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»Israel,um Himmels willen,Israel«

Von Ralph Giordano
aus DER SPIEGEL 20/1991

Treffpunkt: American-Colony-Hotel, Ost-Jerusalem. Es erscheint ein mittelgroßer Mann, kluge, lächelnde Augen, ein offenes, junges Gesicht - meine Schätzung auf ein Alter von 30 Jahren erweist sich als genau. Sympathie auf den ersten Blick. Von ihm weiß ich bisher nichts, außer daß er für das Jerusalem Media and Communication Center ausländische Journalisten begleitet, die über den großen Konflikt und dessen Prisma, die Intifada, berichten wollen. Von seinen Gewährsmännern weiß er, daß ich Jude bin und Israel als meine Heimat betrachte, wie Deutschland, nur ganz anders.

Wir fahren mit meinem Wagen und verlassen Jerusalem auf der breiten Nordroute. Ziel ist ein Flüchtlingslager im Westjordanland, in der Nähe von Ramallah. Am Steuer Hakam Fahum - er hat sich ganz selbstverständlich dahinter gesetzt. Bald biegt er ab, fährt Schotterwege - es heißt, vor Ramallah seien, »wieder einmal«, israelische Sperren errichtet. Er hat jetzt von drinnen vor die Windschutzscheibe das rotweißgewürfelte Palästinensertuch gelegt, die Kufija. Wenn wir durch Ortschaften fahren, hupt er wie nach einem Morsesystem, besonders wenn er Kinder sieht.

Dann erzählt er freimütig von sich und seiner Familie. Die Mutter ist im vorigen Jahr gestorben, der Vater lebt in Nazaret, Hakam ist in Ost-Jerusalem geboren, dort die ersten Jahre zur Schule gegangen und später auf die American Baptist School in Nazaret. Auf ihr hat er Hebräisch gelernt - perfekt, wie sein Englisch auch. Weiter: 1976 in die USA - Rock''n''Roll, Tom Jones, Elvis Presley, Mädchen. »Schöne Jahre, aber da fehlte etwas.«

1983 Rückkehr, Universität Ramallah, und dann das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Libanon. »Ja, die Mörder waren christliche Milizen, aber die israelische Armee hat Gewehr bei Fuß daneben gestanden. Ich unterscheide nicht zwischen denen, die schießen, und denen, die ihnen zuschauen. Die Israelis hätten den Massenmord verhindern können. Sabra und Schatila - das war der Wendepunkt in meinem Leben. Damals habe ich meine palästinensische Identität gefunden, und seither . . .« _(y 1991 by Kiepenheuer & Witsch, Köln. )

Er unterbricht sich, rafft schnell die Kufija weg und flucht auf arabisch - vor uns eine israelische Patrouille. Soldaten kommen auf uns zu, brüllen, daß wir umkehren sollen, und nehmen eine drohende Haltung ein. Hakam hält ihnen einen Ausweis entgegen, spricht mit ihnen, auf hebräisch. Aber alles, was er erreicht, ist, daß der Soldat noch wilder wird und mit seinem Schießprügel fuchtelt. Ich beobachte Hakam Fahum, er wird weiß wie eine gekalkte Wand, seine Kiefern mahlen, seine Hände klammern sich um das Steuer, als wollte er es zerdrücken. Er dreht ab, fährt zurück und schlägt rechts ein. Dann vollendet er den vorhin unterbrochenen Satz: » . . . und seither kämpfe ich für die palästinensische Sache - gewaltlos«. Hinter dieser Verkrampfung steckt etwas, da ist Persönliches im Spiel. Ich frage direkt: »Bist du in Armeehaft gewesen?« Er zögert, nickt, schweigt.

Das Flüchtlingslager Kalasun, fünf Kilometer von Ramallah entfernt, ist von Draht umgeben und von einem erhöhten Militärposten mit israelischer Flagge leicht einzusehen. Die Behausungen sind baufällig, provisorisch, als sei hier seit 1948 nichts erneuert worden. Wo eine Wand es zuläßt, ist sie von politischen Graffiti bedeckt: große arabische Schriftzeichen, grellfarben, aggressiv, wie Aufschreie einer kollektiven Ohnmacht. Überall auf den Dächern Fernsehantennen, Wäsche, Kollektoren, um Sonnenenergie einzufangen.

Wir finden den Lagerleiter in einem besonders schäbigen Haus - Masmud S., 60 Jahre alt, Flüchtling seit 1948. Wie so viele meiner Gesprächspartner bittet er mich, seinen Familiennamen nicht zu nennen. Ich erfahre, daß hier 6500 Menschen in 1300 Familien leben, von denen aber nur 300 monatliche Zuteilungen von Lebensmitteln durch die UNRWA erhalten, die Hilfsorganisation der Uno für Flüchtlinge und Verschleppte. Es gibt keine Arbeit, wenig Einkommen, oft Ausgehverbot. Schulen, eine Klinik, eine Schneiderwerkstatt, Kindergärten können nur weitergeführt werden durch die Uno, die eigenen Mittel würden es nicht erlauben - ein Zustand, der hier seit über 40 Jahren andauert.

Es ist ziemlich dunkel in dem Raum. Außer einem Tisch und den Stühlen, auf denen wir sitzen, gibt es kein Mobiliar. In der nächsten Stunde spricht niemand außer dem Lagerleiter von Kalasun - kaum moduliert, in dürren Worten.

Von den sechs Söhnen, die seine Frau geboren hat, wurde einer getötet »1983, im Kampf gegen Soldaten. Sie griffen ihn, schlugen ihn, und dabei haben sie ihm das Rückgrat gebrochen«. Von den anderen fünf Söhnen ist gegenwärtig nur der 28jährige Älteste frei, die übrigen vier, zwischen 18 und 23 Jahre alt, sind im Gefängnis - drei in Untersuchungshaft, einer zu sieben Jahren verurteilt. Das Haus der Familie wurde zerstört. »Sie rissen es einfach ein mit Bulldozern, und wir standen daneben.«

Im März 1988 wurde Masmud S. verhaftet - »administrated arrest« -, gemeinsam mit 50 anderen Männern von Kalasun. »Sie versammelten uns in der Schule und brachten uns dann in ein Detention Camp im Negev. Wir nennen es Lager des langsamen Todes. Es waren zuwenig Decken da, und nachts wird es kalt in der Wüste. Das Essen war schlecht. Für 2500 Gefangene gab es nur einen Arzt.«

Masmud S. bekam neun Monate Gefängnis. »Wegen Aufhetzung - danach konnte ich hier wieder meinen Dienst antreten.«

Ich muß erst meine Stimme wiederfinden, dann sage ich: »Danke für Ihr Vertrauen. Aber ich kann nichts von dem, was Sie berichteten, selbst nachprüfen. Wie immer, hört sich alles an, als seien die Palästinenser überhaupt nicht beteiligt gewesen an dem, was den Reaktionen der israelischen Polizei oder der Armee vorausgegangen war.«

Masmud S. unterbricht mich, in einer um Nuancen höheren Tonlage. »Natürlich waren wir aktiv, für unsere gerechte Sache - das war vorausgegangen.«

»Und was ist die gerechte Sache?« - »Ein Palästinenserstaat, neben Israel. Das ist es, was alle Palästinenser wollen.« - »Mit der PLO?« - »Sie ist unsere legitime Vertretung, vom Kind bis zum Greis, für uns alle.«

»Hassen Sie die Israelis?« - »Nein, nicht die Israelis, den Zionismus, den hasse ich.«

Wir verlassen das Lager, fahren im Sonnenschein zurück nach Jerusalem, Hakam am Steuer. »Und du?« frage ich ihn. »Du bist doch ständig damit beschäftigt. Wirst du nicht manchmal müde von allem?«

»Schau mal, Lager werden angegriffen, Häuser zerstört, Ausgehverbote verhängt, Schulen und Universitäten geschlossen, Kollektivstrafen ausgesprochen - die Israelis selbst sind es, die uns immer wieder wachstoßen, wenn wir müde werden.«

So eindeutig sollen Gut und Böse verteilt sein?

Wo bleibt die Bedrohung Israels durch seine Nachbarn und deren Rolle in der Auseinandersetzung? Ich wehre mich entschieden gegen die Verengung des Nahostkonflikts auf Israelis und Palästinenser, also gegen die Abkoppelung dieser Auseinandersetzung von den instabilen, antidemokratischen, durch verunsicherte Herrscher gelenkten und fundamentalistisch gezeichneten arabischen Staaten!

Gleichzeitig bin ich mir bewußt, daß ich hier oft zwischen den Fronten stehe. Der innere Konflikt zwischen dem Menschenrechtler in mir und meiner Bindung an Israel ist in vollem Gang. Deshalb wird es auch ein Wechselbad widerstreitender Empfindungen geben, je nachdem, wessen Gewalt das Recht, den Körper und die Seele der anderen verletzt - ich werde immer Partei für den Verletzten ergreifen.

Eine Frage beschäftigt mich immer wieder: Was hat Hakam Fahum in israelischer Militärhaft erlebt? Bevor wir uns nach dem Besuch des Flüchtlingslagers verabschieden, hatte ich noch einmal nachgesetzt: »Wirst du mir davon erzählen? Es ist wichtig für mich, ich muß es wissen.«

Seine Züge hatten sich verdüstert. »Später, vielleicht.«

Kurz vor meiner Rückreise aus Israel wird Hakam mir dann diesen Bericht über seine Haft im Gewahrsam der israelischen Armee geben:

»Die Soldaten kamen um zwei Uhr morgens, verhafteten mich und brachten mich, mit vier anderen, zu einem Jeep. Als ich mich in dem Fahrzeug auf eine Bank setzen wollte, wurde ich zu Boden geworfen und verprügelt, lange. Wir kamen in ein Militärgefängnis bei Ramla und wurden in ein Zelt eingesperrt. Wir schliefen auf dem nackten Boden, ohne Wolldecken. Die Soldaten fesselten uns die Hände mit Plastik auf dem Rücken. Wir blieben drei Nächte in dem Zelt und mußten unsere Notdurft in den Kleidern verrichten, weil unsere Hände gefesselt blieben. Die einzige Nahrung war ein Stück Brot mit Marmelade, das ein zwölfjähriger Palästinenser uns in den Mund stopfte.

»Es waren Soldaten einer Spezialtruppe. In der vierten Nacht haben sie uns die Augen verbunden und uns in ein Gefängnis bei Hebron gebracht, das hieß Daheria. 20 Soldaten hatten sich aufgestellt, alle mit Stöcken. Wir Gefangenen waren etwa 200. Dann schlugen sie auf uns ein. Der Trick ist, durch dieses Spalier hindurchzulaufen, ohne getroffen zu werden. Aber das war unmöglich, jeder von uns wurde getroffen. Danach mußten wir uns an die Wand stellen, die Hände im Nacken, den Kopf zwischen die Beine, von elf Uhr nachts bis zehn Uhr morgens. In dieser Stellung so lange auszuharren, war die furchtbarste Erfahrung, die ich je mit meinem Körper gemacht habe.

»Ich wurde mit 35 anderen in einen Raum gesperrt. Fünfmal am Tag kamen Soldaten in den Raum und riefen unsere Nummern auf. Wir saßen auf der Erde, mit dem Kopf zwischen den Knien, die Hände im Nacken, und hatten zu rufen: ,Yes, Sir!'' Am achten Tag haben sie mich entlassen.«

Ich habe nicht gefragt, aus welchen Gründen die Soldaten die vier Palästinenser und meinen Freund in Haft genommen haben. Die Wahrheit hätte ich ohnehin nicht erfahren. Aber ich bin der Meinung, daß es überhaupt keine Rechtfertigung für eine solche Behandlungsweise gibt. Wir wären gut beraten, das nicht als ,Greuelpropaganda'' abzutun.

An keiner Stelle habe ich die Spannung zwischen meiner Liebe zu Israel und meiner Kritik an ihm so heftig, so schmerzhaft empfunden wie bei der Schilderung des palästinensischen Freundes über seine Behandlung im Gewahrsam der israelischen Armee.

Gleichzeitig verwahre ich mich dagegen, die Veröffentlichung dieser Schilderung als eine Denunziation der gesamten Streitkräfte mißzuverstehen. Gerade deshalb aber: Warum solche Szenen, Erniedrigungen, Torturen, Demütigungen wehr- und waffenloser Gefangener? Hat die israelische Armee das nötig?

Dr. Menachem Schumert, den ich in der Jerusalemer Azzastraße aufsuche, ist ein freundlicher Mann von 80 Jahren, Arzt für Innere Medizin, im galizischen Buczacz geboren. Nachdem seine Frau 1942 in Warschau umgekommen war, gelang ihm die Flucht nach Palästina.

Ein Jahr nach Gründung des Staates Israel heiratete er zum zweitenmal. Diese Frau war am 4. Februar 1990 bei einem Angriff auf einen mit Israelis besetzten Bus vor Kairo umgekommen.

Dr. Schumert: »Nicht weit von Ismailia haben arabische Terroristen den Bus angehalten, dann haben sie ihn beschossen und mit Handgranaten beworfen. Meine Frau war von ihrer Familie die einzige Überlebende des Holocaust, sie konnte sich verborgen halten. Und hier wurde sie von Arabern ermordet, nur weil sie Jüdin war.« Er sammelt die Fotografien ein, die er mir gezeigt hatte. »Eine Freundin meiner Frau hat schwer verwundet überlebt.«

Die Frau heißt Nahadi G. und wurde 1928 in der Bukowina geboren, auch ihre ganze Familie war im Holocaust umgekommen. Als sie mich in ihre Wohnung einläßt, sehe ich, daß Nahadi G. stark hinkt. Sie setzt sich schwer in einen Rollstuhl, lächelt, berichtet.

»Wir hatten gesungen, als es passierte, eines unserer optimistischen israelischen Lieder. Dann stoppte der Bus plötzlich, und ich hörte Schüsse, Explosionen, einen Schrei: ,Meine Hand, meine Hand!'' Die Granaten zündeten unter dem Bus, und ich sah, daß mein Bein getroffen war, bis zum Knie, alles ganz gebrochen. Da dachte ich, es wäre gar nicht so schlimm, wenn ich hier enden würde. Ich war auch am Bauch verwundet, aber das spürte ich nicht. Dann habe ich die Frau von Dr. Schumert gesehen - es war, als schliefe sie. Es kam eine Ambulanz, und dann verlor ich das Bewußtsein.«

»Hat das Erlebnis Ihre Haltung gegenüber den Palästinensern verändert?«

»Ich habe seither oft gedacht: Die werfen Bomben, schießen, nehmen anderen so leicht das Leben, können so leicht töten, haben eine Mentalität, die ihnen das gestattet - was sind das für Menschen?

»Aber ich muß Ihnen sagen, daß ich mich nicht nur als Opfer der Terroristen fühle, sondern auch als Opfer der eigenen Regierung und ihrer Politik! Ich glaube, daß die Palästinenser ein Recht auf ihr eigenes Leben haben, daß man Frieden machen muß mit ihnen und das schon lange hätte tun sollen.«

Die 74jährige Lea Wardi empfängt mich in ihrer Wohnung im Herzen West-Jerusalems. Sie führt mich in einen Raum mit großem Schreibtisch, schweren Sesseln, Regalen voller Bücher. »Dies war sein Refugium«, sagt Lea, »hier hat er gearbeitet.«

Er - das war Dr. Kalman Wardi, Ehemann der Lea Wardi, Jurist und vor kurzem, im Alter von 76 Jahren, von einem Araber auf der Jaffa Road erstochen.

Frau Wardi sitzt hinter dem Schreibtisch und weint, lautlos, wie nach innen. Sie war 43 Jahre mit dem Ermordeten verheiratet gewesen. Sie hatten sich 1936 in Polen kennengelernt, waren ausgewandert und über Umwege nach Palästina gekommen.

»Mein Mann war morgens aus dem Haus gegangen und wollte gegen elf Uhr zurückkommen. Ich wartete bis ein Uhr und hatte plötzlich Angst. Ich stellte das Radio nicht an und fürchtete mich, die Polizei anzurufen. Aber dann tat ich es doch, und da sagten sie: ,Ja, es hat einen Vorfall gegeben in der Stadt.'' Ich fragte: ,Mit Verwundeten oder Toten?'' Sie wußten jedoch noch keine Einzelheiten. Ich ging zur Polizei; sie setzten mich in ein Zimmer, in das alle paar Minuten jemand hereinkam, mich betrachtete, als wäre ich ein verwundetes Tier. Schließlich erschien ein Arzt, zeigte mir einen Stift und fragte mich, ob ich den kennen würde. Er gehörte meinem Mann. Da wußte ich, daß er nicht mehr am Leben war. Dann wurde ich zum Leichenschauhaus gebracht, und dort lag er.

»Die Tat? Mein Mann hatte das Hauptpostamt in der Jaffa Road aufgesucht und von dort die Straße überquert, um den Bus der Linie 19 zu nehmen. Da trat ein 26jähriger Araber auf ihn zu und stach mit einem Messer auf ihn ein. Er traf ihn direkt neben dem Herzen. Mein Mann konnte sich noch in das nächste Geschäft schleppen und dort sagen, daß er von einem Araber mit dem Messer verletzt worden sei. Er ist dann verblutet - weil sich die Polizei mehr darum kümmerte, daß die Menge den Mörder nicht lynchte, als um das Opfer. Darum mußte mein Mann sterben. Sein Wunsch, mit mir zu telefonieren, wurde ihm nicht erfüllt.

»Der Täter, der in der Jaffa Road einen zweiten Ermordeten und mehrere Verwundete hinterlassen hatte, war geständig und bedauerte vor Gericht, daß es ihm nicht gelungen sei, noch mehr Israelis zu töten. Er bekam dreimal ,lebenslänglich'', was heißt, daß er drei, vier Jahre sitzen wird. Unsere Justiz ist sehr nachsichtig.

»Ich kann nachts nicht schlafen, nur tagsüber irgendwie. Ich versuche, mich zu beschäftigen, aber wenn die Nacht kommt, dann werde ich nervös. Was ich fürchte, ist, daß ich zu einer verbitterten Person werde. Ich will aber nicht verbittern.«

Mit Hakam auf dem Weg nach Gaza.

Wir fahren durch ein Meer von Sonnenblumenfeldern in die Küstenebene, gelangen an Aschkelon vorbei an die Militärsperre zum Gazastreifen. Wir nehmen ein Taxi, der Wagen bleibt am Rande stehen. Niemand könnte mit einer fremden Nummer hier hinein, in eines der unruhigsten Gebiete unserer Zeit.

Die Lager von Gaza haben die größte Wohndichte auf der ganzen Welt, geballter noch als in Hongkong. Auf 55 Prozent der Gesamtfläche des Gazastreifens leben etwa 700 000 Menschen, meist palästinensische Flüchtlinge, während die andere Hälfte für rund 3000 israelische Siedler konfisziert worden ist. In einem Umkreis von einem Kilometer dürfen dort keine Araber wohnen.

Am gedrängtesten geht es im Lager Dschabalja zu - 70 000 Bewohner auf wenig mehr als zwei Quadratkilometern. Ein ungeheuerlicher Geruch liegt über der ganzen Gegend. Verschlag an Verschlag, Mensch an Mensch - die Durchschnittsfamilie zählt sieben bis acht Köpfe. Wir gehen in die Häuser, Hakam spricht mit den Bewohnern, meist Kinder und Frauen. Viele ihrer Männer und Väter, es heißt 90 000 bis 100 000 aus Gaza, sind in Israel, billige Arbeitskräfte, die dort aber nicht übernachten dürfen. Drei von ihnen, die diese Bestimmung mißachtet hatten oder an der Rückkehr verhindert waren, sind kürzlich bei Tel Aviv lebendig verbrannt worden.

Ich werde überall freundlich aufgenommen und darf mich umsehen. Keine sanitären und hygienischen Einrichtungen, die diesen Namen verdienen, die Toilette - ein Loch in der Erde. Alle Abwässer gehen über offene Gräben in eine große Grube. Es gibt hier nichts, was nicht baufällig ist. Überall Wellblech.

Neben der Krankenstation von der Uno eine Lagerklinik, die von den Palästinensern unterhalten wird. Zwei saubere Räume mit armseliger medizinischer Einrichtung, im Vorzimmer ein Stuhl für den Zahnarzt. Operationen können nicht durchgeführt, schwere Verwundungen nicht behandelt werden - und die kommen hier mehrmals die Woche vor. Es gibt noch zwei weitere Kliniken wie diese, aber für alle drei ist nicht genug Geld da.

Wir fahren in die Stadt Gaza hinein. Junge Leute halten uns an, öffnen die Türen, die Kofferraumhaube, suchen - nach israelischen Waren. »Ein Boykott«, erklärt Hakam.

Verkommene Bauten, herunterhängende Drähte, Müllberge, die Wände übersät von Graffiti - die Stadt ist völlig verrottet. Aber das Treiben orientalisch, der Verkehr schrill, das Geschäftsleben pulsierend und die Atmosphäre gespannt. Noch schwelende Autoreifen, an Straßenkreuzungen von der israelischen Armee errichtete Barrieren, schwerbewaffnete Soldaten, die Hand am Schaft der Uzi. Im Herzen der Stadt bugsiert Hakam mich in eine Apotheke.

Der Besitzer war fünf Jahre alt, als seine Familie von Jaffa vertrieben wurde. »42 meiner 47 Jahre verbringe ich hier in Gaza.« Zwei seiner Söhne, um die 20, sind im Gefängnis - das sie schon mit 15 Jahren kennenlernten. »Ganz einfach, weil sie nicht wie Sklaven behandelt werden wollten. Ein Wunder, daß sie überhaupt durchgekommen sind. Hier sterben 35 Kinder pro Tausend, in Israel 14. Als Apotheker komme ich an solche Informationen.«

Es ist halb fünf Uhr nachmittags, als wir zurückfahren. Die Sonne steht noch hoch am Himmel. Links liegt die Stadt, liegt das Lager, der Alptraum. Ich fürchte mich hinzusehen, fürchte mich, Hakam anzusehen, fürchte mich, Jude zu sein.

Gaza und seine Lager sind der unterste Kreis der Lebenshölle. Ich war in vielen Slums der Welt, aber Dschabalja bringt mich um. Gleichzeitig weigere ich mich, Israel die Alleinverantwortung zuzuschreiben. Für Gaza sind alle am Konflikt Beteiligten verantwortlich! Wenn morgen Frieden wäre, diesen stinkenden Pfuhl könnte kein Staat allein säubern, es wird der Anstrengung der ganzen Region, ja der ganzen Welt bedürfen.

Als Hakam und ich, nun wieder in meinem Wagen, den Gazastreifen verlassen wollen - israelische Polizei, Stopp-Kelle, Halt. Ein martialisch aussehender, blaugekleideter Staatsdiener kommt mit bewölkter Miene auf mich zu: »Papiere!« Ton und Haltung erinnern mich blitzhaft an eine Szene, die sich _(* Linkes Bild: Abu mit dem Foto seines ) _(von Israelis getöteten Sohnes Nidal; ) _(rechtes Bild: Schumert mit Meldungen ) _(über das Palästinenser-Attentat, bei dem ) _(seine Frau umkam; unten: mit dem Foto ) _(ihres von einem Araber ermordeten ) _(Ehemannes. ) vor Jahren auf der Autobahn nach Berlin, auf dem Territorium der DDR, abgespielt hatte - Stopp-Kelle, martialischer Volkspolizist, Knarrstimme.

Hier wird mir in harschem Englisch bedeutet, ich hätte eine durchgezogene Linie überfahren. Der Polizist geht mit meinen Papieren zu seinem Gefährt, so, als würde er nie mehr zurückkehren, und sagt dabei etwas zu zwei anderen Uniformierten. Da spüre ich, wie Hakam sich aufsetzt, ein besorgtes Gesicht zeigt, aussteigt und dann mit den Polizisten spricht, in reinem Iwrit. Danach löst sich einer von der Gruppe, klatscht mir mit einem Fluch die Papiere in die Hand und macht jene sattsam bekannte Bewegung mit dem hochgereckten Mittelfinger: Der gehört dir in den Arsch gesteckt!

Wieder im Auto, lacht Hakam: »Ein Palästinenser haut einen deutschen Juden aus den Klauen der israelischen Polizei heraus.« Dann, ernster: »Der Kerl hatte zu seinen Kollegen gesagt: ,Diesen Araberfreund aus dem Ausland nehmen wir uns mal gehörig vor.'' Der ahnte nicht, daß ich Hebräisch kann. Ich habe ihm nur gesagt, wer du bist.«

»Und das war?« - »Ach, nichts weiter, als daß Teddy Kollek selbst dir eine Wohnung in Jerusalem beschafft hat.«

Was, wenn ich kein Privilegierter gewesen und mit dem Jerusalemer Bürgermeister nicht bekannt wäre und dann solchen Leuten in die Hände gefallen wäre - und das vielleicht auch noch als Palästinenser?

Batir ist ein kleiner Ort an der Bahnlinie Jerusalem-Tel Aviv. Hier oben werden wir begrüßt von Ibrahim Chail Abu und seinen drei Söhnen, ein vierter ist in der Intifada getötet worden. Der Vater ist 55 Jahre alt, er bezeichnet sich als »Lehrer auf Urlaub« - mit wenig Aussicht, wieder in seinen Beruf zu gelangen, wie er meint.

Dann berichtet er, was der Suspendierung vorausgegangen war.

In einer Mädchenschule des palästinensischen Flüchtlingslagers bei Betlehem waren nationale Lieder gesungen worden. Als israelische Soldaten eingriffen, kam es zu Zusammenstößen. Dabei wurde der Lehrer von einem Offizier beschuldigt, Steine geworfen zu haben. Ibrahim Chail Abus Beteuerungen, er habe das nicht getan, fruchteten nichts - er hatte 500 Schekel zu bezahlen und bekam Lehrverbot. Die endgültige Entscheidung steht noch aus. »Die Soldaten können irgend jemanden nehmen und behaupten: Du hast Steine geworfen«, sagt der Vater, »und dann muß es stimmen, da es ja von einem Israeli kommt - der hat immer recht.«

Es wird Kaffee gereicht. Ich scheue mich, von mir aus auf das Ereignis zu kommen, bei dem der Sohn getötet wurde. Aber Ibrahim Chail Abu beginnt von selbst damit.

Es war nach schweren Zusammenstößen unten im Ort gewesen, Soldaten kamen herauf und ließen sich die Ausweise zeigen. Dabei verprügelten sie plötzlich den Vater, ohne einen Grund. »Sie schlugen einfach auf mich ein, vor den Augen meiner Familie, vor meiner Frau, meinen Kindern - dort«, Ibrahim Chail Abu zeigt auf den Platz vor der Haustür. »Können Sie sich vorstellen, was das heißt? Als ich mich wehrte, haben sie auch die Söhne gepackt, an den Haaren und am Hals.«

Als einer der Söhne in einen Wagen gestoßen wurde, schrie er: »Vater, verlaß mich nicht, ich fürchte mich!« Als auch die Mutter schrie, gab es eine Zusammenrottung der Einwohner - und plötzlich fiel ein Schuß. Der traf einen der Söhne, tödlich.

Ibrahim Chail Abu führt mich ins Haus, öffnet die obere Schublade einer Kommode, holt ein Foto hervor und reicht es mir: dichtes schwarzes Kraushaar, starke Brauenbögen, in den großen Augen noch ein Schimmer von Kindlichkeit, aber Nase, Mund und Kinn von energischer Charakteristik. Auf der Rückseite, mit Tinte geschrieben: »Nidal Ibrahim Abu, 21 - killed by soldiers.«

Einer der Söhne, der in den Wagen gestoßen worden war, ist immer noch verhaftet und soll sehr krank sein. Alle 15 Tage kann der Vater ihn besuchen, mit einem Abstand von fünf Metern und unter Bewachung.

Wenn nicht gesprochen wird, lastet eine fast schmerzende Stille über der Gegend. Die Luft ist so klar, daß drüben auf den Hängen jeder Baum und Strauch wie unter einem Vergrößerungsglas wirkt. Gibt es einen trügerischeren Frieden als den in dieser biblischen Landschaft?

Und dann geschieht etwas Unerwartetes, für mich Schockhaftes. Die dreijährige Enkelin des Lehrers stellt sich mitten auf die Terrasse und kräht lauthals los. Das Gesichtchen schwillt dabei rot an, und beide Arme schlagen mit den winzigen Fäusten im Takt nach unten. Kein Zweifel - ein Kampflied der Intifada! Der Text, in sinngemäßer Übersetzung: »Wir widerstehen der Besetzung - wir hassen die Okkupanten - wir werfen Steine auf sie - wir leiden - unsere Intifada wird siegen!«

Ich habe Mühe, meine Fassung zu bewahren.

Bei einbrechender Dämmerung steuert Hakam sicher durch das Häusergewirr von Upper Nazaret und hinein in das Labyrinth der Unterstadt.

Wir betreten das Haus der Familie Fahum, auf dessen Empore ein hochgewachsener Araber in einem fließend weißen Gewand getreten ist, auf dem Kopf die Hatta - Manduh Fadil el-Fahum, Hakams Vater. Der Sohn küßt seine Hand. Und ich werde von der ersten Sekunde an aufgenommen, als gehörte ich zur Familie.

Der Vater selbst läßt es sich nicht nehmen, mich in dem großen Haus herumzuführen, wo schon seine Vorfahren so lange Zeit gelebt haben. In einem Raum, ganz mit rotem Samt ausgeschlagen, verweilt er länger - hier habe der Scheich gewohnt, wenn er nach Nazaret gekommen sei. An den Wänden Fotos aus der Mandatszeit Palästinas, Manduh Fadil el-Fahum mit britischen Generälen, und an der Seite des ägyptischen Königs Faruk - »Ich war 24!«; Aufnahmen aus Edinburgh - »Ich war oft in Großbritannien, in der höchsten Gesellschaft.«

Blitzhaft wird im Halbschummer des Salons einer untergegangenen Aristokratie deutlich: Die Fahums haben es, wie andere der einheimischen Feudalfamilien, immer mit den Mächtigen gehalten, den jeweils Herrschenden. Bis die Israelis kamen und die Tradition zerstörten, weil sie solche Bundesgenossenschaft nicht brauchten und nicht wollten.

In dieser Nacht erfahre ich von Hakam einiges vom Schicksal seiner Familie. Die Fahums, ursprünglich eine saudische Sippe auf der Arabischen Halbinsel, waren vor etwa 300 Jahren nach Palästina gekommen. Sie zählen zu den sieben großen Familien, die alle ihren Ursprung auf die Töchter Mohammeds zurückführen und sich weit verstreuten in der Region, bis nach Syrien, den Libanon, Jordanien - Herrscher, Grundbesitzer, Landlords. Ihre Angehörigen brauchten nicht selbst zu arbeiten und schickten ihre Söhne auf die besten Universitäten der Welt.

Einer dieser Clanführer war Hakams Vater, mit Hunderttausenden Dunam an Wiesen, Feldern, Plantagen, Obsthainen, ein riesiger Besitz, der 1948, von einem Tag auf den andern, ins Nichts zerstob. Flucht vor den Wirren des israelischen Unabhängigkeitskrieges und den schweren Kämpfen mit den arabischen Armeen, von Nazaret nach Nablus, dort 1967 eingeholt vom Sechs-Tage-Krieg, abermals geflüchtet und schließlich, nach mehreren Umwegen, zurück nach Nazaret. Das Haus stand noch, aber sonst ist alles verloren, Herrschaft, Macht und Reichtum, nur nicht ein Stolz, der von einer langen, langen Ahnenkette herrührt.

Für das abrupte Ende einer tausendjährigen Tradition und Familiengeschichte aber wird das Land, wird der Staat verantwortlich gemacht, der vor über 40 Jahren mit der Gewalt eines Naturereignisses in die feudale Rückständigkeit des Nahen Ostens eingeschlagen ist - das moderne Israel!

Manduh Fadil el-Fahum raucht schon am frühen Morgen seine Wasserpfeife. Bevor wir abfahren, unterweist er mich genau in der Kunst, wie sie gestopft wird, nach einer Methode vom Grandgrand-grand-father her.

Wir haben Nazaret noch nicht verlassen, da bricht es auch schon aus Hakam heraus: »Kannst du verstehen, warum ich, bei aller Liebe zu meiner Familie und meinem Vater, hier nur noch selten herkomme? Der Ruhm von einst! Die Pracht von gestern! Die Glorie der Vergangenheit! Ich kann sie einfach nicht mehr aushalten, die ewige Litanei. Diese Generationen von Palästinensern haben nichts verstanden von dem, was sich ändern muß, auch bei uns, die leben in einer Scheinwelt, die haben keine Ahnung, was die neuen Generationen, was die Jungen bewegt.«

Ich will israelische Siedler kennenlernen. Mit Hakam geht das nicht, deshalb ziehe ich allein los.

Jisrael Medad lerne ich im Jerusalemer Agron House kennen, dem Sitz des regierungsamtlichen Pressebüros - ein verwegener Typ in der Kluft eines kubanischen Guerrillero, hochgewachsen, um die 40, und gleich bereit, mich in seinem Settlement zu empfangen - in Schilo, Westjordanland, etwa auf halber Strecke zwischen Ramallah und Nablus. Am nächsten Tag schon bin ich mit meinem Ford unterwegs dahin.

Etwa 40 Kilometer von Jerusalem entfernt geht es, vorbei an einem Militärposten, rechts ab nach Schilo. Dann das Ziel, oben auf einem Berg: Soldaten, die israelische Flagge, Häuser. In einem davon Jisrael Medad mit seiner Familie: Frau, drei Mädchen, Teenager, zwei kleinere Söhne.

Medad und seine Frau - beider Eltern sind noch im österreichisch beherrschten Polen geboren - kamen vor 20 Jahren von New York nach Israel, lebten erst in der Altstadt von Jerusalem und seit 1981 in Schilo - zusammen mit heute 100 Familien, deren Ursprünge von Frankreich bis Uruguay und von der Tschechoslowakei bis Südafrika reichen. Aschkenasim und Sefardim. »Wir sind nicht alle perfekte Juden, doch die meisten sind orthodox. Es ist ein schöner Platz, das Leben hier eine Herausforderung an unsere Generation.«

Sie ist Sportlehrerin und freie Publizistin, auch er hat zwei Berufe: Einer führt ihn, als Erzieher, zweimal die Woche nach Tel Aviv; der zweite, als Parlamentary adviser und Mitglied der Tehija-Partei, die sich dem Likud-Block angeschlossen hat, in die Knesset von Jerusalem. Vor mir sitzt jemand, den man mit Fug und Recht als einen exemplarischen israelischen Siedlertypus bezeichnen kann.

Wenn Medad und seine Frau von Schilo, Hebron oder Jerusalem sprechen, dann sprechen sie von »ihrem Land«. Ihre Kinder lernen aus der Bibel, daß Erez Israel aus Galiäa, Samaria und Judäa bestand.

»Und wo bleiben da die Palästinenser?«

»Schauen Sie doch aus dem Fenster, Berge, Täler, genug Platz für alle. Wenn sie bleiben wollen, können sie bleiben.«

»Aber sie wollen ihren eigenen Staat.«

»Den kriegen sie nicht. Schauen Sie sich an, wie sie sich selbst terrorisieren, was sie einander an Grausamkeiten antun. Vor zwei Monaten ist hier ein sogenannter Kollaborateur ermordert worden - aber auf welche Weise! Was würden sie erst mit uns tun, wenn sie die Macht dazu hätten? Und komme mir keiner und sage: Gebt ihnen ihr Land, gebt ihnen ihren eigenen Staat, dann hätten wir Frieden! Vor 1967 hatten wir weder Gaza noch das Westjordanland, noch den Golan - und trotzdem keinen Frieden, sondern den Terrorismus der Fedajin. Wenn sie ihren Staat bekämen, hätten sie eine viel bessere Ausgangsposition für ihren Kampf gegen uns.«

»Wenn Sie die Siedlung verlassen - tragen Sie dann Waffen?«

»Manchmal ja, manchmal nicht. Es kommt auf die Lage an. In der letzten Zeit hat sie sich erheblich verschärft.«

»Lassen Sie Ihre Kinder allein nach Jerusalem fahren? Sie sagten vorhin, die Töchter hätten dort Gymnastikunterricht?«

Die Mutter antwortet indirekt: »Zum Glück ist noch niemand verletzt worden.«

Das Gespräch ist an einem Punkt angelangt, an dem Sorge und Beklemmung ungesagt im Raum steht, im Gegensatz zu all der Gewißheit, die sich zuvor geäußert hatte.

»Und was ist Ihrer Meinung nach die Lösung?« frage ich. Und da schießt es aus beiden heraus, Mann und Frau, wie ein Glaubensbekenntnis, leidenschaftlich und kompromißlos: »Israel muß bleiben, wie es ist!«

Später treten wir vor die Tür. Schilo liegt 800 Meter hoch. Der große Wassertank, die Schule - »150 Schüler und Schülerinnen« -, die fertige Synagoge, eine zweite im Bau, Stahlkonstruktionen, feste Gebäude, ein expandierender Ort, dessen Bewohner sich für die Dauer einrichten.

Medad führt mich in die Umgebung, über Stock und Stein, hin zu einem Ruinenfeld. »Sehen Sie, Mosaiken aus byzantinischer Zeit. Vor ihrer Zeit - römische Fundamente, danach - arabische Mauern. Aber darunter, 3000 Jahre darunter, ist alles jüdisch.« Und nach einer Weile: »Ich wollte immer hierher, nach Israel, seit ich 16 war. Amerika - was hatte ich da verloren? Das älteste Gebäude dort ist 300, 400 Jahre alt!«

»Ach«, frage ich unschuldig, »haben die Indianer nicht gebaut?« Er stutzt, lacht dann, geht aber über seine Ignorierung der Ureinwohner hinweg.

Danny Gubberman ist 38 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Texas, war aber in Florida, USA, als er mit seiner Frau Lois 1983 beschloß, nach Israel zu gehen. Seit zweieinhalb Jahren ist er in der Siedlung Mezad Ezion bei Efrata, Vater von fünf Kindern, drei Mädchen und zwei Jungen, im Alter zwischen 13 Jahren und 16 Monaten, und arbeitet in einer hochmodernen Fabrik für Solarenergie am Rande von Jerusalem.

Auf der Fahrt ergreift er meinen Arm, weist nach draußen, ruft: »Ist es nicht großartig hier? Judäa - guck dir diese Landschaft an, diesen Himmel, diese Sonne«, und schließt mit dem Triumphschrei: »I am happy here, really I am so happy!«

Mir ist vollkommen klar, was er mit seinem Glück meint: nämlich seine jüdische Existenz in diesem Land hier. Dabei verrät er, daß er erst in Israel zum religiösen Juden geworden ist.

Schließlich kommt das Settlement Mezad Ezion in Sicht, gelegen auf dem höchsten Plateau weit und breit und ganz von einem Zaun umgeben, soweit ich erkennen kann von dem Tor aus, dem einzigen Ein- und Auslaß, der von einer schweren Kette abgeschlossen ist und jetzt von Gubberman geöffnet wird. »Es ist der Kinder wegen«, sagt er sanft, als müßte ich beruhigt werden.

Das Areal macht, im Gegensatz zu Schilo, einen stark improvisierten, ja ärmlichen Eindruck. Bis auf ganz wenige Ausnahmen besteht die Siedlung aus Fertighäusern einfachsten Zuschnitts. Hier wohnen, nach Dannys Auskunft, insgesamt 200 Personen. Es gibt Siedler in Mezad Ezion, deren Vorfahren seit sieben, acht Generationen im Lande sind, aber die meisten Väter und Mütter sind Einwanderer aus den USA.

Das Innere der genormten Behausungen lerne ich dann bei Gubbermans Familie kennen. Die Einrichtung ist kärglich, nur das Notwendige da - ein Fernsehgerät gehört nicht dazu.

Der Jischuv Mezad Ezion ist ein Settlement religiöser Israelis, aber es fehlt hier der Hautgout des Fanatismus. Gubberman und seine Frau sind tiefgläubig, jenseits aller Zweifel an Gott und ganz überzeugt von der Auserwähltheit ihres Volkes, doch fehlt jede missionarische Aggressivität, und das scheint mir auch für die Gemeinde typisch, diese sonderbare, wohltuende Gedämpftheit, bei aller Prinzipientreue.

Die soziale Lage der Gubbermans, und auch das ist wohl typisch für diese Siedlung, schrammt am Rande des Minimums entlang. Die Einnahmen reichen kaum fürs Essen, die Aufwendungen für die Schule, umgerechnet etwa 3000 Mark jährlich, haben den Vorrang. Und dennoch, trotz der finanziellen Dauermisere, sind sie ganz offensichtlich glücklich. Aber fühlen sie sich auch sicher?

In der Nähe leben Araber, man sieht oberhalb der Route zwischen Efrata und der Siedlung ihre Häuser und Stallungen. Gleich am Anfang unserer Bekanntschaft hat Danny einmal, wie nebenbei, fallenlassen, daß »man« dann und wann miteinander spreche, aber nicht freundschaftlich verbunden sei.

Am Abend dann ist ein junger Mann zu Gast bei Danny, Sohn eines befreundeten Siedlers, Soldat in Uniform, Jossi, 19. Natürlich kommt das Gespräch auf das Thema, die Intifada, und in diesem Zusammenhang auf die Kollaborateure. Jossi hat dienstliche Kenntnisse darüber, und davon berichtet er. Wie die unsichtbare PLO-Führung bestimmt, wer Kollaborateur ist, und wie der oder die Betreffende zu »behandeln« ist. Darunter ist der konkrete Fall eines 36jährigen Mannes aus Nablus, der von Jugendlichen entführt, aber nicht sogleich exekutiert, sondern buchstäblich Glied um Glied entleibt wurde - »erst die Hände, dann die Arme, dann die Beine, schließlich der Kopf. So haben wir ihn gefunden«.

Mich wundert, daß Dannys Kinder bei diesen Greulichkeiten nicht hinausgeschickt werden. Einer der Täter, ein 17jähriger, war von der Armee gefaßt worden, so der Soldat weiter, und hatte sich im Gefängnis noch seiner Beteiligung an der Hinschlachtung gerühmt: Es sei für eine gute Sache eine gute Tat gewesen, die er jederzeit wiederholen würde.

»Die wissen, daß sie von uns nach einem Jugendgesetz bestraft werden, das ihnen lediglich zwei oder drei Jahre einbringen wird.« Und dann sagte Jossi, 19 und Angehöriger der Zahal, der Armee Israels: »Der Getötete war ja ein Araber, kein Israeli . . .«

Konsterniert frage ich: »Und wenn es sich bei dem Ermordeten um einen Israeli gehandelt hätte - wäre der Täter dann härter bestraft worden?«

Der Soldat guckt mich erstaunt, fast spöttisch an: »Natürlich wäre er das.«

Am nächsten Tag lassen wir zu einem letzten Spaziergang vor meiner Rückkehr den Zaun, der die Siedlung umzieht, hinter uns. Und haben vor uns das überwältigende Panorama des Toten Meeres, seine ungeheure Senke, die Berge Moabs. Hier kommt das Unbeschreibliche zusammen, was es nirgends sonst gibt - Farben, Licht, Geschichte. In meine Andacht hinein sagt Danny: »Es wäre besser gewesen, wenn ich meine Waffe hierher mitgenommen hätte.«

»Du hast eine Waffe?« frage ich, verblüfft. - »Natürlich, wie jeder hier.«

»Fühlst du dich bedroht?«

Danny antwortet auf seine sanfte, behutsame Weise, die immer darauf aus ist, sein Gegenüber zu schonen: »I don''t feel very comfortable.«

Nach Sonnenuntergang führt er mich auf die andere Seite. Weit hinten, am Horizont, liegt ein glockenartiger Schein. »Die Lichter Jerusalems«, sagt Danny Gubberman. Und dann: »Sie wollen uns hier einfach nicht haben, die Palästinenser. Einer ihrer Anführer hat gerade propagiert: Israel muß ausradiert werden! Was sollen wir tun? Sag mir, was sollen wir tun? Wir haben nur dieses Land und kein anderes.« *HINWEIS: Im nächsten Heft: Die israelische Armee im Kampf gegen die Intifada - Brutalitäten auf beiden Seiten, Medienberichte mit zweierlei Maß - »Man ist nicht ungestraft Besatzungsmacht«

y 1991 by Kiepenheuer & Witsch, Köln.* Linkes Bild: Abu mit dem Foto seines von Israelis getöteten SohnesNidal; rechtes Bild: Schumert mit Meldungen über dasPalästinenser-Attentat, bei dem seine Frau umkam; unten: mit demFoto ihres von einem Araber ermordeten Ehemannes.

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