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Briefe

INNERE MISSION
aus DER SPIEGEL 10/1963

INNERE MISSION

Schon vor Jahren sagte Professor Dr. Hans-Joachim Kraus: »Antisemitismus? Den ersten Antisemitismus hat das Christentum hervorgebracht... Wir Christen stehen vor einer Revision unserer Geschichtsauffassung. Und unsere Gewissenserforschung wird uns auch keiner abnehmen.« Die Bemühungen dieses Mannes und seiner Gesinnungsfreunde können als Phänomen evangelischer Besinnung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ob sich freilich der gewünschte Erfolg einstellen wird, bleibt abzuwarten. Denn: Die mystische Frage, ob »Israel noch heute Gottes geliebter Sohn sei«, erfreut sich bestimmt keiner großen Aktualität.

Ulm (Donau)

ALFRED Moos

So notwendig die Arbeiten von Kraus und Goldschmidt über bestimmte antisemitische Komponenten innerhalb der christlichen Konfessionen sind, schränkt jedoch ihre überwiegend theologische Fragestellung ihre Wirkung ein. Das ist um so mehr zu bedauern, als auch dieses Kapitel recht wichtig für die Klärung und Feststellung jener Faktoren ist, die den Nazismus ermöglichten. Wird die Diskussion aber unter dem Aspekt geführt, daß ein Volk

- ganz gleich, ob es sich um das jüdische,

deutsche oder ein anderes handelt - ein von Gott auserwähltes sei, dürften ihre Untersuchungen in der Öffentlichkeit auf Desinteresse bis Ablehnung stoßen.

Berlin

F. URSEL LEUE

Wenn es auch zwischenzeitlich eine Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit gibt, so ist das Vorhaben der beiden Wissenschaftler Kraus und Goldschmidt doch löblich. Ist es doch dazu angetan, fromme Christen auf den Weg rechter Toleranz zurückzuführen, wie sie Jesus wohl selbst verstanden hat.

Es sieht aber so aus, als ob der ganze Nazi-Antisemitismus, wenn nicht entschuldigt, so doch auf eine christliche Herkunft zurückgeführt werden sollte oder könnte, und das will ich fast nicht glauben. Andere protestantische Staaten müßten dann ja auch einen Antisemitismus ähnlicher Prägung hervorgebracht haben.

Feucht (Bayern)

PORST SIMON

Seit der Zerstörung Jerusalems sind bald 2000 Jahre vergangen. Bald 2000 Jahre lebt nun dieses Volk, über die ganze Erde zerstreut, immer wieder verfolgt und gemordet. Es überlebte die Gettos des Mittelalters und die Gaskammern des Dritten Reiches, ging und geht nicht auf in den anderen Völkern, es bleibt. Kein Wissenschaftler kann diese Tatsache erklären. Gott zürnt nicht ewig. Durch Hitler hat er sein Volk heimgeführt. Gäbe es heute einen Staat Israel ohne Hitler? So ist das jüdische Volk das permanente Wunder der Weltgeschichte und wird es bleiben, weil geschrieben steht: »Dieses Volk wird nicht vergehen, bis das alles geschehen ist.«

Hannover

DR. H. SCHOLZ

Ich wurde von den Nazis wegen meiner Einstellung zum Judentum verfolgt und darf deswegen meiner Sorge Ausdruck geben, daß das Wirken der kirchen-offiziösen Arbeitsgemeinschaft »Juden und Christen« keine Versöhnung, sondern im Gegenteil neuen Haß hervorbringt; denn wer behauptet, »daß die Juden, trotz der Kreuzigung Jesu, Gottes auserwähltes Volk geblieben seien«, daß »Gott einen ewigen Bund mit Israel geschlossen« habe, der wirkt bewußt provozierend.

Wer war denn dieser Gott, der den Bund angeblich geschlossen hat? Nicht der Gott der Christen, sondern der aus der Phantasie der Israeliten hervorgebrachte Gott Jahve, eine anthropomorphistische Gestalt der polytheistischen Phantasie des Moses, die sich von der Vorstellung, die Jesus von Gott hatte, so stark unterscheidet wie der Tag von der Nacht.

Witten (Ruhr)

HUGO KRAUSHAAR

»Wer den Juden antastet, hebt die Hand auf gegen den Juden Jesus von Nazareth«? Bei allem schlechten Gewissen der »Evangelisten« - derart prosemitische Thesen fördern gerade das Gegenteil. »Lügen, fluchen, lästern, speien, morden, stehlen, rauben, wuchern, spotten ...« sind eben nicht nur jüdische Eigenschaften. Wien

KÄTHE BREINDL

Spätestens seit dem Eichmann-Prozeß hat es sich in Deutschland herumgesprochen, daß es auch viele evangelische Geistliche gegeben hat, die sich von Anfang an gegen den Rassenwahn der Nazis geäußert haben und die den Verfolgten ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit Hilfe geleistet haben, so der Prälat D. Maass, Propst D. Grüber und Pfarrer Sylten.

Letzterer ist im Konzentrationslager Dachau ermordet worden. Maass hat jahrelang in einem Straflager der Organisation Todt zubringen müssen. Von Grüber sagte der Generalstaatsanwalt Hausner im Eichmann-Prozeß: »Es gab Beispiele von persönlichem Heldenmut wie jener Pfarrer Grüber, der von Eichmann wegen seines offenen Eintretens für die Juden ins Konzentrationslager geschickt wurde; um die Aussage von Grüber in ihrer ganzen moralischen Bedeutung zu beurteilen, bedarf es eines Propheten.«

San Francisco

ALFRED ZIRKA

Die Römer haben Christus gekreuzigt. Die Kreuzigung war eine römische und keine jüdische Todesstrafe. Die Juden haben Christus bei den Römern, den Herrschern des Landes, angeklagt - ein Vergehen, zu dessen Beurteilung uns die Einsicht in die damaligen Verhältnisse fehlt.

Ferner darf wohl darauf hingewiesen werden, daß sowohl die »Deutschen« als auch die »Juden« in ihrem heutigen Bestand eine Mischrasse sind. Man hat doch gesehen, was für Komplikationen die Nürnberger Judengesetze schufen und welche verzwickten Kommentare notwendig waren. Wenn also logisch gehaßt werden soll: Wer soll wen hassen?

Düsseldorf

G. BEN

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