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KANARISCHE INSELN

Goten raus Das Ferienparadies der Europäer soll mit Spanien in die EG einziehen. Doch den Insulanern liegt Afrika näher, nicht nur geographisch. *
aus DER SPIEGEL 29/1985

Ich kenne diese Inseln nicht, war nie dort, und sie interessieren mich auch nicht«, sagte EG-Präsident Jacques Delors über die Kanarischen Inseln. Vielleicht sollte er doch einmal hinreisen, auf die »Islas afortunadas«, die glücklichen Inseln - die in Wirklichkeit unglücklich sind.

Wenige Tage bevor Spaniens Abgeordnetenhaus die EG-Verträge einstimmig annahm, hatte die Volksvertretung der Kanarischen Inseln ein klares Nein zur Europäischen Gemeinschaft gesagt. Demonstrativ trat daraufhin die Regional-Regierung zurück.

Die Abfuhr, welche die kleinen Kanaren dem großen Europa erteilten, ist zwar nicht bindend für die Zentralregierung in Madrid. Doch die kanarische Partei der Nationalistischen Linken - sie befürwortet die Unabhängigkeit des Archipels - kündigte Klage beim Verfassungsgericht an, damit das Veto verbindlich wird: Streit um die Kanaren, das hatte den Europäern gerade noch gefehlt.

Für viele von ihnen ist der Atlantik-Archipel - bestehend aus den sieben großen Inseln Teneriffa, Fuerteventura, Gran Canaria, Lanzarote, La Palma, Gomera und Hierro sowie sechs kleineren Inselchen - Lieblings-Sonnenziel. Sie genießen dort exotische Vulkanlandschaft, mildes Golfstromklima, dazu eine üppige tropische sowie subtropische Pflanzenwelt.

Die Inseln - halb so groß wie Schleswig-Holstein - liegen 1100 Kilometer von der Südspitze der Iberischen Halbinsel entfernt, aber nur 100 Kilometer vor der Küste Westafrikas. Viele ihrer 1,5 Millionen Bewohner fühlen sich nicht als Europäer.

Zwischen 1976 und 1978 versuchten kanarische Separatisten schon einmal, ihre Parole »fuera godos« (Goten raus) mit Bombenterror in

die Realität umzusetzen - »Goten« sind alle vom Festland zugewanderten Spanier. Der militanten Unabhängigkeitsbewegung MPAIAC, die der kanarische Rechtsanwalt Antonio Cubillo von seinem Exil in Algier aus lenkt, gelang es, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Damals wurden die Terroristen von der Regierung Algeriens unterstützt, weil sie eine »Afrikanisierung« der Inseln anstrebten. Allabendlich durfte Cubillo über einen algerischen Rundfunksender seine Landsleute zur Befreiung vom Joch der »spanischen Kolonialherren« aufrufen, die seit 500 Jahren auf den Inseln sitzen.

Die ursprüngliche Inselbevölkerung, die Guanchen, waren Zuwanderer aus dem orientalischen Mittelmeerraum, oder aus Westafrika: groß, blond und hellhäutig wie die Berber.

Heute unterscheidet sich das Kanaren-Volk weder durch Aussehen noch durch die Sprache von den »peninsulares« (Halbinsel-Bewohner), wie die Festlandsspanier abfällig genannt werden.

Die Ursprache der Guanchen, Berberdialekten verwandt, ist bis auf Relikte in Namen ausgestorben. Auf den Inseln wird ein weiches Spanisch gesprochen, ähnlich dem der Andalusier. Weil ihnen aber die Identität einer eigenen Sprache und Literatur fehlt, haben die Bewohner nie ein so starkes Nationalbewußtsein entwickelt wie Katalanen oder Basken.

Vom Streit um den EG-Beitritt erhoffen sich die Separatisten Auftrieb: In Algier bereitet sich Cubillo auf sein Comeback vor. Während der Beitrittsverhandlungen bombardierte er den EG-Ministerrat mit Telegrammen. »Die Kanarischen Inseln sind verkauft worden. Ab jetzt wird das europäische Kapital sich hier festsetzen, und die Inseln werden von Brüssel regiert werden« - für die Kanaren eine finstere Perspektive.

Immer schon ging es ihnen schlecht, und selbst nach Francos Tod, in fast zehn Jahren Demokratie, fühlte sich der Archipel vernachlässigt, isoliert im Atlantik, 2000 Kilometer von der Hauptstadt Spaniens entfernt, ein wirtschaftliches Notstandsgebiet.

Zwar kamen 1984 rund 3,2 Millionen Touristen auf die Kanaren, aber nicht einmal sie schafften es, die Arbeitslosigkeit unter den spanischen Durchschnitt von 20 Prozent zu drücken. Deshalb verlassen viele Insulaner ihre Heimat. Die Zurückbleibenden sind ein Volk von Kellnern und Verkäufern geworden, die Charterurlauber bedienen und Altenpfleger spielen.

Auf den Inseln ist der Prozentsatz von Analphabetentum und Kindersterblichkeit höher als in den meisten spanischen Provinzen. Veraltete Herrschaftsformen haben sich bis heute erhalten: »Caciques«, die Chefs der Familienclans, verteilen die Gelder aus Madrid und verwalten die Süßwasservorräte. Wasser ist kostbar; da es wenig regnet, müssen alle Pflanzungen künstlich bewässert werden.

Eine nennenswerte Industrie konnte sich auf dem Archipel nicht entwickeln. So lebte die kanarische Wirtschaft seit jeher von den Erträgen aus Privilegien, die Madrid den Inseln zubilligte.

Seit mehr als einem Jahrhundert sind die Kanaren Freihandelsgebiet und damit ein wichtiger Umschlagplatz: Zigaretten- und Zigarrenhersteller kaufen hier steuerfrei kubanischen Tabak. Die Preise der kanarischen Tomaten und Bananen wurden auf dem spanischen Markt gestützt.

Um diese Sonderbehandlung bangen die Bewohner nun. Zwar sollen die Inseln als Teil der EG mit vollem Anrecht auf die Stützungsfonds für Sozialhilfe und Regionalentwicklung gelten, aber sie werden der Zollunion und der Agrarpolitik nicht angeschlossen, das heißt, mit ihren Produkten wie ein Nicht-EG-Land behandelt. Eine spezielle Preisstütze für kanarische Erzeugnisse hat Brüssel abgelehnt.

Nach dem EG-Abkommen müssen die kanarischen Bananen-Anbauer fürchten, ihre besonders schmackhaften Früchte nicht einmal mehr ins eigene Spanien exportieren zu können, weil ihre Preise nicht konkurrenzfähig sind. Gemüse aus anderen spanischen Regionen verdrängt das kanarische vom Markt.

Auch beim Fischfang, von dem einige kleine Inseln seit Jahrhunderten leben, kommen die Kanaren nach den EG-Verträgen schlecht weg: In Brüssel wurden die Fisch-Exportquoten nach der Produktion der letzten drei Jahre festgelegt. In dieser Zeit aber hatte der Speiseölskandal den Absatz von Fischkonserven um über die Hälfte sinken lassen.

Einbußen von mehr als 40 Milliarden Peseten (700 Millionen Mark) im Jahr und der Verlust von 70000 Arbeitsplätzen, so fürchtet die Regionalkommission der kanarischen Landwirte, werden das Opfer sein, das die Kanaren Europa bringen sollen. Gegen diese Zukunftsaussicht demonstrierten Ende Mai 25000 Bauern in Las Palmas.

Separatistenführer Cubillo will die Gunst der Stunde nutzen, um in die Heimat zurückzukehren und dort zu verwirklichen, was ihm in den siebziger Jahren nicht geglückt war. Mit einer »Nationalen Front« plant er die nächsten Wahlen für das Regionalparlament zu gewinnen und dann - losgelöst von Spanien und Europa, orientiert auf Afrika - eine »echte Autonomie, keine koffeinfreie« zu erringen.

Schon sieht man bei der Nato ein neues Sicherheitsrisiko. Denn die geostrategische Lage macht die Kanarischen Inseln zum natürlichen »Flugzeugträger« für den Schutz des Seeverkehrs im Nordatlantik.

Allein deshalb müssen die »Goten« auf den »Glücklichen Inseln« und diese bei Spanien bleiben.

[Grafiktext]

500 Kilometer Atlantischer Ozean SPANIEN MAROKKO Lanzarote La Palma Teneriffa Fuerteventura Gomera Hierro Gran Canaria KANARISCHE INSELN(Span.) ALGERIEN MAURETANIEN MALI

[GrafiktextEnde]

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