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Briefe

Instinktlose Bonzenwillkür
aus DER SPIEGEL 33/1981

Instinktlose Bonzenwillkür

(Nr. 29/1981, Lotto: Verdoppelter Einsatz)

Weder für Brot noch für Spiele kann in einer Marktwirtschaft die Preisbildung instinktloser Bonzenwillkür überlassen werden. Im Kasino des kleinen Mannes wird mit einer rigorosen Preisverdoppelung dem Normalverbraucher das Prinzip Hoffnung brutal entzogen, das ihn beständig einer Emanzipation vom Alltag -- das heißt Befreiung von Abhängigkeit -- nachhängen läßt.

Dieser Tagtraum aller Volks-Spieler kann demokratischer Lenkung oder Preisregulierung kaum ungestraft entzogen und statt dessen Streik (Norbert Blüm) oder den Bazookas enttäuschter Träumer, der Resignation über versäumte Gelegenheiten aller Arbeiter und Studenten überlassen werden. S.13 Das vorgeschobene Motiv verdoppelter Gewinnversprechen ist bestenfalls ein Luftkotelett: Nominell halbieren sich die Gewinnaussichten bei gleichbleibendem Einsatz, nach der Wahrscheinlichkeit sinken sie auf ein Minimum.

Das Gedankenspiel, durch einen Hauptgewinn reich zu werden, steht schon rein mathematisch (wahrscheinlich etwa 1:14 Millionen), vielmehr aber psychologisch außerhalb menschlicher Maßstäbe. Schon immer drohten die Höchstgewinne der Klasse I im Lotto eher als Damoklesschwert zwischen dem Leben füllenden Beruf und fruchtbringender (oder erhaltender) Ehebindung -- darüber hinaus alle hergebrachten Daseinsbedingungen, generell wohl aber gründlich ungeeignet, ein neues Leben einzuleiten.

Übertreffen die seitherigen Gewinnsätze von 500 000 Mark oder 1,5 Millionen S.14 Mark von jeher menschliche Vorstellungen, so wird mit deren neuerlicher Verdoppelung für einen Tanz auf dem Vulkan geworben.

Ein Anreiz oder überschaubares Startkapital für das Leistungspotential steht hier bei weitem außerhalb der Betrachtung. Das seither volkstümliche Spielzeug entrückt vielmehr in die Reichweite der Wucherer, Hasardeure -- und zwangsläufigen Spieler um die Bank, wo es ursprünglich sein Publikum nicht suchte.

Das altvertraute Lotto, das einst Jung und Alt, Dick und Doof, Arm und Krank, Beamte, Student, Arbeiter und Minister, Professor und Bischof und Taschendieb vereinte, fällt somit unter die Räuber.

Das ist in der Anlage dumm wie Bohnenstroh -- könnten wir es doch wenigstens auf die heutige Jugend schieben. Oder auf den Freistaat Bayern, die Nato oder die Viererbande in China, die »Bild«-Zeitung oder den Bildungsnotstand in der Bundesrepublik Deutschland.

Für ein gescheites und volkstümliches Spiel wie das Lotto bleibt nur das Auswandern -- ins Saargebiet.

Pforzheim DR. WERNER NÄHRLICH

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