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»Israel ist überall«

Der globale Terror erreicht Kenias Küste: Das Attentat von Mombasa trifft das Land in einer wirtschaftlichen Dauerkrise und bedroht das religiöse Gleichgewicht im Reich des Daniel arap Moi.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Gerade einladend ist der Weg nach »Little Israel« nicht. Seit Chauffeur Suleyman Sanare, 23, und Beifahrerin Caroline Munjuma, 25, die geteerte Malindi Road rund 20 Kilometer nördlich von Mombasa verlassen haben, holpern sie in dem silbergrauen Toyota Minibus im Schneckentempo durch radnabentiefe Senken und Schlaglöcher. Es geht an der katholischen Kirche vorbei, dann an der anglikanischen, an der Villa Pam und dem Touristenzentrum Sun'n'Sand.

Erst nach einer kleinen Ewigkeit erreichen sie den versteckt zwischen Bananenstauden gelegenen Hotelkomplex, der von den Einheimischen Klein-Israel genannt wurde: Nur ein paar Schritte dahinter leuchtet ein weißer Sandstrand und das Blau des Indischen Ozeans.

Bis zum vergangenen Donnerstag hat Caroline Munjuma in dem Hotel gearbeitet, das ausgerechnet »Paradise« hieß. Jetzt nennt sie es nur noch die »Hölle«.

Es war etwa halb neun Uhr Ortszeit an diesem Tag, als die Masseurin, keine 15 Meter von der Rezeption entfernt, auf die ersten Hotelgäste wartete - wie jeden Morgen. Gerade checkte eine israelische Reisegruppe in dem 150-Betten-Haus ein. Es war schwül, wie häufig in der Regenzeit.

Was dann folgte, verdichtet sich zu einer Sequenz von Hitze, Lärm und Schrecken. An eine Detonation erinnert sie sich, dann an eine zweite, kurz danach. Sekunden später brannten die Schilfdächer der Anlage lichterloh. Es wurde so dunkel, dass Caroline die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte, aus dem Inferno gellten die Schmerzensschreie der Verletzten.

Caroline Munjuma ist zurückgekehrt an den Ort des Horrors. Jetzt steht sie neben ihrem Kollegen Ferdinand Charo, der einen Kopfverband trägt, vor dem niedergebrannten Eingangstor, das an ein überdimensioniertes Skelett erinnert. Etwas hilflos zupft sie an einem Absperrband, mit dem die israelischen Experten den Tatort gesichert haben.

Keine 24 Stunden zuvor hatte ein Geländewagen die gleiche Auffahrt genommen wie Caroline Munjuma und Suleyman Sanare; dann war er in die Rezeption gerast und explodiert, hatte 16 Menschen in den Tod gerissen.

»Für uns ist Israel überall«, sagt Professor Juri Martinovich, der mit Sicherheitsleuten und Geheimdienstexperten aus Tel Aviv eingeflogen wurde und sich als Experte für »massive bleeding« bezeichnet. Der Mediziner hat die schwer Verletzten betreut. Einige Überlebende sammelten sich unmittelbar nach der Explosion im Nachbarhotel »Calipso«, setzten sich an die Bar und bestellten etwas zu trinken.

Auch dort ist die Speisekarte in Hebräisch gehalten, Hummus kostet 190 Kenia-Schilling, und auf dem Tisch steht eine israelische Flagge. »Für uns ist das Routine«, meint Martinovich achselzuckend, »als Israeli fühlt man sich nirgends auf der Welt sicher.« Es ist beileibe nicht das erste Blutbad, das er zu sehen bekommen hat.

Wenn er sagt, Israel sei überall, meint er den Terror, und langsam dämmert auch den Bewohnern des Nachbardorfs Kikambala, dass die globale Bedrohung die bukolische Abgeschiedenheit ihrer Heimat erreicht hat.

»Warum ausgerechnet Kenia?«, fragt Ali Baba, 22, der unten am Strand Holzfiguren verkaufte, als das 200 Meter entfernte Hotel in die Luft flog. Heute hat er sich das Fußballtrikot von Maccabi Haifa übergestreift, das ihm vor Jahren einmal ein Tourist geschenkt hat. Ein paar israelische Sicherheitsleute klopfen ihm dafür kameradschaftlich auf die Schulter.

Ali Baba weiß, dass auch für ihn jetzt harte Zeiten anbrechen. Der Terror trifft den Tourismus. Und von was sonst soll Mombasa leben?

Die Wirtschaft steckt in einer Dauerkrise. Nur in der Korruptionsstatistik belegt das ostafrikanische Land noch einen Spitzenplatz. Und die Präsidentschaftswahlen, sagen viele Kenianer, kann die Opposition nur gewinnen, wenn die Regierung des greisen Staatschefs Daniel arap Moi nicht allzu sehr manipuliert. Dass es besonders demokratisch zugehen wird, glaubt niemand. Moi regiert bereits seit fast einem Vierteljahrhundert. Da versteht man sich auf das Geschäft.

Dabei darbt die Tourismusindustrie hier am Indischen Ozean schon seit langem. Auf die Reiselust von Europäern oder Amerikanern hatten sich bereits die Unruhen von 1997 verheerend ausgewirkt, die im Raum Mombasa über 100 Todesopfer forderten. Die Terroranschläge von 1998 - auf die US-Botschaften in Kenias Hauptstadt Nairobi und Daressalam in Tansania mit insgesamt 224 Toten - waren ein weiterer Schlag für die Reisebranche. Zudem häuften sich Berichte über Raubüberfälle auf ausländische Reisende. Bei derart vielen Negativschlagzeilen konnte sich die Branche kaum so erholen wie die anderer gelegentlich von Krisen heimgesuchter Länder.

Nicht zuletzt weiße Sextouristinnen auf der Jagd nach verarmten, aber gut gebauten Beach Boys bevölkern den feinen Sandstrand: Es stand wahrlich schon einmal besser um das einstige Musterland, dessen Küste und Nationalparks zu den schönsten des Kontinents zählen, und das - anders als die Nachbarländer - in jüngerer Zeit von Kriegen, Hungersnöten oder Völkermord verschont geblieben war.

»Doch nun ist unser Land unter die Räuber gefallen«, klagt der Muslim Suleyman Sanare, der als Zeichen seines Glaubens nur selten ohne Kappe und das traditionelle Langgewand aus dem Haus geht. Wer wolle in so ein Land bald noch reisen, fragt er. Als Touristenführer werde er sich wohl kaum mehr verdingen können. »Für 5000 Kenia-Schilling bekommst du eine Kalaschnikow und für 10 000 kaufst du einen Mörder.«

Es sind gerade die durchlässigen Grenzen zu Staaten wie dem Sudan oder Somalia, die Kenia so anfällig für Gewaltimporte machen.

Dass durch das Attentat auf das Hotel Paradise nun wieder gewaltsame Konflikte im Land aufflammen könnten, ist Sanares größte Sorge. Seit Araber aus dem Sultanat Oman die Festung in Mombasa bestürmten und 1698 schließlich einnahmen, brach immer wieder - auch blutiger - Streit zwischen den Religionsgemeinschaften aus.

Und obwohl diese Spannungen sich in letzter Zeit weitgehend friedlich entladen haben, könnte die Bombe vom vergangenen Donnerstag das labile Gleichgewicht zwischen Muslimen und Christen schnell zerstören.

»Wir schließen Täter und Opfer dieser Gewalttat in unsere Gebete ein«, beeilt sich Imam Omar von der Mwarembo-Moschee im Zentrum Mombasas zu versichern. »Mögen die Täter auf den rechten Weg zurückfinden«, hat er in seinem Freitagsgebet erklärt, »sie irren in ihrem Glauben, denn der Islam verbietet den Mord.«

Doch nicht alle urteilen so großmütig. Mohammed Dor Mohammed jedenfalls, Generalsekretär der Vereinigung der kenianischen Imame, mag nicht um alle Opfer des Anschlags trauern. »Die Kenianer tun uns Leid. Die Israelis nicht, sie befinden sich schließlich im Krieg.«

Der hat nun auch Mombasa erreicht - auch wenn das noch nicht jeden stört. Regina Küster aus Berlin, eine von rund 43 000 deutschen Urlaubern pro Saison, freut sich aufs Schnorcheln und sonnt sich an der lang gezogenen Bamburi Beach.

Die Preise seien vertretbar, sagt sie, und in ihrem Hotel sei es ziemlich ruhig. Gestern Abend, nach den Fernsehnachrichten über das Attentat, das sich nur wenige Kilometer entfernt ereignet hatte, sei auch sie nachdenklich geworden. Ginge das so weiter, müsse sie wohl in ein anderes Land ausweichen.

Kuba sei ihr da in den Sinn gekommen. Dort hat der Máximo Líder vielleicht noch alles im Griff. Und der Strand von Varadero soll eigentlich genauso schön sein wie der von Mombasa. THILO THIELKE

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