten sich die Widersacher des kleinen Professors sicher.

Gerade war, um 1.05 Uhr, einer der letzten verläßlichen Biedenkopf-Freunde im Vorstand entnervt gegangen, da rückte Biedenkopf-Intimfeind Heinrich Windelen mit dem Namen heraus: Wolfgang Brüggemann, 57, Landtagsabgeordneter aus Bochum, soll am 2. Juli auf dem Parteitag des mit 132 500 Mitgliedern zweitstärksten CDU-Landesverbandes

gegen Biedenkopf antreten. Die Hinhalte-Strategie zahlte sich aus. 13 der verbliebenen Vorstandsmitglieder votierten für Brüggemann, nur elf für Biedenkopf.

Oft schon hatte die Union Spitzenleute tief fallen lassen - Ludwig Erhard war wohl die größte Nummer, die auf Null gebracht wurde. Nie zuvor allerdings hat die Christenpartei die Demontage eines Spitzenmannes so zielstrebig und so kleinkariert betrieben wie im Falle Biedenkopf.

Um den einstigen Vordenker der Union wegzutunken, ließen seine Parteifreunde nichts aus. Binnen drei Wochen verlor er die Ämter des Spitzenkandidaten und des Fraktionschefs in NRW sowie seinen Platz im CDU-Präsidium. Westfälische Parteigegner verlangten obendrein, Biedenkopf solle sein Landtagsmandat zurückgeben.

Im vorerst letzten Duell, dem sich Biedenkopf stellen muß, kämpfen nun »Professor gegen Professor« ("Bild") - freilich mit verschieden großem Kaliber: Gegen Biedenkopf, der sich jedem in der Union intellektuell überlegen fühlt, tritt ein Mann des guten Durchschnitts an, den kaum einer kennt, nicht einmal im Revier, wo er »mit Kohlenstaub in der Nase geboren worden« ist.

Den bodenständigen Westfalen Brüggemann, Gymnasiallehrer und im Glauben fest verwurzelten Katholiken, zeichnet Biedersinn statt Brillanz aus. Seine Dissertation »Untersuchung zur Vitae-Literatur der Karolingerzeit« brachte dem Historiker nur ein »rite« ein, sozusagen eben bestanden.

Der Titel Professor an der Katholischen Abteilung Hamm der Pädagogischen Hochschule Dortmund wurde ihm, wie es in den sechziger Jahren gelegentlich vorkam, zuerkannt.

Für die Union zog er 1956 in den Stadtrat von Bochum ein. Die Sozis, die im Ruhrgebiet stets die Oberbürgermeister stellen, ließen ihn 1963 zum Bürgermeister wählen. »Da habe ich mir«, sagt Brüggemann, »einen Jugendtraum erfüllt.«

Immerhin kam er 1966 in den Landtag, wo er, zuständig für Bildungspolitik, die Landesrichtlinien zum Politik- und Sexualkundeunterricht ("miese Welt") attackierte. »Diese Regierung«, so eine seiner Standardformeln, »geht bildungspolitisch in Unterhosen.«

In jenen Jahren schon gedieh bei Brüggemann Verärgerung über den Parteikarrieristen Biedenkopf, dessen scharfe Rhetorik ihn »betroffen« machte. Brüggemann sprach dem agilen Parteifreund »Integrationsfähigkeit« ab und kritisierte dessen »Persönlichkeitsstruktur«. Am meisten stört ihn, daß Biedenkopf geschieden ist.

In der Tat wäre Biedenkopf kaum der geeignete Mann, etwa Berater des Bischofs von Paderborn zu werden - ein Posten, den Brüggemann seit 1981 bekleidet. Dafür hat es Biedenkopf anderswo

immerfort zu Würden gebracht: Mit 37 Jahren bereits war er Rektor der Ruhr-Universität Bochum, summa cum laude seine Dissertation, gewichtig die Habilitation über die »Grenzen der Tarifautonomie«.

So einen Primus, der mal Top-Manager bei Henkel und mal CDU-Generalsekretär war, hatten die Westfalen zuvor noch nie gehabt. Nur Josef Hermann Dufhues war zu seiner Zeit ähnlich profiliert wie heute Biedenkopf.

Als Biedenkopf 1977 in Westfalen antrat, schubste er ohne Mühe den blassen Landeschef Heinrich Windelen weg - was ihm der ehemalige Flüchtlingsobmann und jetzige Bundesminister in Bonn nie vergessen hat. Windelen ist dem Professor, so scheint es, ein Gegner fürs Leben geworden.

Auch andere Westfalen pflegten ihre Ressentiments gegen den Überflieger Biedenkopf. Auf Parteitagen haben sie ihm zwar gelegentlich stehend applaudiert, doch bei den Wahlen bekam er immer eins drauf. Seine Vortragsreisen ins Ausland mißfielen ebenso wie jüngst die Ankündigung, er wolle sich »sechs oder sieben Wochen« zurückziehen, um ein Buch zu schreiben.

Im Landesvorstand wurde Biedenkopf als »Störenfried« beschimpft, weil er zur Unzeit, zwei Jahre vor der Landtagswahl 1985, auf eine Entscheidung über den Spitzenkandidaten - er oder Worms - gedrängt habe. Als gefühlsarm und hochmütig kritisierten auch Landtagsabgeordnete den »Professor auf Wolke 17«. Das Fußvolk fühlte sich provoziert, wenn der Passepartout-Professor dozierte, normale Abgeordnete seien »schon sprachlich nicht jeder intellektuellen Anforderung gewachsen«. Die Gerügten gifteten zurück: »So viel Kälte ist unerträglich.«

Die Temperatur schlug um. »In den letzten zwei Jahren«, klagt Biedenkopf nun, sei ihm »verdammt kalt geworden«. Dennoch will er seinen Herausforderern nicht weichen. CDU-Obere überlegen, wie sie ihm beispielsweise den Posten eines OECD-Generalsekretärs schmackhaft machen könnten.

Biedenkopf, der alles aufschreibt, was er denkt, hat sich auch auf die westfälische Rebellion einen Reim gemacht: In der Partei, so eine Analyse für den Privatgebrauch, seien die Klüngler auf dem Vormarsch. Von seinen Stellvertretern wie dem ehrgeizigen Bundestagsabgeordneten und Junge-Union-Chef Reinhard Göhner oder dem Kohl-Intimus Friedrich Vogel ist er »menschlich enttäuscht«; die sähen nur ihre »persönliche Karriere im Landesvorstand«.

Wenn einer der Meuterer - Windelen, Vogel oder der sauerländische Drahtzieher Theodor Schwefer - selber kandidiert hätte, analysierte Biedenkopf intern, »wäre es ehrlicher gewesen«.

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