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Interferon: Hoffnung für Krebskranke?

Ein körpereigener Wirkstoff, vor 23 Jahren entdeckt und zeitweilig kaum mehr beachtet, wurde zum begehrtesten Medikament der Welt: Interferon, das wegen seiner aufwendigen Gewinnung um ein Vielfaches teurer als Gold ist, wird derzeit in zahlreichen Kliniken in Milligramm-Portionen gegen verschiedene Krebsarten erprobt.
aus DER SPIEGEL 24/1980

Wohin er auch geht oder fährt, stets trägt der 36jährige Computer-Fachmann den Behälter mit sich.

Das zylindrische Gefäß, etwa von der Form einer aufrecht gestellten Botanisiertrommel, ist mit weithin leuchtenden Aufschriften beklebt: »Zerbrechlich«, mit dem dazugehörigen Symbol, einem Weinglas. Darunter, schwarze Schrift auf gelbem Grund: »Lebensrettendes Medikament« ("Medicines -- live and death").

»Der Pfiff des Behälters liegt im Deckel«, sagt der Besitzer. Der Deckel ragt zehn Zentimeter tief in das Thermosgefäß hinein und hält seinen Inhalt für maximal 72 Stunden bei einer Temperatur von vier Grad Celsius. Spätestens dann muß ein neuer, frisch mit Kälte aufgeladener Deckel her; deshalb in jedem Hotel oder bei Freunden stets die Frage: Wo ist hier eine Tiefkühltruhe?

Entwickelt wurde das kühlende Behältnis für den Transport von Spendernieren. S.213 Aber im Falle des Computer-Technikers enthält es ein Medikament, das dieser ständig gekühlt bei sich tragen und sich täglich injizieren lassen muß.

Er ist einer von wenigen hundert Patienten in der Welt, die mit dem derzeit begehrtesten pharmazeutischen Wirkstoff behandelt werden: Interferon. Es soll die bösartigen Zellen, die seit acht Jahren in seinem Körper wuchern und denen die Ärzte schon mit Strahlen und mit Chemotherapeutika beizukommen suchten, in Schach halten.

Für keinen anderen Stoff auf Erden, nicht für Gold und nicht für Diamanten, wird gegenwärtig ein so hoher Preis verlangt und gezahlt. Ein Gramm Interferon kostet 100 Millionen Mark, die derzeitige Tagesdosis für einen Krebspatienten -- wenige millionstel Gramm -- bis zu 700 Mark.

Ex-Schah Resa Pahlewi, nun schon zum zweitenmal am Krebs operiert, habe sich Interferon »heimlich für viele Millionen besorgt« und erhole sich daraufhin »zusehends«, wußte schon wieder »Bild« (Ärzte hören es anders: Er habe zwar überall versucht, das Mittel zu kaufen, aber vergebens).

Die wenigen Hersteller von Interferon, die es gibt, werden mit Bittbriefen überhäuft: »Sie können meinen Tod verhindern]« Für »ein paar Tropfen« von dem Wirkstoff bieten die Briefschreiber 10 000 Mark und mehr, mancher sogar sein »ganzes Vermögen«.

Verzweifelte geben Kleinanzeigen auf: »Eilt sehr] Wer finanziert / besorgt attr., lebensl. Hamburgerin, Mittdreißigerin, Interferon gegen Leukämie« -- so vor vier Wochen in der »Welt« unter »Verschiedenes«. Ärzte, die mit Krebspatienten zu tun haben, können sich manchmal kaum retten.

»Jedesmal wenn so ein jubelnder Bericht in der Presse erscheint, kommen hinterher an die 50 Patienten und Angehörige zu mir«, berichtet der Leiter des Freiburger Tumorzentrums Professor Michael Wannenmacher. »Wenn ich ihnen dann erkläre, daß eine Behandlung mit Interferon nicht in Frage kommt, dann ist es eine schlimme Enttäuschung. Sie glauben, sie müssen sterben, weil sie arm sind.«

Das klingt -- und quicke Illustrierten-Serien machen es auch so glauben --, als sei ein neues »Wundermittel« gegen Krebs gefunden, so wie einst das aus Bambusgras gewonnene »Bamfolin« oder das »Laetrile« aus Aprikosenkernen, die in den sechziger und siebziger Jahren durch die Blätter geisterten (beide richten gegen Krebs nichts aus).

Doch diesmal ist es anders. Nicht Kräuterdoktoren aus Fernost, nicht obskure Außenseiter der Medizin setzen auf das neue Mittel, sondern die angesehensten Krebsforscher und Virologen der westlichen Welt. Nicht in exotischen Waschküchenbetrieben auf den Philippinen wird Interferon gewonnen, sondern in hochsterilen, chromblitzenden Labors. Nicht Heilpraktiker verabreichen es, sondern die Chefs der größten Krebskliniken testen es an ihren Patienten.

Vorletzte Woche gab die Amerikanische Krebsgesellschaft (ACS) einen Zwischenbericht über die erste großangelegte Studie mit Interferon in den USA. An zehn Kliniken und Krebszentren wurde der Wirkstoff im klinischen Versuch erprobt, gegen vier verschiedene Arten von Krebs. Bisheriges Fazit: Bei den klinischen Versuchen habe Interferon in einigen Fällen »eine Wirksamkeit gegen Krebs« gezeigt -- allerdings seien die Ergebnisse weniger günstig, als schwedische und andere Wissenschaftler sie vor einiger Zeit gemeldet hatten.

Für kein anderes Medikament haben die führenden amerikanischen Forschungsorganisationen jemals so viele Mittel bereitgestellt wie für das Interferon-Programm.

Das Nationale Krebsinstitut in Bethesda, Maryland, hat 10,4 Millionen Dollar in seinem Etat eingeplant, um die Substanz und deren Wirkung auf den menschlichen Organismus zu erforschen. 5,8 Millionen Dollar kommen von der ACS -- vor allem bestimmt zum Ankauf des raren Wirkstoffs für klinische Tests. Das Geld konnte bisher nur zu einem Bruchteil ausgegeben werden: Es gibt nicht genug Interferon.

Dieser Engpaß -- daß von einem Wirkstoff, der in klinischen Versuchen so hochgespannte Hoffnungen weckt, nur Milligrammportionen hergestellt werden können -- erinnert an einen Höhepunkt der Medizingeschichte in diesem Jahrhundert: an die erste Anwendung des Penicillins.

Damals, vor 40 Jahren, starb ein Londoner Polizist, dessen Blutvergiftung im ersten Anlauf mit dem Bakterienkiller eingedämmt worden war, weil bei einem Rückfall nach einigen Tagen kein Penicillin mehr zur Verfügung stand.

»Hunderttausende von Ärzten und Millionen von Patienten in aller Welt«, schrieb in der letzten Woche das Ärztemagazin »Selecta«, verfolgten die klinische Erprobung des Interferon mit »guten Wünschen«. In der Tat: Auch viele Ärzte, nicht nur ihre Patienten, sehen in diesem Wirkstoff, der noch voller Geheimnisse steckt, einen Hoffnungsschimmer -- nach Jahrzehnten des nur quälend langsamen Fortschritts im Kampf gegen Krebs.

Doch der »Selecta«-Kommentar trug auch die mahnende Überschrift: »Wird von Interferon zu viel erwartet?«

Dieselben Mediziner, die mit größter Spannung die ersten positiven Testresultate mit Interferon als Antikrebsmittel verfolgten, warnen auch vor übertriebenen Hoffnungen. »Es gibt noch keinen einzigen eindeutigen Nachweis für die Wirksamkeit von Interferon bei Krebs«, so letzte Woche Professor Manfred Dietrich, Krebsspezialist und Klinikchef am Hamburger Tropeninstitut. S.214 »Es fehlt noch an wissenschaftlich sauberen Studien.«

Mit einem Crash-Programm haben die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg, als sie hörten, daß man Zehntausende von Verwundeten damit würde retten können, die Produktion des bakterientötenden Penicillin angekurbelt. Vergleichbar sind die Anstrengungen, die jetzt von den großen Pharma-Konzernen, aber auch von einfallsreichen Newcomern unternommen werden, um Interferon zu erzeugen.

In dieser Woche bringt die Pharma-Firma Rentschler, ansässig im schwäbischen Laupheim, erstmals Interferon-Chargen auf den Markt, die unter dem Namen »Fiblaferon« freilich nur für Laborzwecke erhältlich sind (siehe Titelbild). Rentschler ist der bislang einzige deutsche Hersteller von Interferon; 75 Prozent der Herstellungskosten trägt das Bundesforschungsministerium -das ergibt Millionenzuschüsse aus Bonn. 95 Prozent der Rentschler-Produktion sind für drei Testprogramme an deutschen Universitätskliniken bestimmt.

250 000 Blutspender traten im letzten Jahr in Finnland an -- jeder zwanzigste Finne --, um dem Blutspezialisten Professor Kari Cantell in Helsinki genügend Rohstoff für seine Interferon-Herstellung zu liefern. Cantell war jahrelang der einzige, der den Wirkstoff (mit Hilfe der weißen Blutkörperchen aus dem Spenderblut) zu gewinnen verstand. Er belieferte auch die Amerikaner. Pharma-Konzerne in den USA und in England, in Japan und der Bundesrepublik versuchen die derzeit möglichen Produktionsverfahren zu verbessern.

Zu dem futuristischen Image des Wirkstoffs Interferon, der schon vor zwei Jahrzehnten in dem amerikanischen Comic-strip »Flash Gordon« als Retter in Todesnot fungierte, paßte eine Sensationsnachricht aus der Schweiz, die um die Jahreswende 1979/80 verbreitet wurde: Am Weihnachtsabend war es dem Zürcher Molekularbiologen Professor Charles Weissmann gelungen, Coli-Bakterien durch einen gezielten Eingriff in ihre Erbmasse (genetische Manipulation) so zu programmieren, daß die Einzeller menschliches Interferon erzeugen.

Es war, schrieb das US-Nachrichtenmagazin »Time«, als habe Weissmann »eine genetische Nadel im Heuhaufen entdeckt«. Nun bemüht sich die (von Weissmann mitgegründete) Genfer Firma »Biogen«, das Verfahren in pharmazeutische Großtechnik zu übersetzen.

Gelänge das, so könnte in absehbarer Zeit reichlich und erheblich billigeres Interferon produziert werden. Letzte Woche meldeten die »Biogen«-Wissenschaftler einen weiteren Erfolg: Es gelang ihnen -- übrigens gleichzeitig mit japanischen Krebsforschern --, die biochemische Struktur jener Gene aufzuklären, die beim Menschen die Bildung von Interferon in der Zelle steuern.

Aber was ist dran an diesem Super-Medikament, an das sich »teils schon schwindelnd hochgespannte Erwartungen« knüpften, wie »Selecta« schrieb?

Die meisten Experten wiegeln ab. »Die Glocken wurden zu früh geläutet«, schrieb vorletzte Woche Professor Holger Kirchner, Virusspezialist am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, in der »Medical Tribune«.

Wer »aus dem Wirbel um das Interferon ... auf die nahe bevorstehende Befreiung der Menschheit von der Geißel des Krebs geschlossen« habe, so Kirchner, der müsse möglicherweise »mit einer herben Enttäuschung rechnen«.

Wie es zu der -- vielleicht vorschnellen -- Begeisterung für das Interferon auch bei vielen Medizinern gekommen ist, das erklärt der Freiburger Virologe Dieter Neumann-Haefelin so: »Die phantastische Vorstellung, man könne mit einer physiologischen, also vom menschlichen Organismus selbst hergestellten Substanz derart drastische Effekte wie etwa eine Krebsheilung herbeiführen, ohne dabei stark in den Stoffwechsel normaler Zellen einzugreifen -- diese Vorstellung ist für die Ärzte überaus verlockend.«

Der Wirkstoff könnte, falls die Hoffnungen sich erfüllen, in zweifacher Hinsicht in der Medizin zentrale Bedeutung erlangen:

* Interferon macht die Zellen gegen das Eindringen krankheitserregender Viren resistent. Die Substanz könnte also, wenn sie in genügender Menge verfügbar wäre, gegen die verschiedensten Viruserkrankungen eingesetzt werden, von der Gürtelrose über Hepatitis bis zur Tollwut.

* Bei Versuchstieren hemmt Interferon Entstehung und Wachstum von Tumoren. Die wachstumshemmende Wirkung des Interferons auf menschliches Krebsgewebe ist bislang nur in Zellkulturen ("in vitro") im Laborversuch erwiesen.

Ob diese krebshemmende Wirkung beim Menschen auch im lebenden Organismus ("in vivo") funktioniert, das ist die große Frage -- seit zehn Jahren S.216 versuchen Wissenschaftler sie zu beantworten.

Im Laborversuch, auf Zellkulturen, vermag das Interferon sogar noch mehr: Es wirkt offenbar auch regulatorisch auf andere Teile der körpereigenen Abwehr. Interferon vermag zum Beispiel die Aktivität von Makrophagen (Bakterienfressern) und von »natural killer cells« zu steigern, die im Knochenmark gebildet werden und im Körper gegen Krebszellen operieren.

»Interferon-Forschung«, meinte auf einem Kongreß in Dallas der New Yorker Biochemiker Jan T. Vilcek, »ist schon mehr eine Kunst als eine Wissenschaft.«

Keine andere Substanz, fand auch das Medizin-Fachblatt »Selecta«, habe wahrscheinlich die Biochemiker und Pharmakologen so lange und so gründlich frustriert wie Interferon: Schon im Jahre 1957 hatten der (mittlerweile verstorbene) britische Virologe Alick Isaacs und sein Schweizer Kollege Jean Lindenmann zum erstenmal Spuren des Wirkstoffs aus den Zellen von Hühnerembryonen extrahiert.

Die beiden Forscher waren der interessanten Frage nachgegangen, warum ein und dasselbe Lebewesen kaum je gleichzeitig von zwei Viruskrankheiten heimgesucht wird. Ein Kind zum Beispiel, das gerade Masern hat, erkrankt nicht auch noch an Röteln oder Mumps.

Isaacs und Lindenmann fanden die Erklärung: Sie entdeckten, daß Hühner-Embryo-Zellen, die mit einem Virus beimpft wurden, daraufhin eine Substanz produzierten, die sie gegen eine Reihe anderer Virusarten schützte. Nach diesem Sich-gegenseitig-Ausschließen ("Interferenz") der Viren benannten die Forscher die Substanz: Interferon.

Gefunden war also ein körpereigener Abwehrstoff gegen Viren, und zwar einer, der nicht nur eine bestimmte Sorte von Eindringlingen abblockt: Interferon wirkt gegen alle Virenarten gleichermaßen.

Inzwischen ist der Mechanismus, der dieser Schutzwirkung zugrunde liegt, aufgeklärt. Das Interferon greift die Viren nicht direkt an. Vielmehr dient es als Sendbote, den eine virusbefallene, schon sterbende Zelle noch ausschickt, um die Nachbarzellen zu alarmieren.

Dringt ein Virus in eine lebende Zelle ein, so zwingt es dieser Zelle sein genetisches Programm auf: Die befallene Zelle wird genötigt, in ihrer chemischen Fabrik zahllose Kopien des eingedrungenen Virus zu produzieren. Ein Schnupfenvirus beispielsweise benutzt eine Zelle der Nasenschleimhaut, um sich in kürzester Zeit millionenfach zu vermehren und immer neue Zellen zu befallen.

Die betroffene Zelle kann sich dagegen nicht direkt wehren. Aber sie erzeugt in dem Moment, da das Virus eindringt, den Botenstoff Interferon, ein hormonähnliches Eiweißmolekül, das sich sogleich auf den Weg zur Nachbarzelle macht. Dort angekommen, löst es im Zellkern der noch nicht befallenen Zelle (und hierfür genügt ein einziges Interferon-Molekül) den Produktionsbefehl für bestimmte Enzyme aus ("Antivirales Protein«, AVP), die einen Schutz gegen die herandrängenden Viren aufbauen.

»Wie eine Straßensperre« (Krebs-Experte Dietrich) blockieren AVP-Enzyme die Produktionsanweisung (Boten-RNA) des Virus -- der Befehl zur Herstellung neuer Viren wird nicht ausgeführt.

Die Aussicht, gleichsam den Faktor X gegen alle Viruserkrankungen -von den nur lästigen bis zu den lebensbedrohenden -- in der Hand zu halten, beflügelte die Forschung Anfang der sechziger Jahre. Nichts lag näher, als diese wirkmächtige Substanz in genügend großen Mengen zu isolieren und sie dann, bei jeder herannahenden Viruserkrankung, dem Patienten wie einen Impfschutz zu verabreichen.

Doch alsbald stießen die Wissenschaftler auf unvermutete Hürden. Es zeigte sich, daß fast jede Spezies ein ihr eigenes Interferon produziert und nur auf dieses anspricht. Interferon aus Mäusen macht nur Mäusezellen, Interferon von Hühnern macht nur Hühnerzellen gegen Viren resistent, bei Hunden und Katzen wirken beide nicht.

Damit schrumpften die Möglichkeiten zur Gewinnung der vielversprechenden Substanz. Erst recht schienen die Schwierigkeiten bei der Gewinnung von menschlichem Interferon damit fast unüberwindlich: Das Interferon entsteht beim Angriff eines Krankheitserregers; und es verbot sich, Tausende von Freiwilligen etwa mit Viren zu infizieren, nur um aus dem Gewebe der Probanden hernach Interferon zu gewinnen.

Pharmakonzerne wie beispielsweise die US-Firma Merck suchten denn auch den Schutz gegen Viren auf indirektem Weg zu erzeugen -- viele Millionen Dollar wurden für diese Forschungsrichtung aufgewendet.

Die Idee: Statt Interferon erst mühsam zu extrahieren und dann als Vorbeugemittel wieder einzuspritzen, müßte es gelingen, den Körper selber zu erhöhter Interferon-Produktion anzuregen. Es galt, eine chemische Substanz ("Trigger") ausfindig zu machen, die -- anstelle von Viren -- in der Zelle die Interferon-Ausschüttung anregt.

Solche Stoffe wurden gefunden. Aber sobald die Interferon-Auslöser genügend hoch dosiert wurden, zeigten sich unverträgliche toxische Nebenwirkungen. Ende letzten Monats kam die Nachricht, daß die US-Pharmafirma Upjohn mit einer neuen Stoffgruppe (Phenylpyrimidin) diese Versuche wieder aufgenommen habe.

Ein Außenseiter war es, dem es schließlich Anfang der siebziger Jahre doch noch gelang, menschliches Interferon gleichsam auf Flaschen zu ziehen, wenn auch in verschwindend kleinen Mengen: Der finnische Hämatologe Kari Cantell, vom Zentralen Gesundheitslabor in Helsinki, entwickelte ein Verfahren, bei dem die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) aus Spenderblut (die für die Blutkonserven nicht gebraucht werden) als Ausgangsmaterial dienen.

Die Leukozyten werden im Labor mit einem harmlosen Virus ("Sendai") S.217 infiziert und produzieren daraufhin Interferon, das hernach in einem aufwendigen Verfahren stufenweise angereichert wird.

Nach jeweils acht Stunden müssen die Leukozyten-Kulturen erneuert werden. Die Ausbeute an Interferon ist dementsprechend gering: »Ganze Ströme von Spenderblut«, so der Forschungsdirektor der Amerikanischen Krebsgesellschaft Frank J. Rauscher, »sind nötig, um auch nur Milligramm-Mengen von Interferon herzustellen.«

In Zahlen ausgedrückt: Aus rund eineinhalb Liter Spenderblut läßt sich gerade die Durchschnittstagesdosis für einen Interferon-Patienten gewinnen.

Das finnische Rote Kreuz hat seine hübschesten und freundlichsten Mädchen in die Blutspendezentrale abkommandiert, damit möglichst jeder Finne, der spendet, wiederkommt. Auf diese Weise gelang es Cantell, dessen Interferon-Produktion überwiegend für den amerikanischen Großversuch aufgekauft wurde, bislang einige zehntausend Tagesrationen des Wirkstoffs herzustellen. Im Durchschnitt bekommt ein Kranker täglich drei Millionen Einheiten.

( Eine Einheit, entsprechend etwa einem ) ( billionstel Gramm, ist nach einer schon ) ( von Isaacs und Lindenmann festgelegten ) ( Definition diejenige Menge Interferon, ) ( die 50 Prozent der Zellen einer ) ( Zellkultur vor der Zerstörung durch ein ) ( bestimmtes Virus (vesicular stomatitis ) ( virus) schützen kann. )

Schon bei den ersten Versuchen zur Interferon-Gewinnung zeigte sich, daß der Stoff die lästige Eigenart besitzt, sich an alle möglichen anderen Proteine zu binden. »Die Folge war«, so erinnerte sich später Isaacs'' Mitarbeiter Derek C. Burke im »Scientific American«, »daß viele Untersucher, ich selbst eingeschlossen, manchmal etwas reinigten, das sich dann als unerwünschtes Protein erwies, verunreinigt bloß noch mit kleinen Mengen Interferon.«

Es dauerte Jahre, bis es Cantell und seinen Mitarbeitern gelang, das Interferon gleichsam aus dem großen Suppentopf der Eiweißkörper herauszufischen -- wenn auch noch längst nicht in reiner Form.

Was derzeit als »reines« Interferon in Kliniken verabreicht wird, enthält je nach Charge allenfalls 0,1 bis ein Prozent des Wirkstoffs. Der Rest sind andere Eiweißstoffe, die beim Patienten zu unerwünschten Nebenwirkungen führen können.

Das Ausgangsmaterial, weiße Blutkörperchen, stammt von den verschiedensten Spendern und kann daher mit allerlei Erregern und Giftstoffen behaftet sein, seien es Hepatitis-Viren oder auch krebserregende Stoffe und Tumorzellen.

Unter großem Aufwand und verlustreich werden solche Verunreinigungen ausgefiltert. Jede einzelne Charge durchläuft zahlreiche Sicherheitstests. Aber selbst dann noch zeigt sich bei der Anwendung oft, daß allein das Fremdeiweiß, das zwangsläufig zusammen mit dem Wirkstoff appliziert wird, bei den Patienten heftige, zum Teil fiebrige Reaktionen auslöst.

Unter Umständen wandeln deshalb behandelnde Medizner die Darreichungsform im Einzelfall ab: Statt der intramuskulären Spritze geben sie beispielsweise Zäpfchen; manche Patienten müssen den Wirkstoff in stundenlangen Sitzungen vor einem Inhalationsgerät einatmen.

Im Nasen-Rachen-Raum gelang auch der erste Nachweis, daß Interferon beim Menschen eine Viruserkrankung zuverlässig abwehren kann: Wissenschaftler am Schnupfenzentrum im englischen Salisbury und der Virus-Spezialist Thomas C. Merigan setzten 1972 Interferon zur Vorbeugung gegen Erkältung ein. Erfolg: Von 16 Patienten, denen Schnupfenviren in die Nase geträufelt wurden, blieben 13 dank Interferon von der Erkältung verschont.

Wenig später konnte Merigan an der kalifornischen Stanford University den Nachweis führen, daß Interferon auch noch vor anderen Virus-Erkrankungen schützt: vor Gürtelrose beispielsweise, einer durch Herpes-zoster-Viren verursachten äußerst schmerzhaften Nervenentzündung. Eine Schutzwirkung durch Interferon wurde auch bei Windpocken und bei einer Sonderform chronischer Hepatitis beobachtet. Bei einer Patientin, einer jungen Frau, verschwanden sogar Tollwut-Symptome nach der Behandlung mit Interferon -- ein in der Medizin-Literatur einmaliger Fall.

Daß Interferon also gegen Virus-Infektionen prophylaktisch wirkt, ist mittlerweile nicht nur im Tierversuch eindeutig erwiesen. »Im beschränkten Umfang eines Modells« (Neumann-Haefelin) wird das Interferon auch schon gegen bestimmte Virenerkrankungen eingesetzt, so zur Vorbeugung gegen Herpes-simplex-Infektion nach einer Operation am Gesichtsnerv (Trigeminus) sowie bei einer gleichfalls durch Herpes-Viren hervorgerufenen Hornhauterkrankung (Herpes-simplex-Keratitis).

Zur Vorbeugung gegen Virus-Infektionen könnte das Interferon vor allem S.220 auch bei solchen Patienten nützlich sein, deren körpereigener Abwehrmechanismus besonders geschwächt ist: Transplantations-Patienten beispielsweise, denen sogenannte Immunsuppressiva verabreicht werden, damit das eingepflanzte Organ nicht abgestoßen wird, oder auch Krebs-Patienten, deren Immunabwehr durch Zytostatika geschwächt ist.

Auf beiden Anwendungsgebieten sind schon entsprechende klinische Tests mit Interferon vorgenommen worden, »ohne daß bis jetzt eine sichere Erfolgsbeurteilung möglich ist« (Neumann-Haefelin).

Die Idee, der Wirkstoff Interferon könnte auch gegen Krebs etwas ausrichten, beschäftigte anfänglich vor allem diejenigen Wissenschaftler, die von der Hypothese ausgehen, daß Viren an der Entstehung zahlreicher Krebsarten beteiligt seien. In Tierversuchen und auf Zellkulturen bestätigte sich eine krebshemmende Wirkung von Interferon.

Bis Ende der siebziger Jahre sahen gleichwohl die großen amerikanischen Krebszentren keinen Grund, die Interferon-Forschung sonderlich zu forcieren. Das änderte sich rasch, als 1977 aufsehenerregende Nachrichten aus Stockholm eingingen.

Dort hatte, am Karolinska-Institut, der Krebsspezialist und ehemalige Cantell-Mitarbeiter Hans Strander Interferon an Patienten verabreicht, die an sogenanntem osteogenem Sarkom, einem Knochentumor, litten. Der Primärtumor war ihnen zuvor chirurgisch entfernt worden; doch meist schreitet die Krankheit trotz der Operation weiter fort.

Die Erfolgsmeldungen Stranders mit Interferon, veröffentlicht in der deutschen Fachzeitschrift »Blut«, klangen sensationell: Statt der (nach den Erfahrungen anderer Kliniken) zu erwartenden 30 Prozent waren nach drei Jahren noch 70 Prozent seiner Patienten am Leben.

Der amerikanische Krebsspezialist Jordan U. Gutterman, der an fünf von neun Brustkrebspatientinnen mit Interferon »deutliche Remissionen« (Rückbildung der Geschwülste) hatte erzielen können, setzte nun die Amerikanische Krebsgesellschaft unter Druck. Mit einer berühmt gewordenen 135-Seiten-Denkschrift beantragte er rund eine Million Dollar, um Interferon an 100 Krebspatienten erproben zu können.

ACS-Vizepräsident Rauscher flog zu Strander nach Stockholm und kehrte beeindruckt zurück. Am 23. August 1978, nach dramatischer Sitzung im Budget-Ausschuß, verkündete die ACS ihr großangelegtes Interferon-Programm: 2,14 Millionen Dollar allein für den Ankauf von Interferon -- der größte Betrag, den die Krebsgesellschaft je für ein Einzelprojekt ausgegeben hatte. 150 Krebspatienten an zunächst fünf, später zehn US-Zentren wurden in den Versuch einbezogen.

Der Betrag wurde später noch mehr als verdoppelt, Millionenbeträge des Nationalen Krebsinstituts kamen hinzu -- kassieren würde sie, wer nur irgend in der Lage wäre, Interferon zu produzieren.

Das rief die Pharmakonzerne auf den Plan, aber auch kleinere Herstellerfirmen wie etwa das Familienunternehmen Rentschler in Laupheim. Rentschler hatte sich bis dahin vornehmlich mit Herz/Kreislauf- und Erkältungspräparaten befaßt, früher auch mit Kopfschmerzmitteln ("Melabon").

Seit 1974 arbeitet Rentschler, beraten von dem New Yorker Krebsexperten Vilcek, an der Gewinnung von Interferon, und zwar auf eine andere Weise als Cantell in Helsinki.

Nicht weiße Blutkörperchen sind bei Rentschler das Ausgangsmaterial, sondern Zellkulturen aus menschlichem Bindegewebe (gewonnen aus der Vorhaut von Säuglingen). In ihnen wird ein etwas anderer Typ von Interferon gebildet, das sogenannte Fibroblasten-Interferon.

1976 gewann Rentschler eine Ausschreibung der National Institutes of Health, seither ist die Firma mit dem amerikanischen Interferon-Programm im Geschäft.

Theoretisch ist die Gewinnung von Fibroblasten-Interferon, wie Rentschler sie betreibt, besonders erfolgversprechend. Es werden keine Blutspender gebraucht, die Zellkulturen lassen sich nahezu unbegrenzt vermehren. Doch in der klinischen Erprobung des Wirkstoffs zeigten sich bald unerwartete Probleme.

Bei der äußeren Anwendung, etwa bei der Behandlung der Hornhauterkrankung, ist das Fibroblasten-Interferon dem Leukozyten-Interferon, wie es die Finnen herstellen, nahezu ebenbürtig.

Die Wirksamkeit des Fibroblasten-Interferons fällt jedoch stark ab, wenn es intramuskulär gespritzt wird. »Es kommt nicht mit der gleichen Wahrscheinlichkeit bei den Zellen an, für die es bestimmt ist«, vermutet Virologe Neumann-Haefelin.

Deshalb empfehlen die Rentschler-Pharmakologen, ihr Präparat intravenös zu spritzen. Dann freilich werden die Verunreinigungen durch Eiweißstoffe besonders unangenehm bemerkbar: Um das Auftreten von hohem Fieber zu dämpfen, müssen die Ärzte meist zugleich ein fiebersenkendes Medikament wie Novalgin oder Aspirin verabreichen.

Interferon für den medizinischen Gebrauch gibt die Laupheimer Firma -- ebenso wie der Hersteller in Finnland -- nicht an Einzelpersonen ab. Alle Testvorhaben bedürfen vielmehr der Zustimmung des Bonner Forschungsministeriums.

Gegenwärtig laufen zwei Programme an verschiedenen westdeutschen Uni-Kliniken: Interferon gegen chronischaggressive Virus-Hepatitis und gegen Neuroblastom (Nervenkrebs) des Stadiums IV bei Kindern; eine kontrollierte S.223 Studie an Knochenkrebs-Patienten ist in Vorbereitung.

Bisher kranken die meisten Erfolgsmeldungen über Krebsbehandlung mit Interferon daran, daß der Wirkstoff noch so rar ist: Die Auswahl der behandelten Patienten ist eher zufällig, ihre Zahl zu klein, als daß sich zuverlässige wissenschaftliche Aussagen daraus herleiten ließen.

Virologe Neumann-Haefelin geht so weit, zu sagen, es gebe »überhaupt noch keine überzeugende Studie« über Interferon als Anti-Krebs-Mittel. »Ob Interferon in der Tumortherapie etwas taugt«, meint auch der Hamburger Onkologe Dietrich, »werden wir frühestens in fünf Jahren wissen.«

Einige Wissenschaftler, so der niederländische Krebsspezialist Professor W. Weimar, vertreten die Auffassung, daß »negative Beobachtungen« im Zusammenhang mit Interferon bislang allzuoft »ignoriert« worden seien. Der Wunsch nach Erfolgsmeldungen bei den jahrzehntelang frustrierten Krebsforschern, die nun an den millionenschweren Interferon-Programmen beteiligt sind, ist stark und verständlich.

»Niedriger hängen«, empfahlen letzte Woche die meisten deutschen Krebsspezialisten, wenn sie zum Thema Interferon und Krebs befragt wurden -- mit Ausnahme vielleicht der beiden Tübinger Mediziner Professor Dietrich Niethammer und Dr. Jörn Treuner, die unter anderen einen krebskranken Jungen erfolgreich mit Interferon behandelt haben (siehe Interview).

»Wenn ein Tumorpatient sich Interferon verschaffen würde und von mir verlangte, mit diesem Mittel behandelt zu werden, würde ich das strikt ablehnen«, erklärte indessen der Hamburger Professor Dietrich. Seine Begründung: »Bei den geringen vorhandenen Mengen und angesichts unseres geringen Wissens über Interferon sollte es nur im kontrollierten Versuch angewendet werden.«

Der optimistische Ton, den die Sprecher der Amerikanischen Krebsgesellschaft vorletzte Woche bei ihrer Pressekonferenz anstimmten, ließ sich nicht mehr durchhalten, als es um die Einzelheiten der in den USA laufenden Interferon-Testprogramme ging.

»Außerordentlich wichtig«, so betonte ACS-Vizepräsident Rauscher, sei eine weitergehende und intensivere Forschung mit dem neuen Medikament. S.225 Aber Rauscher räumte auch ein, daß -- verglichen mit anderen modernen Methoden der Krebstherapie -keines der bisher erzielten Interferon-Resultate wirklich überlegen sei.

Beispiele dafür aus den amerikanischen Testprogrammen:

* Von 14 Patienten, die an multiplem Myelom (Knochenmarkskrebs) litten und mit Interferon behandelt wurden, zeigten vier »nennenswerte Regressionen«. Jedoch: »Mit konventioneller Chemotherapie hätten wir das bei elf von 14 Patienten erreichen können« (so der Leiter dieser Studie, Dr. Elliott F. Osserman von der Columbia University).

* »Teilweise wirksam« war Interferon bei fünf von 16 Brustkrebspatientinnen -- ein Erfolg, der auch die Autoren dieser Studie nur veranlassen konnte, »weitere Tests für angebracht« zu halten. Kommentar eines Spezialisten: »Im großen und ganzen wurden mit Interferon weniger eindrucksvolle Resultate erzielt als unter günstigsten Bedingungen mit herkömmlicher Therapie.«

Bei 20 Lungenkrebspatienten, die am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center seit sechs Monaten mit Interferon behandelt werden, gibt es »noch keinen greifbaren Beweis für irgendeinen Erfolg der Behandlung«, so die Leiterin des Programms, Dr. Susan Krown.

Zweifel überschatten neuerdings auch die ursprünglich so positiv bewerteten Knochenkrebsfälle am Stockholmer Karolinska Hospital. Bei einer Überprüfung der Strander-Patienten zeigte sich, daß einige der von ihm Behandelten nicht jener besonders gefährlichen Knochenkrebsart zuzurechnen waren, auf die seine Erfolgsmeldung abhob.

Bleiben diese weniger bösartigen Fälle außer Betracht, so entsprechen auch die von Strander erzielten Heilungsquoten mit Interferon denen, die mit konventionellen Anti-Krebs-Mitteln erreichbar sind.

»Vielleicht«, meinte schon der Hamburger Mediziner Dietrich, »ist die Wirkung von Interferon gegen Viren viel bedeutsamer als die vielbesprochene Wirkung gegen Krebs.« Und der Heidelberger Virologe Professor Kirchner stellte klar: »Vom Interferon einen Durchbruch in der Krebstherapie zu erwarten«, dazu bestehe »vorläufig noch kein Anlaß«.

Daß Interferon »irgendwann einmal im Konzert der tumorbekämpfenden Mittel einen Platz einnehmen könnte«, wie Tumor-Experte Wannenmacher es umschrieb, halten die meisten Krebsspezialisten für möglich, wenn nicht wahrscheinlich. Aber vor übertriehenen Erwartungen warnen sie, und erst recht von einem Run auf das kostspielige Medikament raten sie ab.

Der Freiburger Virologe Neumann-Haefelin formulierte es so: »Ein Patient, der mit Interferon behandelt wird, kann sich nicht unbedingt glücklich preisen. Er erhält ein Mittel, über dessen Wirkungen noch sehr wenig bekannt ist.«

S.212Links: Aufbereitungsanlage, rechts: Abfüllung von Nährlösung fürInterferon.*S.217Eine Einheit, entsprechend etwa einem billionstel Gramm, ist nacheiner schon von Isaacs und Lindenmann festgelegten Definitiondiejenige Menge Interferon, die 50 Prozent der Zellen einerZellkultur vor der Zerstörung durch ein bestimmtes Virus (vesicularstomatitis virus) schützen kann.*S.223Bei Interferon-Hersteller Rentschler.*

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