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»Irgendwo wund, wund, wund ...«

aus DER SPIEGEL 48/1971

Man hat ihn weinen sehen in Tarifverhandlungen, man hat ihn wüten hören auf Streikversammlungen; man weiß immer nicht, was als nächstes kommt, ein Ausbruch oder ein Zusammenbruch, weiß immer nicht, wo man ihn eher finden kann, auf dem Basar oder auf der Bastille. Ein Schauspieler, ein Fuchs, ein Teppichhändler, ein Scharfmacher, ein Radikalinski, ein verhinderter Revolutionär das sind so die Etiketten, die man ihm aufgeklebt hat. Und außerdem kann man sich auf ihn verlassen, und er ist der einzige seiner Zunft, der »die Basis« wirklich noch in der Hand hat -- sagen die Klassengegner und Tarifpartner. Willi Bleicher ist ein Unikum.

Er ist es, der immer wieder angefangen hat, bei ihm sind die Lohnkämpfe der Metallarbeiter meistens losgegangen, im Tarifbezirk Nordwürttemberg-Nordbaden. Doch das schiebt er auf die Organisation. Kann ich dafür, sagt er durch die Blume, daß in anderen Tarifbezirken die Organisation schwächer ist als bei mir? Er kann schon; er ist sogar stolz darauf: »Im Organisieren war ich immer groß, da bin ich wirklich ein Genie.« Das klappt auch heute noch, und das wissen die Metaller (beiderseits der Barriere).

Aber Organisation ist nicht alles, mindestens nicht mehr. Resignation ist jetzt immer dabei. Willi Bleicher, 64, ist »etwas müde« geworden -- »nicht in der Sache, o nein, aber in dem Taktieren, dem Manövrieren, diesem elenden Zwang, jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, wenn man eigentlich auf den Tisch hauen sollte. Und wie man sich da gegenseitig verkauft ... Ach, das ist doch alles so grausam«. Der gefeierte, gefürchtete Tarif- Matador redet von »dieser Pfennigfuchserei« in der Arena der Lohnkämpfe heute so, als wäre er der Stier und nicht der Torero.

Das ist nicht etwa ein Reflex der drohenden wirtschaftlichen Depression. der Talfahrt der Konjunktur -- an die glaubt ein gestandener Gewerkschaftler wie Bleicher sowieso nicht, schon aus Tradition. Das kommt von tiefer. Wer Willi Bleicher abseits seiner Masken sucht, der findet ihn traurig, fast verletzt, in einer Aura von Vergeblichkeit, aufgewühlt wie eh und je vom Unvereinbaren, Unveränderten dieser Welt, eingehüllt in eine transparente Leidensfähigkeit, Leidensbereitschaft; sogar an seinem »Ranzen« (was Schwäbisch ist für Embonpoint) leidet er zuweilen.

Diese Lohnbewegung ist sein letztes Gefecht; das weiß er, und das will er so. Aber ob da noch irgendwo Völker sind. die Signale hören, das weiß er nicht; kann auch die Kollegen nicht fragen, die alten nicht, weil sie sich so hoffnungslos abgefunden haben mit ihrer Rolle im kapitalistischen System, und die jungen nicht, weil die sich nicht einmal mehr verständlich machen können. von der Substanz ihrer Theorien ganz zu schweigen.

Was Willi Bleicher so traurig macht, das ist nicht der Abschied von den Lohnkämpfen und den Funktionärskonferenzen. »Mir gefällt ja die Gewerkschaftsbewegung auch nicht mehr«, so wie sie nun mal geworden ist: so systembezogen und so selbstgefällig, Rücksicht lind Ranküne achtsam ausbalancierend. Zwar versteht er, daß und warum sie so geworden ist unter dem Anprall diverser Konsumwellen und der Parole »Keine Experimente!«; aber er hat sich nicht abgefunden damit.

Was Willi Bleicher so traurig macht, das ist der Abschied von der Hoffnung auf eine bessere Welt, die man nicht gewinnen kann bloß durch Pfennigfuchsen und in der keine Angst mehr herrschen darf vor Krankheit, Krieg und Arbeitslosigkeit. Natürlich gibt es diese Welt nicht. Aber: »Es muß sie geben.« Davon ist er so tief durchdrungen, wie ei sicher ist, daß es den »Neuen Menschen«, dem die junge Linke entgegenstrebt, nie geben wird. Willi Bleicher ist zu alt oder zu rechtschaffen, um eine Utopie gegen eine andere zu tauschen.

»Umgottesjeseshimmelswillen«, sagt er bloß, wenn man ihn fragt, ob nicht vielleicht die linken Studenten den Gewerkschaften ideologisch aufhelfen sollten. Er läßt die Studiosi noch nicht einmal mehr die gewerkschaftseigenen Vervielfältigungsgeräte zur Herstellung ihrer kauderwelschen Pamphlete benutzen. »Der Gewerkschaftler wird gehämmert, nicht erzogen«, der kommt nicht aus dem Hörsaal. Und daran, daß der Arbeiter zwar »noch einen Klasseninstinkt hat, aber kein Klassenbewußtsein«, werden »diese Spintisierer« schon gar nichts ändern.

Als Willi Bleicher noch ein Schlosser war, da gab es kaum einen Arbeiterhaushalt, in dem nicht ein Bild von Bebel hing, und sei"s als Schlüsselbrettchen, dazu die Freiheitsgöttin -- zum Zeichen eben jener Hoffnung auf das bessere Morgen. Dergleichen findet man, Bleicher weiß es wohl, heute nicht mehr. Nur ist er völlig außerstande. daraus zu folgern, daß dieses Heute eben schon das bessere Morgen sei. »Was wir für Hoffnungen gehabt haben! Und wo sind wir geblieben -- in der Mitbestimmung, in der Vermögensbildung Gewiß, es hat Siege gegeben; »aber auch Niederlagen, mehr Niederlagen«.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Auch Willi Bleicher gibt unaufgefordert zu, daß wir weit weg sind von einer revolutionären Situation in der Bundesrepublik. Er ist kein verhinderter Revolutionär, er ist ein Pragmatiker, sogar ein Pfennigfuchser -- aber er trauert wenigstens um sich. Er versteht einfach nicht, wie man ohne Hoffnung leben kann, ohne Hoffnung auf die bessere Welt. Er hat es versucht, ohne Erfolg: »Man wird irgendwo wund, wund. wund ...«

Willi Bleicher, Jahrgang 1907, Arbeitersohn aus Stuttgart. Gewerkschaftler seit 1923, ist Kommunist gewesen. Und zwar ist er »über die menschlichen Dinge zur Idee gekommen«, genauer: über die Nachbarn, die Kommunisten waren. In deren Haus nämlich entdeckte er eine »andere Welt«. in der sonntags der Vater nicht angesoffen vom Frühschoppen heimkam und Solidarität den autoritären Bürgerdrill ersetzte. Die »Idee« war für den jungen Bleicher also im Grunde nichts anderes als die »humanere, gerechtere Welt«, und sie brachte ihn denn auch von Anfang an in Konflikt mit den etablierten Hierarchien: mit der KPD (er ging zur abgesplitterten KPO) genauso wie mit den Nazis (er ging 1933 außer Landes, erst in die Schweiz. dann nach Frankreich).

In Frankreich, in Besancon, hätte es ihm ganz gut gehen können, denn die Landestöchter (mehrerer Jahrgänge) waren ihm sogleich gewogen. Aber er ließ sich noch nicht einmal nach Paris schicken, weil er befürchtete, dort seiner ersten Liebe untreu zu werden, die daheim auf ihn wartete. Vielmehr wurde er bei einer seiner illegalen Rückreisen in den Herrschaftsbereich der Nazis (1934) geschnappt und landete wegen »Gefährdung der Staatssicherheit« und »Vorbereitung zum Landesverrat« auf Umwegen im KZ Buchenwald -- in der Effektenkammer. Wahrscheinlich verdankt er es seinem Organisationstalent, davongekommen zu sein. Bestimmt gilt das für »Juschu« Zweig, einen jüdischen Lagerinsassen, den Bleicher über ein Jahr lang auf dem verwinkelten Territorium der Effektenkammer versteckte.

Die »Idee« wiederum brachte Bleicher nach seiner Rückkehr zu den Kommunisten und zu den Gewerkschaften (1945) über kurz oder lang von neuem in Konflikte. Mit Max Reimann und der KPD überwarf er sich (endgültig) 1951, mit den Metallern (vorübergehend) 1952. Die Gewerkschaft war ihm damals nicht »links« genug, und die Kommunisten erkannte er, nachdem »die Russen und die Zone alles kaputtgemacht« hatten, als »absolut die falsche Linke«. Was er nicht verkraftet, ist immer wieder: Inhumanität in allen ihren Ausprägungen -- allerdings auch Ineffektivität. Er nennt sich einen Sozialisten; aber ein System wie das jugoslawische, das »seinen Menschen nicht genug Arbeit geben kann«, das »geht in die Irre«, das kann, nach Bleichers Begriffen, niemand den Weg zeigen.

So könnte man ihn denn wohl einen heimatlosen Linken nennen, der vom Prinzip Hoffnung lebt, wenn er nicht so zu Hause, so bodenständig daheim wäre im Diesseits der Klassengesellschaft -- in dieser zweigeteilten Welt, in der es oben gibt und unten und dazwischen Kampf.

Man braucht bloß an Bleichers Verhältnis zu Dr. Hanns Martin Schleyer von Daimler-Benz zu denken, zu seinem Gegenspieler im Lager der Arbeitgeber: Die beiden waren viele Lohnrunden lang so etwas wie die Traum-Kombination in der Manege der Tarifautonomie, menschlich einander zugetan. aber ausgebufft als Profis, mal hart, mal bloß artistisch, mal Clay-Frazier« mal Kilius-Bäumler. Und in allen diesen Jahren hat Bleicher zu Schleyer »Herr Doktor« gesagt und Schleyer zu Bleicher eben »Bleicher« -- und der hat das ganz in Ordnung gefunden, tut es noch.

Nicht nur Willi Bleicher, schon sein Vater hat »beim Daimler geschafft«. was vielen Schwaben nach wie vor die Zugehörigkeit zu einer Hierarchie bedeutet. Und Vater Bleicher durfte damals sogar die Autos des württembergischen Königs reparieren, notfalls auch am Wochenende. Eines Tages hat der Sohn (das vergißt er nie) dabei nicht nur zugesehen, sondern sogar Anstalten gemacht, in das königliche Auto einzusteigen. »O Büble«, hat der Chauffeur des Königs da gesagt, »des derfsch du net« -- eh er das dürfe, »da müßt' es blau schneien«.

Es hat aber nicht blau geschneit, nie im Leben. Die bessere Welt ist Utopie geblieben. Und von der Pfennigfuchserei hat Willi Bleicher jetzt genug.

Dies ist sein letztes Gefecht. »Ich setze mich ab«, sagt er, und das soll endgültig klingen, nächstes Jahr im Sommer. Zu dem bescheidenen Häusle am Primelesweg, Bad Cannstatt. das seine Frau geerbt hat, gehören drei Ar Garten; denen will er sich widmen, denen und »Struppi«, seinem Dackel. »der viel treuer ist als Menschen«.

Und wenn er dann seines Dienstwagens verlustig geht, wird er vielleicht sogar ein Auto anschaffen, einen Diesel natürlich, wegen der Wirtschaftlichkeit. aber einen »vom Daimler«. Es sind halt doch die besten Autos, sagt er, beinah stolz, keine solchen Blechkisten. Sondern da sitzt man drin »wie im Stüble«.

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