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Israel: »Was war, wird nie wiederkehren«

Seit über drei Monaten ist die Militärmacht Israel außerstande, mit dem Aufstand palästinensischer Jugendlicher, Kaufleute und Staatsdiener fertig zu werden. Israelische Soldaten, die Palästinensern Arme und Beine brachen, trugen dem einstigen Pionierstaat Israel den Ruch ein, Terror als Herrschaftsmittel anzuwenden. _____« In Palästina gibt es ja Araber! Das wußte ich nicht! » _____« Wir begehen also ein Unrecht. Zionist Max Nordau zum » _____« Zionisten Theodor Herzl 1897 » *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Die Sicherheitsexperten des Staates Israel waren zufrieden, mit sich selbst und mit den Arabern.

Als sie Mitte November 1987 über die Lage in den besetzten arabischen Gebieten berieten, stellten sie mit Genugtuung fest: Palästinensische Extremisten verloren in der Bevölkerung an Einfluß, gemäßigte Kreise waren auf dem Vormarsch; mit dem Nachbarstaat Jordanien bestehe ein De-facto-Frieden; Israel exportierte pro Jahr Waren im Wert von hundert Millionen Dollar über den Jordan.

Mithin: Politischer Aufruhr sei kaum zu befürchten.

Es war die folgenschwerste Fehlanalyse der für fast unfehlbar gehaltenen Feindaufklärer des Judenstaates seit dem 6. Oktober 1973, als Ägyptens Sturmtruppen die Israelis in ihren Stellungen am Suezkanal überraschten. Israels damalige Landesmutter Golda Meir verwand die Schmach nie - sechs Monate später trat sie als Regierungschefin zurück.

Dabei brauchten die Israelis 1973 nur zwei Tage, um sich von dem Suez-Schock zu erholen und jene trotzige Offensive zu starten, die zur Einkesselung der gesamten Dritten Ägyptischen Armee und zum Vorstoß nach Ägypten führte, nach »Afrika«, wie die Israelis sagten.

Denn 1973 war, ein Glück für Israel, noch richtiger Krieg in Nahost, gekämpft mit Panzern, Flugzeugen und Artillerie. Die stärkste Militärmacht der Region zeigte den übermütigen Arabern, daß sie trotz gelungener Überraschung nicht besiegt werden konnte - nicht im Felde.

Der Aufstand dagegen, der am 9. Dezember 1987 in den besetzten Gebieten losbrach, machte nicht nur die Analysen der israelischen Sicherheitsexperten zu Makulatur, sondern zerstörte auch Glaubenssätze, die einer ganzen Generation von Israelis als unverrückbar gegolten hatten:

Im Steinhagel und im Hohngelächter der palästinensischen Jugend sowie unter den Schlagstöcken und Schüssen der oft kaum älteren israelischen Soldaten versank

der Mythos von der moralischen und militärischen Überlegenheit der Israelis, der durch die waghalsige zionistische Staatsgründung und vier siegreiche Nahostkriege entstanden war. »Die Palästinenser haben ihre Angst vor uns verloren«, gestand im Januar der frühere Anti-Terror-Berater der Regierung, Rafael Eitan.

Wie ein Ertrinkender klammerte sich deshalb der Israeli Jizchak Schamir, Chef der tief zerstrittenen, total gelähmten Rechts-Links-Koalition in Jerusalem, an die Hoffnung, daß wieder Krieg sei in Nahost, als er vorige Woche zum Rapport beim Israel-Schutzherrn Ronald Reagan in Washington antrat.

Reagans Entschlossenheit, den hinter den Rauchschwaden des Golfkriegs schon fast vergessenen, jetzt jäh wieder aufgebrochenen klassischen Nahost-Konflikt durch den Friedensplan seines Außenministers George Shultz zu entschärfen, entlockte dem Israeli den Schreckensruf: »Was wir jetzt erleben, sind nicht Demonstrationen und Sit-ins, ist nicht ziviler Ungehorsam, sondern Krieg. Es ist ein Krieg gegen die Existenz des Staates Israel.«

Das könnte dem Jizchak Schamir so passen. Denn »Krieg« würde dem Judenstaat fast automatisch die Unterstützung der USA sichern. Jetzt aber zeichnete sich der seit Jahren schwerste Interessenkonflikt zwischen Schutzmacht und Schützling ab, dem die USA jährlich drei Milliarden Dollar spenden. »Wenn wir nein sagen, wäre das einer der größten Fehler in der Geschichte des jüdischen Volkes«, entsetzte sich daheim Schamirs Außenminister Schimon Peres.

Wenn die Militärmacht Israel richtigen Krieg führen könnte, wäre sie gut dran. Das Absurde am gegenwärtigen Konflikt aber ist gerade, daß das hochgerüstete Israel, das Jahr für Jahr nahezu ein Drittel seines Haushalts in die Streitkräfte pulvert, dem Aufstand steinewerfender Kinder sowie dem zivilen Ungehorsam von Kaufleuten und Staatsangestellten schon im vierten Monat nicht beikommen kann, so daß sich das Land fast in die Unsicherheit der Zeit vor der Staatsgründung zurückgeworfen sieht - eine katastrophale Bilanz.

Auch die Araber sehen sich mit einer völlig neuen Lage konfrontiert. Die palästinensische Nationalbewegung, die im Kampf um dasselbe Territorium gegenüber der zionistischen schon fast chancenlos schien, hat plötzlich wieder Hoffnung geschöpft. Und doch verdankt sie diesen unerwarteten Machtzuwachs sowenig den von den arabischen Brüdern überreichlich gespendeten Waffen, wie die Israelis ihre Machteinbuße durch Waffen verhindern konnten.

Weder die Siegestiraden des PLO-Chefs Jassir Arafat noch die PLO-Schlachten in den Straßen von Beirut, weder der Erdölboykott der arabischen Brüder gegen den Westen noch der Sieg des Rachegeistes Chomeini über den US-Präsidenten Carter brachten die Palästinenser dem Ziel ihrer kollektiven Sehnsüchte, einem palästinensischen Nationalstaat, auch nur einen Schritt näher. Weder im Jom-Kippur-Krieg noch im Libanon-Krieg regte sich Protest in den besetzten Gebieten.

Erst der spontane Aufstand der seit 40 Jahren zunächst unter jordanischer, dann unter israelischer Fremdherrschaft lebenden, überwiegend unbewaffneten, unorganisierten Bewohner von Gaza und Nablus, Ramallah und Hebron stürzte den zum Goliat gewordenen Staat mit dem Davidstern in seine seit Staatsgründung schwerste Krise und überraschte selbst die PLO.

Nun wurde deutlich, daß die Zeit keineswegs für die Israelis arbeitete, sosehr sie sich auch bemühten, die jahrelange Resignation der Palästinenser durch eine schleichende De-facto-Annexion der besetzten Gebiete zu nähren - worin sie sich durch das Desinteresse der Araber noch bestätigt sahen.

Hielten nicht Jordanien, der Libanon und die PLO über Jahrzehnte hin Zehntausende Palästinenser in der Tristesse der Lager fest, als lebenden Nachweis

für das angebliche Unrecht der zionistischen Staatsgründung?

Und haben Israelis je so unter Palästinensern gewütet wie die arabischen Brüder mit ihren wohlfeilen Treueschwüren für Palästina auf den Lippen? Im »Schwarzen September« 1970 kartätschte König Husseins Artillerie die ihm gefährlich gewordenen Flüchtlinge im Lager Wahdat bei Amman zusammen. In den Lagern Sabra und Schatila ermordeten christliche Libanon-Milizen 1982 fast 500 wehrlose Insassen. Während des »Lagerkrieges« von Beirut starben seit 1985 rund 2500 Palästinenser im Feuer der Schiiten-Miliz Amal.

Angesichts soviel tätiger Hilfe von seiten ihrer bösesten Feinde glaubten die Israelis, die besetzten Gebiete auf immer behalten zu können, zogen sich sogar liberal Gesinnte auf den bequemen Grundsatz zurück: »Wir haben keine andere Wahl.« Die politische Klasse Israels »hat weder durch Imagination noch durch Weitsicht geglänzt«, sagte der französische Philosoph und Jude Bernard-Henri Levy dieser Tage der »Jerusalem Post«.

Nur wenige Einsichtige wie der Linkspolitiker Uri Avneri oder der Biochemie-Professor Jeschajahu Leibowitz warnten, Israel müsse nicht nur die besetzten Gebiete freigeben, sondern »sich von den besetzten Gebieten befreien«.

Leibowitz meinte damit nicht nur die demographische Zeitbombe, die sich Israel mit den Eroberungen gelegt hatte: Ende des Jahrhunderts würden vermutlich 4,5 Millionen Juden und 3,5 Millionen Araber zwischen Mittelmeer und Jordan leben - das Ende des jüdischen Nationalstaates. Leibowitz meinte vielmehr vor allem die moralische Beschädigung, die jede Besatzungsmacht auf Dauer erleiden muß.

Was Wunder, daß jüdische Ultras die Wahnidee entwickelten, einen »Transfer« sämtlicher Araber aus den Gebieten ins Auge zu fassen, so daß die Illusion der frühen Zionisten vom »Land ohne Volk für das Volk ohne Land« auf diese Weise doch noch Wirklichkeit würde. »Die Araber haben in diesem unserem heiligen Land weder Rechte noch Daseinsberechtigung«, befand der rabiate Rabbiner Meir Kahane.

Die Kahanes fühlen sich im Aufwind. Denn der Anteil der chauvinistischen Juden in Israel nimmt zu, während liberale Juden in wachsender Zahl abwandern.

Seit 1977, als sich Israel den nationalistischen Ultra Menachem Begin zum Regierungschef wählte - einen ehemaligen Terroristen im Kampf gegen die britische Mandatsmacht und Propheten eines expansionistischen Groß-Israel -, sahen die Araber mit Verbitterung, wie ungehemmt radikale Israelis die Landnahme betreiben durften. Über 110 jüdische Siedlungen mit rund 70 000 Menschen entstanden im Westjordanland, meist auf enteignetem arabischen Boden.

Die Israelis meinten trotz allem, die humanste Besatzungsmacht der Weltgeschichte zu sein - weil die Araber viele Jahre lang kaum Widerstand leisteten und wirtschaftlich von der Zwangsverbindung mit Israel profitierten. Kriegsheld Mosche Dajan hatte einst gehofft: »Satte Mägen knurren nicht.«

Zähneknirschend fügten sich die Palästinenser dem Recht des Stärkeren. Über 100 000 von ihnen arbeiten für Israel als Fremdarbeiter in der eigenen Heimat. Sie errichteten die verhaßten Niederlassungen in ihrem Land, bauten die Straßen, schafften in Fabriken und versahen viele der Dienstleistungen der Besatzer. Die lobten das »freundschaftliche Zusammenleben«. Dabei warnte etwa die Gewerkschaftszeitung »Davar": das sei »eine Koexistenz von Pferd und Reiter«.

Vergleichsweise seltene Zwischenfälle wurden mit selbstgefälligen Kommentaren heruntergespielt. Als Unbekannte nachts bei Kfar Ezion, südlich von Jerusalem, Setzlinge von Nußbäumen ausrissen, stand für den Siedlersprecher Schilo Gal fest: »Unsere Moral bedeutet pflanzen, ihre Moral entwurzeln.« Und der nationalistische Schriftsteller Mosche Schamir bekräftigte: »Diese palästinensische Hitler-Jugend wird uns niemals bezwingen.«

Was den Israelis in ihrer notorischen Geringschätzung der Araber entging: In den besetzten Gebieten war inzwischen eine Jugend herangewachsen, die das Araber-Debakel des Jahres 1967 nicht mehr erlebt hatte. In einem Blitzkrieg von sechs Tagen hatten die Israelis damals die Heere dreier hochgerüsteter arabischer Staaten - Ägyptens, Jordaniens und Syriens - geschlagen, das arabische Ost-Jerusalem mit der Klagemauer erobert und waren bis an den Suezkanal und den Jordan vorgestoßen.

Während aber die Alten den Schock dieser schmählichen Niederlage nie überwanden, bewahrte sich die Jugend im entwickelten Westjordanland wie in der Lager-Öde des Gazastreifens ein gesundes Selbstbewußtsein auch in der Besatzungszeit. Es mußte sich irgendwann manifestieren.

Gegen Ende 1987 bewiesen der Araber-Gipfel in Amman und der Gorbatschow-Reagan-Gipfel in Washington, daß Palästina für die Völkergemeinschaft kein drängendes Thema mehr war. Gleichzeitig zeigte ein palästinensisches Kommando, daß Entschlossenheit und Mut die Besatzungsmacht sogar in ihrem Kernland treffen konnten: Der Israel-Feindflug eines PLO-Kämpfers im Motordrachen, sein Angriff auf ein israelisches Militärlager, sein schließlicher Opfertod, nachdem er acht israelische Soldaten umgebracht hatte, wurden zum Vorbild. Im Dezember flogen allenthalben Steine gegen israelische Fahrzeuge, brannten Autoreifen, flatterten palästinensische Fahnen im nassen Winterwind.

Nervös gewordene israelische Soldaten feuerten in die Menge - bis Ende voriger Woche starben 89 Palästinenser durch israelische Kugeln.

Als bei Hebron ein Jugendlicher einen tödlichen Bauchschuß erhielt, beugten sich hysterisch schreiende Jugendliche über den »Märtyrer«. Sie tauchten ihre Hände in sein Blut, beschmierten sich das Gesicht damit. »Mit unserem Geist und Blut werden wir Palästina befreien«, brüllten sie trotzig den israelischen Polizisten entgegen.

Der palästinensische Dichter Nisar Kabani feuerte die Demonstranten an: _____« Studenten aus Gaza, lehrt uns, was ihr könnt, denn » _____« wir haben vergessen. » _____« Lehrt uns, Männer zu sein, denn unsere Männer wurden » _____« weicher Lehm. » _____« Ihr habt uns von der faulen Zeit politischer Logik » _____« befreit. »

Der Aufstand griff wie ein Steppenbrand um sich. Wichtige Verkehrsadern des Landes blieben mitunter stundenlang gesperrt, ganze Ortschaften wurden zur Kampfzone - und Israel verwandelte sich in das zur Zeit vielleicht einzige Land auf der Welt, in dem Juden wieder physisch Angst haben müssen.

In Jerusalem lähmte wochenlanger Streik das Leben des arabischen Ostteils, stürmten Demonstranten Filialen jüdischer Banken, überfielen Fahrzeuge und Passanten. Nur wenige Fromme wagten sich noch an die Tempelmauer, die 1967 annektierte heiligste Stätte der Juden. Bürgermeister Teddy Kollek: »Eine in 20 Jahren mühsam gekittete Koexistenz ist zerbröckelt.«

Die Besatzungsmacht, gegen einen derartigen Passiv-Widerstand weder moralisch noch materiell gerüstet, reagierte unsicher und brutal zugleich. Anfängliche Versuche, aus Protest geschlossene Läden aufzubrechen, wurden schnell eingestellt: Die meisten Kunden blieben den gewaltsam geöffneten Geschäften fern. Man könne »das Pferd zum Brunnen treiben, aber nicht zum Trinken zwingen«, freuten sich die Palästinenser.

Die Israelis schlossen die Schulen - und trieben die Schüler damit erst recht auf die Straßen. Arabische Verkehrsunternehmen legten ihre Busse still, jüdische Transportgesellschaften schränkten den Verkehr ein, nachdem nahezu 200 Busse beschädigt oder in Brand gesteckt worden waren.

Araber vermieden es, bei jüdischen Grossisten einzukaufen. Schecks im Werte von über 60 Millionen Dollar blieben ungedeckt. Planungsminister Gad Jakobi schätzt, insgesamt hätten die Unruhen Israel schon 500 Millionen Schekel gekostet (535 Millionen Mark).

Seit dem 15. Februar, so Aufruf Nummer 7 der inzwischen gebildeten Aufstandsleitung der »Intifadah«, blieb etwa die Hälfte der im jüdischen Kernstaat beschäftigten 100 000 Araber ihrer Arbeit fern.

Erstmals in der Geschichte des modernen Israel solidarisierten sich die Kernstaat-Araber - 17 Prozent der Bevölkerung des Israel in den Grenzen von 1967 - mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten. Sie schleuderten Steine gegen israelische Fahrzeuge, hißten palästinensische Fahnen, veranstalteten Proteststreiks.

Wohl stellen nur wenige von ihnen Israels staatliche Existenz in Frage. Doch »der Kampf meines Landes gegen mein Volk«, so einer von ihnen, stürzte sie in Gewissenskonflikte.

Mitte Januar beschloß Verteidigungsminister Jizchak Rabin, mehr Truppen einzusetzen - inzwischen rund 10 000 Mann - und rücksichtsloser durchzugreifen: Über Hochburgen des palästinensischen Nationalismus wie Nablus und Tulkarem sowie über die Flüchtlingslager im Gazastreifen wurden Ausgehverbote verhängt. Zeitweilig fielen bis zu einem Viertel der 1,4 Millionen Palästinenser unter derartigen Hausarrest.

Israelische Soldaten durchkämmten inzwischen die meisten der 392 arabischen Dörfer der besetzten Gebiete - eine aberwitzige Aktion. Dabei geschah, was den aus dem Holocaust entstandenen Staat Israel wohl noch schwerer schädigte als die neu entstandene Unsicherheit: Das einstige Pionierland, das anders sein wollte als andere Gemeinwesen, zog sich den Ruch zu, Terror als Herrschaftsmittel einzusetzen wie das rassistische Weißen-Relikt Südafrika am Kap der Guten Hoffnung.

Hunderte Araber wurden durch Schläge mit Stöcken oder Gewehrkolben, durch Steine und Fußtritte verletzt, Beine und Arme, auch von Kindern und Frauen, vorsätzlich gebrochen.

Diese von einer Kommission amerikanischer Ärzte belegten Grausamkeiten inspirierten den norwegischen Israel-Botschafter Anda zu einem Vergleich (von dem er einen Tag später abrückte): »Was die Deutschen getan haben, war etwas ganz Übles. Aber wir können uns nicht erinnern, daß sie auf die Straße gegangen wären, um Leuten die Arme und Beine zu brechen.«

Der Chef-Psychologe der Armee, Dr. Schlomo Dover, warnte vor den Folgen dieser Brutalisierung, auch wenn laut Rabin höchstens drei Prozent der Soldaten sich solcher Taten schuldig gemacht hätten: 60 Prozent der Soldaten seien Zeugen der Exzesse gewesen. Und Israels Generalstaatsanwalt Josef Harisch forderte in einer Beschwerde an Rabin, diese strafbaren Handlungen sofort zu unterbinden.

Der Armee wurde daraufhin befohlen, »auf übertriebene Gewaltanwendung zu verzichten«, aber viele Soldaten, die sich unentwegt mit Steinen beworfen, bespuckt und gedemütigt sahen, konnten ihrem Rachebedürfnis offenbar nicht widerstehen.

Die schlimmsten Exzesse: Am 5. Februar begruben israelische Soldaten bei Nablus vier Palästinenser in Erdmassen, die ein Bulldozer über sie schob; sie wurden gerade noch gerettet. Am 14. Februar begruben israelische Soldaten bei Chan Junis im Gazastreifen angeblich zwei weitere Gefangene lebendigen Leibes. Rotkreuz-Vizepräsident Maurice Aubert protestierte in Jerusalem.

Und am 26. Februar sah die Welt dann, was ein CBS-Fernsehteam bei Nablus gefilmt hatte: wie vier israelische Soldaten mit Stöcken und Steinen brutal

auf zwei wehrlose Gefangene einschlagen und ihnen die Knochen brechen.

Zwar ordnete Generalmajor Amram Mizna, Israels Befehlshaber auf dem Jordan-Westufer, die Verhaftung der Täter an und befahl seinen Offizieren, den CBS-Film anzusehen. Zwar protestierten 27 Gruppen der israelischen Friedensbewegung gegen die Exzesse und bekundeten, ein »anderes Israel« sei »bereit zu akzeptieren, daß auch ein zweites Volk das Recht hat, hier zu leben«.

Das aber blieb im Israel der großen Bewußtseinskrise dieses Winters immer noch die Ansicht einer verschwindenden Minderheit, die ihren der Humanität besonders verpflichteten Staat in bodenlosen moralischen Treibsand gleiten sieht.

»Was war, wird nie wiederkehren, was kommen wird, war noch nie«, weiß Israels bekanntester Schriftsteller Amos Oz; er befürwortet einen palästinensischen Staat »morgen früh«. Und Jehoschaphat Harkabi, ehemaliger Abwehrchef der Armee, glaubt: »Das Trauma einer Gebietsräumung ist unabwendbar geworden.«

Dagegen stehen Hardliner wie Israel Harel, Wortführer der Siedlerbewegung, der die »Zurückhaltung« der Armee bedauert: »Wir benehmen uns wie die Juden in Deutschland vor der Kristallnacht.« Und: »Wenn wir uns von hier zurückziehen, werden wir, früher oder später, auch den Kernstaat aufgeben müssen.«

Das rührt an die einst von Golda Meir formulierte Ur-Angst der israelis, aus der ihre Härte und Arroganz rühren: »Wir Juden haben in unserem Kampf gegen die Araber eine Geheimwaffe - wir haben kein Land, in das wir gehen können.« Ähnliches sagen von sich auch die Buren.

Allzu viele Palästinenser rechtfertigen nur solche Existenzängste der Israelis. Der Wiener PLO-Vertreter Abdallah Frangi 1982: »Dieser Judenstaat ist ein historisches Unrecht, das getilgt werden muß.« Auch die Palästinenser hinken hinter der Zeit her: Vorige Woche erklärte sich Arafat bereit, den Uno-Teilungsplan für Palästina von 1947 anzunehmen, der für die Araber überaus günstig war, den sie dennoch seit 40 Jahren ablehnen.

Schon haben rabiate jüdische Siedler Vigilanten-Trupps zum Selbstschutz wie zur Terrorisierung von Arabern gebildet. General Mitzna: »Das kann der Beginn der Anarchie werden.«

Die fanatischen Siedler können weiteren Haß schüren, den passiven Widerstand der Palästinenser können sie sowenig brechen wie die Armee.

Vorige Woche, als Israels Schamir nach Washington reiste, wo er sich Amerikas Nahost-Friedensplan widersetzte, gaben arabische Polizisten und Lehrer im Besatzungsgebiet ihre Stellungen auf, mehrten sich die Rücktritte auch unter den 20 000 arabischen Staatsangestellten.

Die Israelis antworteten mit ausgesuchten wirtschaftlichen Repressalien. So gibt es jetzt Import- und Export-Lizenzen, Genehmigungen zu Reisen nach Jordanien, ja sogar zu Fahrten zwischen dem Jordan-Westufer und Gaza nur, wenn der Antragsteller beweisen kann, daß er seine Steuerschuld beglichen hat.

Ähnlich drangsaliert werden Palästinenser, die um Baugenehmigungen ersuchen, Familienangehörige von jenseits der Grenzen kommen lassen wollen oder die Zulassung eines Kraftwagens beantragen.

Scharf reagierten die Besatzer, als Aufrührer mehrere Tank-Laster in Brand steckten: Für eine Woche stellten sie die Versorgung der besetzten Gebiete mit Benzin ein - eine schlimme Zwangsmaßnahme für reisefreudige Araber, die häufig Geschäftsfreunde besuchen müssen, aber gewiß nicht geeignet, die von den Besatzern erwünschte Normalität herzustellen.

Im Kampf gegen den Aufruhr lassen sich die frustrierten Israelis neue Mittel einfallen, die von Phantasie und Naivität zugleich zeugen, etwa die Kies-Kanone »Chazazran": ein auf einem Standard-Panzer montierter Riesenkübel mit Kieselsteinen, die per Druckluft gegen Demonstranten geschleudert werden - moderne Version der alttestamentlichen Steinschleuder.

Anderes Abwehrgerät ist noch im Planungsstadium, könnte aber zum 40. Jahrestag der Gründung Israels am 14. Mai einsatzbereit sein, etwa ein Menschennetz: Von Hubschraubern abgeworfen, soll es auf Demonstranten fallen und sie fangen wie Vögel.

[Grafiktext]

1947 Teilungsplan der Vereinten Nationen. Nach diesem Plan sollte Jerusalem in einem internationalisierten Gebiet lieg en Haifa Tel Aviv Jerusalem Gaza Jüdisches Gebiet ÄGYPTEN Eilat SYRIEN TRANSJORDANIEN SAUDI-ARABIEN Israel nach dem ersten Krieg gegen die Araber Haifa Tel Aviv Jerusalem Gaza Gaza-Streifen ÄGYPTEN Eilat SYRIEN Westjordanien JORDANIEN SAUDI-ARABIEN Israel heute von Israel besetztes Gebiet Tel Aviv Gaza Haifa Jerusalem ÄGYPTEN Eilat SYRIEN JORDANIEN SAUDI-ARABIEN

[GrafiktextEnde]

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