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MEDIZIN / ANTIBABYPILLE Ins rechte Maß

aus DER SPIEGEL 12/1970

Papst Paul VI. hatte seinen Bannfluch in den Wind gesprochen -- die aufgeklärte Christenheit verweigerte ihm den Gehorsam.

Doch was dem römischen Oberhirten mit seinem Verdikt gegen empfängnisverhütende Mittel nicht gelang, das scheinen nun weltliche Gegner der Hormon-Pille, zumindest vorübergehend, erreicht zu haben.

Schneller denn je -- um mehr als 25 Prozent -- stieg in den beiden Jahren seit der päpstlichen Enzyklika »Humanae Vitae« die Zahl der Frauen, die Hormon-Dragees gegen unerwünschte Schwangerschaft schlucken: 20 Millionen Frauen in aller Welt waren es Anfang dieses Jahres, davon rund zwei Millionen in der Bundesrepublik. Nahezu jede fünfte westdeutsche Frau zwischen 15 und 44 Jahren schützt sich mit der Pille.

Nun aber, nach einem Trommelfeuer von Anschuldigungen -- die vom Krebs-Verdacht bis zu der Behauptung reichen, die Pille löse Schlaganfälle aus und töte die Lust -, geriet der Siegeszug der pastellfarbenen Hormon-Pillen vorerst ins Stocken,

In den Vereinigten Staaten ging der Pillen-Verbrauch seit den alarmierenden Meldungen um 18 Prozent zurück. Auch etliche westdeutsche Apotheker melden -- nach einer Erhebung des SPIEGEL -- ein leichtes Abflauen der Nachfrage nach Antibabypillen.

Ob sie »in letzter Zeit mehr als bisher von ihren Patientinnen nach Nebenwirkungen der Pille gefragt« wurden, erkundete die Hamburger Illustrierte »Stern« bei westdeutschen Gynäkologen. Fast einhellig lautete die Antwort: »Auffallend häufig« (Professor Karl-Günther Ober, Universitäts-Frauenklinik Erlangen), »auffällig mehr« (Professor Hans-Werner Vasterling, Landes-Frauenklinik Hannover). »Einseitige Berichte«, schrieb Professor Christian Lauritzen von der Frauenklinik der Medizinischen Hochschule in Ulm, »haben Unruhe und Unsicherheit geschaffen. Es ist schwierig, Ängste auszuräumen.«

Ursache der plötzlichen Pillen-Scheu auch westdeutscher Frauen ist eine »Renaissance der Antibabypillen-Polemik« (so der Pariser »Figaro"), die den Boulevard-Zeitungen Schlagzeilen abgab. Zentren der Kritik waren in den letzten Wochen und Monaten, im zehnten Jahr nach Einführung der Ovulationshemmer, zugleich in den USA und in Europa entstanden: > In Washington begann Mitte Januar ein öffentliches Senats-Hearing über die Pille. Vor dem Ausschuß. geleitet von dem demokratischen Senator Gaylord Nelson, trugen US-Mediziner Bedenken gegen die Hormon-Dragees vor.

* Offenbar unter dem Eindruck dieser Anklagen versandte letzten Monat der Chef der US-Gesundheitsbehörde FDA, Charles C. Edwards, 381 000 Warnbriefe an die amerikanischen Ärzte, Kliniken und Apotheken; letzte Woche veröffentlichte die FDA den Text eines Beipackzettels, der allen Pillen-Packungen beigelegt werden -- und die Benutzerinnen auf mögliche Nebenwirkungen hinweisen soll.

V« In Paris warnten Mitte Januar auf einer Ärztetagung französische Mediziner gleichfalls vor möglichen Pillen-Gefahren; der Chirurg und Gesundheitspolitiker Professor Jacques Henriet forderte ein Verbot der Ovulationshemmer, die nach seiner Ansicht zu Schädigungen des Erbguts führen können. > In London verlangte die Unterhausabgeordnete Dr. Shirley Summerskill ein generelles Verbot der Hormonpräparate, nachdem eine amerikanische Arzneimittelfirma, die »Syntex Laboratories«, ihre neuentwickelten sogenannten Mini-Pillen wieder vom Markt zurückgezogen hatte; die Mini-Pillen, die im Gegensatz zu den konventionellen Präparaten nur eine einzige Hormon-Substanz in sehr geringer Konzentration enthalten, hatten bei Versuchen mit Hunden in hoher Dosierung Gewebsschäden ausgelöst.

Einen Höhepunkt erreichte die Anti-Pillen-Propaganda in der Bundesrepublik, als die Hamburger »Bild-Zeitung« Auszüge aus einem Buch veröffentlichte, das letzte Woche unter dem Titel »Ärzte contra Pille« im Ullstein-Verlag erschien. Eine Fülle von Leserinnenzuschriften -- mitunter zeichneten auch Ärzte als Absender -- ergänzte das düstere Pillen-Bild in »Bild": Vom Verlust des Sexual-Appetits wie von Nymphomanengier, von Haarausfall, Polypen, Krampfadern und Depressionen wußten die Leserinnen zu berichten -- alles vermeintliche Folgen empfängnisverhütender Hormongaben.

Weidlich zitiert wurden auch die vor dem Washingtoner Senatsausschuß erhobenen Vorwürfe und Verdächtigungen, die Pille könne in Einzelfällen Leberschäden, Arthritis, Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Sterilität und erhöhten Blutdruck hervorrufen -- Anklagen, die auch schon früher erhoben worden waren, bislang aber stets ohne stichhaltigen Beweis.

Das galt besonders für den Verdacht, der auch in Washington wieder laut wurde: Die Pille könne Krebs verursachen. »Östrogene« (Hormone, die in der Pille enthalten sind), so hatte der Washingtoner Gynäkologe Dr. Roy Hertz vor dem Kongreßausschuß verkündet, »sind für den Brustkrebs, was Kunstdünger für den Weizen ist.«

Ruckartig fielen nach solchen Horror-Meldungen (Schlagzeile der »New York post": »The Pill can kill") die Aktiennotierungen der Pillen-Hersteller -- so auch bei der Berliner Schering AG, die 62 Prozent des deutschen Pillenmarktes hält. Für Hunderttausende von Mädchen und Frauen, meldete die Baseler »National-Zeitung«, werde nun »die weiße Pille ... zum Sündenbock für alle Übel gemacht, vom Schnupfen angefangen bis zur Blinddarmentzündung«.

Eine Welle unerwünschter Schwangerschaften sei schon festzustellen -- als Folge der Pillen-Furcht -, so erklärte Ende letzten Monats die amerikanische Ärztin Dr. Elizabeth B. Connell, Professorin an der New Yorker Columbia University, vor dem Kongreßausschuß; eine Zunahme von

Schwangerschaftsunterbrechungen werde ebenfalls schon beobachtet. »Die Anzeichen, die eine Panik hinsichtlich der Pille dokumentieren«, so die Professorin, »mehren sich von Tag zu Tag.«

Um solchen unerwünschten Schockreaktionen in der Bundesrepublik vorzubeugen, entschlossen sich weibliche Abgeordnete und die Fraktionen von SPD und FDP zu einer Kleinen Anfrage im Bundestag -- mit der Hoffnung, wie Dr. Hedda Heuser im FDP-Pressedienst formulierte, daß Frau Ministerin Käte Strobel »in ihrer Antwort die Dinge wieder ins rechte Maß rücken« werde. Das geschah dann auch in der vorletzten Woche.

»Keine Bedenken gegen die Anwendung von Ovulationshemmern«, so das Strobel-Ministerium, »wenn sie unter laufender ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.« Diese Meldung freilich versteckte die »Bild-Zeitung« auf der letzten Seite, insgesamt kaum größer als ein Buchstabe der früheren Anti-Pillen-Schlagzeilen.

»Leider muß ich aber auch danach fürchten«, so hatte prophetisch die Ärztin und FDP-Politikerin Hedda Heuser notiert, daß mit der Erklärung des Bundesministeriums »die Sensationsmache ... keineswegs ein Ende finden wird«. Einige Publikationsorgane würden »vermutlich weiterhin zahllose Menschen in Schrecken versetzen und... mit der Gesundheit unserer Bürger ihr Geschäft machen«.

Die Bemerkung der Politikerin, in diesem Fall auf »Bild« gezielt, kennzeichnete jedenfalls den Stil, in dem die Auseinandersetzung um Nutzen und Schaden der Antibabypille fast von Anbeginn geführt wurde: weithin unsachlich und oft -- unter dem Deckmantel der Lehenshilfe oder der medizinischen Verantwortung -- moralisierend.

Kaum ein anderes Produkt der Pharma-Industrie ist je so sorgsam geprüft, so argwöhnisch auf seine Wirkungen und Nebenwirkungen beobachtet worden wie die Antibabypille.

Drei Jahre lang war die Pille -- Anfang der fünfziger Jahre von den amerikanischen Wissenschaftlern Gregory Pincus und John Rock entwickelt -- in sogenannten klinischen Versuchen, weitere drei Jahre in einem »Feldversuch« mit annähernd 1000 Frauen in Puerto Rico getestet worden, ehe sie in den Vereinigten Staaten auf den Markt kam. Einige zehntausend Amerikanerinnen nahmen sie schon regelmäßig, als sie 1962 auch in bundesdeutschen Apotheken zugelassen wurde.

Gruppen von zehntausend und mehr Pillen-Konsumentinnen wurden seither In England, in den USA und auch an bundesdeutschen Universitätskliniken kontinuierlich beobachtet. Aber mit wenigen Ausnahmen kamen die schwerwiegenden Vorwürfe gegen die Pille entweder von medizinischen Außenseitern oder von weltanschaulich vorbelasteten Vertretern des ärztlichen Standes.

So war es 1964, als der Hamburger Frauenarzt Dr. Oskar Guhr mit dem Verdacht, die Pille könne Krebs auslösen, Schlagzeilen machte. Als Gewebeforscher und Hormonspezialisten hernach seinen Verdacht zu verifizieren suchten, fanden sie nichts; Guhr hatte harmlose Gewebeveränderungen als krankhafte mißdeutet.

Und so war es auch, als im selben Jahr einige hundert bundesdeutsche Mediziner, darunter so angesehene wie der Freiburger Internist Professor Ludwig Heilmeyer und der Hamburger Internist Professor Arthur Jores, in der »Ulmer Denkschrift« gegen die Pille polemisierten: Sie sei ein Mittel »zur weiteren Entweihung unserer Ehe- und Familienordnung«, vielleicht gar ein Auslöser für »heutige ... Entartungserscheinungen« und werde womöglich »Deutschland in ein sterbendes Volk verwandeln«.

Pillen-Gegner dieser Couleur ließen sich auch dann noch kaum beeindrucken, als 1966 die amerikanische FDA, die vermutlich kritischste Arzneimittelbehörde der Welt, die medizinischen Bedenken gegen hormonelle Kontrazeption weiter zurückschraubte. Nach Sichtung alles verfügbaren wissenschaftlichen Materials, so damals die FDA, sei auch die bis dahin ausgesprochene Empfehlung, die Pille nach jeweils zwei Jahren für sechs Monate abzusetzen, nicht länger aufrechtzuerhalten.

Inzwischen ist beispielsweise in den USA nur noch jeweils einer von hundert Frauenärzten gegen die Verschreibung von Antibabypillen. Ähnliche Stimmenverteilung zeigte sich auch auf deutschen Gynäkologen-Kongressen in den letzten Jahren. Die Folge war, daß allein im Jahre 1969 der Verkauf von Antibabypillen in der Bundesrepublik um 50 Prozent zunahm.

Mehr und mehr lernten Mädchen und Frauen die Vorzüge des -- verglichen mit den klassischen Methoden der Geburtenregelung -- bei weitem zuverlässigsten und (auch im ästhetischen Sinne) problemlosen Verhütungsmittels schätzen. Und im selben Maße, wie die Angst vor unerwünschten Kindern wich, genossen die Frauen den sexuellen Emanzipationsschub, der Ihnen mit der Monatspackung für 5,30 Mark zuteil wurde.

Dagegen vermochte auch die Bann-Bulle des Papstes nicht viel, die wie kaum ein anderes Edikt der katholischen Kirche von inhumaner und bornierter Weltfremdheit zeugte.

Den Anhängern der katholischen Alternative, die den Gläubigen nur die Wahl zwischen ungehemmter Vermehrung und Enthaltsamkeit läßt -- allenfalls noch die unsichere Liebe nach dem Kalender ("Römisches Roulett") -, empfahl der kolumbianische Staatspräsident Carlos Leras Restrepo einen Besuch in den Elendsquartieren seines Landes. »Ich sehe mich ... außerstande, erläuterte der Staatsmann, »die Moral oder Unmoral von Methoden der Empfängnisverhütung gegeneinander abzuwägen, ohne zugleich jene unmoralischen und oft kriminellen Verhältnisse vor Augen zu haben, die ein so simpler Akt wie die Empfängnis auf die Dauer zu erzeugen imstande ist.«

Eine Entschließung, in der die moderne Familienplanung zu einem »Grundrecht des Menschen« erklärt wird, legten denn auch die Regierungschefs von 27 Staaten 1967 bei der Uno vor: Ohne weltweite Geburtenkontrolle, so schätzen die Planer, würden noch von den gegenwärtig lebenden Generationen mehr Menschen verhungern müssen, als insgesamt in allen Kriegen der Geschichte umkamen.

Freilich, gerade für den Massengebrauch in unterentwickelten Ländern ist die gängige Antibabypille nicht sonderlich geeignet; die regelmäßige Einnahme setzt ein Mindestmaß an Bildung voraus. Aber auch den Frauen in den hochzivilisierten Ländern scheint größere Bequemlichkeit bei Anwendung der Pille noch wünschenswert.

Deshalb suchen die Forscher allenthalben nach weiteren Methoden, mit chemischen Substanzen Empfängnis und Schwangerschaft zu steuern. Mehr als 60 Millionen Mark schüttete allein die amerikanische Ford Foundation für die Entwicklung neuer, einfach zu handhabender Verhütungsmittel aus, unabhängig von den Millionenbeträgen, die fast alle großen Pharma-Unternehmen darauf verwenden.

Erprobt werden gegenwärtig > die »Depot-Pille«, eine unter der Haut eingepflanzte Kapsel, die jeweils nur nach mehreren Monaten oder Jahren erneuert werden müßte; sie gibt fortwährend geringe Mengen von sogenannten Gestagenen (einer Hormongruppe, die auch in herkömmlichen Antibabypillen enthalten ist) in den Organismus ab;

* die »Pille (oder Spritze) danach -- mit einer besonders hohen Dosis von Östrogenen wird die Einnistung des befruchteten Eies in die Gebärmutter verhindert; der Hormonstoß (beispielsweise fünf Tage lang je zwei Tabletten des Schering-Präparats »Progynon M") hat allerdings unangenehme Nebenwirkungen: heftige Übelkeit. Völlegefühl und Blutungsstörungen;

* die »Abtreibungsspritze« -- die hormonähnliche Substanz »Prostaglan-

* Bei den Berliner Schering-Werken.

din F-2 alpha« (die in geringen Spuren auch im menschlichen Organismus vorkommt) wird in eine Vene injiziert und bewirkt gleichsam eine Menstruationsblutung. Auf diese Weise kann, wie zwei Gynäkologen kürzlich in dem Fachblatt »Lancet« berichteten, der Embryo noch bis zur 20. Schwangerschaftswoche abgestoßen werden. Nebenwirkungen: Durchfall und Erbrechen.

Keines dieser Testpräparate kann voraussichtlich früher als in etwa vier Jahren marktreif sein; bei keinem steht bislang fest, ob es die gleiche Zuverlässigkeit -- bei einem Minimum an Nebenwirkungen -- wie die gängige Antibabypille bieten könnte.

So dürften die rosa und weißen Pincus-Pillen auf absehbare Zeit noch das beste Mittel zur Empfängnisverhütung bleiben. Ihre Verbreitung in der Weil nimmt dementsprechend (von dem wohl vorübergehenden Rückschlag in den Vereinigten Staaten abgesehen) jedes Jahr zu. In den katholischen Ländern freilich schleppender als in den überwiegend protestantischen (siehe Graphik Seite 196).

Längst haben, mit steigendem Pillen-Konsum, auch die Mediziner schon die Segnungen der Hormon-Dragees verzeichnen können: Die Zahl der Schwangerschaftsunterbrechungen, zumal der illegalen, mit hohem gesundheitlichem Risiko belasteten, ist stark zurückgegangen.

Und zumindest zum Teil beantwortet die weltweite Verbreitung schon die Frage nach Sicherheit oder Gesundheitsrisiko der Pille: Daß schwerwiegende Nebenwirkungen verborgen geblieben wären, ist angesichts solchen Massenkonsums, der mitunter schon fast zwei Jahrzehnte andauert. wenig wahrscheinlich.

Daß dementsprechend die in »Bild« veröffentlichte Horror-Serie in Wahrheit »nichts Neues« brachte, sondern ihren Sensationswert aus der krassen »Einseitigkeit« bezog, hatte schon die FDP-Abgeordnete Dr. Hedda Heuser angemerkt.

Und ganz ähnlich wuchs im Verlaufe des Senats-Hearings in Washington bei neutralen Beobachtern der Verdacht, der Ausschußvorsitzende Gaylord Nelson habe anfangs, ebenfalls einseitig, fast nur solche Zeugen geladen, die seit Jahren als eingeschworene Pillengegner bekannt sind: Nelson, der sich als demokratischer Anwärter auf das Präsidentenamt zu profilieren trachtet, habe das Hearing offenbar benutzt, um sich auf spektakuläre Weise Publicity zu verschaffen.

Mit einem Go-in protestierten denn auch Mitglieder der Washingtoner »Frauen-Befreiungsbewegung« gegen Nelsons Pillen-Tribunal. Zahlreiche führende amerikanische Mediziner schlossen sich später solchem Protest an.

Er sei »nicht überzeugt« worden, erklärte der US-Gesundheitsminister Robert H. Finch, daß die Pille gefährlich sei -- das Hearing habe, über die bereits bekannten Nebenwirkungen der Pille hinaus, keine »klaren Beweise« für mögliche Pillenschädigungen erbringen können,

Gelassen blieb auch das britische Gesundheitsministerium angesichts der Schockberichte aus Übersee. Den Antrag der Abgeordneten Summerskill, die Pille in England zu verbieten, lehnte die Regierung ab: Der Antrag, so rügte ein Regierungssprecher, lasse »den Sinn für die richtigen Proportionen vermissen«

Ganz ähnlich beschränkte sich die Bonner Ministerin für Gesundheit bei ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage zum Thema Antibabypille darauf, die schon seit langem bekannten Kontra-Indikationen noch einmal zu nennen: Die Pille sollte nicht während oder unmittelbar nach einer akuten Lebererkrankung (etwa Gelbsucht) oder bei chronischen Leberschädigungen verabreicht werden, desgleichen nicht, wenn eine Krebserkrankung schon vorliegt. Die Annahme, daß die Pille Krebs auslösen könnte, ist freilich mit keinem der bisher vorliegenden wissenschaftlichen Befunde zu untermauern.

Nicht ganz auf dem laufenden dagegen war das Ministerium bei der Beantwortung der Frage, ob und in welchem Umfang Hormonpräparate die Entstehung von Blutgerinnseln (Thrombose) begünstigen können. Frau Strobels Ministerium bezog sich in diesem Punkt auf eine Sammelarbeit der FDA aus dem Jahre 1966 -- und übersah dabei, daß die US-Arzneimittelbehörde im September letzten Jahres ein Resümee der neueren Forschungen vorgelegt hat.

In diesem bislang umfassendsten Report zum Thema Pille wurde festgestellt, daß »alle erhobenen Vorwürfe« -- vom Krebsverdacht bis hin zum * Im Sitzungszimmer Ihres Ministeriums. gelegentlich vermuteten Risiko der Schädigung von Nachkommen -- »zum gegenwärtigen Zeitpunkt als unbewiesen« gelten müssen, mit einer Ausnahme: dem Thrombose-Risiko,

Wie hoch dieses Risiko ist und in welchen Ausnahmefällen Frauen deswegen auf die Hormon-Pille verzichten sollten, ist eines der Themen im SPIEGEL-Gespräch mit dem West-Berliner Professor für gynäkologische Endokrinologie Jürgen Hammerstein, der sich seit Jahren mit den Problemen der hormonellen Empfängnisverhütung beschäftigt hat (siehe nächste Seite).

Sein Urteilsspruch über die Pille deckt sich im wesentlichen mit der Schlußfolgerung, die Amerikas Arzneimittelbehörde Ende letzten Jahres in ihrem 200 Seiten starken Pillen-Report zog: Bei Abwägung der Vorteile und Risiken sei die Pille, nach Durchsicht allen bisher verfügbaren wissenschaftlichen Materials, als sicher zu bezeichnen.

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