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»Israel hat sich in die Ecke gesiegt«

Mit hunderttausend Soldaten, Hunderten von Flugzeugen und Panzern glaubte Israel die PLO im Libanon ausschalten zu können. Doch die etwa 6000 in Beirut eingekesselten PLO-Soldaten kapitulierten nicht, ein Angriff auf Beirut würde schwerste Verluste bringen. Israelis sprechen vom »dümmsten aller unserer Feldzüge«.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Sie führen uns nicht länger auf den Leim. Das werden wir nicht länger dulden«, wütete Israels Verteidigungsminister und Libanon-Kriegsherr Ariel Scharon gegen den Sonderbotschafter der amerikanischen Schutzmacht, Philip Habib - so als sei Israel immer noch frei, die Libanon-Invasion nach seinem Gusto zu Ende zu führen.

Habib beschwerte sich in Jerusalem über Scharons rüden Ton und klagte zugleich, er leide - nach harten Verhandlungswochen in Beirut - an Erschöpfung; auch sein chronisches Herzleiden mache ihm zu schaffen. Von Israels Premier Menachem Begin kamen daraufhin eine beruhigende Botschaft und ärztliche Hilfe: Professor Gottesmann, Begins persönlicher Arzt, sandte »eine äußerst wirksame Arznei« (so Begin) an den erfolglosen Friedensvermittler. So gestärkt ging Habib am Wochenende auf Rundfahrt nach Damaskus, Jerusalem, Amman, Riad und Kairo.

Doch weder Scharons beleidigende Worte noch Begins medizinische Hilfe brachten die festgefahrenen Vermittlungsversuche des Amerikaners in Schwung. Immer deutlicher wurde vielmehr vorige Woche, daß die israelische Führung sich vor der libanesischen Hauptstadt Beirut in eine fast ausweglose Falle manövriert hatte.

Sieben Wochen nach dem Beginn der Invasion hat sich Israel »in die Ecke gesiegt«, bedauerte Ex-Premier Rabin: »Wir stecken in einer Zwickmühle ohne Ausweg.« Und Begins Koalitionspartner Abraham Melamed von der National-Religiösen Partei gestand ein: »Unser Problem ist es, wieder vom allzu hohen Ast herunterzuklettern.«

Noch klarer sagte es Schimon Peres, sozialistischer Oppositionschef: »Strategisch betrachtet war dieser Krieg der dümmste aller unserer Feldzüge. Wenn die Regierung Beirut besetzen wollte, hätte sie das nach sechs Tagen ohne viele Opfer tun können.«

Zwar beteuerte Begin: »Wir haben 90 Prozent der PLO-Streitkräfte vernichtet«, zwar prahlte er, »in wenigen Wochen« werde »auch der letzte Terrorist in Beirut abziehen, und vor Jahresende werden wir Frieden mit dem Libanon (vielleicht sogar Jordanien) haben«.

Doch die in den Westvierteln von Beirut eingekesselten 6000 PLO-Kämpfer, deren Strom, Wasser und Lebensmittelzufuhr von den übermächtigen Belagerern kontrolliert wurden, denen kein einziger arabischer Staat zu Hilfe kam, waren immer noch nicht bereit zu kapitulieren. In militärischen Kreisen Jerusalems setzte sich vielmehr die Überzeugung durch, ein friedlicher Abzug der PLO - in welches Land auch immer - sei höchst unwahrscheinlich geworden.

Selbst eine Räumung der Stadt wäre für die Palästinenser-Organisation nicht unbedingt ein tödlicher Schlag. Denn im Norden des Libanon, bei Tripoli, stehen weitere 4000 palästinensische Guerrilleros, dann 3500 in der Bekaa-Ebene unter dem Schutz der syrischen Armee.

Von dort kam vorigen Mittwoch jener Feuerüberfall, der die Israelis fünf Tote kostete und dann eine harte Antwort Israels auslöste: schweres Artilleriefeuer und Luftangriffe, in Jerusalem gerechtfertigt als Lehre für die Syrer, die PLO in der Bekaa-Ebene unter Kontrolle zu halten.

Die Gesamtverluste, die Israel seit Beginn der Invasion der PLO zufügte - etwa 9000 gefangene, 1500 getötete PLO-Kämpfer -, erscheinen als magere Bilanz eines Feldzugs, bei dem Israel S.79 über 100 000 Soldaten, Hunderte von Panzern und Flugzeugen einsetzte.

Wohl drohte Jerusalem auch weiterhin mit militärischen Maßnahmen gegen Rest-Beirut, falls die politischen Bemühungen um einen PLO-Abzug ergebnislos blieben. So kündigte Minister Jizchak Modai an: »Wenn erforderlich, werden wir von Haus zu Haus kämpfen, um die PLO aus West-Beirut zu verjagen.« Außenminister Schamir: »Das Schicksal der PLO in Beirut ist besiegelt.«

Doch nach wie vor zögerte sogar Scharon, Beirut zu erobern, weil er die unvermeidlichen Verluste im Straßenkampf fürchtete, israelische Militärs rechnen, daß 200 Israelis und Tausende von Libanesen dabei umkommen würden.

Stratege Scharon deutete aber schon an, wie eine militärische Regelung aussehen könnte: Man müsse unterscheiden zwischen der zivilen Innenstadt von Beirut, in der eine halbe Million moslemischer Libanesen leben, und den Flüchtlingslagern an ihrem Südrand mit den Stellungen und Hauptquartieren von 15 verschiedenen PLO-Gruppen.

Will sagen: Israel könne in diese Vorviertel eindringen, ohne die ganze Stadt zu erobern.

Was jedoch geschehen würde, falls die Palästinenser sich aus den Lagern in die Innenstadt zurückziehen, verschweigt auch Scharon: Die Verluste der libanesischen Beirut-Bewohner würden in der Welt zu einem neuen Proteststurm gegen Israel führen. Gleiches Ergebnis, wenn Israel die Blockade Beiruts rabiat verschärfen würde, um die PLO ohne Straßenkampf zur Kapitulation zu zwingen.

So zweifelten denn die eingeschlossenen Palästinenser, daß Israel überhaupt noch eine militärische Option habe, sondern hofften, daß die Zeit sowie die wachsende innerisraelische Opposition gegen die Eroberung Beiruts zu ihren Gunsten arbeiten würden.

Unterdessen baute die PLO ihre Stellungen in den Lagern im Südwesten der Stadt aus, die »ein wahrer Zementgürtel von Bunkern und Befestigungen geworden ist«, so Radio Beirut, und die Syrer brachten Verstärkungen, inklusive 3000 Freiwillige aus dem Iran, ins Bekaa-Tal.

Wie militärisch im Libanon gegenüber der PLO könnte Israel sehr bald auch außenpolitisch weiter unter Druck geraten. In Washington, fürchten die Israelis, könne sich mit dem als Araberfreund bekannten neuen Außenminister George Shultz ein für den Judenstaat ungünstiges Klima entwickeln.

Schon seit mehreren Monaten meint Jerusalem Anzeichen für amerikanische Pläne zu entdecken, mit der PLO ins Gespräch zu kommen. Vorige Woche, als der Europa-Sprecher der PLO, Issam Sartawi, in Paris eine bedingte Bereitschaft andeutete, Israel anzuerkennen, schien ein Dialog zwischen den USA und der PLO erstmals möglich zu werden.

Jedenfalls verstärkte Washington seinen Druck auf Israel: Eine Lieferung von 4000 Streubomben, deren Einsatz im Libanon Israel zugegeben hatte, wurde gestoppt. Schon vorher war ein Kaufersuchen von über 75 F-16-Kampfflugzeugen auf Eis gelegt worden.

Wohl billigt die Reagan-Regierung die Ziele der israelischen Invasion nach wie vor grundsätzlich: Abzug der PLO und der Syrer sowie Gründung einer stabilen Regierung in Beirut. Gleichzeitig aber sind gute Beziehungen zur arabischen Welt, und vorrangig zu Saudi-Arabien, für Washington so wichtig, daß die Amerikaner dafür einen politischen Preis zahlen dürften, sei es auch nur die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser.

Amerikas Freunde in Nahost, Ägypter und Saudis, bemühen sich, den Amerikanern solche Schritte zu erleichtern - durch Gründung einer palästinensischen Exilregierung, die nicht nur aus PLO-Leuten bestehen sollte (mit denen Israel nicht sprechen würde).

Die palästinensische Exilregierung soll die USA in die Lage versetzen, einen Ansprechpartner zu haben, der auf US-Druck auch von Israel akzeptiert werden müßte, sofern die Exilregierung den amerikanischen Bedingungen nachkommt: Anerkennung Israels und Verzicht auf militärische Lösungen.

Ägyptens Wochenmagazin »Oktober«, dessen Chefredakteur Anis Mansur zum engen Kreis um Präsident Mubarak zählt, verlangte bereits vorsorglich eine »Erneuerung der politischen Führung der Palästinenser«.

Arafats Kairoer Bürochef Said Kamal gilt als möglicher Chef einer solchen Exilregierung - sofern nicht Jassir Arafat doch noch, wie viele Israelis heute fürchten, als strahlender politischer Sieger aus der Libanon-Schlacht hervorgeht.

S.78Vorn links: Georges Habasch, Führer der radikalen Volksfront für dieBefreiung Palästinas.*

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