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PHILIPPINEN In Zweifelsfällen schießen

aus DER SPIEGEL 27/1950

Die Erklärung Trumans ist für alle antikommunistischen Völker im Fernen Osten eine ungeheure Ermutigung«, kommentierte Miguel Elizalde, Botschafter der Philippinen in Washington. In dem Schießbefehl Harry S. Trumans für US-Truppen in Fernost heißt es im 7. Absatz: »Ich habe ferner angeordnet, daß die Streitkräfte der Vereinigten Staaten auf den Philippinen verstärkt und daß die militärische Hilfeleistung für die philippinische Regierung beschleunigt werden sollen.«

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr hatte der philippinische Staatspräsident Elpidio Quirino sich mit Tschiang-Kaischek auf der Philippinen-Insel Luzon in Baguio getroffen. Die beiden hatten dort erklärt, sie würden die USA nicht bitten, ihnen bei der Verteidigung zu helfen.

Philippinen-Quirino und China-Tschiang glaubten damals noch, eine nichtmilitärische Union würde genügen. Nur Süd-Korea-Präsident Syngman Rhee forderte schon damals ein kollektives Sicherheitssystem für den Pazifik und die Zusicherung von Acheson, daß Südkorea im Falle eines Angriffes verteidigt werde. Acheson lehnte eine Kollektivverteidigung des Pazifiks à la Atlantikpakt ab. Erst seit Nordkoreas Kommunisten marschieren, haben sich manche Ansichten beiderseits des Pazifik geändert.

Ein Teil der amerikanischen Militärs war schon längst der Ansicht, daß die Philippinen von den USA wieder militärisch besetzt werden sollten. Diese strategisch wichtige Inselgruppe, argumentierten sie, würde sonst genau so den Kommunisten in die Hände fallen wie China.

Die rote Bürgerkriegsarmee steht schon mitten auf Amerikas »Pazifischem Partner«, den Philippinen. Ein rotes Tuch mit weißem Bauernmesser ist ihre Fahne.

*) Philippinen: 7085 Inseln, die größte Luzon mit 106000 qkm (Bayern 76000 qkm); 1565 bis 1898 spanisch beherrscht (aus dieser Zeit Ortsnamen und Eigennamen der Filipinos). 1898 bis 1946 amerikanische Besitzung nach Art eines britischen Dominions, seit 1946 unabhängig mit 3 Luft- und 2 Marine-Stützpunkten der USA, auf 99 Jahre gepachtet Ureinwohner Negritos, zugewanderte Malaien. Gelegentlich werden Hammer-und-Sichel-Banner gezeigt.

Ihr maßgeblicher Mann, Luis M. Taruc, will nachmachen, was Mao Tse-tung auf dem chinesischen Festland gegenüber vorexerziert hat: die jahrhundertealte Landnot der kleinen Bauern und die Guerillatradition aus der japanischen Besetzung während des Krieges in einen Topf werfen und daraus einen roten kommunistischen Kuchen backen.

Im Weltkrieg II, am 13. Dezember 1941 landeten die Japaner auf den Philippinen. Am 29. März gründete Luis M. Taruc, 36 Jahre alter Filipino und Mitglied der KP, seine »Hukbo ng bayan laban sa hapon«, die »Anti-Japanische Volksbefreiungsarmee«, »Huk« genannt. Am 9. Mai 1942 fiel die letzte US-Bastion auf den Philippinen, die Inselfestung Corregidor.

Die Huks waren geflüchtete Bauern, denen die Wasserbüffel erschossen und Mädchen, die von den Japanern vergewaltigt worden waren.

Nebenbei benutzten die Huks die Gelegenheit, sich von den Kaziken (Grundbesitzern) zu befreien. 25000 Japaner, Spione und Kolloborateure, bilanzierte Luis M. Taruc nach Kriegsschluß, hätten seine Huks im ganzen getötet. Das Selbstbewußtsein der Filipino-Bauern wuchs beträchtlich. Ihr Klassebewußtsein, das bis dahin nur latent vorhanden war, wurde von »politischen Kommissaren« geschult.

Führer konkurrierender Untergrundverbände warfen Luis M. Taruc vor, es sei ihm gar nicht nur darum gegangen, die japanischen Aggressoren zu bekämpfen, sondern er habe gleichzeitig die Kaziken ausrotten wollen. Zurückgekehrte amerikanische Truppen (1944) versuchten zu schlichten. Es gab Tote auf allen drei Seiten. Luis M. Taruc und eine Reihe seiner Leute wurden vom amerikanischen CIC eingesperrt und sieben Monate lang gekonnt verhört. Dann wurden sie wieder freigelassen, weil demokratische Wahlen abgehalten werden sollten.

Taruc und vier seiner Leute wurden auf der Liste der »Demokratischen Allianz«, einer Linksgruppen-Koalition, ins Repräsentantenhaus (120 Mitglieder) gewählt. Aber schon nach kurzem wurde General Manuel Roxas Philippinen-Präsident (Juli 1946), ein Kazike aus einer der reaktionären Familien Luzons mit Beziehungen zu US- und spanischen Kapitalisten. Seine Liberale Partei verweigerte Taruc und dessen Leuten die Parlamentssitze. Luis M. Taruc tauchte bei seinen Huks unter.

Staatspräsident Manuel Roxas versuchte, die aufständischen Bauern mit Zuckerbrot und Peitsche zur Raison zu bringen. Das Zuckerbrot: eine Sozialreform wurde versprochen, nach der in Zukunft die kleinen Pächter nur noch 30 Prozent ihrer Ernte an den Kaziken abliefern mußten, statt wie bisher bis zu 70 Prozent. Bedingung: Abgabe aller Huk-Waffen. Die Peitsche: der Kongreß bewilligte 4 Millionen Pesos zur Huk-Bekämpfung.

Auf Luis M. Tarucs Kopf, tot oder lebendig, standen 15000 Pesos, rund 30000 DM. 19,5 Millionen Filipinos kannten sein Bild, Tausende seiner Bauern seinen Aufenthaltsort. Keiner verriet ihn. In acht Provinzen nördlich Manila war der Teufel los. Vor Anbruch der Dunkelheit flüchtete die Bevölkerung in die Städte. Die Militärpolizei hätte sie für Huks, und die Huks hätten sie für Verräter halten können. In Zweifelsfällen wurde geschossen. Roxas starb April 48.

Roxas-Nachfolger Elpidio Quirino, liberal und notorisch herzkrank, versuchte einen neuen Dreh, die Huks zu liquidieren: er wollte sie in die Legalität ziehen. Gleich nach Amtsantritt (15. 4. 48) schickte er seinen Bruder Antonio zu Tarucs Hauptquartier. Die Quirinos haben in der philippinischen Widerstandsbewegung einen guten Namen. Elpidio Quirino hat monatelang unter den Japanern im Gefängnis gesessen. Außerdem ist er kein Kazike, sondern Sohn armer Eltern.

Des Bruders Mission im roten Hauptquartier klappte. Zusammen mit dem bis dahin wegen Mords und Aufruhr steckbrieflich gesuchten Luis M. Taruc landet er auf dem Flugplatz von Manila.

Am nächsten Tag ging der Kongreßabgeordnete Luis M. Taruc zur Kasse des Repräsentantenhauses, kassierte für zwei Jahre rückwirkend Diäten und sprach bei der nächsten Sitzung über sein Landreform- und Bauernhilfeprogramm. Luis M. Taruc begann Verhandlungen mit Filmgesellschaften, um seine Lebensgeschichte zu verfilmen. Das Manuskript dazu hatte er im Untergrund selbst geschrieben.

Er gab Interviews und zeigte Reportern freudig die Generalamnestie der Regierung für seine Leute: »Alle während des Widerstandes begangenen Verbrechen sind vergeben.« Nur eine Ausnahme wurde gemacht: Vergewaltigungen sollten bestraft werden. (Die Filipinos sind zu 80 Prozent römisch-katholisch.) Amnestie-Bedingung war, daß die Huks ihre Waffen abgeben sollten.

Bald stellte sich heraus, daß es nicht klappte. Luis M. Taruc stellte immer neue Forderungen: Aufhebung des Handelsvertrages mit den USA, Enteignung aller Güter mit über 50 Hektar Land und Befreiung aus den »US-Klauen«.

Präsident Quirino verkündete ein Sechs-Punkte-Hilfsprogramm für die Landwirtschaft und verlängerte die Amnestie zweimal. Aber es wurden von geschätzten 20000 Huk-Gewehren nur 54 abgegeben.

Plötzlich war Luis M. Taruc aus Manila wieder verschwunden. Er hatte sich erholt, seine Huks hatten wieder Fleisch angesetzt. Sofort flammten Aufstände, Ueberfälle und Brandschatzungen im ganzen nördlichen Luzon wieder auf. Präsident Quirino ließ Flugzeuge und Gebirgsgeschütze einsetzen und ganze Dörfer evakuieren.

Die Wut der Militärpolizisten auf die Huks war unbeschreiblich.

Wie deren Ansehen bei den Filipinos überhaupt merklich zurückging. Bei den Wahlen am 7. November versuchte Jose P. Laurel, Rechtsradikaler und Yankee-Hasser, mit Huk-Hilfe den Präsidenten Quirino auszustechen. 34 Tote gab es am Wahltag. Quirino blieb Sieger, wenn auch mit allerlei Wahlschwindeleien.

Seitdem knallt es in Luzon mit penetranter Regelmäßigkeit.

»Die Tat«, Zürich Das Gleichgewicht Der Teufel los Durcheinander in Nordluzon

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