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RETTUNGSDIENSTE Irgendwie kneten

In den Krankenwagen der Rettungsdienste sitzen unzureichend ausgebildete Helfer. In vielen Fällen sind sie so hilflos wie ihre Patienten.
aus DER SPIEGEL 17/1982

Dem Infarktpatienten im Krankenhaus ging es von Minute zu Minute schlechter, dem Helfer vom Arbeiter-Samariter-Bund auch.

Der glasige Blick des kreidebleichen Patienten und sein unruhiger Puls versetzten den Samariter in Uniform zunehmend in Panik. Der hilflose Helfer, der als Zivildienstleistender erst seit ein paar Wochen im Krankenwagen mitfuhr, wußte aufgrund seiner dürftigen Kenntnisse in Erster Hilfe weder, ob sich ein neuer Herzanfall ankündigte, noch, was denn dann zu tun wäre.

Johann Bertuleit, 22, sieht noch jedes Detail jener Schreckensfahrt von der Ostseeinsel Fehmarn zur Intensivstation in Oldenburg in Holstein vor sich: »Ich hab' immer nur gefleht, laß dem bloß nichts passieren.«

Aber da war es schon passiert. Auf der Brücke über den Fehmarnsund erlitt der Patient seine zweite Attacke. Bertuleit weiß noch, daß er nach vorn zum Fahrer stürzte und schrie: »Mensch, halt doch an, tu doch was, der kratzt ab.«

Die Blaulichtfahrt der Samariter im Juli letzten Jahres endete tödlich. Weder der für solche Notfälle ausgebildete Fahrer noch die Besatzung eines herbeigerufenen zweiten Rettungswagens konnten dem Patienten helfen - es war zu spät.

Bertuleits Kollegen vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) nahmen das tragische Ende der Dienstfahrt mit abgebrühter Routine: So etwas passiere eben. »Einer war sauer«, erinnert sich Bertuleit, »daß er Blut auf seine Schuhe bekommen hatte.« Es stammte aus dem Mund des Gestorbenen, eine Folge der vergeblichen Bemühungen, die Atmung mit Schläuchen wieder in Gang zu bekommen.

Bertuleit kam über das Erlebnis nicht hinweg, er fühlte sich mitschuldig am Tod des Infarktpatienten. Um nicht noch einmal in eine solche Situation zu geraten, forderte er bei seinem ASB-Vorgesetzten in Heiligenhafen eine spezielle Ausbildung als Beifahrer.

Doch wie schon bei seinem Dienstantritt wollte man ihm auch jetzt den mehrwöchigen Kursus nicht gewähren. Begründung: Er habe nur noch acht Monate Zivildienst vor sich, da lohne sich die Sache nicht - es sei denn im Urlaub und auf eigene Kosten. »Da hat es bei mir ausgehakt«, sagt Bertuleit. Er quittierte den Dienst.

Das Amtsgericht Bad Oldesloe verurteilte ihn jetzt wegen Dienstflucht zu drei Monaten mit Bewährung.

Vom Bundesamt für den Zivildienst erhielt Bertuleit eine Benachrichtigung, daß seine Schuldgefühle fehl am Platze seien: »Eine Verantwortung Ihrerseits hat nach glaubhaften Versicherungen Ihrer ehemaligen Dienststelle weder bei diesem noch bei anderen Einsätzen bestanden.« Im übrigen wurde er an seine »Verschwiegenheitspflicht« erinnert.

Aber nicht nur bei den Samaritern in Heiligenhafen, auch anderswo werden Helfer mit ein paar flüchtigen Kenntnissen in Erster Hilfe als Beifahrer in Krankenwagen eingesetzt. Allzu rasch kam beispielsweise auch der Abiturient Carsten Schulz aus Langenhagen bei Hannover in den Krankentransporter. Gleich am ersten Tag seines neuen Jobs beim Kreisverband Hannover-Stadt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) fuhr Schulz als zweiter Mann mit. »In meiner damaligen Naivität hatte ich keine Bedenken, S.85 daß meine laienhafte Qualifikation nicht ausreichen könnte.« Und wie Ex-Samariter Bertuleit geriet auch der Rotkreuzler Schulz in Nöte.

15 Tage nach seinem Dienstantritt wurden Beifahrer Schulz und sein am Steuer sitzender Kollege, ein ausgebildeter Rettungssanitäter, zu einem Unfall gerufen, bei dem es auf sachkundige Hilfe beider angekommen wäre.

Ein Autofahrer hatte am Steuer einen Infarkt erlitten und beim Abkommen von der Fahrbahn einen Radfahrer mitgerissen. »Mach mal Herzmassage«, wurde Schulz vom Kollegen zugerufen, denn der mußte sich erst mal um den Radfahrer kümmern. Der ahnungslose Schulz fing an, dem Mann »irgendwie auf der Brust herumzukneten«.

Als der Fahrer dann Zeit für die Massage hatte, sollte Schulz mit dem Beatmungsbeutel dem Infarktpatienten Luft zupumpen. Aber der unerfahrene Helfer brachte dem Bewußtlosen erst nach mehreren vergeblichen Versuchen die Atemmaske an den Mund und war dann außerstande, im richtigen Rhythmus zu den Massagestößen seines Kollegen den Beutel zu betätigen.

Zum Schluß konnte der inzwischen eingetroffene Notarzt nur noch feststellen, daß der Unfallfahrer mit dem Infarkt nicht mehr lebte. »Damals«, sagt Schulz, »hab' ich immer nur gedacht, hoffentlich haben die umstehenden Passanten nichts gemerkt.« Heute weiß Schulz, der inzwischen Medizin studiert: »Ich konnte die medizinischen Maßnahmen, durch die das Unfallopfer unter Umständen gerettet worden wäre, nicht ausführen.«

Mit den gleichen Argumenten wie die Samariter wollten auch die Rotkreuzler den aufgebrachten Amateurhelfer abblocken: Aus finanziellen und personellen Gründen sei es unmöglich, ihn an einem speziellen Kursus für Beifahrer teilnehmen zu lassen.

Schulz veröffentlichte seine Erfahrungen im hannoverschen Stadtmagazin »Schädelspalter« und erfuhr aus Leserbriefen von Leidensgenossen, »daß laufend Leute als Sanitäter eingestellt werden, die absolut unzureichend ausgebildet sind«.

Aber nicht nur Betroffene, auch Fachleute kritisieren den Rettungsdienst. So stellte der Ulmer Anästhesiologe Professor Friedrich Wilhelm Ahnefeld vorletzte Woche vor dem 99. Deutschen Chirurgenkongreß in München die Diagnose: »Wir fahren im Augenblick den Rettungsdienst mit einer Rolls-Royce-Karosserie und einem Kleinwagenmotor in die Sackgasse.«

Die Rolls-Royce-Karosserie: In kaum einem anderen Land ist die technische Ausrüstung des Rettungsdienstes so perfekt wie in der Bundesrepublik, gibt es ein so dichtes Netz von Leitstellen, die Hubschrauber und modernste Krankenwagen durchs Land schicken.

Der Kleinwagen-Motor: Personell hapert es an allen Ecken und Enden. Im vergangenen Jahr waren von den im Rettungsdienst gemeldeten 6213 Zivildienststellen nur 4725 besetzt.

Schlimmer noch: Nicht nur die Rettungshelfer, in der Regel Zivildienstleistende, sind schlecht ausgebildet, die hauptamtlichen Rettungssanitäter sind es auch. In den hochgerüsteten Kranken- und Rettungsdienstwagen versehen »quasi Hilfsarbeiter« (Ahnefeld) ihren Dienst: Bis heute gibt es kein als Bundesgesetz verbindlich fixiertes Berufsbild für Rettungssanitäter.

Was bei jeder Krankenschwester selbstverständlich ist, nämlich eine mehrjährige Ausbildung, ist beim Rettungssanitäter nicht gewährleistet, »obwohl Untersuchungen eindeutig belegen, daß unsachgemäße Erstversorgung das Ausmaß der Invalidität verschlimmert und die Verweildauer in Krankenhäusern verlängert« (Ahnefeld).

Die Ausbildungsmisere haben die großen Hilfsorganisationen ebenso zu verantworten wie die Bundestagsabgeordneten. Mitte der 70er Jahre scheiterte in Bonn ein »Gesetz über den Beruf des Rettungssanitäters«, das eine Minimalqualifikation verbindlich vorschreiben sollte.

Übrig blieb schließlich eine in vielen Bundesländern noch immer unverbindliche Empfehlung des Bund-Länder-Ausschusses »Rettungswesen«, nach der ein Rettungssanitäter wenigstens 520 Stunden ausgebildet werden und der Rettungshelfer neben einem Spezialkurs in Erster Hilfe eine umfassende Zusatzausbildung haben soll.

Dies ist dem Berufsverband der Rettungssanitäter viel zu wenig. »Wir fordern eine Vollausbildung von mindestens zwei Jahren und eine berufsbegleitende Weiterbildung«, erklärt Generalsekretär Hans Gelinski.

Da aber machen die Hilfsorganisationen nicht mit: Sie befürchten erheblichen finanziellen Mehraufwand, schließlich müssen sie nach einer Studie der Arbeitsgemeinschaft für Verkehrssicherheit an der Universität Köln schon heute knapp neun Prozent, 69 Millionen, eigene Mittel zur Finanzierung des Rettungsdienstes bereitstellen. Und die angebotenen Spezialkurse für Rettungsdienstler sind bereits überbelegt.

Außerdem: Wenn für Rettungssanitäter und Helfer ein professionelles Berufsbild festgelegt würde, könnten die Hilfsorganisationen schwerer als bisher die ehrenamtlichen Helfer im Rettungsdienst einsetzen, ohne die der Dienst vor S.86 allem an Wochenenden kaum aufrechtzuerhalten wäre.

So werden die großen Hilfsorganisationen, denen der Gesetzgeber rund zwei Drittel aller Kranken- und Rettungsfahrten übertragen hat, relativ unbehelligt von strengen staatlichen Vorschriften die Ausbildung in eigener Regie vornehmen können.

So wird es wohl auch bei Zuständen bleiben, wie sie ein Zivildienstleistender aus dem oberfränkischen Forchheim dem öffentlich aufmuckenden Schulz nach Hannover schrieb: Er habe schon nach zwei Tagen neben Infarktpatienten hinten im Wagen allein gesessen. »Einer hatte schwere Atemnot, teilweise sogar nur Schnappatmung. Und ich ohne weitere Kenntnisse mittendrin. Mein letzter Erste-Hilfe-Kursus lag vier Jahre zurück. Ich war genauso hilflos wie jeder Passant.«

Ein anderer stand »Heidenangst« an der Trage einer Suizid-Patientin aus, deren Zustand sich während der Fahrt verschlechterte.

In all diesen Fällen war auch ein Rollentausch - der ausgebildete Sanitäter kümmert sich um den Patienten, der Beifahrer lenkt den Wagen - nicht möglich: Fahrer benötigen einen Personenbeförderungsschein mit einschlägiger Praxis als Voraussetzung, die Zivildienstleistende in der Regel nicht haben. Außerdem, so ein Briefschreiber, »sind alle hauptberuflichen Rettungssanitäter geil auf Blaulichtfahrten«.

In Papenburg (Emsland), wo für den Malteser-Hilfsdienst wegen Personalknappheit ein unerfahrener Ersatzdienst-Mann und ein zufällig anwesender Krankenhelfer zu einem Infarkt-Patienten ausgerückt waren, konnte ein Arzt gerade noch die laienhaften Herzmassagebemühungen der ungeübten Rettungsengel stoppen: Die beiden versuchten S.87 gerade gegen alle Kunstregeln, den Ohnmächtigen auf einer schräggestellten und nachgebenden Trage ins Leben zurückzumassieren.

Nach zahlreichen Beschwerden reagierte schließlich das Bundesamt für den Zivildienst. Es verschickte im Mai 1981 ein Rundschreiben an die Einsatzstellen im Rettungs- und Krankentransportwesen, wonach jeder Zivildienstleistende, der im Rettungsdienst eingesetzt wird, spätestens im dritten Monat seines Dienstantritts einen mindestens sechswöchigen Einführungslehrgang absolviert haben muß. Doch wird dies in der Praxis bis heute nicht überall eingehalten.

An Besserung glaubt auch ein ähnlich wie Schulz unvorbereitet in den Krankentransportdienst geratener Zivildienstleistender nicht: »Man kann nur hoffen, daß einem die 'fachgerechte' Hilfe des Roten Kreuzes erspart bleibt.«

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