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Vietnam Inmitten der Trümmer

US-Präsident Nixon rechtfertigte die erneute Ausweitung des Vietnamkriegs mit der Sorge um die amerikanischen Kriegsgefangenen -- die aber könnten längst frei sein.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Kurz nach halb zehn stieß die erste Angriffswelle aus der tiefliegenden Wolkendecke auf die Stadt Thanh Hoa in Nordvietnam: 13 US-Jagdbomber vom Typ F-4 Phantom mit dem Auftrag, die für den Feind strategisch wichtige Hamrong-Brücke zu zerstören.

Die Brücke hielt stand. Dafür trafen die erstmals in Vietnam eingesetzten, durch Laserstrahl gesteuerten Bündel-Bomben -- im US-Militärjargon »smart bombs« genannt -- den gerade fertiggestellten Neubau des Provinz-Krankenhauses und den nahen Weiler Da Sy. Bilanz: 25 Tote, 35 Schwerverletzte.

Die Zivilisten starben, weil die Piloten »vermutete Radar- und Raketenstellungen, Flugplätze, Treibstoff- und Nachschublager« zerstören sollten; klare Ziel-Einweisungen hatten sie nicht.

Mit über 1000 Einsätzen in fünf Tagen -- dem bisher schwersten Luftangriff auf Nordvietnam seit dem Bombenstopp vom November 1968 -- sollten die Luftstreitkräfte zurückgewinnen. was den verbündeten Bodentruppen seit Mitte Dezember verlorenzugehen droht: die militärische Überlegenheit im Indochina-Krieg.

Nach Einbrüchen an den Fronten in Laos und Kambodscha fürchtet die durch den Truppen-Abzug inzwischen auf rund 157 000 Mann reduzierte US-Streitmacht, von einer neuen Groß-Offensive des Gegners überrascht zu werden.

Sie fürchtet aber auch die sinkende Kampfmoral in den eigenen Reihen. Nach dem jüngsten Bericht des amerikanischen Magazins »Saturday Review« wurden allein im Jahr 1970 etwa 45 US-Offiziere von ihren eigenen Leuten umgebracht, 363 weitere Anschläge mißlangen.

Als Gründe gibt das Magazin vor allem wachsende Rauschgiftsucht und die Furcht der Soldaten an, durch einen Einsatzbefehl »in letzter Minute« noch zu fallen: »Diese Anschläge gedeihen inmitten der Trümmer einer demoralisierten Armee.«

So fiel es dem US-Präsidenten Nixon schwer, sein Einverständnis mit der erneuten Eskalation des Vietnamkriegs vor dem nicht weniger kriegsmüden amerikanischen Volk zu rechtfertigen. Eine Woche nach der Luft-Offensive beteuerte er in einem Fernseh-Interview: »Ich hatte keine andere Wahl.«

Schuld an der Neubelebung des Bombenkriegs trägt laut Nixon allein »Nordvietnam. Hanoi habe sich wiederholt geweigert, seine amerikanischen Kriegsgefangenen gegen das Versprechen auf vollständigen Rückzug der Amerikaner freizugeben. Solange die Gefangenen nicht frei sind, »sehen sich die USA gezwungen, eine Resttruppe in Vietnam zu belassen und zu deren Schutz auch neue Bombenangriffe in Erwägung zu ziehen«. Freilich -- die Zahl der Kriegsgefangenen in Nordvietnam ist durch das Massen-Bombardement noch gestiegen, mindestens zehn Maschinen gingen verloren.

Nixon hofft offenbar, den Beifall der amerikanischen Rechten zu finden -- und wichtige Stimmen für die bevorstehende Präsidentenwahl, wenn er die Gefangenen freizubomben versucht. Denn das Schicksal der 470 namentlich bekannten Prisoners of War (POW) und der 1005 Vermißten scheint der Mehrheit der Amerikaner grausam und unverdient.

Phantastische Aktionen, wie der Versuch des Sängers Bing Crosby, die Gefangenen gegen Lösegeld freizukaufen, oder das mißglückte Kommando-Unternehmen im November 1970, sie mit Hubschraubern zu befreien, fanden in der amerikanischen Öffentlichkeit stets mehr Beifall als die auf Verhandlungen mit Hanoi drängenden Politiker in Washington.

Doch die zermürbende Wartezeit und die Zweifel an Nixons widerspruchsvoller Vietnam-Politik hat viele Amerikaner zur Vernunft gebracht. »Sie glauben, daß unsere Gefangenen niemals aus Hanoi herauskommen, wenn Nixon nicht abgewählt wird«, schrieb in der Silvester-Ausgabe der »Los Angeles Times« der Vater eines gefangenen Leutnants.

Die Frau des 1965 abgeschossenen Oberst Lawrence Guarino: »Wir sind da nicht rübergegangen, um den Krieg zu gewinnen, und wir gewinnen ihn jetzt auch nicht. Wenn wir einen Abzugstermin setzen müssen und ihn einhalten. dann sollten wir genau »das tun.«

In der amerikanischen Presse verstärkte sich nach Nixons Fernseh-Interview der Verdacht, auch die Gefangenen seien nur ein Vorwand, um den Abzug aus Vietnam mit Rücksicht auf das Saigoner Regime zu verschleppen. »Eine unglaublich zynische Politik«, nannte die »Washington Post« das angeblich von Nixon gestellte Junktim, Abzug gegen Gefangene. Die »New York Times« fand, man komme schwer um die Schlußfolgerung herum, »daß die Kriegsgefangenen nicht nur Gefangene Hanois, sondern auch Geiseln für die politischen Eigeninteressen der Präsidenten Thieu und Nixon sind«.

Präsidentschaftskandidat George McGovern, linker Demokrat aus South Dakota: »Es ist einfach nicht wahr, und der Präsident weiß es, daß unsere Unterhändler in Paris ... jemals die Frage des totalen amerikanischen Abzugs aus Indochina im Zusammenhang mit der Freilassung unserer Gefangenen diskutiert haben.«

McGovern, der im vergangenen Jahr in Vietnam war: »Die Administration hat ein politisches Interesse daran, die Bereitschaft der anderen Partei zur Freilassung aller US-Gefangenen im Austausch mit einem vollen amerikanischen Truppenabzug in Zweifel zu ziehen.«

Hanoi, nach Ansicht des Senators bereit, die Kriegsgefangenen ohne weitere Bedingungen freizulassen, erhöhte nach Nixons Bombenüberfall und Fernseh-Rede die Schwelle. Die Gefangenen -- so die Erklärung der nordvietnamesischen Delegation in Paris -- hätten schon am 31. Dezember 1971 frei sein können, wenn die USA zwei Bedingungen erfüllt hätten: den totalen Truppenabzug aus Indochina und die Beendigung jeder Hilfe für das Saigoner Regime.

Die harte Antwort aus Hanoi war für Richard Nixon Anlaß genug, um bei seiner Vietnam-Politik der Abschreckung zu bleiben. Außenminister Rogers am vorigen Mittwoch: »Wir werden darauf bestehen, daß unsere Truppen, zumindest in gewissem Ausmaß, in Vietnam bleiben, bis wir alle Möglichkeiten erschöpft haben, die Kriegsgefangenen freizubekommen.«

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