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Italien: »Die unsichtbare Seite des Mondes«

Indro Montanelli über die politische und soziale Krise seines Landes Indro Montanelli, 70, Bestsellerautor und Chefredakteur des liberal-konservativen Mailänder »Giornale nuovo«, gehört zu den angesehensten Publizisten Italiens. 1977 schossen ihn linke Terroristen in die Beine.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Fast jede Diagnose über das Italien von heute enthält beunruhigende historische Vergleiche. Die Gewalttätigkeit und die soziale Gärung rufen Erinnerungen an jene Ereignisse wach, die einst zum Aufstieg des Faschismus führten.

Wer lieber aktuelle Bezüge sucht, spricht von der »Argentinisierung« Italiens, weil es hierzulande sowohl blutigen Terror gibt als auch eine galoppierende Inflation. Und manche Beobachter verweisen außerdem besorgt auf die Tendenzen zu einer »dirigistischen«, staatlich gestützten Wirtschaft.

So unterschiedlich die historische Perspektive bei diesen Überlegungen auch ist, die Prognose bleibt allemal düster: Das Italien, das sich aus diesen Porträts ergibt, könnte morgen von einem chaotischen, »populistischen« Regime beherrscht werden oder von einer rechten Diktatur, es scheint nicht imstande, sich als ein geordneter, freier, demokratischer Staat zu halten.

Wenn wir überzeugt wären von der Richtigkeit dieser Prognosen, dann hätten wir längst alle Hoffnung aufgeben und uns eine Fahrkarte ins Ausland kaufen müssen. Aber wir sind eben nicht überzeugt.

Gewiß, die pessimistischen Porträtzeichner sind ehrlich und aufmerksam. Sie sammeln Fakten, reihen sie aneinander, ziehen Schlüsse. Aber sie verhalten sich wie Astronomen, die -- weil sie nur die beleuchtete Seite des Mondes sehen -- darauf ihre Theorien aufbauen und die andere, unsichtbare Seite ignorieren.

»L''Italia sommersa«, also das unsichtbare, gleichsam untergetauchte Italien, ist ein gängiger Begriff geworden. Dabei handelt es sich nicht um eine journalistische Erfindung, sondern um eine Realität: die andere Seite des Mondes.

Das gleiche Konzept kann in einer politischeren Weise mit folgender Unterscheidung ausgedrückt werden: Das Land, wie es wirklich ist (paese reale) -- und das Land, wie es gesetzlich auf dem Papier steht (paese legale). Die Schere zwischen diesen beiden Italien hat sich in der jüngsten Zeit weiter geöffnet. Aber der Ausdruck »paese legale« scheint mir etwas einschränkend, denn das Phänomen ist umfassender. Zur Erläuterung:

Fast alle offiziellen oder öffentlichen Stimmen in Italien wünschen Entscheidungen und loben bestimmte Haltungen, die vom »paese reale«, also dem Normalbürger, gar nicht geteilt und manchmal sogar abgelehnt werden. Zu den öffentlichen Stimmen zählen wir viele Politiker, Gewerkschafter, angeblich progressive Lobby-Gruppen, die Radikal-Schickeria der Salons und das Staatsfernsehen RAI.

Wer die Predigten hört, die von diesen Kanzeln herabtönen, der hat den Eindruck, daß die Italiener sehnlichst immer mehr Gemeinschaft wünschen, immer mehr Lenkung von oben, immer mehr Garantien. Die Bürger, so heißt es da, wollen Strukturreformen, leichten Schulunterricht, bequeme Gefängnisse, milde Strafen für Verbrecher.

Das stimmt keineswegs. Das Grundbegehren der Bürger, das trotz allem auch die politische Kruste aufkratzen kann, hat einen ganz anderen Sinn: Es gibt ein dringendes Verlangen nach Ordnung, Ernsthaftigkeit, ja sogar nach Strenge.

Eine Meinungsumfrage ergab unlängst, daß die meisten Italiener empört sind über die vielen Rechtsschutzklauseln für Angeklagte, die schwerster Verbrechen beschuldigt werden. Sie finden das Hochschulchaos unerträglich und wünschen eine harte Polizei.

Die Italiener sind der Scheinreformen und der gescheiterten Reformen überdrüssig. Sie wären schon zufrieden, wenn die Dienstleistungsbetriebe, so wie sie sind, funktionierten -- ohne illusorische Versprechen. Der Drang nach Wandel ist unleugbar, aber eben in diesem Sinne. Man wünscht nicht Auflösung, sondern das Gegenteil.

Der Terrorismus, der angeblich einen revolutionären Prozeß in Gang setzen möchte, löst nur reaktionäre Tendenzen aus oder eine Selbstverteidigung der Gemeinschaft.

Aber Italiens politische Klasse begreift dieses neue Klima offenbar nicht: Sie macht weiter mit ihrem Lieblingsspielchen, der ständigen Krise, obwohl das Volk Stabilität fordert.

Genau solche Umstände waren kennzeichnend für die institutionellen Krisen, aus denen einst Mussolini, Hitler, Franco und -- absit iniuria verbis -- de Gaulle hervorgingen. In der Tat, die italienische Demokratie leidet an Instabilität und Konfusion, an Skandalen, am Terrorismus. Dennoch glaube ich, daß es heute keinen politischen Killer gibt, der diese Demokratie umbringen kann.

Warum nicht? Weil die italienische Demokratie an der Oberfläche krank ist, aber der Wunsch, die politische und wirtschaftliche Freiheit zu bewahren, kräftige Wurzeln bei den Bürgern geschlagen hat.

Ich sehe keinen Killer, der von rechtsaußen kommt. Der Faschismus hat dem Land enormen Schaden zugefügt, aber er hat Italien immerhin S.143 geimpft gegen die Illusionen einer rechtsradikalen Katharsis. Uns droht kein Militärregime, denn die Streitkräfte verfügen, auch wenn sie der Versuchung eines Putsches nachgeben sollten, weder über Führer noch über ein Offizierskorps mit genügender Kraft und Skrupellosigkeit, um erfolgreich zu putschen.

Aber es gibt, meine ich, auch links keinen Killer unserer Demokratie. Die umstürzlerischen Randgruppen können zwar blutige Attentate verüben, nicht aber den ganzen Staat kaputtmachen und eine Gewaltherrschaft errichten. Außerdem haben sie in jüngster Zeit an Einfluß verloren. Und was die Kommunistische Partei anlangt, so gibt sie sich ja ohnehin, um überhaupt akzeptabel zu bleiben, nun sozialdemokratisch, produktionsorientiert, atlantisch.

Gehen wir von der Politik zur Wirtschaft über: Da ist in Italien mehr denn je der »gute Teil« unsichtbar. Die Giganten der öffentlichen Wirtschaft, die unternehmerischen Kathedralen des Staates produzieren vor allem Schulden und Defizite. Sie saugen Energien aus dem Land wie ein großes bösartiges Geschwür.

Unterdes jedoch blühen die kleinen und mittleren Betriebe des Landes. Da gibt es unermüdliche, phantasiereiche, gewitzte Unternehmer, die ihr Schiff selbst in trüben Gewässern zu steuern verstehen.

Gelegentlich reise ich in der Provinz herum. In einer kleinen Stadt der Region Emilia-Romagna fragte ich nach der Wirtschaftskrise. »Hier bei uns spürt man sie gar nicht«, sagte man mir, »die Geschäfte laufen gut, aber unsere Stadt ist halt eine Art Insel.« Die gleiche Antwort erhielt ich in einer zweiten, einer dritten, einer vierten Stadt. Viele Inseln also, ein Archipel.

Diese Tatsachen haben mit dem Bild malerischer Armut, das sich viele Ausländer von Italien machen, wenig gemein. Unsere wirklichen Übel liegen anderswo.

Italien hat eine miserable Verwaltung und deshalb einen skandalträchtigen Öffentlichen Dienst. Wir haben eine »politische Klasse«, die den Bedürfnissen des Landes nicht entspricht. Das Land, die Mehrheit der Bürger ist fähiger, ernsthafter als seine Politiker -- auch wenn die Bürger den Fehler machen, diese Politiker zu wählen und ihnen ein Mandat zu geben.

Byzantinismus, ineffiziente Verwaltung, eine staatliche Zuschuß-Industrie und Hang zum Dirigismus: all das scheint uns vom »reifen«, weiterentwickelten Europa zu entfernen und in Richtung Dritte Welt davonzutreiben.

Aber es gibt, in der Substanz, ein Italien, das auf einer Linie mit dem »reifen« Europa liegt. Und selbst wenn ich kein Optimist bis zum Äußersten bin, so glaube ich doch, daß dieses Italien sich Gehör verschafft.

S.142Am 2. Juni 1977 nach einem Anschlag linksextremer Terroristen.*

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