Zur Ausgabe
Artikel 62 / 119

Balkan Irrsinn ohne Ende

Die Vermittler kapitulieren, das Gemetzel in Bosnien ist nicht zu stoppen.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Der zögerliche Händedruck war kein Ausdruck neuentdeckter Freundschaft, sondern nüchternes Kalkül. Die Staatsoberhäupter von Kroatien und Bosnien-Herzegowina, der Katholik Franjo Tudjman und der Moslem Alija Izetbegovic, schlossen ein Abkommen über gute Nachbarschaft.

Die beiden vereinbarten vorigen Dienstag in Zagreb, was ihnen bisher nur mühsam über die Lippen ging: gegenseitige Anerkennung, Aufnahme diplomatischer Beziehungen, Kooperation in Kultur, Justiz und Wirtschaft. Vor allem aber einigten sich Bosnien und Kroatien auf ein Militärbündnis.

Sollten die internationalen Friedensbemühungen scheitern - wofür vieles spricht -, wollen beide Staaten gemeinsam gegen den serbischen Aggressor vorgehen.

Mit dem Vertrag möchten Tudjman und Izetbegovic der moslemischen Bevölkerung in Bosnien ein Hoffnungszeichen geben. Zerstreut werden soll der Verdacht, Kroatien wolle den Leichnam Bosnien fleddern - war doch schon ein kroatischer Kanton »Herzeg-Bosna« etabliert worden. Legal ist fortan der Einsatz kroatischer Truppen in Bosnien.

Damit haben sich die Aussichten auf einen Frieden weiter verschlechtert. Die jüngste Waffenruhe, die Lord Carrington am vorvergangenen Freitag in London ausgehandelt hatte, brach binnen Stunden zusammen.

Die Ratlosigkeit der internationalen Organisationen schlug in Kompetenzstreit um. Uno-Generalsekretär Butros Ghali, in London nicht mit am Verhandlungstisch, fühlte sich übergangen und lehnte die EG-Vereinbarung ab. Die Blauhelme hätten nicht die Mittel, so Ghali, um all die schweren Waffen der verschiedenen Verbände einzusammeln und zu überwachen - sie seien ohnehin völlig überlastet. Carrington habe »schludrig gearbeitet«.

Verbittert reagierte auch General Lewis MacKenzie, Kommandeur der Uno-Mission in Sarajevo: »Gott beschütze uns vor weiteren Waffenstillständen.« Nach jeder Vereinbarung werde es in der Stadt noch schlimmer, denn jede Seite baue offenbar ihre Position noch schnell aus, bevor es zu Friedensgesprächen kommt.

Nach dem Inkrafttreten der letzten Waffenruhe erlebte Sarajevo schwere Bombardements. Wiederum mußte der Flughafen Butmir für Hilfsflüge zeitweise geschlossen werden.

»Das ist die bizarrste Situation, die ich je erlebt habe«, klagte MacKenzie: Er habe eindeutige Beweise, daß alle Seiten ihre eigenen Stellungen mit Granaten beschossen hätten, um den Eindruck eines gegnerischen Angriffs zu erwecken und den anderen einen Bruch der Waffenruhe vorzuwerfen.

Die moslemischen Verteidiger Sarajevos sind da keine Ausnahme: Sie verweigerten einem Uno-Konvoi mit Lebensmitteln _(* Am vergangenen Dienstag in Zagreb. ) für den serbisch beherrschten Stadtteil Grbavica die Durchfahrt. Präsident Izetbegovic heizte die Stimmung an: Es sei besser, zweimal zu sterben, als mit dem Aggressor zu verhandeln. »Die Moslems brechen den Waffenstillstand genauso oft wie alle anderen«, entrüstete sich Carrington. Keine der Kriegsparteien sei am Frieden interessiert. Deshalb stellte der britische Edelmann seine Bemühungen vorerst ein.

Für General MacKenzie und seine kanadischen Blauhelme ist der Irrsinn von Sarajevo zu Ende: Sie sollen diese Woche durch Soldaten aus Frankreich, der Ukraine und Ägypten ersetzt werden. Das neue gemischte Kontingent spiegelt die Zusammensetzung der Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina wider: Die Ukrainer sind orthodox wie die Serben, die Franzosen römisch-katholisch wie die Kroaten, und die Ägypter sind Moslems.

Damit rückt der Frieden in Sarajevo jedoch keinen Schritt näher. Am vorigen Donnerstag wurde eine Journalistin des amerikanischen Fernsehsenders CNN schwer verletzt. Serbische Granaten schlugen in der Nähe einer Suppenküche ein und töteten fünf Menschen.

MacKenzie äußerte düster, er habe noch niemals einen so dreckigen Krieg erlebt. Völkerrechtliche Konventionen zur Begrenzung der Barbarei, zum Schutz der Zivilbevölkerung gelten nichts: Die Terroristen verminen gezielt die Umgebung von Schulen und Krankenhäusern, sie transportieren Waffen in Ambulanzfahrzeugen.

Die Waffenlosen sterben zuerst. Um die Stadt Gorazde, 70 Kilometer südöstlich von Sarajevo, haben serbische Milizen einen engen Belagerungsring gezogen. Ihre Opfer sind Zivilisten - 50 000 Einwohner, 30 000 Flüchtlinge.

Eine Verbindung mit den Eingekesselten stellten Amateurfunker her. In der Stadt gebe es nichts mehr zu zerstören, berichtete der Bürgermeister. Leitungswasser, Strom, Medikamente fehlen seit Monaten, die Verletzten werden ohne Betäubung operiert.

Ein Uno-Hilfskonvoi brach aus Sarajevo nach Gorazde auf. Unterwegs liefen zwei Fahrzeuge auf Minen, ein Dolmetscher wurde verwundet.

Die politischen Mittel zur Bändigung des serbischen Amoklaufs scheinen erschöpft: Als letzten Schritt hat die EG gefordert, Restjugoslawien aus der Uno auszuschließen.

Dieses Verdikt der Völkergemeinschaft sucht der neue Ministerpräsident von Restjugoslawien, Milan Panic, noch zu verhindern. In New York lud der Serbo-Amerikaner mit dem Showtalent die Uno ein, auf sämtlichen Militärstützpunkten in Jugoslawien Beobachter zu stationieren. Sie sollen feststellen, daß die jugoslawische Luftwaffe sich an den Kämpfen in Bosnien nicht beteilige.

Panic hat noch einen Coup in petto. In Belgrad heißt es, er wolle Serbenpräsident Slobodan Milosevic, den Urheber des Krieges, als Botschafter nach Griechenland schicken.

In Athen freilich ist der Konspirateur dem Süden des früheren Jugoslawiens ebenso nahe wie in Belgrad - der Republik Mazedonien, dem nächsten Objekt seiner chauvinistischen Begierde.

* Am vergangenen Dienstag in Zagreb.

Zur Ausgabe
Artikel 62 / 119
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.