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»Indien brennt vor Haß und Zorn«

Nach dem Mord an Indira Gandhi macht ein fanatisierter Mob im ganzen Land Jagd auf die Sikh-Minderheit. Massaker in der Hauptstadt, Mordanschläge in der Provinz: Die indische Demokratie ist gefährdet, das Militär versucht, die Ordnung wiederherzustellen. Die lange Herrschaft der Indira Gandhi konnte die Konflikte des Riesenreiches nicht lösen: Arm gegen Reich, Religion gegen Religion, Kasten gegen Kastenlose. *
aus DER SPIEGEL 45/1984

Der 78jährige Greis hatte 121 Stunden und 30 Minuten lang von lauwarmem Wasser mit Natriumbikarbonat gelebt. Mohandas Karamtschand Gandhis letzter Hungerstreik sollte helfen, die mörderischen Konflikte zwischen Hindus und Moslems auf dem indischen Subkontinent zu begütigen: eine Viertelmillion Menschen war in fast einem halben Jahr von amoklaufenden Fanatikern massakriert worden, zehn Millionen Flüchtlinge durchzogen das Land.

Im Morgengrauen des 30. Januar 1948, fast sechs Monate nach Indiens Abschied von seiner englisch auferlegten Kolonialherrschaft, sang der spirituelle Stifter der indischen Nation in seinem Zimmer in Neu-Delhi die ersten zwei Gesänge der Bhagavadgita: _____« Denn untergehen muß, was entsteht Und wiederkehren, » _____« was verschwand Drum klage nicht um das, was du Als » _____« unvermeidlich hast erkannt. »

Begleitet von seinen Großnichten Abha und Manu ging der zerbrechliche »Mahatma«, die »große Seele«, am späten Nachmittag in den Garten vor seiner Unterkunft. Dort erwarteten ihn allabendlich seine Bewunderer: Hier zeigte sich der legendäre Asket in selbstgewebter »Dhoti«, ein durchgeistigter Fanatiker des indischen Nationalismus.

Er hatte Gewaltfreiheit und religiöse Toleranz zur utopischen Staatstheorie ausgerufen, doch als die indische Nation erwachte, vergaß sie die Lehren des Mahatma - religiöse Morde wurden alltäglich.

Gandhi hatte den Garten gerade erreicht, da trat ein untersetzter, junger Mann aus der Menge der Wartenden, zog einen Revolver der Marke Beretta aus der Tasche seines Hemdes und schoß dreimal auf den alten Mann. Der seufzte »He Ram«, o Gott, und stürzte sterbend zu Boden.

Der Attentäter Nathuram Godse, ein Brahmane, war fanatischer Hindu. Er und seine bald gefaßten Mitverschwörer nahmen Anstoß an Gandhis Duldsamkeit gegenüber fremden Religionen. Wäre Godse gar ein Mitglied der nationalen indischen Minderheit der heute 100 Millionen Moslems gewesen, dann hätte das Land, so der letzte britische Vizekönig Indiens, Louis Mountbatten, »das schrecklichste Massaker der Weltgeschichte erlebt«.

Politische Mordanschläge und Wutausbrüche ideologisierten Mobs sollte die Republik Indien in ihrer 36jährigen Geschichte seit Gandhis Tod immer wieder erleben.

Die soziologische Allerwelts-Kategorie »strukturelle Gewalt« - in dem 730-Millionen-Volk mit sechs Religionen, ungezählten Sekten, 14 Hauptsprachen und 1638 Sprachen und Dialekten, aufgeteilt in 3000 Kasten und Unterkasten, in diesem Volk also beschreibt jene Kategorie immer noch zutreffend die elende, allgemeine Lebenserfahrung. Wo 110 Millionen Unberührbare wie Tiere existieren - mit der Einschränkung, daß Tiere in Indien höher geschätzt werden als Unberührbare -, zählt die Existenz des einzelnen wenig. Jährlich fallen 23 000 Menschen Gewaltverbrechen zum Opfer. Tod scheint in der indischen Nation nur eine Metapher.

»Jeder Tropfen meines Blutes«, hatte zum Beispiel die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi noch am vorigen Dienstag gesagt, »wird diese Nation wachsen lassen, sie stark und dynamisch machen.« Doch ihr viel früher einmal geäußerter Wunsch, »mit Würde und mit der geringsten Mühe für jene zu sterben, die mich lieben«, sollte sich nicht erfüllen. Im Gegenteil.

Ihr gewaltsamer Tod am nächsten Tag stürzte das Land in Chaos, Terror und Angst. Die »Times of India« am vergangenen Freitag: »Indien brennt vor Haß und Zorn.«

Koketterie mit einer politischen Märtyrerrolle waren Indira Gandhis Todesahnungen wohl nicht - schon eher eine realistische Einschätzung der politischen Sitten ihres Landes, aber auch der latenten Mordstimmung, die seit dem Sturm der Regierungstruppen auf das Sikh-Heiligtum in Amritsar im Juni die Hauptstadt Neu-Delhi erreicht hatte. Die Fanatiker unter den gedemütigten,

autonomieversessenen 14,2 Millionen Sikhs hatten dem verhaßten Zentral-Regime in Neu-Delhi Rache geschworen.

So trug Indira Gandhi während ihrer öffentlichen Auftritte eine kugelsichere Weste. Verließ sie ihren Regierungssitz, fuhr sie in einer Kavalkade von vier weißen »Ambassador«-Limousinen, begleitet zudem von Sicherheitskräften in Jeeps und Lieferwagen.

Am vorigen Mittwoch jedoch trat sie aus ihrer Privatresidenz in Neu-Delhis Safdardschang Road Nummer 1 ohne eine Schutzweste unter dem Baumwollsari - sie fühlte sich ungefährdet im Umfeld ihrer Freunde, ging auf einem abgesicherten Gartenpfad zu dem Haus, in dem sie Audienz zu halten pflegte. Dort wartete der britische Schauspieler Peter Ustinov mit einer deutsch-indischen Kamera-Crew auf die Regierungschefin.

Ustinov hatte sie im Auftrag des irischen Fernsehens zu Beginn der Woche auf einer Massenkundgebung beobachtet: »Eine riesige Menge lauschte ihren Worten wie einem Kammerkonzert - da stand diese zerbrechliche Frau, mit einem unbezähmbaren Willen.«

Der Brite wurde zum Ohrenzeugen des Mordes an der Politikerin: Drei einzelne Schüsse im Garten, »jemand sagte, das seien so orientalische Knallkörper, wie sie Kinder benützen. Doch dann kam Maschinenpistolenfeuer dazu, und das kannte ich schon«.

»Unheimlich«, so Ustinov, »war es, daß gar keine Stimmen zu hören waren. Alle rannten nur hin und her, aber es war für Sekunden ganz still.« Dann ratterten noch einmal MP-Salven.

Die ersten Schüsse auf Indira Gandhi hatte Unterinspektor Beant Singh, 33, ein Sikh wie sein Mitverschwörer, aus einem Revolver abgefeuert. Dann hob der Leibwächter Satwant Singh, 21, seine Maschinenpistole vom Typ »Sten":

Zahlreiche Schüsse trafen die Ministerpräsidentin in Unterleib, Brust und Hüfte.

Beamte der indo-tibetischen Grenzpolizei, ebenfalls zum Schutz von Frau Gandhi aufgeboten, schossen die Mörder nieder. Satwant Singh hatte den anderen Bewachern noch zugerufen: »Ich habe getan, was ich tun mußte. Nun tut ihr, was ihr wollt.« Er kämpfte Ende voriger Woche im Lohija-Hospital um sein Leben, sein Mordkumpan starb am Tatort.

Die 66jährige Indira Gandhi war klinisch bereits tot, als sie in das »All India Institute of Medical Sciences«, sieben Kilometer von ihrer Residenz entfernt, eingeliefert wurde.

Sechs Stunden lang zögerte das führungslose Kabinett, die Nachricht vom Tod jener Frau bekanntzugeben, die 15 Jahre lang das Land im Stil einer »Kaiserin von Indien« ("Observer") beherrscht hatte. Vor dem Hospital drängten sich bereits hysterische Massen, da inthronisierte die Kongreß-Partei schon den Nachfolger: Radschiw Gandhi, 40, einen ehemaligen Boeing-Kopiloten, für politische Turbulenzen ungeeignet und doch mit jener Eigenschaft ausgestattet, die das demokratische Riesenreich durch die nächste Krise führen soll: Er ist angemessener Abstammung - der Sohn Indiras und der Enkel des ersten indischen Premiers, Jawaharlal Nehru, des Begründers einer politischen Dynastie.

Mit dem berühmten Großvater verbindet ihn seit vorigen Donnerstag eine besondere politische Erfahrung Indiens, das Erlebnis einer amoklaufenden, von Gerüchten, religiösem Haß und aufgestauter Aggression getriebenen Bevölkerung. Wieder einmal legte Indien Hand an sich selbst.

Überall im Land begann die Jagd der Hindus auf Sikhs, als hätten die alle mitgeschossen: An Bart und Turban sind die Männer leicht zu erkennen. Bis Freitag hatte der Mob nach offiziellen Angaben, denen freilich kaum jemand glauben wollte, weil sie zu niedrig klangen, über 500 Sikhs erstochen, erschossen, erschlagen und verbrannt. Geschäfte und Gotteshäuser der Sikh-Gemeinden loderten auf, »Indira ist unsterblich«, »Blut gegen Blut«, johlten Hindu-Banden und verwüsteten ganze Straßenzeilen (siehe Kasten Seite 138).

Grauenvolle Reminiszenzen an die Massenmorde im Pandschab nach 1947 kamen auf. Wieder rollten Züge in Delhis Hauptbahnhof ein mit Dutzenden furchtbar zugerichteter Leichen. Der indische Journalist Sidharth Bhatia berichtet von seiner Reise im Radschdhani-Expreß aus Bombay: _____« Überraschend hielt der Zug in Tughlakabad, einem » _____« Vorort von Neu-Delhi. Eine Lautsprecherstimme befahl, » _____« Fenster und Türen zu verrammeln. Bald wußten wir warum. » _____« Etwa hundert Jugendliche, keiner über 25, schlugen gegen » _____« die Waggons. Dann hieben sie mit Eisenstangen und Steinen » _____« gegen die Doppelglas-Fenster des Zuges, ein Krachen und » _____« Gebrüll: Das Fenster war zerbrochen. » _____« »Alle Sikhs raus hier!« schrie einer der Schläger. » _____« »Hier sind keine«, antwortete ein Passagier sanft. Der » _____« bewaffnete Trupp inspizierte die Sitzreihen. »Hier, hier, » _____« wir haben einen dieser Kerle«, rief einer. Wir hörten » _____« Stöhnen und dumpfe Schläge, eine Minute lang. Dann zog » _____« einer der Randalierer einen Sikh an seinen langen Haaren » _____« durchs Abteil. Drei Jungen schlugen mit Stangen auf ihn » _____« ein, bis sich das Hemd des Opfers mit Blut färbte. Mit » _____« letzter Kraft klammerte sich der verletzte Sikh an den » _____« Sitzen fest. Zwei junge Mädchen schrien hysterisch, doch » _____« die anderen Passagiere blieben totenstill. Sie schauten » _____« nur, wie die Bande den Mann, der sich nicht mehr halten » _____« konnte, rauszerrte und auf den Bahnsteig warf. » _____« Plötzlich zog beißender Qualm durch das zerbrochene » _____« Fenster. Wir sahen, wie der Mob auseinanderstob und die » _____« Flammen über dem Körper des gemarterten Sikhs » _____« zusammenschlugen. » _____« Keiner sprach. Ein paar Passagiere gingen bleich zur » _____« Toilette. Sie hämmerten gegen die verschlossene Tür, bis » _____« sie sich langsam öffnete und ein verschreckter Sikh mit » _____« seinem etwa 14jährigen Sohn, dem noch kaum der Bart » _____« wuchs, hervorkam. Der wütende Mob hatte sie übersehen. » _____« »Schneidet euch schnell Bart und Haare ab«, sagte ein » _____« älterer Reisender. Vater und Sohn zögerten, aber nur für » _____« den Bruchteil einer Sekunde, dann griffen sie nach der » _____« Schere, die jemand hervorgeholt hatte. » _____« Als die beiden Sikhs eine Viertelstunde später aus » _____« dem Waschraum kamen, waren sie nicht mehr » _____« wiederzuerkennen. Der Junge trug nun die Kappe eines » _____« anderen Passagiers. » _____« »Das ist erst der Anfang«, murmelte ein alter Mann, » _____« »Gott weiß, wann es vorbei sein wird.« »

Gegenüber diesem »wahnsinnigen Haufen« von fanatischen Mördern, so Staatssekretär Wali, schien Indiens mit Tränengas und Schlagstöcken bewehrte Polizei machtlos.

Das Leichenschauhaus der indischen Hauptstadt bot am Freitag, 48 Stunden nach dem Anschlag, ein entsetzliches

Bild: 300 Tote füllten die Kühlkammern, die Veranda, die Korridore: »Leichen, Leichen, Leichen, wie die Bienen, so viele waren hier noch nie«, sagte der Chef des Totenhauses, der Hindu Kischen Lal.

Die meisten Toten waren Sikhs, doch die Beamten zählten 80 Hindus unter den Opfern der schlimmsten Auseinandersetzung in Neu-Delhi seit 1947. Ein Polizeiunterinspektor, der vor dem Leichenschauhaus neue Opfer der Unruhen von einem Lastwagen lud, sagte: »Dies also ist die Würde des Menschen, Sterben wie die Fliegen.«

Über 60 Städte Indiens wurde, als der Terror zunahm, Ausgangssperre verhängt. In mehreren nordindischen Orten verließen Soldaten ihre Kasernen mit dem Auftrag, ohne Warnung auf Plünderer und Rebellen zu schießen.

Während sich Sikhs und Hindus in den Millionen-Slums im Norden Straßenschlachten lieferten, während das Lumpenproletariat die Gelegenheit nutzte und Geschäfte plünderte, bemühten sich die Sicherheitskräfte der Hauptstadt, zumindest im Umkreis der vorgesehenen Verbrennungsstätte Indira Gandhis an Neu-Delhis Jamuna-Fluß Ordnung herzustellen und zu sichern.

Sohn Radschiw sollte die mit geklärter Butter getränkten Holzstöße unter Indira Gandhis Leichnam vor den Augen der Staatsgäste aus aller Welt, unter ihnen Sowjet-Premier Nikolai Tichonow, US-Außenminister Shultz und Londons Margaret Thatscher entzünden. Die Asche seiner Mutter wird in Indiens heiligen Flüssen verstreut.

Der Rauch ungezählter anderer Brände, der Ende voriger Woche noch über Delhi hing, war ein schwarzes Symbol für die Unregierbarkeit der unglücklichen Nation.

»Indien«, sagt der Dichter Salman Rushdie ("Mitternachtskinder") über sein Land, »Indien ist eine Idee« - zusammengefügt aus den politischen Träumen der Gründungsväter, der kolonialen Geschichte und dem Anspruch der westlich erzogenen Elite, das Land zu einer industriellen Weltmacht zu erheben.

»Die Philosophie des unabhängigen Staates war stets areligiös«, so Rushdie, »doch es gibt wohl kaum ein anderes Land auf der Welt, in dem die Religion eine wichtigere Rolle spielt im Alltagsleben seiner Bürger als bei uns.«

Im religiösen Lebens der 600 Millionen Hindus wirkten die 14,2 Millionen Sikhs nur wie ein Kratzer auf einem Heiligenbild - störend, mehr nicht. Und doch hatte Indira Gandhi nicht übertrieben, als sie die Unruhen im Sikh-Bundesstaat Pandschab zur »größten Bedrohung des Landes« erklärte: Es ging um das Prinzip der Nation, um die territoriale Landeseinheit.

Die Sikhs hatten sich im 16. Jahrhundert von der Kastengesellschaft der Hindus losgesagt. Ihr Territorium entwickelten sie zum agrarischen Vorbild, doch nach der Unabhängigkeit fühlten sie sich von den Hindus in Neu-Delhi politisch und kulturell unterdrückt. Gemäßigte Sikhs verlangten nicht nur die verfassungsrechtliche Anerkennung ihrer Religion, sondern auch politische Autonomie. Radikale Sikhs forderten gar einen unabhängigen Staat »Khalistan«, für den Fahne und Verfassung schon bereit liegen. In den Augen der Zentralregierung bedeutete dies Hochverrat.

1981 beging die Gandhi-Regierung allerdings ihren ersten Fehler in der Sikh-Krise, als sie einen obskuren, des Mordes verdächtigen Heiligen laufenließ. Sant Dscharnail Singh Bhindranwale, ein Analphabet, sollte wohl die militanten Glaubensgenossen durch seine wahnwitzigen Auftritte öffentlich diskreditieren. Statt dessen spornte er sie an.

Der »Chomeini der Sikhs« verschanzte sich im Goldenen Tempel der Pandschab-Metropole Amritsar und rief zum »Dharam judh«, zum Heiligen Krieg, auf: Tausende fanatischer Jugendlicher folgten ihm.

Sikhs und Hindus, die im Fünfstromland des Pandschab jahrhundertelang friedlich nebeneinander gelebt hatten, wurden jählings zu Feinden. Hunderte von Menschen kamen in einer schier endlosen Kette von Morden und Racheakten ums Leben. Das terroristische Spektakel von Amritsar verwandelte sich in eine politische Gefahr für Indira Gandhi. So gab sie schließlich den Befehl zum Sturm auf das Heiligtum:

Anfang Juni schlug die Armee unter Führung von vier Generalen - zwei Hindus, einem Moslem und einem Sikh - los: 15 000 Mann hatten sie im Pandschab zusammengezogen, 5000 Soldaten stürmten den ausgedehnten, gut verteidigten Tempelbezirk mit Panzern und Feldgeschützen. Der aufrührerische Bhindranwale starb im Gewehrfeuer.

Die Schlacht von Amritsar dauerte 36 Stunden. Über 1200 Menschen sollen umgekommen sein - Krieger der Sikhs, Frauen, Kinder, Zivilisten. Hunderte von Opfern gab es auch unter den Angreifern. Die Regierung verhängte Nachrichtensperre.

Bereits im Kampfgebiet liefen Sikh-Soldaten zu ihren Glaubensbrüdern über. In neun nordindischen Garnisonen meuterten 5000 Sikhs, als das Ausmaß des Gemetzels sich gerüchteweise verbreitete. Im nordöstlichen Bihar plünderten sie die Waffenkammern ihrer Einheit, stahlen Jeeps und Lastwagen und fuhren in ihre Heimatprovinz. Doch die Turbanträger planten eine Revanche an höchster Stelle.

Schon vor dem Sturm auf den Tempel war Indiras Leibwache von 282 auf über 400 Mann aufgestockt worden. Einer ihrer Mörder, Beant Singh, gehörte der Garde seit vielen Jahren an, der andere war zwei Tage vor dem Attentat von einem Heimaturlaub zurückgekehrt - dort, im Pandschab, kann das Mordkomplott geschmiedet worden sein.

Oder in Neu-Delhi? Nach Aussagen des überlebenden Attentäters soll der Plan, Indira Gandhi zu ermorden, von einem noch aktiv in der Armee dienenden Sikh-General ausgearbeitet worden sein, meldeten die »Times of India« und »The Statesman«.

Die Mörder hätten im Gurdwara-Bangla-Sahib-Tempel in Neu-Delhi den heiligen Eid geleistet, Frau Gandhi umzubringen. Weitere Sikhs, darunter ein Gandhi-Leibwächter, hätten geschworen, auch Radschiw Gandhi und den Staatspräsidenten Sail Singh zu töten.

Das Verteidigungsministerium dementierte das Gerücht als »bar jeder Grundlage und bösartig«.

Die Todesschüsse von Neu-Delhi setzten eine Tradition des indisch-pakistanischen Subkontinents fort. Unter dem (britischen) Furnier demokratischer Institutionen werden seit 1947 Herrschaftskämpfe immer noch mit den Methoden despotischer Reiche ausgefochten: Nach Mahatma Gandhi fiel Pakistans erster Premier, Liakat Ali Khan, einem Attentat zum Opfer. Ihm folgten Mudschib-ur Rahman und Sia-ur Rahman in Bangladesch - und in Pakistan ließ der Putschist Sia-ul Hak seinen Vorgänger Bhutto trotz weltweiter Proteste aufhängen. In Ceylon wurde der Premier Bandaranaike ermordet.

Daß Indira Gandhi, eine zerbrechlich wirkende Frau von kühlen Umgangsformen, umgeben von korrupten und unfähigen Beratern, 15 Jahre lang in der Rolle einer volksnahen Politikerin an der Staatsspitze überlebte, ist eher ein Wunder: Steine- und Messerwerfer, ein vereitelter Flugzeuganschlag (1981) - mehr nicht.

Gottähnlich fühlte sie sich, eine »eisenharte, rücksichtslose Frau« ("The New York Times"), die selbst in ihrer vorgeschobenen Bescheidenheit maßlos war: »Ich bin«, sagte sie einmal, »überhaupt nicht ehrgeizig.«

In Wahrheit sah sie das Land als ureigenen Erbhof ihrer Sippe an. Als Nehrus Tochter war sie in einem der mächtigsten Klans des Landes aufgewachsen

- im prunkvollen »Haus des Glücks«, in Allahabad am Ganges.

Zwar empfand sie ihre Kindheit als »fürchterlich einsam« (Vater politisierte oder saß in englischer Haft), doch als Kaschmir-Brahmanen - eine hohe Kaste der Hindus, die über sich nur noch die Götter haben - fühlten sich die Nehrus »besser als andere Leute«, als »Menschen mit besonderem Charisma« (so die Nehru-Schwester Lakschmi Pandit).

Indira, von Nehru zärtlich »Indu« genannt, war in der leidenschaftlichen Unabhängigkeitskampagne des Mahatma Gandhi, eines Freundes der Familie, politisch groß geworden.

Ihre schulische Ausbildung verlief standesgemäß - Mädcheninternat in der Schweiz, (abgebrochenes) Studium der Geschichte und Anthropologie in Oxford. So und nicht anders gehörte es sich für die Mitglieder dieser Familie, über die der alte indische Sozialdemokrat Dschaja Prakasch Narajan einmal sagte: »Die Nehrus haben doch keine Ahnung vom Elend in Indien. Sie kommen aus einer städtischen Elite, in Europa erzogen, ohne jeden Schimmer vom Leben im Dorf.«

Starrsinn bewies die Nehru-Tochter 1942, als sie sich gegen den Widerstand ihrer Familie in der Wahl ihres Ehemannes durchsetzte. Der Journalist Feroze Gandhi, nicht verwandt mit dem »Mahatma«, war kein Hindu, sondern Parse, Angehöriger einer religiösen Minderheit in Indien, die das Feuer verehrt und ihre Toten auf Plattformen hoher Türme den Geiern zum Fraß überläßt.

Das Los als Hausfrau und Mutter in der Provinzstadt Lakhnau behagte Frau Gandhi offenbar wenig. Schon 1947 trennte sie sich von ihrem Mann, der 1960 starb. Sie war schon ein Jahr zuvor zu ihrem Vater gezogen, ins Zentrum der politischen Macht des neuen, freien Indien.

Immerhin, Indira und ihre Söhne Radschiw und Sandschaj trugen den Namen, der in Indien für die allergrößten Tugenden steht.

Vater Nehru fand seine Tochter »außerordentlich einfallsreich und egozentrisch, aber auch bemerkenswert selbstsüchtig«. Er baute sie zu seiner Nachfolgerin auf: »Nach Nehru - wer?« war er einmal gefragt worden. Antwort: »Nach mir - Indira.« Doch ganz so schnell ging es nicht.

Sie saß bereits als Präsidentin der Kongreßpartei vor, als ihr Vater 1964 starb. Dessen Nachfolger, der einfache Lal Bahadur Schastri, konnte die Regentschaft der Nehru-Dynastie nur um zwei Jahre unterbrechen. Als er einem Herzinfarkt erlag, war Indiras Stunde gekommen.

Die zerstrittene Kongreßpartei einigte sich auf Nehrus Tochter als Premier, weil sie als schwach und unsicher galt: Wachs in den Händen der Partei-Wesire.

Sie alle täuschten sich. Nach ihrem Wahlsieg 1967 spaltete sie zwei Jahre später die Partei, plakatierte ihre populistische Weltanschauung als Sozialismus, verstaatlichte Großbanken, strich Privilegien der Maharadschas und gewann so die Herzen der Armen - und das ist in Indien allemal die Mehrheit der Wähler.

»Garibi hatao«, bekämpft die Armut, lautete ihr Wahlslogan 1971, mit dem sie überwältigend siegte. Bis heute sind von rund 560 000 Dörfern nach offiziellen Angaben noch 110 000 ohne Strom, und 170 000 haben keine regelmäßige, hygienische Trinkwasserversorgung.

Als Indira Gandhi an die Macht kam, lebten 42 Prozent der indischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Heute sind es gar 48 Prozent, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Dabei erwartet Indien nach außerordentlich guten landwirtschaftlichen Erträgen in den vergangenen Jahren auch dieses Jahr einen Ernterekord. Die Vorräte sind auf über 21 Millionen Tonnen Getreide gestiegen. Indes, ein gutes Viertel der Ernte wird erfahrungsgemäß von Ratten gefressen; 2,5 Millionen Tonnen verrotten unter freiem Himmel.

Nicht nur die vielbeschworene Abhängigkeit vom Klima - Dürren, unerträgliche _(Vor dem Sturm durch die Armee. )

Hitzewellen, gefolgt von endlosen Regenfällen und verheerenden Fluten - verwandelte Indira Gandhis politische Amtszeit in eine der widersprüchlichsten Entwicklungsepochen in der Dritten Welt.

Einerseits behauptet Indien Platz elf unter den Industriestaaten. Doch Indira Gandhis Unfähigkeit, die Korruption einer ineffizienten Bürokratie abzuschaffen, trug dazu bei, daß der riesige südasiatische Staat seine Armut nicht überwinden konnte.

Jene Unglückseligen, die entkräftet auf den Straßen der indischen Millionenstädte vegetieren und sterben und deren Leichen täglich wie Abfall eingesammelt werden, haben nichts davon, daß es auch ein anderes Indien gibt - ein Land im Glanz technischer Großtaten.

Alle industriellen Güter, an denen der nationale Grad technischer Reife gemessen wird, kann Indien selbst produzieren. Eine indische Trägerrakete schoß einen indischen Satelliten in die Erdumlaufbahn. Indische Computerprogramme rechnen in modernen Betrieben. Ob Personenautos, Motorroller, Fahrräder und Kühlschränke, Ventilatoren, Lokomotiven, Werkzeugmaschinen, Fernseher und medizinische Geräte - die Palette technischer Produkte ist fast lückenlos.

Dank erstrangiger Wissenschaftler konnte sich das Land auch eine selbstentwickelte Atomindustrie leisten, zur Erzeugung von Strom - und von Bomben.

Doch neben den Spitzenprodukten der neuen Zeit liegt das Immergleiche der indischen Geschichte - die Bestechung von jedermann durch jedermann, der sich''s leisten kann.

Arbeiter vom Postamt kassieren in besseren Wohngegenden Neu-Delhis lediglich dafür, daß sie die Telephonleitung nicht kappen.

Händler vom Tschauri-Basar der Hauptstadt zahlten unlängst an eine städtische Behörde fünf Millionen Rupien, als die Beamten damit drohten, Bulldozer gegen die Verkaufsstände vorrücken zu lassen. Ein Studienplatz kostet etwa 30 000 Rupien.

Indira Gandhis ehemaliger Chefminister, Maharaschtra von Antulay, gründete »Stiftungen für die Armen« und nötigte betuchten Landsleuten hohe Spenden ab. Einen dieser Fonds, deren Aktiva in seinen Taschen landeten, hatte er nach seiner Chefin benannt.

Die Premierministerin selbst bezeichnete die Korruption resignierend als ein »weltweites Phänomen«. Doch wagte sie nicht, gegen die allgegenwärtige Bestechungspraxis in Ämtern und Ministerien vorzugehen. Sie fürchtete die Zahl ihrer innenpolitischen Feinde zu vergrößern,

ohne dem Phänomen selbst zu Leibe rücken zu können.

Eines der täglichen Signale weitverbreiteter staatlicher Schlamperei ist eine besondere Eigenheit der Union, die indische Stromsperre: Jeden Abend, wenn in den Haushalten der Nation das Licht angeknipst wird, versinkt das Land nach kurzem elektrischem Geflacker in völliger Dunkelheit.

Doch im Gegensatz zu anderen Entwicklungsländern, in denen abends ebenfalls der Strom auszufallen pflegt, ist in Indien nicht das Netz überlastet, sondern es wird einfach zu wenig Elektrizität erzeugt. Die Kraftwerke liefern nur einen Bruchteil ihrer Kapazitäten, weil die Turbinen und andere Anlagen nicht gewartet werden.

Im Einzelfall dauert es gelegentlich Monate, bis sich die Staatsdiener in einem E-Werk dazu bequemen, einen Antrag für ein Ersatzteil auszufüllen.

Die ständigen Stromausfälle sind zum Alptraum von Millionen Indern geworden. Die Bauern im Pandschab bewässern oft ihre Felder erst nach Mitternacht, weil es nur dann Elektrizität für die Pumpen gibt. Büroangestellte und Hotelgäste, die so leichtsinnig sind, die Lifte zu benutzen, bleiben oft stundenlang darin stecken.

Derlei Tücken des technischen Fortschritts wurden der Regierungschefin nicht angelastet - im Gegenteil, ihr Stern leuchtete 1971 heller denn je, als die indische Armee in einem Blitzkrieg den Erbfeind Pakistan besiegte.

Indien indes hatte alsbald die schwere Hypothek des neugeschaffenen Bangladesch, ehemals Ost-Pakistan, zu tragen. Millionen flüchteten aus diesem Armenhaus der Welt ins kaum besser ausgestattete Nachbarland. Massendemonstrationen, Streiks, Aufstände waren die Folge des kurz zuvor so umjubelten militärischen Sieges.

Indiras erster politischer Sturz bahnte sich an, als sie 1975 in ihrer Heimatstadt Allahabad wegen Wahlschwindels und Korruption von einem mutigen Amtsrichter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde (einen Teil davon saß sie später ab). Die Stimmung im Lande war umgeschlagen. Die Opposition forderte lautstark ihren Rücktritt. Indiras radikale Antwort: der Ausnahmezustand.

In einem selbstkritischen Aufsatz, den Vater Nehru in den Tagen des Freiheitskampfes schrieb, hatte er vor der Verlockung gewarnt, sich zum »Diktator über Indien« aufzuschwingen. Die Tochter indes zögerte nicht, das zu tun. »In Indien«, sagte sie, »hat die Demokratie den Menschen zu viele Freiheiten eingeräumt.«

Hunderttausende ihrer Gegner verschwanden hinter Gittern. Indira Gandhi: »Als Frau muß man sich doppelt so mächtig anstrengen wie ein Mann.«

»Ein Herrscher, der Opponenten als Dämonen ansieht, neigt selbst zu dämonischen Handlungen«, schrieb der britische »Economist« über Indira Gandhi.

Die Briten, deren Offiziere am Tag ihres Abzugs aus Indien Polo-Pferde, Jagdhunde und Haustiere erschossen hatten, um sie nicht den Indern zu überlassen, schauten auf ihre ehemalige Kolonie mit gefühlsseligem Blick zurück. Hatten sie nicht, nach langem Zögern, »die größte Demokratie der Welt« hinterlassen?

Groß ja, aber keineswegs stabil. Indira verwandelte die Demokratie vielmehr in einen politischen Erbhof für ihren Sohn Sandschaj, einen lebenslustigen, korrupten Ehrgeizling von damals 29 Jahren, der ihr Nachfolger werden sollte. In den zwei Jahren des Notstands vertraute sie ihm, der offiziell nur Vorstandsmitglied der Kongreß-Jugendorganisation war, eine peinliche Aufgabe an, die er löste - auf seine Weise.

Sandschaj ließ im Rahmen eines »Familienplanungsprogramms« mit brutalen Methoden Hunderttausende von Indern zwangssterilisieren.

Der Hintergrund der Skandal-Aktion: Zu Nehrus Zeiten lebten in Indien 360 Millionen Menschen, 1981 waren es 684 Millionen, und, so eine Schätzung, im Jahre 2000 wird es eine Milliarde sein. Die Städte werden dann überquellen wie Bombay schon heute (17 Millionen) und hinauswachsen auf das entvölkerte Land; die Armut wird vollends unerträglich sein. Doch Sandschaj Gandhis Reformprogramm war so sinnlos wie brutal - nicht anders als seine Slumsanierung von Neu-Delhi: Polizei rückte mit Bulldozern gegen die Elendshütten vor und warf die Obdachlosen aus der Hauptstadt.

Seine Mutter, stets umgeben von dubiosen Gurus und Astrologen, war nicht minder schlecht beraten, als sie 1977 Wahlen ausschrieb. Indien bereitete der selbsternannten Diktatorin auf Zeit eine vernichtende Niederlage. Doch die neue Regierungskoalition der befreiten Opposition zerbrach schnell, und 1980 war die Politikerin mit der von ihr abermals gespaltenen Kongreßpartei, dem »Kongreß (I)«, wieder da - mit fast Zweidrittelmehrheit aller Wählerstimmen.

»Indira ist Indien, Indien ist Indira«, der Wahlslogan schien zu stimmen - und sie hatte ihn selbst verwirklicht. »Ihre Stärke ist die Manipulation von Menschen, die sie wie Schachfiguren hin- und herschiebt«, urteilte ein prominenter Kritiker, der Journalist S. Nihal Singh. Einer ihrer Vasallen, Wasant Sathe, erhob seine Chefin sogar zur »Führerin der menschlichen Rasse schlechthin« - er glaubte es wahrscheinlich selbst.

Die Führerin hingegen begann zu ermatten: Der Zeitpunkt für den Rücktritt nahte. »Zwischen 1982 und 1985«, so hatten Hofastrologen prophezeit, sollte Kronprinz Sandschaj das höchste Amt in Indien erreichen. Der junge Mann und Amateurpilot stürzte dann jedoch bei einem mißglückten Looping über der Hauptstadt in der Nähe der Gandhi-Residenz tödlich ab. Die Gandhi-Saga verflachte fortan zur Tragikomödie:

Sandschajs Witwe Maneka, damals 24, eine ehemalige Schönheitskönigin, meldete Ansprüche an, das Herrschaftsorakel stellvertretend zu erfüllen. Sie scharte Sandschajs Fans, eine Gruppe neureicher Karrieristen, um sich und trat bei Wahlveranstaltungen auf.

Eine giftige Propaganda-Schlacht zwischen den Damen Gandhi tat dem magischen

Glanz der Dynastie Abbruch im Volke. Der Familienzwist gipfelte in Manekas Rausschmiß aus dem schwiegermütterlichen Haus, wobei Indira vergebens den damals zweijährigen Sohn Sandschajs ("er ist ein Nehru") reklamierte.

Seit dem Tod des auserwählten Nachfolgers hatte Frau Gandhi nur mehr zwei Ziele: die Herrschaft über Indien so lange zu behaupten, bis die Übergabe der Macht an den ältesten Sohn Radschiw möglich wurde.

Dieser, ein apolitischer Pilot der Indian Airlines, gab widerwillig dem Ruf der Ministerpräsidentin nach - »um Mama zu helfen«. 1981 eroberte er den Parlamentssitz seines verunglückten Bruders, zwei Jahre später war er einer der fünf Generalsekretäre der Indira-Kongreßpartei.

Seine engsten Vertrauten, die sogenannte »Computer brigade«, brachten Partei und Regierung binnen kürzester Zeit in ihren Griff. Der neue Ministerpräsident, selbst Computerfreak, soll mitverantwortlich sein für eine - neben der Erstürmung des Sikh-Tempels in Amritsar - nicht minder umstrittene Entscheidung seiner Mutter: den Sturz des Ministerpräsidenten von Andhra Pradesch, Rama Rao. Die Episode zeigt, wie Machtmißbrauch und possenhafte Opposition die politische Kultur Indiens geprägt haben.

Im August mußte Rama Rao seinen Posten räumen, weil er angeblich durch Überläufer zur Kongreß-Partei seine Mehrheit im Landesparlament verloren hatte. Doch der abgesetzte Politiker, ein beliebter Schauspieler, der in über 300 Schmachtfetzen so oft Hindugottheiten gespielt hatte, daß er für seine Anhänger göttergleich wurde, nahm den aussichtslos erscheinenden Kampf gegen Indira auf.

Wie ein Märtyrer zog Rama Rao mit 162 getreuen Abgeordneten seiner Partei nach Neu-Delhi. Geschwächt von einer Herzoperation, ließ er sich im Rollstuhl zu Staatspräsident Sail Singh bringen, um theatralisch seine Wiedereinsetzung zu fordern.

Erst Mitte September gab Frau Gandhi kleinlaut nach und ließ Rama Rao wieder ins hohe Amt zurückkehren. Da aber war ihr politisches Prestige fast schon verbraucht - allerdings gab es niemanden, der mit Recht den Anspruch erheben konnte, das Land besser zu regieren als sie.

Selbst ein Perikles könnte dieses Land nicht beherrsc hen, notierte sich der amerikanische Schriftsteller Mark Twain vor beinahe hundert Jahren auf einer Indienreise. Die Oppositionsparteien, die trotz immer neuer Einigungsversuche immer weiter nach regionalen und Kasteninteressen zersplittern, durften zwischen 1977 und 1980 beweisen, daß sie es nicht schaffen.

Indira Gandhi aber versuchte zuletzt mit Gewalt und Korruption, die 22 auseinanderstrebenden Bundesstaaten der

Union zusammenzuhalten. Damit hat sie Indiens Selbstzerfleischung oft noch vorangetrieben.

»Alles zerfällt«, charakterisierte der kommunistische Abgeordnete Gupta im Parlament von Neu-Delhi vor kurzem die Lage im Lande und meinte damit nicht nur den Bürgerkrieg zwischen der Sikh-Minderheit und der Hindu-Mehrheit, sondern eine allindische Krankheit: Das moderne Indien ist eine mörderische Gesellschaft geworden.

Im Juni brannten Slums von Bombay, weil nationalistische Hindu-Schlägerbanden junge Moslems provoziert hatten. 300 Menschen kamen um.

In Assam und den sechs umliegenden nordöstlichen Provinzen schwelt seit Jahren ein bürgerkriegsähnlicher Brand, weil hinduistische Assamesen die Moslems aus Bangladesch vertreiben wollen. Als Indira Gandhi im vergangenen Frühjahr auf Regionalwahlen bestand, die womöglich die Zuwanderer begünstigt hätten, schlugen Assams Nationalisten zurück und metzelten zwischen drei- und fünftausend Fremde nieder.

Und in den anderen Bundesstaaten »sind Polizeibrutalität und Foltern an der Tagesordnung«, urteilte Amnesty International in ihrem Jahresbericht.

Die erstaunlichen Gewaltstatistiken, der alltägliche Mord - dies alles deprimiert auch die intellektuelle Elite der Nation. Unregierbarkeit ist ein allzu feines Wort für das indische Syndrom: »Ein Land, dessen Führer 2000 Jahre lang vornehmlich darüber diskutiert haben, ob sie ihre Nahrung mit der linken oder mit der rechten Hand zu Munde führen sollen, ob Wasser von rechts oder von links gereicht werden soll, ein solches Land muß vor die Hunde gehen« - so der Hindu-Gelehrte Swami Vivekananda.

In der Glaubenslehre unbegrenzt - jeder der 600 Millionen Hindus kann zu Wischnu, dem Welterretter, zu Schiwa, dem Welterhalter und -zerstörer, zu allen beiden, zu Hunderten oder zu gar keinen Göttern beten -, hat der Hinduismus das tägliche Leben perfekt reglementiert. Indien wird geordnet durch ein System der »Unterdrückung und Verfemung, das kaum eine Parallele in der Geschichte hat«, so der Nationalökonom Subhaju Dasgupta - durch das Kastenwesen.

Noch heute gilt für Indien, was Max Weber Anfang des Jahrhunderts formulierte: »Es ist ein Land der denkbar unerschütterlichsten geburtsständischen Gliederung.« Die Kasten, von dem französischen Missionar Abbe Dubois einst als »Meisterwerk und schönste Leistung der Hindu-Gesetzgebung« gepriesen,

hat der Hindu-Heilige Vivekananda schon zu Beginn des Jahrhunderts als Fluch beklagt: »Ein Land, wo Millionen Brahmanen das Blut der Armen saugen, ist das ein Land oder die Hölle? Ist das eine Religion oder ein Teufelstanz?«

Indes ertragen die meisten Hindus ihr System mit fatalistischer Gelassenheit.

»Wir leben in der Kali-Juga«, dem Zeitalter der Finsternis, das 432 000 Jahre dauere, sagt zum Beispiel ein Heiliger namens Baba in einer Felshöhle bei Benares, »der Mensch kann da nichts machen und nichts ändern.« Was kommt, ist Teil seines Karmas, des selbst verursachten Schicksals.

Als Trost für irdischen Jammer winkt dem Hindu die Wiedergeburt, das nächste Leben, das um so schöner wird, je gefügiger er sein Karma hingenommen hat - durch strikte Befolgung des Dharma, des rechten Weges. Nach einer Kette von unendlich vielen Leben gelangt der normale Gläubige ans Ziel, die Verschmelzung mit Gott. Brahmanen steigen wegen ihrer hohen Geburt schneller zum Heil auf, die kastenlosen Haridschans, die Unberührbaren, überhaupt nicht.

Die »protestantische Arbeitsethik« (Max Weber), angeblich ein Impuls der kapitalistischen Entwicklung Mitteleuropas, erschiene in solchem religiösen Weltbild wie seltsame Verhaltensnormen eines Unwissenden.

Viel hat sich im Umgang der 3000 Kasten miteinander auch im modernen Indien nicht geändert. Zwar gibt es heute reiche Haridschans und arme Brahmanen, zwar gibt es per Verfassung eine Quote von Haridschan-Beamten und -Abgeordneten, doch noch immer behandeln höhere Kasten die Haridschans wie Aussätzige. Auf den Dörfern werden sie noch heute schwer bestraft, bisweilen getötet, wenn sie es gewagt haben, aus dem Brunnen eines Brahmanen zu trinken.

Und selbst die kastenlosen Haridschans haben noch ihre Unterklassen: Parias, die für andere Parias die Wäsche waschen, werden deshalb von diesen verachtet. Sie müssen ihre Arbeit nachts verrichten und dürfen sich als absolut Unreine tagsüber nicht sehen lassen.

Gandhi wollte den Kastenlosen wenigstens den Zugang zu den Tempeln öffnen und ernannte sie deshalb zu »Kindern Gottes«, das ist die Bedeutung des Wortes Haridschan. Aus Solidarität mit ihnen reinigte er bei Gelegenheit die Latrinen von Bombay: Unvorstellbar wäre derlei aber für einen Nehru-Abkömmling.

So wie das Kastensystem fast unverrückbar weiter existiert, so hat sich unter

Indira Gandhi auch an der Stellung der indischen Frau wenig verändert. »Es gibt einige gebildete Frauen aus hohen Kasten oder alten Politikerfamilien wie den Nehrus«, urteilt Subhadra Butalia, Professorin in Neu-Delhi, »doch diese Stars verschleiern nur die schreckliche Situation der Durchschnittsfrauen.«

Früher wurden die Witwen auf dem Scheiterhaufen ihrer Ehemänner verbrannt, heute hat die Hindu-Gesellschaft in den Städten einen neuen Feuertod entwickelt: die Mitgiftmorde.

690 junge Frauen wurden allein 1983 in Neu-Delhi von ihren Ehemännern oder Schwiegereltern verbrannt, weil die Brauteltern die immer neuen Mitgiftforderungen nicht erfüllen konnten. »Ladies are for burning« - Frauen sind fürs Feuer da, kommentierte die Wochenzeitung »India Today« sarkastisch.

Mehr Schutz als die Menschen genießen dagegen Indiens Abermillionen Kühe. Denn für den Hindu ist »Go mata«, »Mutter Rind«, ein heiliges Wesen, das er nicht töten, dessen Fleisch er nicht essen darf. Für Mahatma Gandhi war die Kuh ein »Gedicht der Barmherzigkeit«, schließlich hat ein Rind, so heißt es in den Mythen, mit seiner Milch das Leben des verfolgten Krischna, eine Inkarnation des Weltbewahrers Wischnu, gerettet.

Kühe waren in Indien Anlaß für Unruhen und Kriege. Allein die Gerüchte über unreines Rinderfett führten zum blutigsten Ereignis der indischen Geschichte: Der Sepoy-Aufstand von 1857 gegen die Briten, der 300 000 Tote forderte, brach aus, weil die einheimischen Truppen der Ostindiengesellschaft fürchteten, ihre Patronenhülsen, die sie vor Gebrauch aufbeißen mußten, seien mit Rindertalg eingefettet.

Ein gutes Jahrhundert später ist die Armee in Indien nicht religiöser Rebellionsherd, sondern ein noch unberechenbarer Machtfaktor, der den schwachen Gandhi-Nachfolger Radschiw stürzen oder stützen kann.

Seit Indira Gandhi 1980 an die Macht zurückkehrte, war der Marschtritt indischer Armeestiefel immer häufiger und lauter in den Städten des Riesenreiches zu hören gewesen. Durchschnittlich jeden dritten Tag rückten in den vergangenen dreieinhalb Jahren Militäreinheiten aus, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

»Das ist äußerst gefährlich«, warnte kürzlich Generalleutnant Schriniwas Kumar Sinha, einer der bekanntesten indischen Armeeführer, »politisiert um Gottes willen nicht diese ebenso unpolitische wie disziplinierte und professionelle Armee.«

Sechs der ranghöchsten pensionierten Generale äußerten sich vor Indira Gandhis Ermordung gegenüber dem SPIEGEL besorgt über die Entwicklung. »Der Armee schmeckt es nicht, in die Unterdrückung ziviler Unruhen hineingezogen zu werden. Sie will nicht ihre eigenen Landsleute töten«, beschreibt Generalleutnant a. D. Dschagschit Singh Aurora die Stimmung beim Militär.

Doch die Generals-Warnungen aus der Pensionärsecke kommen wohl zu spät. Längst gehören patrouillierende Armee-Einheiten zum täglichen Erscheinungsbild an den Brennpunkten der indischen Innenpolitik:

In Haiderabad, dem Dauer-Unruheherd im Süden, gehören die olivgrün gekleideten Männer mit den Schnellfeuergewehren in der Armbeuge schon zum Straßenbild; im Norden marschieren sie durch Srinagar, die Hauptstadt des malerischen Himalaja-Staates Kaschmir; Bombay, das wirtschaftliche Zentrum im Westen Indiens, ist regelmäßig Schauplatz demonstrativer militärischer Präsenz, und nur 56 Kilometer von Bombay entfernt stehen in Bhiwandi, einem Zentrum indischer Handweberei, starke Truppenteile Gewehr bei Fuß.

Sogar der Schutz an Indiens einstmals so bedrohten Grenzen zu den früheren Kriegsgegnern und Dauerfeinden Pakistan und China wurde geschwächt, um Armee-Einheiten für den Einsatz im Landesinnern freizusetzen. Ein hoher aktiver Militärführer fürchtet denn auch, daß sich die indischen Streitkräfte im Grenzstaat Assam, wo in den vergangenen Jahren wiederholt Unruhen von Soldaten »befriedet« wurden, »wie in Feindesland bewegen müßten«, sollte es zu erneuten Spannungen mit China kommen.

Mehr gehaßt als geachtet werden indische Soldaten mittlerweile auch in Kaschmir und im Pandschab, in dem die Sikhs die Mehrheit bilden, die traditionell die besten Soldaten und das größte Offizierskontingent der Streitkräfte des Vielvölkerreiches stellen. »Die Armee war einmal eine vertrauenswürdige und bewunderte Institution«, beschreibt Soli Sorabdschi, einer der angesehensten Anwälte

des Landes, die Lage. »Das gilt heute nicht mehr.«

Die Verwandlung Indiens in eine Militärdiktatur würde das Gleichgewicht auf dem Subkontinent vollends ruinieren. Pakistan, ein alter Klient der USA, müßte sich bedrohter fühlen denn je zuvor von einem Land, dessen Armee sich mit sowjetischen Waffen eindeckt. Unter Indira Gandhi waren die Beziehungen Neu-Delhis zu Washington stetig abgekühlt.

Noch im vorigen März hatte die Ministerpräsidentin den sowjetischen Verteidigungsminister Ustinow mit geradezu überschwenglicher Freundlichkeit in ihrer Hauptstadt begrüßt. Der Sowjetmensch und die Inderin tauschten Komplimente und versicherten sich geradezu unermüdlich ihrer gegenseitigen Wertschätzung. Das Treffen gipfelte in der für Moskau angenehmen Klage Indira Gandhis, daß Indien keinerlei Rolle im weltpolitischen Konzept der USA spiele.

In ihren antiamerikanischen Ressentiments fühlte sie sich - und gewiß auch die Armee - bestätigt, als Anfang des Jahres die ersten hochwertigen F-16-Kampfflugzeuge aus den USA in Pakistan eintrafen.

Prompt ließ Indira Gandhi die bis dahin aussichtsreichen Gespräche über eine Normalisierung des indisch-pakistanischen Handels und des Reiseverkehrs einstellen und warnte, jeder militärische Aufmarsch an der Grenze werde eine indische Invasion nach sich ziehen.

Das Interesse der Sowjets an Indiens Zukunft signalisierte ein Propagandafeldzug Moskaus nach dem Attentat: Die »Zahlmeister« der Sikh-Terroristen säßen in Washington.

Als sich Ende voriger Woche 4000 Soldaten in Neu-Delhi darauf vorbereiteten, den zehn Kilometer langen Weg des Indira-Gandhi-Trauerzuges zu sichern, war die wahre Machtfrage Indiens trotz Radschiws Amtsantritt noch nicht gelöst.

An die Spitze des Zuges hatte das Protokoll Generalmajor J. S. Dschamwal gestellt, den Kommandeur der Garnison Neu-Delhi. Hinter ihm, im unschuldigen Weiß, Indiens Farbe der Trauer, sollte Radschiw, der Sohn und Premier, schreiten.

Als der weich wirkende Inder im September in Genf weilte und vor der Presse auftrat, fiel es den Journalisten schwer, sich den »herausgeputzten Sohn«, den »unsicheren und scheuen Radschiw an der Stelle seiner autoritären Mutter in der intrigenreichen Politik Indiens vorzustellen«.

Da steht er nun. In seiner ersten Radioansprache als Premier, wenige Stunden nach dem Mord, sagte er: »Nichts würde die Seele unserer geliebten Indira Gandhi mehr verletzen als der Ausbruch von Gewalt in irgendeinem Teil des Landes.«

Vor dem Sturm durch die Armee.

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