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Beamte Irre im Spiel

Auf skurrile Weise unterläuft ein Tübinger Chaosforscher die Zwänge des Unibetriebs; nun soll er nicht mehr arbeiten dürfen.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Es gibt Zustände, bei denen das Chaos die letzte verläßliche Größe ist. Der Tübinger Chaosforscher Otto Rössler, 55, eine Kapazität in seinem Fach, weiß das aus eigener Erfahrung.

Die Fangemeinde des Professors ist über die halbe Welt verstreut. Japaner laden ihn zu Chaos-Symposien ein, Wissenschaftler schätzen seine Arbeiten über die Berechenbarkeit von Ereignissen. Das renommierte Santa-Fe-Institut in den USA trug dem Tübinger für dieses Frühjahr eine Gastprofessur an.

Doch die konnte Rössler nicht annehmen: Er hat Reiseverbot, weil er nach Auffassung der Universität gegen die Dienstpflichten eines deutschen Beamten verstieß. Deshalb laufen jetzt disziplinarische Ermittlungen gegen Rössler. Da er eine Geldbuße von 1000 Mark nicht zahlen wollte, stand bei ihm sogar schon der Gerichtsvollzieher im Haus.

Sein Dienstherr, der Stuttgarter Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU), wollte Rössler auch schon psychiatrisch begutachten lassen. Nachdem der Professor den für Anfang April anberaumten Termin platzen ließ, sieht Trotha zwar von einem Psycho-Attest ab, dennoch droht Rössler die Entlassung aus dem Beamtenverhältnis.

Das Vergehen des Professors besteht in seiner eigenwilligen Auslegung dessen, was an deutschen Hochschulen unter die Freiheit der Lehre fällt.

Rösslers Zwist mit der Bürokratie begann, als der habilitierte Biochemiker sich über mehrere Semester hinweg weigerte, eine Chemie-Vorlesung für Erstsemester zu halten. Seine Begründung: Er sei fachlich unfähig dazu.

Sein Lehrdeputat erfüllt der Professor lieber mit interessanten Vorlesungen über Chaos und Endophysik. »Er ist ein Unikum«, urteilt der Doktorand Hans Diebner.

Doch nach Ansicht seiner Kollegen von der Fakultät für Chemie und Pharmazie, der Rössler angehört, reicht dies nicht aus; sie bestehen darauf, daß er seine Pflicht erfüllt. Dekan Joachim Strähle: »Wir sind der Meinung, daß sich jeder an der Grundausbildung von Studenten beteiligen muß und nicht nur in seinem Spezialgebiet lehrt.«

Die Kollegen, formal im Recht, schickten einen Aktenordner mit dem gesammelten Briefwechsel zwischen der Fakultät und dem renitenten Rössler an das Wissenschaftsministerium und verlangten vom Minister eine Lehr-Dienstverpflichtung des Verweigerers.

Im vergangenen Wintersemester beugte sich Rössler dem Verdikt aus Stuttgart, aber seither ist der Ärger noch größer. Der Professor übernahm zwar Anfängervorlesungen, doch ließ er seine Hörer vorab wissen, er sei für den Job völlig ungeeignet; Rössler verglich sich mit einem Piloten, »der gar keinen Flugschein besitzt«.

Alle zusammen würden sie die Landung aber »irgendwie schon schaffen«, beteuerte der Hochschullehrer leutselig, jeder Student bekomme von ihm eine Eins, allenfalls eine Zwei, »damit das in der Statistik nicht so auffällt«. Die Hörer applaudierten, doch die Fakultät entzog ihm prompt die Vorlesung.

Sonderling Rössler aber bestand nun auf seinem Recht und stürmte den Hörsaal. Hausverbote folgten, mehrmals führte die Polizei den Widerspenstigen ab, ohne Erfolg. Rössler lehrte draußen weiter.

Die Posse eskalierte ins Politische: Volksvertreter erregten sich im Stuttgarter Landtag über den störrischen Gelehrten. Der CDU-Landtagsabgeordnete Paul-Stefan Mauz unterstellte Rössler »starken Realitätsverlust« und legte ihm nahe, das Ländle zu verlassen.

Der vom Exil Bedrohte konterte mit einer Anzeige gegen Mauz und überzog Wissenschaftsminister Trotha sowie den Tübinger Universitätspräsidenten Adolf Theis mit wüsten Beschimpfungen: Theis sei ein »Faschist«, und Trotha wolle das »Führerprinzip« an der Uni einführen.

Daraufhin leitete Trotha disziplinarische Vorermittlungen gegen Rössler ein.

Die Versuche, den Wissenschaftler loszuwerden, haben die internationale Forschergemeinde aufgeschreckt. Rund 200 Wissenschaftler aus Europa, den USA, Rußland und Asien haben dem Minister einen offenen Brief geschrieben. Rektoren deutscher Kunsthochschulen, Mediziner und Naturwissenschaftler an Max-Planck-Instituten unterzeichneten eine Petition für Rössler.

Der Zürcher Chemie-Ordinarius Hans Primas sieht im Fall Rössler sogar Parallelen zu dem weiland vom Hochschulalltag überforderten Albert Einstein: »Wenn Einstein das Kaffeebuch im Institut nicht hätte führen können, so hätte man ihm helfen müssen.«

Rössler selbst spottet: »Wer ist eigentlich der Irre in diesem Spiel? Der Mann oder der Staat?«

Universitätspräsident Theis, der Ende April seinen Abschied nahm, hinterließ zum Kasus Rössler einen weisen Tip: »Es war an deutschen Universitäten immer möglich, sich solche Begabungen zu leisten, auch wenn es die Toleranz anderer Kollegen erfordert.« Y

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