Islamistischer Terror "Wie eine Kettenreaktion"

Deutschland, Frankreich und Österreich wurden binnen weniger Wochen von Terroranschlägen erschüttert. Hier spricht der Islamismusexperte Guido Steinberg über den Umgang mit Gefährdern und die Rolle des IS.
Ein Interview von Wolf Wiedmann-Schmidt
Polizei in Österreich

Polizei in Österreich

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Werner Kerschbaummayr / dpa

SPIEGEL: Deutschland, Frankreich, Österreich – innerhalb weniger Wochen wurden in drei europäischen Ländern Anschläge verübt. Ist der islamistische Terrorismus zurück?

Steinberg: Ja, aber in einer anderen Form. Es gibt nicht mehr die eine große Organisation, die Attentäter nach Europa schickt und verheerende Anschläge verübt wie in Paris 2015 oder in Brüssel 2016. Es sind vor allem Einzeltäter. Das macht den islamistischen Terrorismus unberechenbarer, aber auch etwas weniger folgenschwer.

SPIEGEL: Mit dem Niedergang der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und im Irak dachten viele insgeheim, die Gefahr sei gebannt.

Steinberg: Das war ein Trugschluss. Der IS ist in vielen Gegenden der islamischen Welt nach wie vor präsent, mit insgesamt weit mehr als 10.000 Kämpfern. Auch in Europa wirkt die Ideologie der Terrorgruppe weiter, wie die aktuelle Welle von Attentaten zeigt. 

SPIEGEL: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen von Dresden, Conflans-Sainte-Honorine, Nizza und Wien?

Steinberg: Wenn mehrere Anschläge kurz nacheinander verübt werden, liegt ein Zusammenhang natürlich nahe. Der Anlass war wahrscheinlich die Neuveröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Das muss nicht der Auslöser für alle Attentate gewesen sein. Eher wirkt es wie eine Kettenreaktion: Einer schlägt zu, dann ein zweiter, und plötzlich überlegen sich auch andere IS-Anhänger, zur Tat zu schreiten.

SPIEGEL: Der türkische Präsident Erdogan heizt die Stimmung mit an. Er rief zum Boykott französischer Waren auf und warf Staatspräsident Macron Islamfeindlichkeit vor. Haben solche Aussagen eine Wirkung auch auf gewaltbereite Islamisten?

Steinberg: Die europäischen Regierungen dürfen Erdogan das nicht durchgehen lassen. Er sieht hier die Chance, seinen Einfluss auszuweiten, indem er sich als Schutzherr der Muslime präsentiert. In gewisser Weise ermutigt er auch die Dschihadisten. Wenn ein türkischer Präsident deutlich macht, dass er die Mohammed-Karikaturen für das Problem hält und nicht die Enthauptung des Lehrers Samuel Paty, dann kommt das fast einer Aufforderung gleich.

SPIEGEL: In einem Fall – dem Anschlag von Wien – hat der IS die Tat für sich reklamiert. Hat die Terrorgruppe also doch noch direkten Einfluss bis nach Europa?

Steinberg: Mir reichen die bisherigen Informationen noch nicht für eine eindeutige Einschätzung. Ja, die Terrororganisation hat sich zu der Tat bekannt. Und dem IS lag auch ein Video des Attentäters vor, das nach dem Anschlag veröffentlicht wurde. Das entspricht dem, was wir beim Berliner Weihnachtsmarktattentäter gesehen haben, der vom IS bei seiner Tat virtuell angeleitet wurde. Es würde mich nicht wundern, wenn es auch in Wien jemanden gab, der den Attentäter als eine Art Terrorcoach betreut hat. Aber noch wissen wir das nicht.

SPIEGEL: Sie waren in mehreren Prozessen in Österreich Gerichtsgutachter. Wie würden Sie die Islamistenszene dort beschreiben?

Steinberg: Etliche der Dschihadisten haben einen tschetschenischen, bosnischen oder albanischen Hintergrund. Viele bringen aus ihrem Heimatland Gewalterfahrungen mit, sie wissen oft, wie man mit Waffen umgeht. Teilweise gibt es Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Das macht die dortige Islamistenszene sehr gefährlich.

SPIEGEL: Gibt es Verbindungen nach Deutschland?

Steinberg: Ja, die gibt es seit mehr als 15 Jahren. Mehrere österreichische Prediger haben auf Islamisten in Deutschland großen Einfluss ausgeübt. Ihre Anhänger pilgerten immer wieder nach Österreich.

SPIEGEL: Sowohl der mutmaßliche Attentäter von Dresden als auch der Todesschütze von Wien saßen wegen Terrordelikten im Gefängnis und wurden von Deradikalisierungsexperten betreut – in beiden Fällen offenkundig ohne Erfolg.

Steinberg: Die Entscheidung, wer gefährlich ist und wer nicht, darf man nicht Sozialarbeitern überlassen. Die müssen Polizei und Nachrichtendienste treffen. Sowohl in Dresden als auch in Wien sahen die Sicherheitsbehörden nicht gut aus. In Österreich ist das Versagen offenkundig: Die Behörden wussten, dass der spätere Attentäter in der Slowakei Munition für ein Kalaschnikow-Gewehr kaufen wollte. Trotzdem konnte er zuschlagen.

SPIEGEL: In den nächsten Jahren kommen zahlreiche Islamisten nach Verbüßung ihrer Haftstrafen aus den Gefängnissen frei. Wie sollen Politik und Behörden damit umgehen?

Steinberg: Die Zahl der Abschiebungen von Gefährdern ist bereits deutlich gestiegen. Aber das allein wird das Problem nicht lösen. Viele der Islamisten, die freikommen werden, sind deutsche Staatsbürger. Politik und Sicherheitsbehörden werden Wege finden müssen, sie nach ihrer Entlassung intensiv zu überwachen, etwa durch elektronische Fußfesseln oder aufwendige Observationen. Sonst drohen weitere Anschläge.