NIEDERLANDE / GREET HOFMANS In Vertrauen warten
Es ist im höchsten Maße ärgerlich«, so schrieb am vorletzten Wochenende das in Amsterdam erscheinende »Elseviers Weekblad«, »daß grober Mißbrauch der Pressefreiheit es ermöglicht hat, sowohl in Deutschland als auch in England und, wie zu befürchten steht, auch in den Vereinigten Staaten so tief verletzende Erdichtungen zu veröffentlichen.«
Die Sorge der angesehenen niederländischen Wochenzeitung galt den Veröffentlichungen der internationalen Presse über jene Spannungen im niederländischen Königshaus, die dadurch entstanden sind, daß Königin Juliana die Gesundbeterin Greet Hofmans an den Hof gezogen hat, um zu erreichen, was der Kunst der Ärzte versagt bliebt: die Heilung ihrer neunjährigen Tochter Prinzessin Marijke von einer tückischen Augenkrankheit (SPIEGEL 24/1956).
Aber selbst die stockbrave und weitberühmte »Neue Zürcher Zeitung« berichtete über eine am Freitagabend vorvergangener Woche vom niederländischen Ministerpräsidenten Drees abgehaltene Pressekonferenz: »Der Ministerpräsident wurde mit Fragen über die Beziehungen der Königin zu Prinz Bernhard und zur niederländischen Regierung bestürmt, wobei die Atmosphäre der Konferenz zusehends gespannter wurde... Obwohl er auch beifügte, er habe während der vielen Jahre seiner Ministerpräsidentschaft nichts von einer abnormen Entwicklung der Beziehungen zwischen der Königin und der Regierung feststellen können, scheinen seine Ausführungen den da und dort herrschenden Eindruck, die Gesundbeterin übe tatsächlich einen großen Einfluß auf die Königin aus, nicht geschwächt zu haben.«
Der hoch angesehene britische »Manchester Guardian« schrieb nach der Pressekonferenz: »Bittere Probleme bleiben offen.«
Gottes Hilfe in fünf Wochen
Jene Erklärungen des Ministerpräsidenten wurden vor einem für niederländische Verhältnisse ungewöhnlich großen internationalen Presseforum abgegeben. Etwa 150 Journalisten aus allen Teilen der Welt waren auf die erste, deutsche Veröffentlichung über die Gesundbeterin Greet Hofmans nach Den Haag geeilt. Seit den Tagen des ersten Weltkrieges, als Korrespondenten aller Mächte sich im damals neutralen Holland Nachrichten über die Ereignisse an der Westfront beschafften, hatten die Niederlande eine solche Invasion von Journalisten nicht mehr erlebt.
Die offiziellen Regierungserklärungen vermochten die ausländischen Pressevertreter nicht von ihrer Vermutung abzubringen, daß sich hinter Dementis und Es-ist-nichts-Erklärungen die Wahrheit verbarg. Die Journalisten stellten auf eigene Faust Nachforschungen über das Verhältnis der Greet Hofmans zu Königin Juliana an.
Für eine stichhaltige Nachricht, mit der die offiziellen Dementis ad absurdum geführt werden konnten, boten Vertretei britischer Nachrichtenagenturen Summer bis zu 100 Pfund (1173 Mark). Bilder der Greet Hofmans, die wegen der Bewachung durch die niederländische Reichskriminalpolizei nur aus der Ferne aufgenommen werden konnten, erzielten ebenfalls gute Börsen. Die ersten Bilder, die von einen Dach aus mit einer Fernkamera »geschossen« wurden, erbrachten Stückpreise bis zu 1000 Mark.
In dieser Situation übergab die 61jährig Greet Hofmans der Öffentlichkeit ein Kommuniqué, in dem sie ihre Einstellung und ihre Arbeitsweise zu erklären versuchte:
Meine Arbeit ist es, Menschen, die sich in Not befinden, für Christus aufzurufen, wenn sie den
Wunsch dazu äußern. Die Erfüllung der erbetenen Hilfe liegt nicht in meiner Macht. Die Reaktion auf die Hilfe ist individuell. Meine Aufgabe besteht darin, in zahlreichen persönlichen Zusammenkünften und auch schriftlich und per Telephon die richtige Inspiration zu vermitteln, die zu einem Genesungsprozeß führen kann. Diese Inspirationen gründen sich auf die Verbindung zu dem Menschen selbst und auf seine Empfanglichkeit für Hilfe. In diesen Worten habe ich meine Aufgabe von A bis Z umschrieben. Ich bitte Sie nachdrücklichst zu verstehen, daß diese Vermittlung außerhalb der Atmosphäre finanzieller Vereinbarungen liegt und arme und reiche Menschen sich strikt an diese Richtlinien halfen müssen.
Es wurde ferner bekannt, daß jeder Patient der Gesundbeterin in Form einer kleinen Quittung eine teils handschriftlich, teils vorgedruckte Erklärung folgenden Inhalts erhält:
Ihr Anliegen (Söhnchen, Tochter, Mutter, Vater usw.) ist Christus für eine Heilung empfohlen und in die Gnade aufgenommen worden. Warten
Sie weiter in Vertrauen. Die angekündigte Hilfe wird in fünf Wochen nach obigem Datum zuteil werden Dann nehmen Sie bitte wieder schriftlich Kontakt auf.
Hochachtungsvoll
Greet Hofmans
Die niederländische Regierung hatte in ihren offiziellen Erklärungen über die Affäre geleugnet, daß die Beziehungen zwischen Königin und Gesundbeterin zu Spannungen zwischen Hof und Regierung geführt haben, jedoch die Tatsache bestätigt, daß Königin Juliana die Greet Hofmans an den Hof gezogen hat. Das konfuse Geschreibsel der Gesundbeterin rüttelte nun auch die niederländische Presse wach.
Die sozialistische Zeitung »Het Vrije Volk« schrieb: »Wenn eine Mutter aus Besorgnis und aus einer gewissen Ratlosigkeit heraus Hilfe außerhalb der medizinischen Wissenschaft bei jemandem sucht, der behauptet, über übernatürliche Gaben zu verfügen, dann kann man nur verständnisvoll den Kopf schütteln. Wenn aber die Mutter eine Königin ist, dann verbindet sich mit diesem Schritt unweigerlich ein öffentlicher Aspekt und sei es nur im Hinblick auf die allgemeine Volksgesundheit.«
Die »Haagse Post« bedauerte, daß Nachrichten über die Gesundbeterin bereits seit Jahren systematisch von Hofkreisen unterdrückt worden sind, und schrieb: »Seit jener Zeit konnte man überall zu hören bekommen, daß Frau Hofmans einen enormen Einfluß auf die Landespolitik ausübe und sie es eigentlich sei, die die Politik der Niederlande beherrsche.«
Hofmans Erzählungen
Am selben Tage, an dem die Hofmans ihr Kommuniqué herausgegeben hatte, veröffentlichte die kalvinistische und königstreue »Trouw« einen Leitartikel ihres Chefredakteurs, des Kammerabgeordneten Dr. Bruins Slot. Der in den Niederlanden bekannte Politiker schrieb: »Der Kern der Wahrheit ist dieser: Eine Frau, die behauptet, die Gabe zu besitzen, durch Gebete Kranke heilen zu können, hat sich die Sympathie von Königin Juliana erworben. Diese Frau hat Prinzessin Marijke, deren Sehvermögen beschränkt ist, behandelt. Anscheinend mit noch ungenügendem Resultat. Über diese Frau und ihre Stellung besteht eine tiefgehende
Meinungsverschiedenheit zwischen der Königin und dem Prinzen.«
Bislang ist jedoch noch eine andere Tatsache, wenn nicht völlig übersehen, so doch verschwiegen worden. Unter der Überschrift »Hofmans Erzählungen« hatte am 7. Juni 1952 der holländische Journalist J. Fabius in seinem von ihm redigierten Informationsbrief Andeutungen über die Rolle der Hofmans im politischen Leben der Niederlande gemacht. Fabius verfügt über gute Kontakte in höchsten Kreisen der niederländischen Gesellschaft und bezeichnet sich selbst als überzeugten Monarchisten.
Fabius hatte seinerzeit in seiner Publikation Reden der Königin in den Vereinigten Staaten kritisiert und die Regierung angegriffen, weil sie die Zustimmung zu jenen Reden gegeben hatte. Fabius schrieb:
»Bei den Besprechungen im Kabinett soll sich ergeben haben, daß die Herren (Außenminister Stikker und Ministerpräsident Drees) mit dem Text der königlichen Reden nicht einverstanden waren, jedoch machtlos Fräulein Hofmans gegenüber gestanden hätten, die - wie angenommen werden kann - den Text dieser Reden, wenn nicht verfaßt, so doch in jedem Falle beeinflußt hat. Fräulein Hofmans ist die Dame, die wir bereits öfter als eine Frau beschrieben haben, die in dem merkwürdigen Ruf steht, durch Gebete heilen zu können. Sie ist gegenwärtig die große Konkurrentin von Fräulein Tellegen (der Direktrice des königlichen Kabinetts) mit ihren extremistischen Auffassungen.«
Gefängnis für Majestätsbeleidigung
Die Veröffentlichung wurde damals in Holland nicht zur Kenntnis genommen. Zwei Jahre später wurde Fabius giftiger. Am 25. September 1954 kritisierte er erneut eine Thronrede der Königin, in der die Aufhebung der Union zwischen den Niederlanden und Indonesien angekündigt wurde.
Der Journalist verlangte damals von der Königin, daß sie Einspruch gegen den Regierungsvorschlag der Unionsauflösung erheben sollte, und wurde dann massiv: »Es sei denn, Ihre Majestät findet neben der starken Beschäftigung mit Empfängen alter Leute, den Besuchen pferdesportlicher Veranstaltungen, der Eröffnung von Schulen für schwachsinnige Kinder und anderen Dingen keine Zeit mehr, sich mit Staatsangelegenheiten zu beschäftigen, wodurch alle bedeutenden Fragen Damen wie Fräulein Tellegen, Tjeenk Willink und Hofmans überlassen werden.«
Fabius wurde wegen Majestätsbeleidigung zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Er versucht jetzt, nachdem er sich durch die Veröffentlichungen in der niederländischen und internationalen Presse bestätigt fühlt, neue Argumente in seinem Berufungsverfahren geltend zu machen.
Das Augenmerk der niederländischen Öffentlichkeit richtet sich nun auf den Geburtstag des Prinzen Bernhard am 29. Juni. In den vergangenen Jahren war die Mutter des Prinzen, die Prinzessin Armgard zur Lippe-Biesterfeld, am Hofe nicht gern empfangen worden.
Prinz Bernhard will es von der Frage der Einladung seiner Mutter zu dem an seinem Geburtstag traditionellen Gartenfest abhängig machen, ob er noch länger am Hofe bleibt oder auf den Landsitz Warmeloo, wo seine Mutter residiert, übersiedelt. Die beiden ältesten Prinzessinnen, die 18jährige Beatrix und die 16jährige Irene, haben, so verlautet in Den Haag, den Wunsch geäußert, in solch einem Falle den Umzug des Vaters mitzumachen.
Prinzessin Armgard zur Lippe-Biesterfeld
Entscheidung auf dem Gartenfest Gazet Van Antwerpen Die Königin und die Federn