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Ist »dense pack« ein »dunce pack«?

Entspannungsgesten aus Moskau wie aus Washington - zugleich aber weitere Aufrüstung: US-Präsident Reagan will die umstrittene neue amerikanische Superrakete MX nach langem Hin und Her nun auf engstem Raum stationieren. Doch am Sinn des teuren Systems bestehen starke Zweifel - und auch an der Technik der MX.
aus DER SPIEGEL 48/1982

Moskaus Mann in Washington, Doyen des Diplomatischen Korps und seit Jahrzehnten eine Schlüsselfigur der sowjetischen Außenpolitik, begrüßte den amerikanischen Rußland-Heimkehrer mit der Standard-Frage an Moskau-Touristen.

Ob er denn, wollte Anatolij Dobrynin vorletzte Woche bei einem Dinner in der US-Hauptstadt von Außenminister George Shultz wissen, auch Kaviar mitgebracht habe. »Natürlich«, entgegnete Shultz, »Kaviar vom Stör.«

Tatsächlich hatte Trauergast Shultz von der Beerdigung Leonid Breschnews - zu der er als einziger Prominenter im grauen Anzug erschienen war - erheblich mehr mitgebracht: erste Eindrücke vom neuen ersten Mann im Kreml, Jurij Wladimirowitsch Andropow, der die US-Delegation zu einem halbstündigen Gespräch empfangen hatte.

Zwar gab sich der bedächtige Shultz nach seiner Moskau-Reise durchaus zurückhaltend: Es müsse unterschieden werden zwischen einer »Änderung der Führung« und einer »Änderung der Politik«. Doch gerade die zukunftsgläubigen Amerikaner mögen nicht ausschließen, daß neue Köpfe vielleicht auch neue Ideen wagen - sogar in der altersstarren Sowjet-Union.

»Der Amtsantritt der neuen sowjetischen Führung«, drängte der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Repräsentantenhaus, Clement Zablocki, »eröffnet eine wichtige Möglichkeit zur Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen.«

Und der liberale Kolumnist Joseph Kraft fand, es sei »Zeit für die Mohrrübe": An Stelle des Knüppels sollte den Sowjets eine Karotte hingehalten werden. Und Korrekturen der offensiven US-Ostpolitik ließen sich sogar begründen: mit dem Machtwechsel im Kreml und den seither vergleichsweise milden Tönen aus Moskau.

Andererseits muß Ronald Reagan - nicht zuletzt seit seinem nur notdürftig kaschierten Nachgeben beim Pipeline-Boykott - fürchten, daß ihm seine erzkonservativen Stammwähler bei zu offensichtlichen Konzessionen an Moskau davonlaufen.

Die Administration entschied sich deshalb für gemischte Signale. In einer langen, landesweit vom Fernsehen übertragenen Botschaft versuchte Ronald Reagan am vorigen Montag, den Amerikanern klarzumachen, daß »nur zwei parallele Wege die einzige Hoffnung für einen dauerhaften Frieden bieten«, und zwar »Abschreckung und Abrüstung«.

Zwischen patriotischer Rührung - Dank an die Veteranen des Vietnamkrieges »für ihren tapferen Dienst an Amerika« - und religiöser Ergriffenheit ("O Gott der Liebe, o König des Friedens") bot Reagan den Kreml-Führern eine Ausweitung der schon im Juni in Berlin angekündigten vertrauensbildenden Maßnahmen an. Daten über den Stand der strategischen Rüstung sollen vermehrt ausgetauscht, Tests und Manöver angekündigt, der »heiße Draht« zwischen Kreml und Weißem Haus sollte gesichert und verbessert werden.

Zugleich aber warb er für das Kernstück seiner strategischen Rüstung, die Stationierung der »Friedenshüter« getauften Interkontinentalrakete MX: »Die richtige Rakete zur richtigen Zeit.«

Im US-Bundesstaat Wyoming sollen auf einem Gebiet von nur 22,5 Kilometern Länge und knapp 2,5 Kilometern Breite 100 dieser Friedenshüter in superharten Silos eng beieinander stationiert werden, im »dichten Bündel«, »dense pack« (das von Kritikern bereits als »dunce pack«, Dummkopf-Bündel, verspottet wird).

Moskau reagierte erstaunlich verhalten. Die »Prawda« verurteilte die MX-Entscheidung des Präsidenten lediglich als »weiteren gefährlichen Schritt«, der »nicht zum Fortschritt bei den Genfer Verhandlungen beitragen wird«. Zugleich aber begrüßte das Parteiblatt den versöhnlichen Teil der Präsidenten-Rede und bescheinigte seinen Vorschlägen einen »fraglos positiven Charakter«.

Sehr viel erregtere Diskussionen löste die »Dense pack«-Entscheidung des Präsidenten in den USA selbst aus, wo der Kongreß innerhalb von 30 Tagen darüber S.134 befinden muß, ob er dieser Entscheidung zustimmt und dann auch das gigantische 26-Milliarden-Dollar-Budget für die MX bewilligt.

Für die Regierung steht dabei sehr viel mehr auf dem Spiel als lediglich ihr Durchsetzungsvermögen. »Entweder es wird Dense pack, oder die MX ist als Waffensystem gestorben«, prophezeite schon im August ein Beamter des Weißen Hauses.

Denn Dense pack ist, nach einer fast zehnjährigen Debatte um das neue Waffensystem, der letzte Versuch der amerikanischen S.135 Militär-Planer, eine Heimat für die MX zu finden, eine extrem zielgenaue Rakete, die mit zehn, bei einem Bruch des nie ratifizierten Salt-II-Abkommens auch mit zwölf unabhängig voneinander lenkbaren Atomsprengköpfen bestückt werden kann und den Vorteil wettmachen soll, den sich die UdSSR nach Reagans Meinung im Bereich der landgestützten Interkontinentalraketen verschafft hat.

Seit nämlich die Sowjet-Union ihre 308 Interkontinentalraketen des Typs SS 18 in superharten Silos verbunkert und außerdem die Zielgenauigkeit der Sprengköpfe erhöht hat, sehen die USA sowohl ihre Fähigkeit zur Ausschaltung der sowjetischen Raketenstellungen bedroht als auch ihre eigenen, mit »Titan«-und »Minuteman«-Raketen bestückten Stellungen gefährdet.

Dieses »Fenster der Verwundbarkeit« (Jimmy Carter) soll mit Hilfe der MX wieder geschlossen werden.

Über die Frage aber, wie und wo die Wunderwaffe zu stationieren sei, um sie vor sowjetischen Angriffen zu schützen, entspann sich ein teilweise grotesker Streit. Nicht weniger als 34 Stationierungsmöglichkeiten - buchstäblich vom Meeresboden bis zum Weltraum - wurden vorgeschlagen und der Reihe nach wieder verworfen.

Einer der ersten Pläne sah vor, die Raketen in Containern, auf Lastwagen oder Eisenbahnwaggons wahllos über Land zu fahren. Das sollte die Möglichkeit schaffen, sie von mobilen Startrampen aus jederzeit zünden zu können. Warum man die Raketen nicht gleich in der New Yorker Untergrundbahn unterbringe, fragten spöttische Kritiker: Die sei ständig in Bewegung und völlig unberechenbar.

Doch das Konzept der »Superrakete neben dem Supermarkt« (so der Waffenexperte Hubertus Hoffmann) wurde ebenso beerdigt wie etwa Vorschläge, die MX in Unterseeboote, in Großraumtransportflugzeuge zu packen oder gar im Weltraum zu parken.

Reagan-Vorgänger Carter ließ schließlich ein gigantisches System von 4600 unterirdischen Silos entwerfen, nach dem 200 Raketen und eine Vielzahl von Attrappen ständig hin- und hergeschoben werden sollten, so daß die Sowjets nie wußten, in welchem Silo sich gerade eine Rakete befand.

Doch auch dieses Konzept ließ sich nicht durchsetzen. In den Bundesstaaten Utah und Nevada, wo Carters »Rennbahn-System« verwirklicht werden sollte, brach ein Sturm der Entrüstung los, und Ronald Reagan ließ den Plan fallen. Er beschloß, lediglich 100 MX-Raketen bauen zu lassen - aber auch damit konnte er nicht sogleich beginnen.

Denn Amerikas Kongreß sperrte die zur Produktion der Raketen erforderlichen Milliarden und machte die Freigabe von einem endgültigen Stationierungsplan für die MX abhängig.

Mit der Entscheidung für Dense pack hat Reagan jetzt dieser Auflage entsprochen. Ob der Plan allerdings eine Mehrheit im Kongreß findet, steht dahin. Denn die Dense pack zugrunde liegenden Theorien sind höchst umstritten.

Besonders fragwürdig ist die Behauptung der - für die Interkontinental-Raketen zuständigen - Air Force, bei der Härtung von Silos seien spektakuläre Durchbrüche erzielt worden. Neue Silos, die bei einer überirdischen Kernwaffenexplosion S.136 einem Druck von über 700 Kilo pro Quadratzentimeter standhalten sollen (gegenüber gut 140 Kilo bei den älteren Minuteman-Bunkern), seien praktisch »unverletzlich«, erklärt etwa Brigadegeneral Gordon E. Fornell, ein MX-Spezialist der Air Force. Nur: Die zusätzliche Härtung schützt die Silos lediglich vor dem Druck, nicht aber vor der Hitze einer in der Nähe explodierenden Atombombe.

Die zweite Theorie, nach der rund 70 Prozent der dicht an dicht stationierten MX-Raketen einen sowjetischen Angriff unversehrt überstehen sollen, basiert auf der Vorstellung, daß die Explosion der ersten feindlichen Kernwaffen zwar einen Teil der MX-Raketen zerstören, gleichzeitig aber auch die nachfolgenden Feind-Sprengsätze entweder vernichten, zumindest aber aus ihrer Bahn werfen würde. Die angreifenden Raketen würden sich also gegenseitig ausschalten, durch »Brudermord« gewissermaßen, wie es im Fachjargon bereits heißt.

Schon wenig später, so die Theorie, wenn Druckwelle, Hitze und nukleare Strahlungen nachgelassen haben, könnten die verbliebenen MX-Raketen zum Gegenangriff gestartet werden. Auf Grund der langsameren Startgeschwindigkeit würden sie auch dann nicht beschädigt, wenn sie durch ein Gebiet aufgewirbelter Staub- und Schuttpartikel fliegen müßten.

Doch die Argumente, mit denen die Überlebensfähigkeit des MX-Systems begründet werden soll, sind keineswegs so schlüssig, wie es ihre Protagonisten gern hätten.

So hält zum Beispiel der Nobelpreisträger für Physik Charles H. Townes, den US-Verteidigungsminister Weinberger selbst zum Chef der Beratungskommission für das MX-Projekt gemacht hatte, an seiner Überzeugung fest, daß Dense pack keineswegs unverwundbar gegen sowjetische Angriffe sei.

Zum einen gebe gerade die Stationierung der Raketen auf engstem Raum der Sowjet-Union die Möglichkeit, die US-Raketen durch anhaltende Detonationen von Atomwaffen in großer Höhe stundenlang gleichsam am Boden festzunageln ("Pin down«-Theorie).

Zum anderen werde es der Sowjet-Union spätestens in ein paar Jahren möglich sein, den von Amerikanern prophezeiten »Brudermord« auszuschalten. Heute schon, meint Professor Kosta Tsipis vom Massachusetts Institute of Technology, seien Zeituhren erhältlich, die im Rahmen einer millionstel Sekunde eine praktisch gleichzeitige Detonation mehrerer Bomben ermöglichen. »Wir müssen annehmen«, so Tsipis, »daß die Russen sie bereits besitzen.«

Der Physiker Richard Garwin schließlich ist überzeugt, daß die Sowjet-Union durchaus in der Lage sei, innerhalb weniger Jahre Sprengköpfe herzustellen, die erst nach dem Eindringen in die Erde explodieren und folglich keinen »Brudermord« anrichten (siehe Seite 134). Garwin weiß, wovon er redet. Jahrelang war er wissenschaftlicher Berater Präsident Nixons und hat lange Zeit Zielprioritäten für amerikanische Atomwaffen mitbestimmt.

Die Reagan-Administration versucht, solcher Kritik gleich zu begegnen - indem sie bereits eine Erweiterung des Dense-pack-Systems andeutet. Später, so Reagan, könnten - ebenfalls auf engem Raum - weitere Silos errichtet werden, was zumindest eine partielle Rückkehr zu Carters Prinzip bedeutet: Die Sowjets können dann nicht wissen, in welchem Silo sich eine Rakete befindet oder nicht.

Als zweite Absicherung wird der Plan für einen Antiraketenraketen(ABM)-Gürtel vorangetrieben, der bei Bedarf sehr schnell stationiert werden könnte - aber möglicherweise ein Bruch des seit 1972 geltenden ABM-Vertrags mit der Sowjet-Union ist. Moskau müßte nachziehen, eine neue Drehung im aberwitzigen Rüstungskreislauf wäre unvermeidbar.

Die Vorlage eines offensichtlich unfertigen Stationierungsplanes für seine »Friedenshüter« legt denn auch die Vermutung nahe, daß es Reagan kurzfristig vor allem um die finanzielle Sicherung der MX-Produktion geht.

Das allein schon dürfte ein harter Kampf werden: In der vorletzten Woche bereits forderte ein für Militärausgaben zuständiger Unterausschuß des Repräsentantenhauses, die Mittel für die zur Stationierung in der Bundesrepublik vorgesehenen Mittelstreckenraketen des Typs »Pershing 2« erheblich zu kürzen. Begründung des Ausschußvorsitzenden Joseph Addabbo: »Die haben mich mit diesem System bisher nicht überzeugt. Bis das Pentagon nicht bewiesen hat, daß die 'Pershing' auch wirklich fliegt, erhalten die von mir kein Geld mehr.«

Da war gerade ein weiterer Testflug der Pershing 2 teilweise fehlgeschlagen: Die zur Kurskorrektur der Rakete nötige Hydraulik war ausgefallen, die entscheidende Endphasenlenkung behindert.

Eine ähnliche Hiobsbotschaft erhielten Reagans Raketenplaner auch von der MX: Bei einem Test explodierte ein Motor der zweiten Stufe - schlechtes Omen für die bevorstehende Finanzschlacht im Kongreß.

Beeinflussen könnte die Parlamentarier aber vor allem, was sie aus Moskau hören. Während Breschnew noch am 27. Oktober vor hohen Militärs Amerikas »Aggressionspolitik«, »Brutalität« und »Abenteuerpolitik« angeprangert und den Anschein erweckt hatte, die UdSSR wolle nun ihrerseits auf Konfrontationskurs gehen, verkündete Nachfolger Andropow vorige Woche vor dem ZK-Plenum: »Die Zukunft gehört der Entspannungspolitik.« Sowjet-Premier Nikolai Tichonow wünschte sich »normale und sogar bessere freundschaftliche Beziehungen mit den Vereinigten Staaten«.

Und der Erste Stellvertretende Außenminister Georgij Kornijenko beschwor in einem Beitrag für »Newsweek« sogar die Waffenbrüderschaft von einst: Wie Russen und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg trotz aller ideologischen Unterschiede den »gemeinsamen Feind Faschismus« bekämpft hätten, sollten sie sich nun gegen einen neuen gemeinsamen Feind zusammenschließen - die Gefahr einer nuklearen Katastrophe.

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