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BILDUNG Irgendwo ein Jucken

In Niedersachsen dreht die CDU ihre eigene Reformpolitik zurück. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Vor den niedersächsischen CDU-Abgeordneten stellte Fraktionsvize Josef Stock die Bildungspolitik seiner eigenen Regierung in Frage. Wer sich denn, so fragte er scherzhaft, an der von der SPD beklagten »Zerschlagung der Orientierungsstufe« beteiligen wolle.

Mit dem Echo hatte Stock nicht gerechnet. Lautstark meldete sich eine Truppe Freiwilliger zu Wort, eine Minderheit »rechter Krakeeler«, wie ein Unionsabgeordneter hinterher kritisierte. Sie wollen endlich gegen eine Schulreform zu Felde ziehen die sie schon seit Jahren als einen »Akt der Gleichmacherei« attackieren.

Seit 1976 hatte der liberale CDU-Kultusminister Werner Remmers die Einführung der integrierten Orientierungsstufe vorangetrieben, seit 1981 ist sie im ganzen Land obligatorisch. Allen Schülern wird seither nach der Grundschule zwei Jahre lang Zeit gelassen, ihre Neigungen und Fähigkeiten zu entwickeln. Erst von Klasse 7 an werden sie auf Hauptschule, Realschule oder Gymnasium verteilt. Damit sind Lehrer und Eltern vom »Zwang« befreit, so Remmers, schon für Zehnjährige eine Entscheidung über den weiteren Bildungsweg treffen zu müssen.

Den Zwang will Remmers-Nachfolger Georg-Berndt Oschatz nun durch die Hintertür wieder einführen. Die Wende in der Bildungspolitik bezeichnet der Kultusminister ebenso verharmlosend wie umständlich als »eine Reihe von Verbesserungen und Weiterentwicklungen«.

In Zukunft wird, geht es nach Oschatz, wieder frühzeitig sortiert und der Unterricht in der Orientierungsstufe »verstärkt auf die Anforderungen der drei weiterführenden Schulen« getrimmt. So sollen *___für Lernschwache »besondere« Klas sen mit ____"angemessenen« Bewer tungsmaßstäben eingerichtet, *___die Schüler in Mathematik und Eng lisch spätestens mit ____Beginn der Klas se 6 in drei unterschiedlichen Lei ____stungskursen unterrichtet *___und in diesen Leistungskursen »grundsätzlich« nur ____Lehrer der drei traditionellen Schularten eingesetzt ____werden.

Zudem will der Kultusminister nächstes Jahr wieder Hauptschul-, Realschul-

und Gymnasialklassen vom Beginn des fünften Schuljahres an als »Alternative zur Regelform« zulassen, wo dies »organisatorisch möglich« ist.

Das alles komme für die integrierte Schulform, so ein Kultusbeamter, einer »Selbsttötung auf Verlangen« gleich. Die SPD kritisiert den »Kniefall vor Reaktionären«, die Lehrergewerkschaft GEW spricht von »Demontage«. Und die Grünen im Landtag meinen, nun beginne der Marsch »zurück ins dreigliedrige kaiserliche Schulwesen«.

Dabei hat sich die Orientierungsstufe bisher bewährt. 81 Prozent aller Laufbahnentscheidungen nach der Orientierungsstufe haben sich als zutreffend erwiesen, im traditionellen dreigliedrigen System dagegen muß jeder dritte bis vierte Oberschüler mindestens einmal die Schulform wechseln.

Fast 90 Prozent der Eltern, so ergab zudem eine »Bestandsaufnahme« des Kultusministeriums, unterstützen oder akzeptieren die Orientierungsstufe. Europäische Nachbarländer haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Schüler bis zu zehn Jahre lang gemeinsam zu unterrichten. Und in der Bundesrepublik waren noch 1973 der Bund und alle Landesregierungen einig, eine »vorzeitige Festlegung auf bestimmte Bildungsgänge« zu vermeiden - ein klares Ja zur Orientierungsstufe.

Doch oppositionelle CDU-Verbände, etwa in Hessen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen, machten sich bald ans Werk, den »Schleichweg zur sozialistischen Einheitsschule« zu verbauen. In Nordrhein-Westfalen verhinderte die CDU, im Zusammenspiel mit Kirche und konservativen Elternverbänden, durch ein Volksbegehren im Jahre 1978, daß die drei Schulformen und die Orientierungsstufe unter einem Dach zur Kooperativen Schule zusammengefaßt wurden.

Die Christdemokraten und eine »Bürgeraktion« klagen im rotgrün regierten Hessen vor dem Staatsgerichtshof gegen die Förderstufe. Sie wird dort von rund 60 Prozent der Zehn- bis Zwölfjährigen genutzt, nächstes Jahr soll sie verbindlich für alle werden.

In Niedersachsen hatte sich Kultusminister Remmers, seit 1982 CDU-Fraktionschef, erfolgreich gegen die Anfeindungen aus der konservativen Ecke gewehrt. Die Schulpolitik, so Remmers, dürfe nicht als »eine Art Scheuerpfahl« gesehen werden, an dem sich »jeder reibt, der irgendwo ein Jucken verspürt«.

Dem Nachfolger Oschatz aber ist offenbar, kurz vor dem CDU-Wahlparteitag Mitte des Monats der Rückhalt bei den Parteirechten wichtiger als behutsamer Umgang mit der Bildungspolitik. Er sucht dringend, so ein Kultusbeamter, »Lebenshilfe« in eigener Sache. Denn in der Partei ist Oschatz, von dessen Berufung 1982 große Teile der Niedersachsen-CDU »hellauf begeistert« waren, nicht mehr unumstritten. Hinter vorgehaltener Hand wird er als zögerlich und nicht entscheidungsfreudig kritisiert; in der CDU-Fraktion wird dem Kultusminister vorgeworfen, er habe die Pflege der bildungspolitischen Landschaft vernachlässigt.

Und nun entzweit der Kultusminister, wenige Monate vor der Landtagswahl im Juni, auch noch die Partei: Mit Hilfe der CDU-Rechten hofft Oschatz seine Pläne durchzubringen. Damit hat er den Sozialdemokraten ein willkommenes Wahlkampfthema geliefert - zum Verdruß der Landesregierung.

Im Kabinett Ernst Albrecht wird erwogen, den Minister »Nullschatz« (Parteispott) nach der Wahl abzulösen oder auf einen anderen Posten zu setzen. Ein prominenter Christdemokrat: »Man denkt darüber nach, ob Oschatz als Kultusminister wirklich noch ideal ist.«

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