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Indien: »Notfalls bis zur physischen Gewalt«

Noch einmal hat Indiens Premier Indira Gandhi nach ihrer Rückkehr von einer Weltreise Minister, Abgeordnete und Militärs um eine Frist gebeten, in der die Westmächte und Pakistan eine politische Lösung des Bengalen-Problems versuchen sollten -- aber die Frist läuft ab, ohne daß etwas geschehen ist. Der Krieg, seit Wochen vorbereitet, seit Wochen vorhergesagt, ist für Indien nicht nur »nicht das Schlimmste« -- so Indira Gandhi selbst -, immer mehr erscheint er Indien als der einzige Ausweg einer lebensbedrohenden Krise, in die fast 10 Millionen Bengalen-Flüchtlinge den Subkontinent gebracht haben. Doch ein militärischer Sieg birgt auch Gefahren für Indien selbst -- es droht der Zerfall nicht nur Pakistans, sondern auch von Teilen der Indischen Union.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Krieg ist nicht das Schlimmste für uns«, schockierte Indiens Ministerpräsidentin Indira Gandhi auf ihrer jüngsten Weltreise Politiker und Journalisten.

Das Schlimmste ist für sie »die Bedrohung unserer Existenz« -- die Gefahren für Indien, die fast zehn Millionen mittellose Flüchtlinge aus Ostpakistan und die kostspielige Alarmbereitschaft der indischen Streitkräfte an den Grenzen des Riesenreichs heraufbeschwören.

Zwar mahnte Frau Gandhi letzte Woche bei der Eröffnung der Winter-Session des indischen Parlaments Abgeordnete und Militärs eindringlich. noch eine Zeitlang Geduld zu zeigen und abzuwarten, ob ihre Reise nicht doch noch initiativen für eine politische Lösung bringen werde, bevor es zum Krieg komme.

Das Parlament ließ sich nur schwer überreden, Politiker und Militärs in Neu-Delhi verlangten zumindest Ersatzhandlungen für den großen Schießkrieg.

Ihr Rezept: Die indische Armee sollte die bengalischen Guerillas »Mukti Bahini« so verstärken und unterstützen, daß sie zumindest einen Grenzstreifen Ostpakistans freikämpfen könnte. In dieses Gebiet sollten dann die Flüchtlinge zurückgeschickt werden.

Als Alternative gilt in Delhi eine Anerkennung der Exilregierung von Bangla Desch ("Bengalenland") sowie der Abschluß eines Freundschafts- und Beistandspaktes -- Bangla Desch könnte dann seine indischen Verbündeten auffordern, bei der Befreiung Bengalens zu helfen.

Beides würde früher oder später doch zum großen Krieg zwischen den feindlichen Nachbarn führen. Bei einer dramatischen Zuspitzung der Partisanen-Operationen dürfte Pakistan kaum davor zurückschrecken, über die Grenze hinweg Guerilla-Ausbildungslager anzugreifen -- wie es letzte Woche bei Schikarpur schon geschah. Indische Angriffe nach Ostbengalen würden den Krieg sofort auslösen.

Zu verhindern ist er offenbar ohnehin kaum mehr. Eine politische Lösung, wie sie Indira Gandhi durch Druck der Westmächte erhoffen mag, würde von Pakistan Zugeständnisse erfordern, die General-Staatschef Jahja Khan weder geben will noch kann.

Denn nur in ein autonomes. von dem als Hochverräter eingekerkerten Bengalenführer Mudschib-ur Rahman geführtes Bengalen würden die Flüchtlinge zurückkehren. Ihre Rückkehr aber ist für Indien eine Existenzfrage.

Mittlerweile fast zehn Millionen Bengalen -- es kommen noch immer Tausende täglich -, untergebracht in etwa 1000 Lagern entlang der indisch-ostpakistanischen Grenze, schaffen Spannungen, mit denen das Land einfach nicht mehr fertig werden kann.

Seit März hausen die Flüchtlinge in Schulen. Verwaltungsgebäuden, auf freiem Feld: Unterricht, Verwaltung und oft auch Ackerbau fallen für die einheimische Bevölkerung aus.

Indische Bengalen, zum großen Teil weit unter dem amtlichen Existenzminimum vegetierend, müssen mit wachsender Erbitterung zusehen, wie ihre pakistanischen Landsleute in den Lagern gratis ernährt und gekleidet werden.

Die Flüchtlinge, vom indischen Staat mit dem Notdürftigsten versorgt, bieten ihre Arbeitskraft für 50 Pfennig pro Tag feil und haben damit die Hungerlöhne im Grenzland noch gedrückt.

Trotz aller amtlich verordneten Zurückhaltung der indischen Zeitungen sickert aus dem für Ausländer inzwischen gesperrten Grenzgebiet durch daß verbitterte Einheimische bereits Flüchtlinge überfallen, daß die Spannungen unerträglich werden.

In den Lagern formieren sich militante linke Kampfgruppen, an der gesamten Grenze herrscht Anarchie. »Die Verantwortlichen rufen jeden Tag bei mir an -- aber was soll ich tun«, klagt Indira. »Die anderen Bundesstaaten weigern sich, Flüchtlinge aufzunehmen, weil sie fürchten, daß die Anarchie dann auch bei ihnen ausbricht.«

Im Grenzstaat Assam, aber auch in der Hauptstadt Neu-Delhi demonstrierten Hausfrauen gegen die Steigerung der Lebenshaltungskosten um 15 Prozent -- eine Folge der Flüchtlingskatastrophe.

Auf Dauer integrieren kann Indien zehn Millionen Flüchtlinge so oder so nicht. Schon den eigenen Zuwachs von 13 Millionen pro Jahr kann das Land kaum verkraften. In den Lagern wird deshalb bewußt weder Schule noch Berufsausbildung, weder Arbeit noch Anstellung geboten. »Wir wollen, daß sie sich nach Hause sehnen«, erklärt Kalkuttas Flüchtlings-Verantwortlicher Ex-Oberst Luthra.

Wären sie erst wieder zu Hause, dann könnte Indien auch auf die für das Land ruinöse Dauer-Alarmbereitschaft seiner fast eine Million Mann starken Streitkräfte verzichten. An 2000 Kilometer auseinanderliegenden Grenzen mi Osten, Norden und im Westen haben sich Indiens Divisionen seit nunmehr vier Wochen eingegraben.

Der Nachschub für das Heer und die Hilfssendungen für die Flüchtlingslager überlasten das unterentwickelte Transport-wesen des Landes derart, daß zum Beispiel die lebenswichtige Kohlezufuhr für die Industrie bereits beträchtlich eingeschränkt wurde. Im Stahlwerk Rourkela rechnet man mit Kurzarbeit in nächster Zeit, die für das Agrarland Indien lebensnotwendige Kunstdünger-Industrie hat die Produktion bereits eingeschränkt. In einigen Staaten ist Salz unerschwinglich geworden --

gibt keine Waggons für den Transport.

Aus all diesen Schwierigkeiten. so kalkuliert die Regierung in Neu-Delhi, kann nur ein Krieg herausführen. Ein Teil Ostbengalens könnte den vom Nachschub abgeschnittenen Pakistani -- Divisionen leicht entrissen werden. Die Flüchtlinge könnten unter indischer Schirmherrschaft wieder in ihr Land zurückkehren, notfalls auch zurückgetrieben werden, wobei man sich, so Regierungsfunktionäre, nicht scheuen würde, »bin an die Grenze physischer Gewalt« zu gehen.

So ist ein Krieg in indischer Sicht gegenwärtig wirklich nicht »das Schlimmste«. Die Gelegenheit scheint günstig.

Die indischen Streitkräfte sind den pakistanischen an Zahl und Material mehrfach überlegen. Der neue Verbündete Sowjet-Union gibt sichere Rückendeckung, während Pakistans Partner -- Indiens Angstgegner -- Peking erkennen ließ, daß China in einen solchen Krieg nicht eingreifen wolle.

Indien fühlt sich stark genug, dem Erbfeind Pakistan nach dem Remis im Krieg von 1965 eine endgültige Niederlage beizubringen, das verhaßte Pakistan zu zerschlagen.

Ein Sieg könnte aber auch für Indien zum Pyrrhussieg werden. Seine erstrebte Folge wäre ein freies Bangla Desch, das Beispiel der erfolgreichen Abtrennung einer Provinz vom Mutterland.

In Indien wie in Pakistan aber gibt es viele Bangla Deschs. Die meisten Provinzen der beiden Staaten wollen mehr Autonomie, einige -- wie Kaschmiris. Sikhs, Tamilen und die Nagas in Indien wie die Belutschis, Sindis und Pathanen in Pakistan -- streben nach Unabhängigkeit.

Am gefährdetsten jedoch wäre Indiens Westbengalen, eine der am dichtesten bevölkerten und elendsten Provinzen. Denn bereits seit Jahren wird sie von Aufständen bewaffneter Partisanen erschüttert. Und seit Jahrhunderten träumen die Bengalen in Indien wie in Pakistan von einem vereinigten bengalischen Großreich.

Resigniert räumte Indira Gandhi ein: »Wir haben mit Bengalen immer Schwierigkeiten gehabt, und wir werden mit Bengalen immer Schwierigkeiten haben.«

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