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KREDITSKANDAL Ins Grab genommen

aus DER SPIEGEL 52/1950

Sie müssen sich darüber klar sein, daß ich Sie als Inhaber von elf Firmen unter allen Umständen zur Strecke bringe.«

Das kündigte Stuttgarts Kriminal-Oberkommissar George dem Millionen-verschuldeten Unternehmer Willy Bürkle schon vor Wochen an. Er hat ihn bis heute noch nicht festgenagelt, denn noch immer ist ungeklärt, wie es im einzelnen möglich war, daß Bürkle innerhalb von zwei Jahren 7,87 Millionen DM Kredite von der Stuttgarter Girokasse einsteckte, die er nie mehr zurückzahlen kann.

»Bürkle hat diese Kredite einfach erpreßt«, sagt der heute verantwortliche Girokassen-Direktor Maaringer, ohne den Beweis dafür anzutreten. »Sie haben mir das Geld aufgedrängt«, sagt Willy Bürkle und meint nicht nur Maaringers Vorgänger, Direktor Wolf, sondern auch andere maßgebliche Spitzen von Stadt- und Girokassen-Verwaltung.

Tatsächlich hat Girokassen -Direktor Wolf gleich nach dem Währungsschnitt 1948 der Stuttgarter All-Bank ihren Bankkunden Bürkle ausgespannt. Im September 1948 machte Wolf dem Bürkle das Angebot, sich doch das noch knappe neue Geld (das bei der All-Bank nur für 12 Prozent Zinsen zu haben war) für nur 6¼ Prozent bei der Städtischen Girokasse zu holen.

Bürkle hatte damals bei der All-Bank sein Konto gerade um 250000 DM überzogen, weil er bei den Hohenzollern-Prinzen im Sigmaringischen Holz eingekauft hatte, das er erst später für 700000 DM beim Volkswagenwerk losschlagen konnte.

Girokassenwerber Direktor Wolf sagte dem damals als sehr geschäftstüchtig bekannten Unternehmer Bürkle zu, daß er von der Girokasse sofort Kredite beziehen könne und ohne Formalitäten von der All-Bank loskommen würde.

Sachverständiger Wolf glaubte, Bürkles bankmäßige Bonität richtig einschätzen zu können, denn schließlich war Bürkle nach dem Krieg mit viel Geschicklichkeit im Jonglieren mit knapper Ware Inhaber oder Teilhaber folgender Betriebe geworden:

* Landwirtschaftlicher Musterhof Gutenhalde,

* Töpferei Gutenhalde,

* Baustoff-Werk West-Bahnhof,

* Ziegelei und Kachelei Musberg,

* Radio-Fabrik Lennartz und Boucke,

* Lagerhalle Stuttgart-Feuerbach,

* Großhandels-Gesellschaft Ernst Spieß,

* Repro-Druck G. m. b. H.,

* Ponti G. m. b. H. für Ratengeschäfte,

* Zeitschriften-Verlage »Schaffende Welt« und »Betriebswochenschau«,

* Nährmittel-Fabrik Willy Bürkle.

Diese Nährmittel-Fabrik war Keimzelle und Herzstück des Bürkleschen Besitzes. In der brotarmen Nachkriegszeit kauften viele Dauerhungrige Bürkles reichsmarkgängige Suppenpasten und Maisprodukte als Beikost.

Zum Bekanntenkreis des reichen Bürkle gehörte auch Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett, dessen Ehefrau vor allem am Freibad Gutenhalde Gefallen fand und dorthin auch einmal Besatzergeneral Clays Ehehälfte zum Baden führte.

So war es für Direktor Wolf kein Risiko, die Herren seiner Direktion zur Besichtigung des Hauses Bürkle und der Bürkle-Betriebe aufzufordern. Die erste Werk-Besichtigung nahmen vor: Direktor Wolf, Wechsel-Abteilungsleiter Beutler und Kredit-Referent Schmidt. Es folgte eine zweite durch die Girokassen-Chefs Laemmle und Richter.

Die Bürkle-Betriebe beeindruckten, obwohl sie nach Willy Bürkles Erklärungen erst zu 60 bis 80 Prozent fertiggestellt waren. Direktor Wolf ließ Willy Bürkle telefonisch wissen, daß die 250000 DM zur Ablösung von der All-Bank gebündelt vor seinem Schreibtisch lägen und daß sie doch abgeholt werden sollten.

»Man versicherte mir dabei, daß meine Kunden-Wechsel anstandslos und in jeder Höhe ohne jede Sicherheitsleistung hereingenommen und diskontiert würden und man bewies sogleich, daß dies nicht hohle Rede sei und diskontierte gleichen Tages einen Wechsel in Höhe von 185000 DM« (Bürkle).

Die Aufsichtsorgane der Stuttgarter Girokasse ließen sich von einem Wirtschaftsprüfer bestätigen, daß die Bürkle-Unternehmen einen Wert von 1,6 Millionen DM repräsentierten.

Aufsichtsorgane sind:

* der Verwaltungsrat, Vorsitz Oberbürgermeister Arnulf Klett;

* der Kreditausschuß, Vorsitz Oberbürgermeister Klett.

Des Oberbürgermeisters Unterschrift trug auch das Bankformular, auf dem die erste Zustimmung der Kreditgewährung an den Fabrikanten Willy Bürkle gegeben wurde - »vorbehaltlich der Zustimmung des Kreditausschusses«, für den Oberbürgermeister Klett mit Unterschrift ohnehin gleich mit zustimmte.

Nach dem ersten Girokassen-Kredit erbat sich Willy Bürkle dann im November 1948 - mündlich und formlos - von Direktor Wolf einen weiteren Kredit, diesmal in Höhe von 1,7 Millionen DM. Er wurde prompt gewährt.

Seinen ersten und einzigen schriftlichen Kreditantrag stellte Bürkle am 1. März 1949. Die Großzügigkeit der Girokasse hatte Appetit gemacht. Jetzt ging es um 2,25 Millionen DM. Bürkle bekam auch diesen Millionen-Betrag und zum Beweis allergrößten Vertrauens noch einen Wechselkredit in Höhe von 750000 DM gleich mit dazu.

In der Girokasse beschwichtigten sich die leitenden Herren wechselseitig: Bürkle sei nur vorübergehend in Schwierigkeiten geraten, man müsse ihm doch helfend mit Geldscheinpaketen entgegenkommen.

Die Girokasse kreditierte deshalb weiter. Und Willy Bürkles Schuld stieg:

Am 20. April 1949:3,8Millionen DM
Am 3. Juni 1949:4,6Millionen DM
Am 11. Juni 1949:4,8Millionen DM
Am 20. Juli 1949:5,162Millionen DM

Das war selbst dem Verwaltungsrat ein bißchen zu viel. SPD-Bürgermeister Hirn, neben Oberbürgermeister Klett Verwaltungsratsmitglied, schlug vor seinen Ratskollegen Lärm, daß es mit den Bürkle-Krediten nicht mehr so weitergehen könne. Aber es ging noch bei kleinem so weiter, wenn die Kreditspritze auch nur noch ein paar Tropfen hergab. Immerhin standen dann am 21. Oktober 1949 5,533 Millionen DM Kreditschulden für Bürkle in der Girokassen-Kreide.

Plötzlich schlug dem Verwaltungsrat das Gewissen - es handelte sich schließlich bei diesen Millionen um Spargelder Stuttgarter Bürger. Satzungsgemäß ist der Städtischen Girokasse die Gewährung von Industriekrediten überhaupt verboten.

Zweck der Stadtsparkassen sollte vielmehr sein, durch Klein- und Mittelkredite Gewerbetreibende und Kaufleute manövrierfähig zu machen. Deshalb war in der Girokassen-Satzung ausdrücklich festgelegt, daß nicht mehr als ein Prozent der Gesamteinlagen als Personalkredit ausgegeben werden dürfe. Unter Berücksichtigung der weiterhin vorgesehenen Realkreditmöglichkeiten hätte die Girokasse dem nach der Währungsreform plötzlich in die Knie gegangenen Vielfach-Unternehmer allenfalls insgesamt 1,78 Millionen DM Personal- und Realkredit bewilligen dürfen.

Nun war es aber geschehen, und die Verwaltungsräte bekamen es mit der Angst. Sie bestellten eiligst einen Treuhänder, um die Bürkle-Betriebe der Liquidierung entgegenzuführen. Die Kredit-Millionen waren durch die elf Bürkle-Unternehmen gelaufen wie Wasser durch ein leckes Faß; die meisten Nachkriegsgründungen Bürkles warfen solange Gewinn ab, wie Waren-Not und Reichsmarkfülle kaufen ließen, was nur Geld kaufen konnte.

Treuhänder wurde der Chef der »Württembergischen Finanz-AG.«, Direktor Raach.

Unter Raach ging es mit Bürkles vielseitigen Betrieben nur noch mehr bergab. Die Nährmittelfabrik, die solange noch in der Ostzone Absatzmöglichkeiten für Maisprodukte und Suppenpaste gefunden hatte, machte dicht und kann bald ihre 70000 Lagerpäckchen in Schweinekümpe schütten. Auch die Radioproduktion verstummte. Sie hatte auch in flauen Zeiten immerhin noch 800000 DM monatlich abgeworfen.

Treuhänder Raach wirtschaftete im Bürkle-Stil weiter - auf Bürkles Schuldkonto bei der Städtischen Girokasse. Neue Zwischenbilanz der Kredite: am 18. November 1949: 5,991 Millionen DM (was den Kreditausschuß »nach schwerem Ringen« bewog, gleich noch 300000 DM zuzugeben).

Am 24. November 1949 überschritt die Kreditschuld mit Wissen des Verwaltungsrats die Sechs-Millionen-Grenze und erreichte am 14. Dezember einen Stand von 6,110 Millionen DM. Der Verwaltungsrat nahm am 5. Januar 1950 den neuen Schuldenstand von 6,245 Millionen zur Kenntnis und bewilligte zugleich eine Erhöhung um 500000 DM.

Als schließlich mit redlichem Bemühen des Direktors Raach am 5. Februar 1950 abermals Kredit gespritzt wurde, da nahm sich der Verwaltungsrat vor, »die Bürkleschen Betriebe alsbald zu besichtigen«.

Im März 1950, als eine Kreditschuld von 7866397 DM beisammen war, ließ sich Direktor Raach »wegen der Unmöglichkeit der Zusammenarbeit mit Bürkle« von der Treuhänderschaft entbinden.

Die Frage, wieso es unter seiner Treuhänderschaft zu einem so entscheidenden Anwachsen der Kreditschuld kommen konnte, beantwortete Ex-Treuhänder Raach ausweichend. »Ich hatte ja nur interne Funktionen.« Willy Bürkle: »Der Raach machte alles. Ich war völlig ausgeschaltet«.

Darauf kam die Bürkle-Kredit-Affäre vor das Stuttgarter Stadtparlament. Mißtrauensantrag gegen den Verwaltungsrat der Girokasse. Er blieb trotzdem im Amt, weil fast alle Parteien Verwaltungsräte abgestellt hatten. Nur die Leitung der Girokasse wurde abgesetzt.

Zum neuen Giro-Chef avancierte der rheinische Bankfachmann Dr. Alois Maaringer. Der hatte in Berlin bei der Disconto-Gesellschaft 1931 den Fall Lahusen*),

*) Der Nordwolle-Konzern verschaffte sich in der Krisenzeit 1925/30 dadurch Millionenkredite, daß er durch Bilanzverschleierungen seine Kreditgeber täuschte. G. C. Lahusen wurde am 29. Dezember 1933 zu fünf Jahren Gefängnis und 50000 RM Geldstrafe verurteilt. den Kreditschwindel des Bremer Nordwolle-Konzerns, erlebt und erklärte, der Fall Bürkle sei ein zehnfacher Lahusen-Skandal.

Dr. Maaringer machte reinen Tisch: »Was vor mir war, das geht mich nichts an. Ich habe hier nur noch zu veräußern, weil wir nicht Unternehmer spielen wollen. Schluß mit allen Versuchen, die verlorenen Kredit-Millionen durch weitere Geldspritzen in die kranken Bürkle-Betriebe wieder hereinzuholen.«

Maaringer überführte alle Vermögenswerte und Verpflichtungen in die Girokassen-eigene »Betriebs- und Vermögens-Verwaltungs-Gesellschaft« und überließ dem Schuldner Bürkle lediglich die Kaviar-Handelsfirma Schmidt & Co., die Ponti-GmbH. und Mustergut Gutenhalde unter dem Vorbehalt, sie später ebenfalls veräußern zu können.

Dann wurde weiter liquidiert, um möglichst schnell zur Wertrealisierung zu kommen. Auch der Stuttgarter Stadtrat schaltete sich ein mit dem Beschluß, für die 7,8 Millionen DM Bürkle-Schulden die Ausfall-Bürgschaft zu übernehmen.

Bürkle triumphierte trotz seiner Schulden. Er weiß, daß die Girokasse als Städtisches Geldinstitut auch noch in 24 anderen Fällen sehr großzügig mit Krediten gewesen ist. »Wenn das bekannt wird, kommen Oberbürgermeister Klett und seine Verwaltungsratskollegen noch mehr in Verdruß.« (Bürkle.)

Die Bürgschaft machte die Landesregierung mobil. Der Ministerrat tagte und beschloß am 18. Dezember, eigens zur Klärung der Bürkle-Affäre ein Staatsbeauftragten zu ernennen. Der Beauftragte soll prüfen, ob der Städtischen Giro-Kasse Stuttgart aus der Behandlung des Kreditfalles Bürkle Ersatzansprüche gegen die Mitglieder des Verwaltungsrates zustehen.

»Aber es gibt noch einen zweiten Fall Bürkle«, hat CDU-Stadtrat Lehmann bereits am 14. September in einer Sitzung erklärt, und BHE-Abgeordneter Dr. Mathes, in der Weimarer Republik einmal Finanzminister, stieß im November nach: »Ich werde nach Abschluß der Untersuchung noch weitere Fälle nennen.«

Ein im Stuttgarter Finanzministerium unter strengstem Verschluß gehaltenes Gutachten des staatlichen Revisionsausschusses nennt 24 weitere Kreditnehmer, deren Betriebe z. T. ebenfalls nicht glänzend dastehen.

»Ich fresse ja aus, was ich mir eingebrockt habe«, sagt Willy Bürkle dazu, »aber ich weiß nicht, warum ich alles allein ausfressen soll.« Er kann weiter triumphieren, weil heute niemand mehr den Mann fragen kann, der Bürkle 1948 nach der Währungsreform so großzügig kreditierte und mit den Geldspritzen begann. Girokassen-Direktor Wolf ist inzwischen gestorben. Er hat das Geheimnis, warum er Bürkle damals so willfährig war, mit ins Grab genommen.

Mit sechs Anwälten versucht der hartnäckige Bürkle zu retten, was noch zu retten ist. Sein West-Ost-Geschäft haben ihm die Besatzer gestoppt. Obwohl die Staatsanwaltschaft schriftlich versicherte: »Die richterlichen Ermittlungen haben die Behauptung nicht bestätigt, Bürkle sei der Ostzonen-Regierung mit der Begründung besonders empfohlen worden, daß er den illegalen Kampf der KPD durch Geldzahlungen unterstützt habe ...«

Dr. Maaringer behauptet allerdings immer noch: »Der Bürkle hat gesagt, er sei mit Fräulein Pieck spazieren gefahren.«

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