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PAKISTAN Islamische Zitadelle

Chomeini warnt davor, aber Staatschef Sia-ul Hak wagt es - die Einführung des moslemischen Zinsverbots. _____« Ihr Gläubigen! Nehmt nicht Zins, indem ihr in » _____« mehrfachen Beträgen wiedernehmt, was ihr ausgeliehen » _____« habt! Und fürchtet Gott! » _____« Koran, Sure 3, Vers 130 » *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Pakistan-Präsident Sia-ul Hak möchte, daß seine Politik dem Volke frommt. In einer Zurück-zum-Koran-Kampagne lehrte er alle Übeltäter das Fürchten. Einem Dieb kann in seinem Reich gemäß islamischem Traditionsrecht die Hand abgeschlagen werden; Sittlichkeitstäter werden öffentlich ausgepeitscht. Neuerdings widmet sich der General mit heiligem Eifer dem Kreditwesen: Seit dem Neujahrstag sind in Pakistan Zinsen für Kredite und Spareinlagen verboten - ab sofort bei allen Finanzgeschäften der Regierung, der inländischen Banken, Staatsbetriebe und Unternehmen mit staatlicher Beteiligung. Vom 1. April an wird die »Islamisierung des Kreditwesens« auf Privatunternehmer, vom 1. Juli an auf ausländische Banken in Pakistan ausgedehnt.

Mit der Abschaffung der Zinsen - arabisch »Riba«, was auch Wucher bedeutet - treibt Sia konsequent die Umgestaltung Pakistans in eine »islamische Zitadelle« voran. Im Finanzbereich überholt er damit sogar den unbestrittenen Glaubenserneuerer des Islam:

Der Ajatollah Chomeini warnt vor der einseitigen Abschaffung der Zinsen. Denn das wäre für die Moslems »wirtschaftlicher Selbstmord, wenn alle anderen Banken der Welt weiter mit Wucher und Zinsen arbeiten«. Chomeini: »Aus diesem Grund muß auch bei uns Zins erhoben werden.«

Anstelle der wegfallenden Zinsen sollen in Pakistan Anleger und Kreditgeber wie Risikoinvestoren oder Anteilseigner an Gewinn und Verlust beteiligt werden. Die Bilanz muß Anlegern alle sechs Monate bekanntgegeben werden. Gelder auf Umlaufkonten werden als »in Verwahrung genommene Guthaben« weder verzinst noch am Risiko beteiligt.

Das System ist nicht völlig neu. Islamische Banken in Ägypten, Kuwait, Saudi-Arabien und anderen Ländern führen - neben den üblichen Depositen auf Zinsbasis - Spar- und Termineinlagen auf rein islamischer Basis. Eine International Association of Islamic Banks propagiert das angeblich mit der Lehre des Propheten in Einklang stehende Verfahren.

Vor Pakistans landesweiter Einführung des zinslosen Kreditwesens innerhalb kurzer Zeit aber warnt ausgerechnet Professor Ahmed Elnaggar, der Generalsekretär der Assoziation. Der Ägypter, der in der Bundesrepublik promovierte, befürchtet, daß die aus überstürzten Maßnahmen mögliche Verwirrung sogar »die Zukunft der islamischen Banken bedrohen« könne. Darüber hinaus ist auch die theologische Grundlage der Reform umstritten.

In der Ideologie islamischer Banken, so der deutsche Experte für islamische Wirtschaftsformen, Volker Nienhaus, gehe man von einer »strengen« Interpretation des Wortes »Riba« aus - der Begriff werde verstanden als Verbot jeglicher Darlehenszinsen. Der Koran aber mag sich nur auf Wucherzinsen beziehen. Auf alle Fälle entgehen die islamischen Banken in der Praxis dem Zins-Verbot dadurch, daß sie an Stelle des profitablen Kredits den Mietkauf oder Leasing setzen; deren Zulässigkeit nach islamischem Recht steht freilich ebenfalls nicht fest.

Pakistans islamischer Soldat Sia, der die Macht 1977 durch einen Putsch eroberte, kennt indes keine Zweifel bei der Koran-Exegese. Er wies schon 1981 die fünf verstaatlichten Banken seines Landes an, zinslose Konten mit Gewinn- und Verlustbeteiligung für die Inhaber einzurichten. Die brachten gute Dividende: 1983 waren es 11,75 Prozent, ein Prozent mehr als bei den Zinskonten. Da stieg der Anteil der Einlagen von 13,2 Prozent im Juni 1983 auf 18,7 Prozent im Juni 1984.

»Die Islamisierung des Bankverkehrs«, jubelten Staatsbankfunktionäre, »kündigt einen revolutionären Wechsel an.« Skeptiker hingegen betonen, daß der Aufschwung bei den islamischen Konten manipuliert sein könne, um das neue System populär zu machen.

Seinen Zinsverpflichtungen gegenüber ausländischen Banken und Institutionen wie der Weltbank muß Sias Zitadelle ohnehin auch nach der Islamisierung des Kreditwesens nachkommen. Pakistans Auslandsschulden betragen zehn Milliarden US-Dollar.

Ihr Gläubigen! Nehmt nicht Zins, indem ihr in mehrfachen Beträgen

wiedernehmt, was ihr ausgeliehen habt! Und fürchtet Gott! Koran,

Sure 3, Vers 130

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