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STAATSSEKRETÄRE Ins Geschirr

Aus Enttäuschung über die notleidende Bildungspolitik und wegen Ärger mit Kollegen verläßt Wissenschafts-Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher Bonn. Sie will die FDP für die Wahl 1973 aufbauen.
aus DER SPIEGEL 52/1971

Hildegard Hamm-Brücher mag ihre Doppelrolle nicht länger spielen: »Ich kann doch nicht unten den Maier in die Pfanne hauen und oben in kooperativem Föderalismus machen.«

Die streitbare Bildungspolitikerin, die als FDP-Abgeordnete im bayrischen Landtag den konservativen Kultusminister Hans Maier befehdet und als beamtete Staatssekretärin im Bonner Wissenschaftsministerium parteipolitische Zurückhaltung üben muß, hat sich für »unten« entschieden: Im Mai des nächsten Jahres, 17 Monate vor Ende der Legislaturperiode, wird sie den parteilosen Minister Hans Leussink verlassen und sich nach München zurückziehen. Bonns erste Bildungsdame stöhnte: »Es ist die schwerste Entscheidung meines Lebens.«

Mit ihrem Entschluß kommt die Kulturpolitikerin jenen FDP-Strategen entgegen, die, wie Bundesgeschäftsführer Karl-Hermann Flach, die liberalen Positionen in der Provinz festigen wollen und für den Bundestagswahlkampf 1973 nach Profilierungschancen im Bildungsbereich suchen. Denn die Schulexpertin Hamm-Brücher gilt nicht nur als »der bildungspolitische Markenartikel« (Flach) der Freidemokraten, sie ist zugleich auch ihre erfolgreichste Wahlkämpferin.

So hob die Bonner-Staatssekretärin bei der bayrischen Landtagswahl im vergangenen Jahr ihre Partei in Mittelfranken über die Zehn-Prozent-Hürde. Die FDP kehrte wider alle Voraussagen in das Münchner Parlament zurück. Eine Aufschlüsselung der Voten ergab: Von den rund 205 000 FDP-Stimmen wurden mehr als die Hälfte von der Gesamtschul-Propagandistin gewonnen.

Rechtzeitig vor der Bundeswahl 1973 hofft Frau Hamm-Brücher, für ihre Partei »noch mehr ins Geschirr gehen« zu können.

Noch vor einem Jahr, nach ihrem Wahlsieg in Bayern, schreckte die engagierte Liberale vor einem totalen Rückzug nach München zurück: »Da sitze ich dann, wie schon 16 Jahre lang, im Maximilianeum und ärgere mich mit einem Herrn Maier herum.« Inzwischen aber brachte auch der Bonner Posten Ärger.

Schon seit Monaten reibt sie sich mit ihrem Staatssekretärs-Kollegen von der SPD, Klaus von Dohnanyi, der die Arbeit der Freidemokratin argwöhnisch beobachtet. Nicht selten verstrickten sich die beiden extravaganten Bildungspolitiker in erbitterte Händel um Kleinkram und Prestige. Doch vor allem die kaum meßbaren Fortschritte in der Bildungspolitik ließen die Ministergehilfin resignieren.

Seit sich ihr Dienstherr Leussink in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung von den CDU-Kultusministern Kompromisse bei der Schul- und Hochschulreform abhandeln und sich im Bundeskabinett eine Planungsreserve von 456 Millionen Mark streichen ließ, sieht die sonst eher optimistische Frau Hamm-Brücher für die Bonner Bildungspolitik schwarz: »Auf dieser Schiene läuft erst mal nichts mehr. Ich könnte jetzt nur noch dasitzen und einen guten Eindruck machen.«

Ihrer Bonner Pflichten ledig, will die Arztfrau das müde Häuflein der zehn FDP-Abgeordneten im bayrischen Parlament aufmuntern. Ob sie freilich den 72jährigen Fraktionsvorsitzenden Otto Bezold, der bei Parteiversammlungen gelegentlich einnickt, ablösen oder sich auf den freidemokratischen Landesverband konzentrieren wird, ist noch ungewiß.

Gewiß ist vorerst nur, daß sie schon im nächsten Jahr ihre »Lieblingsidee« verwirklichen wird: Sie will bis 1973 überparteiliche Bürger-Initiativen gründen, die in den Bundestagswahlen dann Wählerstimmen für das Überleben der Freien Demokraten und der sozialliberalen Koalition mobilisieren sollen.

FDP-Flach ist's zufrieden: »Nur wenn sie sich aus der Abhängigkeit einer beamteten Staatssekretärin freischwimmt, kann sie uns politisch wirksam vertreten.«

Nach einem erfolgreichen Wahlkampf und der dann »hoffentlich überwundenen Bildungsflaute« hält Hildegard Hamm-Brücher eine Rückkehr nach Bonn nicht mehr für ausgeschlossen: »Ich glaube ehrlich nicht, daß dies mein endgültiger Abschied von Bonn ist.«

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