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Italien: »Armes, unglückseliges Vaterland«

Die Trümmer sehen aus der Ferne aus wie Kohlehalden, die größeren Orte sind von Militärs belagert, der Geruch der Leichen hängt über einer Landschaft des Todes: Das Erdbeben vom 23. November war die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der italienischen Republik. Nun droht, angesichts der Hilflosigkeit dieses Staates bei der Bewältigung der Naturkatastrophe, auch ein politisches Beben. Die institutionelle Krise hat begonnen. Kaum aber hatten sie die Stadt erreicht, als die Erde unter ihren Füßen erbebte. Brausend und zischend wälzten sich die Wogen des Meeres in den Hafen, und die Schiffe, die dort vor Anker lagen, zerschellten. Flammenströme und Aschenregen wirbelten über Straßen und Plätze; Häuser stürzten ein, Dächer fielen auf die Fundamente, und die Fundamente barsten. Dreißigtausend Menschen jeden Alters und Geschlechts lagen zermalmt unter den Trümmern ... »Dieses Erdbeben ist an sich nichts Neues«, meint Pangloss, »die Stadt Lima in Amerika hat im vorigen Jahr genau solche Erschütterungen erlitten. Gleiche Ursachen - gleiche Wirkungen. Sicherlich zieht sich eine unterirdische Schwefelader von Lima bis nach Lissabon.« (Voltaires »Candide«, 1759).
aus DER SPIEGEL 50/1980
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