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Umwelt »Insel der Glückseligkeit«

aus DER SPIEGEL 38/1994

Lärmend schwingt sich der Hubschrauber in die Höhe. Ein letzter Militärposten, zwei Häuser und eine Schafherde werden überflogen. Dann liegt nur noch das Panorama der eisbedeckten Bergriesen des zentralasiatischen Tienschan-Massivs (zu deutsch: Himmelsgebirge) vor der gläsernen Pilotenkanzel.

Drinnen gestikuliert Michael Succow, 53, mit den Piloten. Der deutsche Professor möchte in dem abgelegenen Tal des Inyltschek-Gletschers nahe bei der kirgisisch-chinesischen Grenze eine Landung wagen. Die russischen Militärflieger aber sagen strikt »njet«.

Succow zieht 100 Dollar hervor. Das Geld zeitigt Wirkung. Wenig später setzt der Helikopter sanft auf einer lehmigen Moräne auf.

Über eine schmale Aluminiumtreppe klettern eine Handvoll Naturschützer, Direktoren von Nationalparks sowie deutsche und kirgisische Regierungsvertreter aus der klapprigen Maschine. Vorsichtig erkunden die Ökologen das bislang völlig abgeriegelte Grenzgebiet zwischen der ehemaligen Sowjetunion und der Volksrepublik China - sie wollen die Region mit ihrer einzigartigen Flora und Fauna als »Weltkulturerbe« (Succow) unter Naturschutz stellen.

Türkis glitzert ein Bergsee vor dem ökologischen Sturmkommando. Der Gletschersee, einzigartig in 3500 Meter Höhe gelegen, ist in eine gewaltige Eiskruste eingebettet. Die Berggipfel, die hinter der Wasseroberfläche aufschimmern, werden »Rote Berge« genannt, nach dem Blut der vielen Kletterer, die hier tödlich verunglückten.

Am Rande des Sees blühen dicke Büschel von gelben Kreuzblümchen, die nur tagsüber, unter der brennenden Höhensonne, auftauen. »Das hier ist für mich ein Blumenfest«, sagt der österreichische Alpenexperte Georg Grabherr und kratzt an einer seltenen Flechte. Der Alpenschützer hat sich eigens ein Stück schwarzen Samtstoff mitgebracht, zur Präsentation der ausgezupften Öko-Raritäten.

Das Himmelsgebirge mit seinen alpinen Almen, Feuchtwiesen, Fichtenwäldern und trockenen Steppen ist eine biologische Schatzkammer. Hier wachsen andernorts vom Aussterben bedrohte Sauergräser, das stengelförmige Läusekraut oder der gelbe Moorsteinbrech. Auf manchen Wiesen kann der weiße Enzian noch mit der Sense gemäht werden.

Rund 5500 verschiedene Pflanzen- und Tierarten beherbergt das zerklüftete Bergland nördlich des Himalaja. Dem Naturforscher Gottfried Merzbacher war es vor gut 100 Jahren als erstem Europäer gelungen, in das entlegene Felsmassiv vorzustoßen. Er entdeckte seinerzeit den höchsten Gletschersee der Welt.

Heute ist das ökologische Kleinod bedroht. Eine Bergbaufirma will die kostbaren Rohstoffvorkommen, Gold und Quecksilber, in der Bergregion ausbeuten. Großwildjäger aus den hochentwickelten Westländern gehen auf die Pirsch nach Bären, Steinböcken und den begehrten Marco-Polo-Schafen, einer Wildschaf-Rasse. Wilderer stellen mit schweren Eisenfallen den Schneeleoparden nach, von denen es nur noch einige hundert in der Welt gibt. Und selbst die einheimischen Bauern, Schafhirten und Nomaden setzen dem entlegenen Erdenflecken zu: Ihre Hammel und Schafe grasen die Hochweiden derart ab, daß einige Wiesen bereits zu versteppen drohen.

Derlei Schädigungen will der deutsche Naturschützer Succow, wo immer es geht, stoppen. Nahezu ein Drittel der gesamten Landesfläche Kirgisiens, rund 70 000 Quadratkilometer, möchte der Mann deshalb in strikte Schutzzonen für Flora und Fauna aufteilen.

Das Himmelsgebirge soll als sogenanntes Biosphärenreservat in das strenge, 1970 von der Unesco eingerichtete »Man and the Biosphere Programme« aufgenommen werden - als eine von einigen hundert handverlesenen ökologischen Kostbarkeiten weltweit.

Im Konferenzraum eines ehemaligen Kombinatsheimes, das am Issyk-Kul-See inmitten der zerklüfteten Felslandschaft Kirgisiens liegt, hat Succow einen Overhead-Projektor aufgebaut. Auf der »Folie Nummer zwei« sind, quer über die Weltkarte verstreut, lauter schwarze Punkte eingetragen - sie markieren die rund 300 Biosphärenreservate in der Welt (siehe Grafik Seite 178).

Bei einigen dieser »zukunftsfähigen Räume«, wie Succow die Öko-Kleinodien bescheiden nennt, hat der Biologieprofessor persönlich den Unesco-Schutz angeschoben. Kirgisien wird sein bislang größtes Werk.

Kann ein einziger Mann ein Gebiet von der Fläche der Niederlande und Belgiens zusammen, fernab von allen politischen Schaltzentralen, unter Naturschutz stellen lassen? Succow kann.

Dem Biologen, einstmals stellvertretender DDR-Umweltminister unter Lothar de Maiziere, ist schon einmal ein ökologischer Geniestreich gelungen. In der letzten Ministerratssitzung der untergehenden DDR nutzte er 1990 die Übergangswirren und ließ per Gesetzesvorlage fünf neue Biosphärengebiete zwischen Rügen und der Rhön, der Schorfheide und dem Spreewald ausrufen. Fünf Prozent des ehemaligen DDR-Territoriums stehen seitdem unter besonderem Schutz, ein »in Europa einmaliger Kraftakt«, wie Öko-Kollegen lobten.

Mit dem alten SED-Regime hatte Succow nichts gemein gehabt. Als Dozent an der Universität Greifswald weigerte er sich 1968, eine Jubel-Resolution zum Einmarsch der russischen Truppen in Prag mitzuunterzeichnen. Daraufhin versetzten die DDR-Oberen den Querkopf in ein abgelegenes Institut für Bodenkunde.

Succow nutzte die Zeit und schrieb ein international anerkanntes Lehrbuch über Moore. Mit Hilfe der Gesellschaft für Natur und Umwelt, einem von den SED-Machthabern geduldeten Öko-Verein, organisierte er überdies Reisen ins sozialistische Ausland.

Die Reiseziele von damals versucht Succow, der mittlerweile stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Naturschutzbundes ist, seit der Wende vor den Schadeinwirkungen der Zivilisation zu retten. So bewegte er 1990 das Parlament des einstigen Sowjetstaates Georgien dazu, fünf bis dato noch weithin unberührte Gebiete im Kaukasus unter Naturschutz zu stellen. Unmittelbar benachbart liegt jenes historische Fleckchen Erde, auf dem Bundeskanzler Helmut Kohl und der damalige Sowjetchef Michail Gorbatschow die Modalitäten der deutschen Einheit aushandelten.

Kaum waren die Politiker fort, interessierten sich die ersten Investoren für den abgelegenen Landstrich. Japanische und arabische Firmen stellten Anträge, am Schwarzen Meer in einem Sumpfgebiet Torf zu stechen. Die drohende Zerstörung der Moore wendete Succow gerade noch ab.

Als Handlungsreisender in Sachen Natur reist Succow um die Welt. Nach Kirgisien kommt er womöglich zu spät. Mit dem 3442 Meter hohen Aschursak-Paß, über den noch die alte Grenzstraße führt, hatten Industrielle bereits große Pläne. Ein gewaltiger Bergrücken soll komplett abgetragen werden. Dort haben Geologen eine enorm hohe Goldkonzentration im Gestein ermittelt. Jetzt soll das Edelmetall abgebaut werden.

Ein weiteres Goldgebiet hat sich der kanadische Minenkonzern Cameco gesichert. Es liegt gleich unterhalb der glitzernd-grauen Gletschermassen und türkisfarbenen Bergseen. Mitten in dem Öko-Idyll will die Minenfirma eine Landebahn für Großraumflugzeuge anlegen. Dort sollen, direkt aus dem amerikanischen Houston, die Jets mit den Bergbauutensilien einfliegen. Für 20 Gramm Gold pro Tonne, soviel soll in manchen Gesteinsbrocken stecken, ist das Himmelsgebirge nicht mehr heilig.

Schwerwiegende Umweltlasten haben aber auch die einstigen Machthaber zu verantworten. Zwei Dutzend Wasserkraftwerke, mehrere geschlossene Uranerzgruben und katastrophal geführte Steinkohleminen hinterließen schlimme Spuren. Succow will jetzt die »kontrollierte Nutzung« der wertvollen Rohstoffvorkommen in sein Naturkonzept integrieren.

Der Biologe weiß, gegen die Menschen und ihre Arbeitsinteressen kann er nicht gewinnen. Wie es mit der Landwirtschaft weitergehen soll, dem Tourismus und der Jagd, fragen denn auch seine kirgisischen Gesprächspartner stets besorgt. Sie haben längst gehört, daß in einem Schutzgebiet nach Art der Unesco-Reservate die wirtschaftliche Nutzung weitgehend eingeschränkt werden muß, in der Kernzone wird jedwede Bearbeitung untersagt.

Doch in den Hochtälern des Tienschan weiden über den Sommer Millionen und Abermillionen Schafe, Ziegen und Pferde. Selbst Kamele, auf denen im 12. Jahrhundert diverses Handelsgut nach Westen (und entführte Prinzessinnen nach Osten) transportiert wurden, dienen bei den Nomadenvölkern entlang der alten Seidenstraße noch als treue Haustiere. Alles in allem zuviel Vieh, das auf den empfindlichen Weideflächen grast, die Böden sind von Erosion bedroht.

Schlimmer noch sind die Schäden, die zugereiste Jäger in der Hochgebirgsregion anrichten. Noch leben rund 45 000 Steinböcke, 12 000 Marco-Polo-Schafe und 700 Schneeleoparden im Himmelsgebirge. Tiere, die andernorts nur noch im Zoo zu besichtigen sind.

Westliche Waidmänner aus Europa und den USA lassen sich jedoch immer häufiger mit Genehmigung der örtlichen Umweltbehörden per Helikopter zu den begehrten Wildtieren fliegen. Gegen 30 000 Mark Abschußgebühr darf beispielsweise ein Marco-Polo-Schaf vom Fels geholt werden.

»Wir können nicht nur Inseln der Glückseligkeit schaffen«, sagt der Naturschützer Succow. Zwar streitet er mit den kirgisischen Umweltbehörden um die, wie er findet, allzu laxe Vergabe von Jagdscheinen. Doch ihm ist auch klar: Sein Projekt kann nur gelingen, wenn er einen Ausgleich schafft zwischen den widerstrebenden Interessen von Bauern, Jägern, Tourismus-Managern und den Umweltschützern.

In einer alten Holzbaracke am Seeufer diskutiert Succow mit seinen Begleitern, wie der schädliche Massentourismus aus dem Öko-Idyll Kirgisien herausgehalten werden kann. Einen »angepaßten Tourismus« schlägt der Direktor des schweizerischen Nationalparks, Klaus Robin, vor. »Die Leute«, sagt Robin, »sind doch verrückt drauf, wilde Tiere lebendig zu sehen.«

Der Park im schweizerischen Unterengadin, dem Robin vorsteht, mache über eineinhalb Millionen Schweizer Franken im Jahr Umsatz, berichtet der Mann. Die anwesenden kirgisischen Tourismus-Manager horchen auf. Succow läßt eine Flasche Scharlachberg herumgehen - und dämpft die Erwartungen.

Der Nationalpark-Planer ist bislang noch weit entfernt von seinem Ziel. Noch gilt es, die Anfangsprobleme zu bewältigen. So hatte beispielsweise, auf Succows Drängen, das deutsche Entwicklungsministerium bereits seit dem vergangenen Jahr 23 Millionen Mark für Öko-Maßnahmen in Kirgisien bereitgestellt - bis heute ist kein einziger Pfennig abgeflossen.

Eine Meßstation in dem geplanten Nationalpark, die einzige in Zentralasien, die, für ein internationales Meßnetz, den Klimakiller Kohlendioxid erfaßt, steht aus finanziellen Gründen vor der Schließung. Das Jahresbudget der Meßwarte (10 000 Dollar) entspricht den Reisekosten eines einzigen europäischen Umweltministers zum Öko-Gipfel nach Rio.

Für die Luftmeßstation aber will es keiner aufbringen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Himmelsgebirge *

wird die Bergregion nördlich des Himalaja in der GUS-Republik Kirgisien genannt. Der Greifswalder Biologieprofessor und Ex-DDR-Umweltminister Michael Succow, 53, (rechts, mit Alpenexperte Grabherr) will das Gebiet mit Unterstützung der Bundesregierung vor der Zerstörung durch den Menschen retten und zu einem internationalen Biosphärenreservat nach Unesco-Standard machen. In dem zentralasiatischen Land liegt der höchste Gletschersee der Welt. Diese einzigartige Berglandschaft beherbergt Pflanzen- und Tierarten, die hierzulande auf der Roten Liste stehen oder schon ausgestorben sind. Bedroht wird das Öko-Kleinod durch den Abbau von Steinkohle sowie reiche Goldvorkommen, an denen auch westliche Firmen Schürfrechte erworben haben.

[Grafiktext]

_178_ Biospärenreservate weltweit

_____ / Kirgisien, geplantes Biospärengebiet (Kartenausschnitt)

[GrafiktextEnde]

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