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GRIECHENLAND / DIKTATUR Insel des Teufels

aus DER SPIEGEL 31/1967

In seinem Amtszimmer im dritten Stock des Innenministeriums am Klafthmonos-Platz ("Platz des Jammerns") in Athen ließ sich Griechenlands Innenminister, Brigadegeneral Stylianos Pattakos, mit dem Athener Polizeipräsidenten Tassigiorgos verbinden.

Pattakos: »Verhaften Sie sofort den Kiosk-Besitzer Vassilakakis, Giannarou-Straße 20, in Kalamaki*! Behalten Sie ihn heute abend im Fresko (Polizeigefängnis). Geben Sie ihm die übliche Behandlung -- Sie wissen schon! Bringen Sie ihn zu mir!«

Der »Kommunist« Vassilakakis, so berichtete der kleingewachsene Panzerführer Pattakos sodann den im Raum Anwesenden -- meist Athener Journalisten -, habe das Gerücht verbreitet, es gebe Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm, Pattakos, und seinem Putsch-Kameraden« dem Informationsminister Oberst Papadopaulos.

Zum Beweis befahl Pattakos den Informanten, der Vassilakakis denunziert hatte, sowie einen Geheimdienstoffizier ins Zimmer. Der Denunziant, etwa 30 Jahre alt: »Vassilakakis erzählte mir, seine Frau sei bei Frau Pattakos gewesen. Die Frau Minister habe ihr anvertraut, daß es zwischen Pattakos und Papadopoulos »nicht mehr ganz stimme«. Papadopaulos habe sich »mit denen ganz oben« (dem Königshaus) angelegt.«

Binnen 15 Minuten war auch Vassilakakis per Funkstreife herantransportiert. Dem Denunzianten gegenübergestellt, versuchte er verzweifelt, seine Unschuld zu beweisen. Schließ-

* Küstenvorort von Athen, nahe dem Flughafen Ellenikon.

lich flehte er den General an: »Herr Minister, ich liebe Sie. Ich bin auf Ihrer Seite, auf seiten der Revolution.«

Pattakos: »Morgen fährst du nach Jaros!«

Der Angeschuldigte: »Haben Sie Mitleid mit mir, Herr Minister. Mein Vater ist krebskrank. Ich habe zwei kleine Kinder.«

Pattakos: »Morgen fährst du nach Jaros!«

Polizeiwachtmeister Karras führte den schluchzenden Mann ah, seither wurde Vassilakakis nicht mehr gesehen.

Jaros heißt ein 17,2 Quadratkilometer kleines, felsig-kahles Eiland der Kykladen-Inseln vor der Küste Attikas, das den griechischen Militär-Diktatoren seit ihrem Coup vom 21. April als Konzentrationslager für mißliebige Bürger dient.

Jaros ist eine der berüchtigten Sträflingsinseln in der Ägäis, auf denen laut Militärregierung 2893, laut Ermittlungen der Hilfsorganisation »Amnesty International« aber zwischen sechs- und siebentausend Gefangene vegetieren.

Die Insel hat als Kerker Tradition. Schon römische Kaiser verbannten lästige Zeitgenossen auf den nur von Disteln bewachsenen und von Ratten bewohnten Felsen. Die byzantinischen Herrscher setzten den Brauch fort.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien die Insel Jaros den königlichen Generälen eine geeignete Isolier-Station für kommunistische Bürgerkriegs-Gefangene zu sein -- vielleicht, weil die Militärbehörden Jaros kurz zuvor als »völlig ungeeignet für die Errichtung einer Kaserne« bezeichnet hatten. Das Eiland erhielt den Namen »Insel des Teufels«.

Zwischen 1946 und 1950 hausten bis zu 12 000 Rote in primitiven Zelten auf der von extremen Witterungs-Schwankungen heimgesuchten Insel. Dann mauerten die Häftlinge in Zwangsarbeit einige große« zugige Gefängnis-Hallen -- »unter Bedingungen, die das menschliche Gewissen verurteilen muß«, so Griechenlands letzter Parlamentspräsident und Ex-Justizminister Papaspyrou. Für die Opfer des Lagers entstand hinter den Hallen ein Friedhof.

1958 schloß die Regierung das KZ, seine Insassen wurden auf Festland-Gefängnisse verteilt. Aber schon zwei Jahre später schickte Rechts-Premier Karamanlis Kommunisten-Nachschub auf die Insel.

1962 wurde Jaros geräumt -- weil die Versorgungskosten zu hoch waren. Die Kriegsmarine übernahm das Eiland als Versorgungslager und erklärte Jaros zum Sperrgebiet.

Die Putschisten des 21. April 1967 sammelten ihre potentiellen politischen Feinde zunächst in Sportstadien. Auf dem Athener Karaiskaki-Fußballplatz wurden 600 Männer und Frauen fünf Tage lang in einem zehn mal zwölf Meter großen Raum zusammengepfercht. Greise und Frauen wurden verprügelt und erlitten Knochenbrüche. Auf der Pferderennbahn von Phaliron erschoß ein Offizier den Gefangenen Panayotis Gyalis ohne erkennbaren Grund.

Die Brutalitäten wurden bald publik -da erinnerten sich die Militärs, daß sie einen publikumsfernen Internierungs-Platz hatten: die Teufelsinsel.

Seit Ende April verfrachten Transporter der Kriegsmarine wieder politische Gefangene von der Marine-Basis Skaramanga aus nach Jaros.

Die Lebensbedingungen auf der Insel sind schlechter als je zuvor. Ihre Anlagen verwahrlosten seit 1962, es gab anfangs keinerlei Kanalisation für die Deportierten. Das erste warme Essen wurde nach einer Woche ausgegeben -- es stammte aus halbverdorbenen Armee-Beständen. In zugigen Zelten waren die Häftlinge den kalten April-Stürmen ausgesetzt. Ein Viertel erkrankte. Ein Arzt war anfangs nicht vorhanden. Medikamente kamen erst im Juli, als ein Vertreter des Roten Kreuzes Jaros besichtigte.

Da nur wenige Gefangene in den überfüllten Räumen der Anstalt Platz finden, wurden fünf Zeltlager errichtet -- nach den fünf Buchten der Insel ("Ormos") Ormos 1 bis Ormos 5 genannt. In Ormos 1 sind die als »gefährliche Kommunisten« klassifizierten Gefangenen untergebracht.

235 Frauen, darunter 21 Mütter mit Kindern im Alter von einem Monat bis zu drei Jahren, erhielten ein eigenes Lager.

400 königlich griechische Gendarmen bewachen die Häftlinge. Sie mühen sich auch, die Gefangenen zu »guten Griechen« (so Minister Pattakos) umzuerziehen. Dazu applizieren sie eine Gehirnwäsche, die auch Chinas Kommunisten anwenden: Auf die Eingeschlossenen plärren pausenlos Lautsprecher ein.

Sicherheits-Ausschüsse, die aus einem Richter und zwei Polizeioffizieren bestehen, begutachten die Umerzogenen. Glaubt der Ausschuß, daß ein Häftling ein guter Grieche geworden ist, muß dieser eine Loyalitätserklärung für das Militärregime unterschreiben. Dazu gehört die Verpflichtung, sich nie wieder politisch zu betätigen und über Jaros zu schweigen.

Doch die Heimkehr von Jaros befreit die Ex-Häftlinge nicht vom Schatten der Insel. Wer einmal auf Jaros war, kann in Griechenland kein Staatsdiener mehr werden, erhält weder Gewerbekonzession noch Paß und wird weiter beschattet. Beim geringsten Vergehen muß er wieder das Schiff, nach Jaros besteigen.

Als Iakovos Diamantopoulos, Vizepräsident des letzten Parlaments, jüngst beim Vize-Premier und Verteidigungsminister der Junta, General Spantidakis, Klagen gegen das Offiziers-Regime vorbrachte, drohte der General dem Politiker die gleiche Strafe an, die sein Kollege Pattakos für den Kiosk-Besitzer Vassilakakis ausgewählt hatte.

Spantidakis: »Bleib brav, sonst kommst du nach Jaros.«

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