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Briefe

Inquisitorische Vollstrecker
aus DER SPIEGEL 40/1988

Inquisitorische Vollstrecker

(Nr. 38/1988, SPIEGEL-Titel: Hexenjagd in Bayern - Der Abtreibungsprozeß von Memmingen) *

Wir verlangen eine »angemessene Darbietung« von Produkten und versinken in Bergen von Verpackungsmüll. Wir verklappen unseren Fortschritt im Meer und empören uns über die Vernichtung der Lebensgrundlage Wasser. Wir produzieren Kinder und werfen sie auf den Müll. Wann merken wir endlich, daß die Lösung solcher »Probleme« nicht in der Beseitigung der Endprodukte liegt, sondern im Vermeiden der Entstehung? Bonn ULRICH SCHÜLING

Die Damen und Herren sollten sich erst mal über den Mord an geborenen Kindern aufregen. Da hätten sie genug zu tun. Wächtersbach (Hessen) K. ERENFRITH ULBRICH

Wer sind sie denn, diese so selbstgerechten Gegner der Abtreibung? Es sind ganz überwiegend Menschen, die nie in die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft kommen können, also auch nie die schwere Entscheidung eines Abbruchs fällen müssen, mithin auch nie dafür bestraft werden können - nämlich vor allem Männer, und dazu einige Frauen jenseits des gebärfähigen Alters. Und so entpuppen sich ihre hehren Ziele bei genauerem Hinsehen als eine Mischung aus Verdrängungen, Schuldprojektionen und Neid - exakt wie seinerzeit bei der Hexenverfolgung. Königstein (Hessen) DIETRICH FREIHERR VON LOE

Wer den Freistaat Bayern in seinen inquisitorischen Strukturen verstehen lernen will, der muß sich mit der Kriminalgeschichte des Christentums befassen. Vieles wird dann dem einzelnen verständlicher: der messianische Machtanspruch der bayrischen Politiker mit seinen radikalen Konsequenzen; die einstige Entwicklung des Nationalsozialismus auf bayrischem Boden. München ERWIN M. LEICHTL

Die globusweite Sperma-Anbetung geht allein zu Lasten aller Frauen dieser Erde und stellt eine weitere üble Variante der Umweltverschmutzung durch das Wesen Mann dar. Rosenheim (Bayern) MARGIT HUBER

Ihr Abtreibungsbefürworter, werdet im nächsten Leben zu Würmern im Kot. Diesesheim (Bad.-Württ.) G. LIMBACH

Gott schütze den Rest der Welt vor den schwarzen Inquisitoren! Hamburg ESTHER DÖRING

Robbenbabys haben bei Ihnen offensichtlich eine bessere Lobby als ungeborene Kinder. Leipheim DR. MED. H. KUCZEWSKI _(Bei einer Demonstration gegen den ) _(Abtreibungsprozeß in Memmingen. )

Ihr Bericht ist polemisch, tendenziös, aufwieglerisch. In diesem Artikel wird zum großen Halali gegen die staatserhaltende Ordnung geblasen und die Pressefreiheit eklatant mißbraucht. Saarbrücken JUTTA RUPP

Eine Berichterstattung, die verkennt, daß es sich bei jeder Abtreibung um das Töten ungeborenen menschlichen Lebens handelt, kommt zwangsläufig zu falschen Schlußfolgerungen. Wie anders ließe es sich erklären, daß Sie schließlich die bayrische Politik im allgemeinen und die Memminger Justizpraxis im besonderen anprangern, austatt die Frage nach dem politischen und persönlichen Verantwortungsbewußtsein für die Ungeborenen aufzuwerfen?! Wem ist denn - nicht nur in Memmingen - letztlich Unrecht geschehen? Gießen MICHAEL UNGER, Medizinstudent CHRISTINE UNGER, Medizinstudentin

Als katholischer Christ stehe ich der Abtreibung ablehnend gegenüber. Das ist in allererster Linie eine Sache, die die betreffenden Partner vor Gott verantworten müssen und nicht vor reaktionären Krähen in schwarzen Roben, die laut und groß von ungeborenem Leben tönen, sich aber gleichzeitig einen Dreck um das geborene Leben kümmern. Markgröningen (Bad.-Württ.) HERMANN ROSER

Bayern als Urlaubsziel ist ab sofort für mich und meine Bekannten (viele!) gestorben. Essen WALTRAUT VOGT

Ich war schon immer davon überzeugt, daß in Bayern nicht alle Tassen im Schrank sind. Kinderlose Witwen sollten Dinge, von denen sie keine Ahnung noch Erfahrung haben, nicht beurteilen und sich heraushalten. Sogenannte christliche Männer sollten, ehe sie nach mehr Lebensquantität schreien, erst mal für mehr Lebensqualität der künftigen Generationen sorgen. Doch ihr Horizont scheint begrenzt. Masburg (Rhld.-Pf.). HELGA HOFFMANN

Wann endlich macht die internationale Menschenrechtskommission die Vorgänge in Bayern zum Gegenstand ihrer Untersuchungen? Hamburg ANDREAS SCHREITER

Seit geraumer Zeit trage ich mich mit dem Gedanken, einen »Kampfverband zur Befreiung Bayerns« zu gründen. Gelsenkirchen DETLEF MARWIG

Die Herrschenden fürchten, daß dem sterbenden Volk künftig die Arbeitskräfte und Soldaten ausgehen. Aus dem gleichen Grunde wurden im Mittelalter in dem durch Seuchen und Pest dezimierten Europa die Hebammen und weisen Frauen, die um die Mittel der Empfängnisverhütung wußten, als Hexen gefoltert und verbrannt. Mainz KURT SCHMENGLER

Frauen, laßt euch in diesem christlich versumpften Bayern doch nicht alles gefallen. Tretet aus der Kirche aus. Mit der gesparten Steuer könnt ihr eure Strafe bezahlen. Und wählt jüngere Frauen einer anderen Partei, denen nicht ein schwarzes Brett vor dem Hirn klebt, wenn sie Blut und Schmerzen einer sich in Not befindenden Frau wittern. Ihr

werdet sehen, wie schnell die konservativ verbohrten Machthaber umdenken, wenn Geld und politische Ämter schwinden. München BEATRICE ALGER

Jede Abtreibung entfernt die Menschen von einer humanen Zukunft. Bergheim (Nrdrh.-Westf.) THOMAS MOCK

Den Bastard Bayern (bayrischer Landtag lehnt 1949 Grundgesetz ab) hätte man rechtzeitig und ohne jegliche Indikation abtreiben sollen. Mannheim VOLKER BREITENMOSER

Ist ein Arzt, der Menschen tötet, überhaupt noch ein Mensch? Ist unsere Gesellschaft, die Abtreibungen am laufenden Band produziert, überhaupt noch menschlich? Düsseldorf RENATA LEUFFEN

Es ist unzulässig, mich mit den Kampfparolen aus der Europäischen Ärzteaktion in irgendeinen Zusammenhang zu bringen. Vielmehr habe ich mich von ihnen - wie auch von dem Auschwitz-Vergleich - immer ferngehalten beziehungsweise öffentlich distanziert. Ich für mein Teil sage ja nicht nur zum Wohl-Leben, sondern ja zum ganzen Leben, selbst zu den Schmerzen und Leiden der Behinderung. Und für mich bedeutet »zum Arzt gehen« immer noch: die absolute Sicherheit geboten zu bekommen vor bewußter und überlegter Tötung, wenn derzeit auch ungefähr ein Prozent der Ärzte in der Bundesrepublik alljährlich mehr Menschenleben beenden (von 1975 bis 1987 mehr als drei Millionen!) als die anderen 99 Prozent im gleichen Zeitraum zu erhalten in der Lage sind. Jene »Helfer« sind zu den gefährlichsten Menschen im Lande geworden. Keiner der im Mutterleib heranwachsenden Menschen kann sich auf sie verlassen. München DR. ERNST TH. MAYER Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesärztekammer

Frau Süssmuth, Herr Geißler, die Liberalen, die Roten, die Grünen, die Herren Bundesverfassungsrichter, die SPIEGEL-Redakteure und alle Befürworter der Abtreibung, sprich Tötung, wären in das Feuer russischer Maschinenpistolen und Panzer zu wünschen, weil durch die permanente eigene und vitale Bedrohung die Achtung vor dem Leben, auch sicher dem des Ungeborenen, steigen würde. Zell (Rhld.-Pf.) DR. MED. J. KEUTHEN

Von »Mord« im Mutterleib wird gesprochen, von einem Holocaust der ungeborenen Kinder gar. Meine Frage: Warum verurteilen nicht gerade die Kirchenleute die Tötung im Krieg als Mord? Ludwigshafen INGEBORG RÖSSING

Dr. Theissen meine Hochachtung! Er verdient als einziger in diesem Ärgernis das Prädikat christlich-sozial. Berlin REINER KURZ

Ich würde Dr. Theissen gern für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen: Er beweist, was der Strauß-Tochter so leichtfertig bescheinigt wurde - soziales Engagement. Grenzach-Wyhlen (Bad.-Württ.) INES NEUMANN

»Schwarzbraun ist die Haselnuß ... »leider nicht nur die. Bremen I. ALFKEN

Bin gespannt, wann in Bayern die zweifelsohne rechtsstaatlich bewährten Mutterkreuze wieder eingeführt werden. Höxter (Nrdrh.-Westf.) KARL-HEINZ GRIMME

Für die, die finanziell helfen können und wollen: Memminger Frauen e. V., Kennwort » 218-Frauen in Not«, Kontonummer: 521 418 (BLZ: 713 607 44), Raiffeisenbank Memmingen. Stuttgart ULRIKE LANGE

Ich bin mir fast sicher, daß auch die Mehrheit der Memminger Abtreibungsangeklagten CSU wählt - und weiter wählen wird! München MARTIN THAU

Nach wie vor ist Abtreibung Mord! Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten. Mönchengladbach WALTER SUHRLAND Prediger

Sehr geehrte Frau Staatsministerin, im SPIEGEL las ich, daß Sie es für sinnvoll hielten, daß Personen, die aus der Kirche ausgetreten sind, im Kirchenblatt öffentlich erfaßt werden. Hier ist meine Anschrift zur Veröffentlichung, wo immer

Sie wollen, am liebsten an jeder Litfaßsäule. Ich lege Wert darauf, daß bekannt ist, daß ich stolz darauf bin, nicht mehr zu denen zu gehören. 8000 München 70 INGRID FANINGER Guardinistraße 69

Die strafrechtliche Absicherung von werdendem Leben, das entscheidend erst durch den Glauben seine wertmäßige Ranggleichheit mit dem schon geborenen Menschenleben erhält, erhebt die religiösen Auffassungen pluraler Gruppen faktisch zur Staatsreligion und ist daher unter mehreren Gesichtspunkten verfassungswidrig. Der Staat hat keine metaphysische Lehrkompetenz mehr. »Die Metaphysik des Staates ist tot« (Dibelius). Die Obrigkeit rekrutiert sich aus Mandataren für das konkrete politische Management, nicht aus kirchlichen Glaubensverwaltern und ihren inquisitorischen Moralvollstreckern. Gaiberg Bad.-Württ.) GOTTFRIED LEMBERG Rechtsanwalt *KASTEN

BRIEFE

Allah weiß es besser *

In Bayern versucht man manches gehen zu machen, was faktisch weder in Bayern noch anderswo gehen kann, so die Eliminierung der Abtreibung.

Natürlich ist das Austragen einer Schwangerschaft eine Sache der Frau und der Paragraph 218 eine schlimme Sache überhaupt. Solange noch Kinder in den letzten Monaten durch Zerstückelung abgetrieben werden oder die Landessprecherin einer Partei, der es in ihrem zentralen Anliegen um das Leben geht, in öffentlicher Versammlung in aller Unbefangenheit und gleichsam programmatisch verkündet, sie selbst habe dreimal abgetrieben, solange steht es so und so schlecht um das emanzipatorische Gewissen der Bundesbürger. Aber Abtreibung, Sterbehilfe, Notwehr oder Nothilfe bleiben stets und von Fall zu Fall immer wieder Gewissensfragen und Gewissensentscheidungen.

Die hier zur Diskussion stehende Problematik kann in ihrem eigentlichen Kern nicht durch mehr oder weniger Gesetze und Gerichtsurteile angegangen und gelöst werden, sondern letztlich nur durch schlechthin mehr Gewissen. Und das ist die Frage eines differenzierten Erziehungs- und Bildungswesens wie eines ebenso differenzierten Präventions- und Rehabilitationswesens. Aber ein Volk hat dieI Erziehung und Bildung, die es verdient, und dementsprechend sieht es in der Bundesrepublik aus.

Den bayrischen Richtern möchte ich an dieser Stelle mehr eigenes Gewissen und mehr Sensibilität für das Gewissen der Angeklagten wünschen als Paragraphenkenntnis und schlaue Paragrapheninterpretation. Man sollte bei dieser Gelegenheit den bundesdeutschen Richtern überhaupt eine solche Sensibilisierung wünschen, besonders auch dann, wenn sie im »Namen des Volkes« Recht sprechen, ohne sich jeweils gefragt zu haben, ob das Volk es wirklich so will. Auch dann, wenn dieses Volk es nicht verdient hat.

Die Richter in Bayern wie anderswo, bei diesen Prozessen wie bei anderen täten gut daran, sich die Bescheidenheit und die Gepflogenheit der alten Türken vor Augen zu halten. Wenn diese ein Gerichtsurteil formuliert und unterzeichnet hatten, schrieben sie zuletzt darunter den Satz: Allah weiß es besser. Frankfurt PROF. DR. WILHELM KOSSE Psychoanalytiker, Erziehungswissenschaftler Universität Frankfurt

BRIEFE

Elegant gestreichelt

(Nr. 36/1988, Personalien: Zitate; Nr. 38/1988, Leserbriefe) *

Herr Dr. Joseph Greil in Nürnberg ist ein aufmerksamer Leser. Was Ministerpräsident Engholm auf dem SPD-Parteitag gesagt hat, nämlich: »Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muß anders werden, wenn es besser werden soll«, ist tatsächlich ein Zitat von Lichtenberg. Eben dies hat Björn Engholm auch gesagt; er hat - wie ich selbst an Ort und Stelle vernommen habe - an das Zitat den Namen Lichtenberg angefügt. Da man aber Anführungsstriche und Klammern nicht mitsprechen kann, wußten offenbar Berichterstatter nichts mit diesem Wort anzufangen und haben es schlicht weggelassen. Es schmeichelt der Landesregierung, daß man ihrem Vorsitzenden die elegante Formulierung des großen Philosophen zutraut. PROF.DR.HANS PETER BULL Innenminister des Landes Schleswig-Holstein

BRIEFE

Noch mehr?

(Nr. 38/1988, Manager: Schöne Zustände für die Vorstände) *

Ihre Ausführungen über meine damaligen Bezüge bei der Puma AG sind unvollständig, weil ich weitere Einkünfte aus anderen Vertragsverhältnissen hatte. Daß meine Leistungen nicht den Erwartungen entsprachen, ist mir neu. Der Grund für mein Ausscheiden aus dem Aufsichtsrat der Puma AG, dessen Vorsitzender ich war, lag vielmehr in wesentlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Hauptaktionär, Herrn Armin Dassler, und mir über die Fortführbarkeit des Unternehmens. Ich war damals der Meinung, daß die unternehmerische

Führung in andere Hände gelegt werden sollte. Nach der Bestellung von Herrn Emcke als Berater habe ich auf der darauffolgenden Aufsichtsratssitzung im Juli 1987 mein Mandat niederlegen wollen. Auf Bitten des Aufsichtsrates, dem auch die beiden Stammaktionäre Armin und Gerd Dassler angehörten, sowie von Herrn Emcke habe ich mich bereit erklärt, das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden bis zur Beendigung der anstehenden Hauptversammlung wahrzunehmen und die Hauptversammlung zu leiten. Hamburg VINZENZ GROTHGAR

BRIEFE

Von der Sowjet-Union lernen

(Nr. 37/1988, Sowjet-Union: Breschnews Schwiegersohn vor Gericht) *

Der Nachholbedarf der unterentwickelten östlichen Politstrukturen gegenüber unserem westlichen fortschrittlichen Management ist offensichtlich groß. Wofür der Rechtskatalog nach östlichem Politikverständnis Herrn Tschurbanow mit dem Tode bedroht, führt nach bundesdeutschem Politikverständnis allenfalls zu einer Frühpension. Wenn der Vermögensbildende es vermeidet, die Allgemeinheit durch Mißbrauch von Hoheitsrechten zu schädigen, wenn er vielmehr als Funktionär der Großindustrie Mittel und Wege gefunden hat, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, so sind seine Ergebnisse kaum durch den Rechtsstaat gefährdet. Seine Karriere wird in der Regel sogar begünstigt. Der Rechtsstaat ist indessen stärker auf die Ahndung von Hühnerdieben festgelegt. Rodgau (Hessen) LUDWIG HEBERER

Bei einer Demonstration gegen den Abtreibungsprozeß in Memmingen.

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