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KALIFORNIEN Ins Mark

Wildwestszenen auf den verstopften Autobahnen von Los Angeles: Aggressive Autofahrer schießen sich den Weg frei. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Im Rückspiegel sah die 18jährige Sandra Tait, daß der gelbe Toyota hinter ihr immer wieder aufblendete. Wegen des starken Verkehrs auf dem Santa Ana Freeway in Los Angeles konnte sie nicht sofort nach rechts ausweichen und nahm den Fuß vom Gaspedal.

Der lästige Hintermann fühlte sich provoziert, wechselte auf die rechte Spur und beschleunigte. Plötzlich sackte Sandras Freund Rich Bynum auf dem Nebensitz zusammen - von zwei Schüssen tödlich getroffen.

Einen Monat später, Ende Juli dieses Jahres, stoppte Manuel Avila, 28, seinen Wagen einige Kilometer entfernt an einer Kreuzung. Als ein anderer Autolenker gereizt hupte, stellte er sich taub, es kam zum Streit.

Ein aufgebrachter Fußgänger warf dem ungeduldigen Huper eine Bierflasche hinterher. Der Angegriffene holte vom Rücksitz seines Buick eine Pistole hervor und erschoß die beiden Männer.

Die drei Morde sind der traurige Höhepunkt einer neuen Entwicklung: »Auf Kaliforniens Straßen herrscht Krieg«, sagt Ange Lobue, Psychiater und Stress-Spezialist in Los Angeles. Seit zwei Monaten erlebt der Großraum Los Angeles auf seinen Freeways »die schlimmste Gewaltwelle, die wir je hatten«, so County-Polizeichef Michael McCrary.

Innerhalb einer Woche kam es zu 15 Schießereien, die Polizei fahndet nach insgesamt über 50 Autobahnschützen; inzwischen ist es auch in anderen US-Staaten zu Schießereien auf Highways gekommen. Vorläufige Bilanz der »mörderischen Epidemie« ("The Washington Post"): 4 Tote, 15 Verletzte, darunter ein Querschnittgelähmter.

Die Täter, das ist offensichtlich, stehen untereinander nicht in Verbindung, und sie kommen aus fast allen Schichten: Mal zieht ein Latino in einem heruntergekommenen Kleinlastwagen den Revolver, mal ist es ein Mercedes-Fahrer, der zuerst einen Spurwechsel verhindert und nach einem Wortwechsel zu seiner Faustfeuerwaffe (Kaliber .45) greift.

Im Verkehrsgewühl können die Rambos meist unerkannt entkommen, und wie stets bei solchen Anlässen sind auch

schon zahlreiche Nachahmer unterwegs. Animiert durch die landesweiten Schlagzeilen, machen einige Jugendliche das »highway shooting« zum Sommersport: Ohne erkennbaren Anlaß schießen sie auf den Autobahnen in die Luft - nur um andere zu erschrecken.

Entsetzt warnte die Polizei Anfang August vor einer »Hysterie« und lobte hohe Prämien (25000 Dollar) aus. Zu spät: Die Angst, plötzlich beschossen zu werden, trifft direkt ins Mark der kalifornischen Metropole, »wo die Menschen leben, um zu fahren, und fahren, um zu leben« ("Los Angeles Times").

Wohl keine andere Stadt hat sich so ausschließlich zum Sklaven des Individualverkehrs gemacht, zu Recht gilt Los Angeles als die Hauptstadt des Autowahns. Nirgendwo sonst wurden mehr Autobahnen (720 Kilometer allein im County Los Angeles) gebaut, kaum irgendwo sonst sind sie so verstopft.

Im Jahr 2000 wird man auf der meistbefahrenen Straße der Welt, dem Ventura Freeway, gerade noch mit sieben Meilen Geschwindigkeit rollen können - elf Stundenkilometer.

Schon jetzt verschwenden die Berufstätigen jährlich 628000 Stunden im Stau. Beinahe von selbst wird da »das Automobil zur Burg«, so der Psychiater Lobue, »und nicht, wie in England, das Heim«. In keinem anderen US-Bundesstaat werden denn auch so viele Nummernschilder mit persönlichen Initialen beantragt wie in Kalifornien.

Ungezählte Amerikaner sind offenbar bereit, ihre Pferdestärken mit der Waffe zu schützen - wie ihre Vorfahren im Wilden Westen. Als einst die Pioniere aufbrachen, sehnten sie sich nach einer Welt fernab aller sozialen Konflikte in den Städten der Ostküste. Doch es gab kein Entrinnen. Schießen wurde Ausdruck der endgültigen Preisgabe des Traums vom freien Westen.

Die meisten Wissenschaftler sehen die Ursache der jüngsten Gewalteskalation weniger in historischen Bezügen als im ständig steigenden Stress und einem zunehmenden Narzißmus. Auch drückende Hitze im schlecht belüfteten Los Angeles will man als Auslöser nicht ausschließen.

Besserung ist nicht in Sicht: Die Staus dürften noch zahlreicher werden. Und als sich der populäre schwarze Bürgermeister Tom Bradley vor einigen Jahren für eine Verschärfung der Waffengesetze aussprach, verlor er prompt die Gouverneurswahl.

Um dem heraufziehenden »Rushhour-Terrorismus« zu entgehen empfahl der Psychiater Martin Brenner seinen Landsleuten dringend eine defensive Fahrweise: »Benimm dich wie ein Schlappschwanz!« Der Appell war nicht vergeblich: Vergangene Woche freute sich die Polizei über »besonders viele rücksichtsvolle Autofahrer«.

Die wohlhabendsten unter ihnen wurden indes bei der Firma O'Gara Hess & Eisenhardt vorstellig. Im Büro des exklusiven Unternehmens in Cincinnati, das sich auf das Panzern von Automobilen spezialisiert hat, stapeln sich die Aufträge.

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