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Irak: »Chomeini ist vom Wahnsinn befallen«

Erdöltanks und Raffinerien in Flammen, die Schiffahrt im Golf gefährdet, die Großmächte ratlos: Den neuen Krieg in Nahost zwischen dem Irak des Präsidenten Saddam Hussein und dem Iran des Ajatollah Chomeini brachen zwei Erbfeinde vom Zaun. Dahinter stehen zwei Ideologien, die den Anspruch erheben, die wahre Lehre zu sein.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Vor einem Monat noch wollte er Tel Aviv bombardieren. Denn das, beteuerte Iraks Präsident Saddam Hussein, sei die beste Antwort an die Israelis, als die ganz Jerusalem zu ihrer ewigen und unteilbaren Hauptstadt erklärt hatten.

Vergangene Woche ließ Bagdads starker Mann seine Maschinen aufsteigen. Sie nahmen aber Kurs auf die Hauptstadt eines Landes, das wie der Irak den Israelis Todfeinschaft geschworen hat: Irakische Flugzeuge bombardierten den militärischen Teil des Teheraner Flughafens Mehrabad.

Krieg zwischen dem Irak und dem Iran; Krieg im Namen Allahs, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, zwischen zwei Ländern mit fast ausschließlich moslemischer Bevölkerung; Krieg am Golf, den die Iraner den »Persischen«, die Iraker den »Arabischen« nennen, in der wichtigsten Ölregion der Welt.

Die Schlacht tobte, Schreckensvision des Westens, buchstäblich auf den Ölfeldern. Im persischen Abadan, am Schatt el-Arab, dem Zusammenfluß von Euphrat und Tigris, brannte eine der größten Raffinerien der Welt, am gegenüberliegenden Ufer schlugen die Flammen aus irakischen Ölanlagen.

Bomben fielen auf Täbris, Kermanschah und Kaswin, aber auch auf Bagdad und Basra.

Gefährdet war erstmals auch die Meerenge von Hormus, jenes knapp 40 Kilometer breite Nadelöhr mit nur drei Kilometer breiter Fahrrinne, durch die rund 40 Prozent des Öls für die westliche Welt verschifft werden.

Die Tanker, normalerweise alle 21 Minuten einer, mußten auf einer unüblichen Route dicht an der omanischen Küste entlangfahren, einige wurden beschossen. Die Schließung der Meerenge, etwa durch einen rachsüchtigen, im Felde besiegten Ajatollah, schien erstmals nicht ausgeschlossen, mit oft beschriebenen, unabsehbaren Folgen für die westlichen Industriestaaten wie -- im Fall einer gewaltsamen Öffnung -- für den Frieden der Welt.

Beide Gegner verkündeten in Rundfunk und Fernsehen große Siege. Doch gegen Ende vergangener Woche schien es sicher, daß Chomeinis revolutionsgeschwächte Soldaten den gut ausgerüsteten Irakern wenig entgegenzustellen hatten und sich teilweise kampflos ergaben. Irakische Truppen S.142 griffen nach Persiens wichtigstem Ölhafen Chorramschaahr und bahnten sich damit den Weg nach Abadan, dem Herzen der iranischen Ölindustrie.

Ratlos und überrascht verfolgten USA und Sowjet-Union die Ereignisse am Golf. Hier war ein Krieg entstanden, der westliche und östliche Interessen viel sensibler berührt als der Sowjet-Einmarsch in Afghanistan, aber ein Krieg auch, in dem keine Supermacht gefragt war.

Aufgerufen fühlten sich Patrioten auf beiden Seiten. Ägyptens Präsident Sadat, aus der arabischen Gemeinschaft ausgestoßen, versprach, die »arabische Sache« unterstützen zu wollen, und: »Es ist sehr tragisch«, sagte er, »daß das Schicksal der Menschen in Mittelost von Teenagern abhängt.« Sein Dauergast, Schah-Sohn Resa, richtete an die Schah-Feinde in Teheran die flehentliche Bitte, sein »Blut für seine Brüder« vergießen zu dürfen.

Mit diesem unerwarteten Krieg wußten die zur Uno-Vollversammlung nach New York gereisten Außenminister nicht recht was anzufangen. Der Konflikt, so stellte ein Begleiter des Bonner Außenministers Genscher verwirrt fest, weiche vom bisher gewohnten Ost-West-Muster gänzlich ab. Man habe es mit einem »autonomen« Krieg in der Dritten Welt zu tun: »Das war bisher nicht vorgesehen.«

Das Persien des Ajatollah, mit kapitalistischer und kommunistischer Welt gleichermaßen über Kreuz, wollte und konnte keine der Supermächte um Hilfe bitten.

Iraks Saddam Hussein schickte zwar vergangene Woche seinen Vizepremier Asis nach Moskau, doch keinesfalls, um die durch einen Freundschafts- und Beistandspakt mit den Irakern verbündeten Sowjets zum Mitkämpfen einzuladen.

Der Irak wollte wohl nur sicherstellen, daß er weiterhin die Ersatzteile für seine überwiegend mit sowjetischen Waffen ausgerüsteten Truppen pünktlich erhält. Und insofern waren die Supermächte doch betroffen: Der Konflikt zeigte dramatisch, wie aberwitzig es war, daß Moskau und Washington Drittweltstaaten und noch dazu an einem neuralgischen Punkt über viele Jahre hin derart hemmungslos aufgerüstet haben.

Obschon an einer Schwächung des Ajatollah-Regimes vor seiner Südgrenze durchaus interessiert, konnte Moskau nun nichts anderes tun, als an beide Gegner zu appellieren, sie sollten die Kampfhandlungen einstellen und S.144 durch ihren Konflikt »nicht den westlichen Imperialisten in die Hände spielen«.

Amerikas Jimmy Carter, wieder mal überrascht, warnte »alle anderen Länder, die Sowjet-Union eingeschlossen, sich nicht in den Konflikt einzumischen«. Sein Außenminister Muskie stellte nach Gesprächen mit Moskaus Gromyko betreten fest, die Interessen der beiden Supermächte, die sich seit Afghanistan nur angefeindet hatten, seien »identisch« -- gewiß, aber ihre Ohnmacht war auch offenbar.

Der Krieg enthüllte, wie wirkungslos die berühmte Carter-Doktrin eigentlich war. Der US-Präsident hatte Anfang dieses Jahres den Golf zum amerikanischen Einflußgebiet erklärt und den Aufbau einer Eingreiftruppe von 100 000 Mann angeordnet. Inzwischen wollen die Amerikaner für diesen Zweck insgesamt auf vier Armee- und Marinedivisionen in Stärke von 200 000 Mann zuzüglich 100 000 Reservisten bereitstellen.

Aber im irakisch-iranischen Krieg blieb die wichtigste Wasserstraße der Welt ungeschützt -- und eine eventuelle gewaltsame Öffnung so gefährlich wie je.

Zwar standen vergangene Woche 30 amerikanische und 29 sowjetische Kriegsschiffe in den Gewässern des Golfs einander gegenüber, aber gewissermaßen an ihnen vorbei rollte der irakisch-iranische Krieg ab, fast auf voller Länge des Golfs, bis hin zu den drei den Vereinigten Arabischen Emiraten vorgelagerten Inseln Großer Tunb, Kleiner Tunb und Abu Musa.

Die Inseln, um die sich niemand gekümmert hatte, bis sie 1971 von Schah-Truppen besetzt wurden, wollte Saddam Hussein jetzt wieder »unter arabische Kontrolle« bringen. Von den Inseln aus läßt sich die Zufahrt zum Golf, eben die Straße von Hormus, bewachen -- das Wächteramt hatte der Schah an sich gerissen, jetzt möchte Saddam Hussein es für sich.

Außerdem will er angeblich keine territorialen Gewinne machen, sondern lediglich irakisches Gebiet zurückerobern -- ein Widerspruch, der für den Iraker offenbar keiner ist.

Als unbefreites irakisches Gebiet versteht Hussein vor allem das Land am linken Ufer des Schatt el-Arab, das er selbst 1975, damals noch Vizepräsident, in einem Vertrag mit dem Schah den Persern überlassen hatte.

Der genaue Wortlaut des Vertrags wurde nie veröffentlicht, Bagdads Regierung wollte offensichtlich gegenüber den Irakern den Eindruck vermeiden, dem Iran eine Konzession gemacht zu haben und umgekehrt.

Denn beide pflegen eine Erbfeindschaft, die, wie die jüngste Entwicklung zeigt, einem nahezu unausweichlichen Konflikt entgegentrieb: Auf jeder Seite steht ein totalitäres Regime mit dem missionarischen Drang, seine S.145 Vorstellung von Revolution über die ganze Region zu verbreiten, auf jeder Seite eine Ideologie mit dem Anspruch, die einzig wahre Heilslehre zu sein.

Die im Irak herrschenden Offiziere, trotz mehrmaliger blutiger Putschversuche seit 1968 an der Macht, berufen sich dabei auf die sozialistische Baath-Partei, die von einem laizistischen Panarabien träumt.

Gründer und Chefideologe der Partei, die mit vollem Namen »Hisb el-Baath el-Arabi el-Ischtiraki« (Sozialistische Partei der Arabischen Wiedergeburt) heißt und deren anderer Flügel auch in Damaskus herrscht, ist der aus Syrien stammende Michel Aflak, der heute in Bagdad lebt und nach dem Parteiprotokoll sogar über dem Staatspräsidenten Saddam Hussein steht. Aflaks Partei über ihre »iele: Wir wollen den Menchen ihr wahres Selbst zurückgeben, von » » dem sie keine Ahnung mehr haben. Mit ihrem innersten Willen » » sind die Menschen schon auf unserer Seite, auch wenn sie mit » » Wort und Schwert noch für unsere Feinde kämpfen. Wir wollen » » die Befreiung des einzelnen von wirtschaftlichen, politischen » » und sozialen Fesseln; erst durch die Befreiung wird der » » einzelne seine Fähigkeiten erkennen können, nur so wird er » » sein besseres und produktiveres Leben führen können. »

Das klingt in seiner Ausschließlichkeit kaum anders als in der Lehre des Ajatollah von seiner völkerumschließenden »islamischen Nation«. Aber für Aflak und seine Baath-Genossen ist das entscheidende Bindemittel im künftigen arabischen Großreich nicht die Religion. Aflak, bezeichnenderweise nicht mal Moslem, sondern »riechisch-orthodoxer Christ, schreibt: Wir Araber, wir haben » » verschiedene Religionen, islamische, christliche und » » jüdische. Aber unsere Identität bleibt das Arabertum ... die » » arabische Nation hat eine Chalida, eine unsterbliche » » Mission. »

Für den Schiitenführer Chomeini sind solche Vorstellungen schieres Teufelswerk, sie allein hätten dem Eiferer von Ghom genügt, dem »rakischen Nachbarn den Krieg zu erklären: Der Prophet Mohammed » » kam, um eine islamische Umma (Nation) zu begründen. Alle » » Moslems sind von demselben Gott und Propheten. Alle Moslems » » sind vor demselben Gott und Propheten gleich. Alle Moslems » » haben nur ein Ziel, das Wort des Gottes und des Propheten in » » der ganzen Welt zu verbreiten. Nationalismus, Sozialismus und » » andere schwachsinnige Begriffe sind nichts anderes als die » » Produkte des Teufels und der Gottlosen. »

Zwei Ideologien mit dem Anspruch auf Absolutheit in engster Nachbarschaft, das konnte nicht gutgehen. So rufen denn der Ajatollah Chomeini in Persien und Baath-Führer Saddam Hussein zum Sturz des anderen auf -- und beide berufen sich dabei auf Allah.

Im Bewußtsein ihrer Völker hat der Konflikt der feindlichen Nachbarn, den westlich gebildete Araber gern mit S.148 der deutsch-französischen Erbfeindschaft vergleichen, noch weit tiefere Dimensionen. Beide, das frühgeschichtliche Mesopotamien, wie das fruchtbare Land zwischen den Strömen Euphrat und Tigris ehemals hieß, genau so wie Persien, konnten sich zu Recht die »Wiege der Menschheit« nennen. Lange vor dem Religionsführer Mohammed haben sie die Kulturgeschichte in einer Weise beeinflußt, an die nun die Herrscher der Gegenwart immerzu erinnern.

Fast zur gleichen Zeit, als sich Mitte der 70er Jahre Schah Resa Pahlewi in den Ruinen von Persepolis als Nachfahre der berühmten Perserkönige Kyros und Darius feiern ließ, erschien in der »International Herald Tribune« eine ganzseitige Anzeige, in der sich der damalige irakische Vizepräsident Saddam Hussein als Hüter des Erbes vom Garten Eden und vom Babylon des Königs Nebukadnezar vorstellte.

Diese uralte historische Rivalität wurde mit der fast gleichzeitigen Eroberung beider Länder durch die Moslem-Heere kurz nach Mohammeds Tod zwar verwischt, aber nicht gelöscht.

So feiert denn das gewiß nicht fromme Irak-Regime den entscheidenden Sieg der Moslemscharen über das persische Sassaniden-Reich im Jahr 637 bei Kadisia als den seinen. Radio S.150 Bagdad nannte denn auch vorigen Donnerstag den irakischen Präsidenten einen »neuen arabischen Helden": »Saddam nimmt den Kampf gegen die Perser in einem neuen Kadisia auf.«

Dazu muß im Detail eine Erbschaft beseitigt werden, die das heruntergekommene osmanische Großreich der Region hinterließ.

Für die türkischen Sultane, deren Macht bis zur Ostgrenze des jetzigen Irak reichte, war die 200 Kilometer lange Wasserstraße des Schatt el-Arab durch das versumpfte Delta von Euphrat und Tigris der Zugang zur wichtigen Hafenstadt Basra.

1913, nachdem britische Prospektoren Erdöl auf dem gegenüberliegenden Ufer entdeckt hatten, schlossen Teheran und Konstantinopel einen Vertrag, der die Grenze erstmals in der Flußmitte festlegte.

Die östliche Flußseite, das heutige Chusistan, gehörte freilich damals noch nicht zu Persien, sondern dem Araber-Scheich Chassal, der unangefochten über die von arabischen Nomadenstämmen besiedelte Salzsteppe herrschte. Gegen eine Schutzgarantie hatte er 1910 Großbritannien das Recht eingeräumt, in seinem Scheichtum nach Öl zu bohren.

Die Garantie nutzte dem Scheich Chassal wenig. Als feststand, welche Kostbarkeit sich unter dem Ödland verbarg, ließ der ehemalige Kosaken-Ataman Resa, der sich gerade selbst zum persischen Schah gekrönt hatte, der Vater des letzten Schah, seine Truppen in das kleine Scheichtum einmarschieren.

Der Streit um den Schatt el-Arab ging gleichwohl weiter. Ein Vertrag von 1937 verschob die Grenze wieder auf das östliche Ufer. Der Irak, seit der Aufteilung des Osmanen-Reiches unter britischem Einfluß, fühlte sich stärker.

Die Iraker setzten auch durch, daß die Tanker, die den persischen Ölhafen Abadan anliefen, nur mit irakischen Lotsen an Bord passieren durften, die Aufsichtsbehörde über die Schiffahrt auf dem Fluß saß im irakischen Basra.

Um den für seine Großmachtansprüche unerträglichen Zustand zu ändern, ließ Schah Resa Pahlewi 1961 iranische Flottenverbände vor dem Schatt aufmarschieren. Daraufhin sperrte sein Gegenspieler, der irakische Putschgeneral Kassim, den Fluß für alle nach Persien fahrenden Schiffe, und die persische Riesenraffinerie von Abadan lag zwei Monate lang still -- der Schah, damals noch militärisch schwach, mußte nachgeben.

Aber im Mai 1969, inzwischen von den USA zur Militärmacht in der Golfregion aufgerüstet, fühlte sich der Kyros-Nachfolger stark genug, den Vertrag zu brechen: Für den Iran war die Flußmitte wieder Grenze.

Zwei Jahre später, nach dem endgültigen Abzug der Engländer aus der Golfregion, ließ der Schah im persischen Golf die drei kleinen Inseln im Handstreich besetzen, um, wie er erklärte, die Straße von Hormus besser sichern zu können. Daß der Irak, der gleichfalls Anspruch auf die Inseln erhob, die iranische Besitzergreifung damals hinnehmen und schließlich sogar vertraglich anerkennen mußte, hängt gleichfalls mit dem Erdöl zusammen -- diesmal aber dem irakischen:

In einem über zehn Jahre andauernden blutigen Vergeltungskrieg war es dem Regime in Bagdad nicht gelungen, die aufständischen Kurdenstämme im Nordosten des Iraks zu unterwerfen. Die Kurden hatten der Armee, aber auch der irakischen Wirtschaft schwere Verluste beigebracht und bedrohten mit ihrem Aufstand die irakischen Ölfelder an der türkisch-iranischen Grenze.

Der Schah unterstützte den Aufstand der Kurden und hielt die irakisch-iranische Grenze für Waffennachschub und Flüchtlinge aus dem Irak offen. Kurdenführer Barsani konnte seine Truppen auf iranischem Gebiet stets von neuem aktivieren.

Am Rande der Opec-Konferenz in Algier kam es dann im März 1975 zu einem sensationellen Stillhalteabkommen zwischen den beiden Todfeinden. Die Iraker waren bereit, die neue Grenzlinie in der Flußmitte anzuerkennen, der Schah schloß die Grenzen in Kurdistan und erstickte damit den Kampf der irakischen Kurden um ihre Autonomie. Der Unterhändler aus S.152 Bagdad, den der iranische Potentat nach dem Abschluß gerührt in die Arme schloß, war der damalige Vize und heutige Präsident Saddam Hussein.

Manches sprach dafür, daß die Erbfeindschaft zwischen Irak und Iran nach dem Sturz des Schah und der siegreichen Revolution des Ajatollah Chomeini tatsächlich ein Ende finden könnte.

Denn das Baath-Regime in Bagdad hatte während der Schah-Zeit den politischen Gegnern des Kaisers Exil und Hilfe gewährt, der prominenteste Schah-Gegner im irakischen Exil war der Ajatollah Chomeini. Bis 1978 bereitete er den Sieg seiner Mullah-Republik von dem schiitischen Wallfahrtsort im Irak, der heiligen Stadt Nadschaf aus, vor.

Doch kaum war der greise Ajatollah am 1. Februar 1979 nach Teheran heimgekehrt, als er auch schon die Schiiten im Irak, die etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen, zum Widerstand gegen das »gottlose Regime von Bagdad« aufhetzte.

Saddam Hussein griff hart durch. Einige Rebellionsversuche der Schiiten wurden von Polizei und Militär blutig niedergeschlagen. Doch Chomeini gab keine Ruhe. Dem Schiitenführer ging es wohl auch um die Begleichung einer persönlichen Rechnung mit Saddam Hussein. Zwar hatte er 13 Jahre seines Exils im Irak verbringen dürfen, aber 1978 untersagte ihm der Iraker auf Drängen des Schah den weiteren Aufenthalt.

Immer wieder forderte Chomeini von Ghom aus die Iraker auf: »Erwacht, stürzt dieses korrupte Regime, bevor es zu spät ist.« Sein Präsident Banisadr erklärte: »Der Iran begrüßt die Gelegenheit, das irakische Volk von dieser Marionette des Zionismus und US-Imperialismus zu befreien.«

Dem Iraker Saddam Hussein seinerseits war jeder Vorwand willkommen, die Abrechnung mit dem Iran zu suchen. Denn je mehr das Nachbarland in den revolutionären Wirren geschwächt wurde, desto näher kam er seinem Ziel, seinen Irak zur ersten Macht am Golf zu machen.

Gegen den aggressiven Schiiten-Papst suchte Hussein mit Erfolg Freunde unter den arabischen Golf-Anrainern. Schließlich gewann der einst als ultraradikal verschriene Moskau-Verbündete sogar Saudi-Arabien, Amerikas Stützpfeiler in Nahost und Vormacht des Islam, zum Bundesgenossen.

Noch 1978 hatte der modernistische Saddam Hussein für das reaktionäre Wüstenreich nur harte Worte gefunden und sogar geschworen, »Krieg in die Schlafzimmer der Prinzen zu tragen«. Doch dann plötzlich, mit einer Eile, die selbst die an raschen politischen Wetterumschlag gewöhnten Araber überraschte, schlossen Bagdad und S.153 Riad im vergangenen Jahr ein gemeinsames Verteidigungsabkommen.

Da Chomeini die Eroberungen des Schah in der Golfregion keineswegs herausrücken wollte, sondern sogar den nahe dem arabischen Ufer liegenden Inselstaat Bahrein zur »14. Provinz des Iran« erklärte und dessen Emir als »korrupt« beleidigte, getrauten sich im heraufziehenden Konflikt mit dem Iran sogar die Scheichs und Emire am Golf, eindeutig Stellung zu beziehen. Kuweits Zeitung »El Kabas": »Als Araber müssen wir einfach auf der arabischen Seite stehen -- und das heißt, an der Seite des Irak.«

Ebenso denken auch die Araber in der persischen Provinz Chusistan, in der fast alles Öl des Landes gefördert wird. Rund 2,5 der 3,5 Millionen Einwohner der Ölprovinz sind Araber und fühlen sich Bagdad mehr verbunden als Teheran.

Die persischen Araber verlangten denn auch bald nach der Machtübernahme Chomeinis einen autonomen Staat namens Arabistan. Vom Irak mit Waffen und Munition unterstützt, unternahmen die arabischen Irridentisten blutige Aufstände, die von Chomeinis Revolutionsgarden nur mit Mühe niedergeschlagen wurden, jagten Ölanlagen und Pipelines in die Luft.

Sollte es den Iran-Arabern gelingen, sich von Persien zu trennen, dann wäre der Staat in Gefahr, in Kleinstaaten zu zerfallen. Auch die anderen bislang nach Autonomie strebenden Minderheiten des Vielvölkerstaates, zum Beispiel die Aserbaidschaner und Belutschen, würden von Teheran abfallen -- eine Situation, wie der Irak sie sich wünscht.

Im Laufe dieses Jahres häuften sich die Grenzzwischenfälle auf beiden Seiten, Schießereien, Artillerieduelle, Luftangriffe. Saddam Hussein hatte Kriegsgründe genug, wann immer er losschlagen wollte.

Er nannte den frommen Chomeini einen »Hanswurst, der mit dem Islam nichts gemein« habe, und einen »Schah im Turban«. Der Saddam-Hussein-loyale irakische Schiiten-Ajatollah Chor ließ gar Flugblätter verteilen mit dem Text: »Chomeini ist vom Wahnsinn befallen und spielt mit dem Heiligen Buch wie Kinder mit Bällen.«

In den letzten Wochen schien die Zeit reif. Denn nach einer gewaltigen Säuberungsaktion in der iranischen Armee im Sommer dieses Jahres, der zahlreiche Offiziere zum Opfer fielen, war die einstige militärische Großmacht Iran schwach wie noch nie. Nachdem Amerika seine Ersatzteillieferungen eingestellt hatte, rosteten Waffen und Gerät der einstigen Schah-Armee dahin, blieben die meisten Flugzeuge am Boden, die Fahrzeuge auf den Abstellplätzen und die Schiffe im Hafen. Von den rund 1600 S.154 Panzern war angeblich kein einziger mehr gefechtsbereit.

Die irakischen Flugzeuge, die Teheran angriffen, waren von der Luftüberwachung, vor der sich im April die Amerikaner bei ihrem Geisel-Befreiungsunternehmen so sehr gehütet hatten, überhaupt nicht wahrgenommen worden. Denn auch in den Leitstellen und in den Stäben hatten Mullahs die Befehlsgewalt an sich gerissen.

Saddam Hussein konnte mit einem klaren Übergewicht seiner gut ausgerüsteten, rund 200 000 Mann starken Streitmacht rechnen und auch darauf zählen, daß ihm etwaige Verluste von den reichen saudischen Freunden bezahlt werden.

So kündigte er denn vorletzte Woche das Abkommen mit dem Schah auf und schickte seine Truppen offen gegen den Iran.

»Hussein vom Irak ist die schlagende Hand der arabischen Völkergemeinschaft«, behauptete ein rotweißes Plakat vor dem Denkmal des Unbekannten Soldaten in der Saadun-Straße, der Hauptstraße Bagdads.

»Nieder mit dem Scharlatan Chomeini«, schallte tausendfach die Parole in Bagdad. »Der Ajatollah ist schon tot. Sie unterzeichnen in seinem Namen«, so Radio Bagdad. Wütende Dementis aus Teheran.

In den Irak geflüchtete Syrer, die das Baath-Regime im heimischen Damaskus bekämpfen, richteten von Bagdad aus einen stürmischen Appell an die syrische Bevölkerung, bei dieser heroischen Gelegenheit nun auch in Syrien Tabula rasa zu machen: »Assad arbeitet mit den Madschussi (Schmähwort S.155 für Perser) zusammen, die mit Neid auf die östliche Grenze der arabischen Nation starren.«

Aus Syrien konnte Saddam Hussein sowenig ein Glückwunschtelegramm erwarten wie aus Libyen. Dafür verbreiteten die Medien der mit Moskau verbündeten Republik Irak mit Begeisterung die Glückwünsche arabischer Monarchen: der Könige Chalid von Saudi-Arabien, Hussein von Jordanien und Hassan von Marokko.

Das Hauptanliegen der aktiv wie passiv kämpfenden arabischen Krieger bleibt freilich Palästina.

»Die Banner Saddam Husseins, die jetzt am Schatt el-Arab flattern, werden morgen über Palästina wehen«, versprach das Fernsehen. Und der »Baghdad Observer": »Der Irak unterstützt den Grundsatz, 'Israel' auszulöschen.« Israel ist in Anführung gesetzt, wie beim Israel-Freund Axel Springer die DDR.

In keiner arabischen Hauptstadt wehen so viele palästinensische Fahnen wie in Bagdad, und alle irakischen Zeitungen druckten ein großes Photo, auf dem PLO-Chef Jassir Arafat den neuen Feldmarschall Saddam Hussein umarmt.

Daß der Palästinenser-Chef nach Bagdad flog, um zwischen dem Irak und dem PLO-Freund Chomeini zu vermitteln, hielten die Iraker freilich nicht für mitteilenswert.

Verteidigungsminister General Adnan Cheirallah Talfah drückte das so aus: »Wir haben nicht um Vermittlung gebeten. Es geht nicht an, daß ein Araber für eine ausländische Partei vermittelt.« Oh, Arabien.

S.145

Wir wollen den Menchen ihr wahres Selbst zurückgeben, von dem sie

keine Ahnung mehr haben. Mit ihrem innersten Willen sind die

Menschen schon auf unserer Seite, auch wenn sie mit Wort und Schwert

noch für unsere Feinde kämpfen. Wir wollen die Befreiung des

einzelnen von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fesseln;

erst durch die Befreiung wird der einzelne seine Fähigkeiten

erkennen können, nur so wird er sein besseres und produktiveres

Leben führen können.

*

Wir Araber, wir haben verschiedene Religionen, islamische,

christliche und jüdische. Aber unsere Identität bleibt das Arabertum

... die arabische Nation hat eine Chalida, eine unsterbliche

Mission.

*

Der Prophet Mohammed kam, um eine islamische Umma (Nation) zu

begründen. Alle Moslems sind von demselben Gott und Propheten. Alle

Moslems sind vor demselben Gott und Propheten gleich. Alle Moslems

haben nur ein Ziel, das Wort des Gottes und des Propheten in der

ganzen Welt zu verbreiten. Nationalismus, Sozialismus und andere

schwachsinnige Begriffe sind nichts anderes als die Produkte des

Teufels und der Gottlosen.

*

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