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Israel lebt gefährlich

aus DER SPIEGEL 6/1949

Israels Außenminister Moshe Shertok hat selten soviel erfreuliche Telegramme in so kurzer Zeit erhalten wie in diesen Tagen. Kurz hintereinander drahteten die Regierungen Großbritanniens, Neuseelands, Australiens und der drei Benelux-Staaten die de-facto-Anerkennung und wenige Tage später die USA sogar ihre de-jure-Anerkennung des Staates Israel nach Tel Aviv.

Die Zahl der Länder, die den jungen jüdischen Staat bis heute anerkannt haben, ist nunmehr auf 35 gestiegen. Die Aufnahme Israels in die Vereinigten Nationen ist damit so gut wie gesichert.

Moshe Shertok hatte auch sonst Grund zur Freude. Die letzten noch ausstehenden Stimmen der ersten Wahlen in Israel bestätigten noch einmal den großen Erfolg seiner Partei, der Mapai. Somit hat der hornbebrillte Außenminister mit dem Fliegenbärtchen alle Aussicht, auch im künftigen Kabinett auf seinem bisherigen Posten zu verbleiben.

Auch sonst wird sich der bisherige politische Kurs nur unwesentlich verschieben. Die eingespielte Koalition zwischen den beiden Arbeiterparteien, der Mapai und der radikaleren Mapam, und dem bürgerlichen Lager, das allgemeine Zionisten und die Fortschrittspartei umfaßt, wird weiter die Geschicke Israels leiten. Für Kommunisten und rechtsradikale Revisionisten hingen die Trauben zu hoch. Sie sind nur im Staatsrat vertreten.

Maßgeblich für die politische Gestaltung Israels ist vor allem die Mapai, die jüdische Labour-Party. Ministerpräsident David Ben Gurion und Außenminister Moshe Shertok sind ihre prominentesten Vertreter. Auf ihrer politischen Linie liegt der genossenschaftliche Wirtschafts- und Siedlungsaufbau, fortschrittliche Sozialarbeit und - außenpolitische - Anlehnung an die Vereinigten Staaten. Englands Labour-Minister Bevin ist Staatsfeind Nr. 1.

Das politische Gefüge Israels hat sich in den acht Monaten seit der Staatswerdung erstaunlich rasch stabilisiert. Aber äußerlich ist noch alles Provisorium. Als Pawel Iwanowitsch Jerschow, der russische Gesandte in Tel-Aviv, die Regierungsmitglieder kürzlich zu einem politisch-gesellschaftlichen Ball einlud, brachte er die Staatsführung in arge Verlegenheit.

Nur acht von zwölf Ministern hatten Fräcke. Zwei Tage und drei Nächte arbeiteten die beiden besten Schneider-Ateliers von Tel-Aviv - vormals Hausvogteiplatz Berlin - an ihren ersten Staatsaufträgen.

Auch sonst ist vieles provisorisch. Staatspräsident Chaim Weizmann wohnt in einem wissenschaftlichen Institut, das seinen Namen trägt. Die Ministerien der Regierung sind über die Villen der alten deutschen Templer-Kolonie Sarona verteilt, dicht vor den Toren von Tel Aviv. Aus Sarona wurde Hakyria. Und aus dem bescheidenen Festsaal des Städtischen Kunstmuseums die Residenz des Israelitischen Staatsrates.

Dieses Provisorium hat seine positiven Seiten. Die zahlenmäßig noch geringe Beamtenschaft des jungen Staates ist elastisch, großzügig und von bemerkenswerter Zuverlässigkeit. Den Verknöcherungsprozeß sucht man mit allen Mitteln hinauszuschieben.

Rechtsanwälte aus Warschau oder Rotterdam tun Dienst als Kanzleisekretäre. Kaufmannssöhne und Studenten aus Frankfurt oder Prag stehen als Bauarbeiter auf dem Gerüst oder schleppen Apfelsinenkisten auf die Schiffe. Die eine Woche stehen sie an der Front, die nächste wieder in einem der neuen Industriebetriebe oder im Laboratorium des Polytechnikums von Haifa.

Der neue Staat hat sich zu einem Schmelztiegel von bisher kaum gekannter Intensivität entwickelt. Rabbiner und Schauspieler, Textilkaufleute, Aerzte und Kramladenbesitzer, mehrheitlich aus den heute sowjetisch-kontrollierten Gebieten, verschmelzen zu einem Volk, das typenmäßig eher dem amerikanischen Mittelwesten als der überlieferten Vorstellung von osteuropäischen Kaftanträgern entspricht.

Die Bauern auf den vorgeschobenen Siedlungen bilden einen eigenen Kolonisatoren-Typ. Hier steht - so banal und reklamehaft das auch klingt - das Gewehr neben dem Spaten. An diesen Gürtelsiedlungen, vom See Genezareth bis zum Negev und den Dünen vor Gaza, brach sich die Welle der arabischen Angreifer. Das rettete dem Land das Leben.

Es sicherte auch die imponierende wirtschaftliche und kolonisatorische Aufbauleistung Israels. Aus der Vorstadt von Jaffa ist in wenigen Jahren das 200000 Einwohner zählende Tel Aviv geworden. Die Industrie zählt 2500 Betriebe, 50000 Beschäftigte und einen Produktionswert von 42 Millionen Pfund. Dazu kommen 300 Kollektivsiedlungen und Kleinbauerndörfer auf genossenschaftlicher Basis. Vor 20 Jahren stand noch nichts. Inzwischen sind fast 80000 ha Land urbar gemacht oder bewässert worden.

Die innerpolitische Festigung Israels zog außenpolitische Erfolge nach sich. Stalin schickte als erster einen Gesandten, als Keil zwischen Großbritannien und den USA. Mit der kommunistischen Partei war nicht viel auszurichten, das erkannte das Kominform sofort.

Die amerikanischen Sympathien waren Israel von vornherein sicher. In New York leben dreimal soviel Juden wie in Israel Truman nahm Rücksicht darauf. Als er wiedergewählt wurde, war in Tel Aviv Festtag. Und als Marshall abtrat, ein zweiter.

Besonders eng und unmittelbar ist die finanzielle Verbindung zwischen Israel und den USA. Im Hintergrund des wirtschaftlichen Aufbaus steht ein privater Marshallplan. Jetzt ist auch eine offizielle Anleihe der Wall-Street in Aussicht genommen.

Ganz anders dagegen das Verhältnis zu Großbritannien. Die Freundschaft, die man ursprünglich der ehemaligen Mandatsmacht in Palästina entgegenzubringen bereit war, ist seit Bevins Außenpolitik in offene Feindschaft umgeschlagen. Bevin trauert den neuen Straßen nach, die England baute, dem Flughafen von Lydda, den Raffinerien und dem schönen Hafen von Haifa.

Großbritannien brachte die Arabische Liga auf die Beine und rüstete den gefährlichsten Feind Israels aus, Abdullahs Legion. Der regenarme und dürre Negev war der Tropfen, der das Faß beinahe zum Ueberlaufen brachte. Erst im letzten Augenblick versickerte er im Wüstensand. Bevin ließ eine militärische Messe zelebrieren, um den ungläubigen Juden Respekt einzuflößen. Einen Tag lang schwebte die Möglichkeit eines britisch-israelitischen Krieges in der Luft.

Dabei war es der britische Brigadier Wingate, der die Juden einmal das Kriegspielen gelehrt hat. Das war in den dreißiger Jahren während der Araber-Aufstände, als die »Settlement-Police« gegründet wurde. Auch die Haganah, zunächst eine Selbsthilfe-Organisation der Mapai, wurde unter britischen Fittichen zu einer Art Bürgermiliz. Als Rommel nach Aegypten kam, wurde sie vorsorglich alarmiert.

Irgun Zvai Leumi und Stern-Gang, die extrem-nationalistischen Terror-Organisationen, sind inzwischen als Episoden in die Geschichte des jungen Staates eingegangen. Herauskristallisiert hat sich die khakifarbene Armee des Staates Israel.

Oelzweig und Dolch sind ihr Symbol. Die Stabsoffiziere tragen auf dem Schulterstück ein Weinblatt. Moderne Kriegserfahrungen und eine gute Dosis Wildwestmethoden machen Strategie und Taktik dieser Armee aus.

Die Waffen werden von Skoda aus der Tschechoslowakei auf privater Luftbrücke geliefert. Den Rest besorgen Schmuggler aus Italien oder die eigene Produktion. In Maschinengewehren, Minenwerfern und Handfeuerwaffen ist Israel schon autark.

Flugzeuge kauft man aus allen Himmelsrichtungen, Messerschmitt, Lightning und Spitfire. Oft gleich mit Besatzung. In der Luftwaffe Israels spricht man englisch. In der Armee hebräisch. Und in der »Marine«, die aus einigen rasch gepanzerten und mit Skoda-Flak bestückten Einwandererschiffen besteht, werden die Kommandos gleich in beiden Sprachen übermittelt.

Yaacov Dori, Weinblatt mit Gold und Generalstabschef aller israelitischen Streitkräfte, ist mit den Erfolgen seiner Truppen zufrieden. Er wird vorläufig kaum arbeitslos werden. Trotz Rhodos-Verhandlungen und Abdullah-Kompromissen.

Israel lebt weiter gefährlich. Unter ständiger Bedrohung durch die Nachbarn, auch wenn es - wie jetzt - der Stärkere ist. Kein Tag geht ohne Opfer vorbei. Trotz Waffenstillstand.

Mal klatscht es in den Seitenflügel des King-David-Hotels, wo die UNO-Beobachter an der Front zwischen den feindlichen Ländern wohnen. Dann sind es Scharfschützen, die über den Jordan zielen oder ein Probeschuß ausländischer Freiwilliger, die nicht aus der Uebung kommen wollen.

In Tel Aviv und Haifa heulen weiterhin mehrmals in der Woche die Sirenen, auch wenn keine ägyptischen Flugzeuge mehr kommen. Probe-Alarm. Stenotypistinnen, die noch vor Monaten den Finger am Abzugshahn der Maschinenpistole hatten - hauptsächlich für fesche Zeitungsaufnahmen des tüchtigen Propagandabüros - , Urlauber, Schulkinder und Autobusfahrer sitzen dann pflichtschuldig im Bunker.

Währenddessen ziehen durch die Ebene Schaaron, über Israels nächtlich gebaute Burma-Straße nach Jerusalem oder bis hinunter nach Beersheba immer noch fliehende oder zurückkehrende Araber mit notdürftiger Habe auf dem Kopf. Dazwischen, wie Manöver-Schiedsrichter und nach Bernadotte-Erfahrungen gut gesichert, die weißen Fahrzeuge der UNO-Kommission. Ihre Insassen leben kaum weniger gefährlich als die Bürger Israels.

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