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KUNSTRAUB »Ja, das ist der echte«

Den Diebstahl von Caspar David Friedrichs Ölgemälde »Ansicht eines Hafens« klärte die Potsdamer Polizei mit Hilfe einer alten Stasi-Seilschaft auf.
aus DER SPIEGEL 11/1997

Der blasse Junge mit dem blonden kurzen Haar wuchtete die schweren Holzläden auseinander und stemmte mit einem Kuhfuß das Fenster aus den Angeln. Sein dunkelhaariger Komplize schlüpfte als erster in die Schloßgemächer und schnitt das Bild im Goldrahmen, 90 mal 71 Zentimeter, von den Stahlseilen. Als die von der Alarmanlage aufgeschreckten Wächter kamen, hatten die Einbrecher längst zu Fuß das Weite gesucht.

So schlicht wurde Anfang Dezember vergangenen Jahres das wertvollste Gemälde aus dem Potsdamer Schloß Charlottenhof am Südende des Parks von Sanssouci gestohlen. Caspar David Friedrichs Ölgemälde »Ansicht eines Hafens« war mitgenommen worden wie ein Bettlaken aus der Waschküche - einer von 49 844 Diebstählen, die das Polizeipräsidium Potsdam im Jahr 1996 registrierte.

Was so kleinkriminell ablief, hatte Weltniveau. Das 1816 vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. erworbene Gemälde des berühmtesten Malers der deutschen Romantik zählte zu den zehn kostbarsten Gemälden, die seit 1960 weltweit gestohlen und vom Londoner »Art Loss Register« erfaßt wurden.

Nur eines, das am höchsten gehandelte, tauchte wieder auf: »Der Schrei« von Edvard Munch. Die übrigen Originale blieben verschollen. Es wird vermutet, daß diese Werke in den Tresorkammern reicher Kunstfreunde verschwunden sind, die den Diebstahl in Auftrag gaben, um sich ihr Leben lang allein an dem Motiv zu ergötzen.

Zunehmend wird in diesem Wachstumsmarkt (geschätzter Schaden: jährlich drei bis zehn Milliarden Mark) eine ebenso lukrative Variante gewählt: Die Diebe versuchen, von den Versicherungen hohe Summen gegen Rückgabe der Bilder zu erpressen. Doch von Professionalität waren die Potsdamer Ganoven weit entfernt. So endete ihr Coup denn auch am Montag vergangener Woche im Stile eines simplen Tatort-Krimis.

Vor einer Plattenbaugarage am Rande einer Kleineleutesiedlung stoppten ein roter Peugeot 306 mit Potsdamer Kennzeichen und ein anthrazitfarbener Mercedes 280 E aus dem sachsen-anhaltinischen Salzwedel. Die zwei Insassen des Peugeot, einer blond, der andere dunkelhaarig, und der Mercedes-Fahrer verschwanden in der Garage.

In gebührendem Abstand parkten neun zivile Fahrzeuge der Polizei. Im vordersten Wagen, einem Ford Mondeo, lauschte die Soko-Einsatzleitung am Empfangsgerät im Vier-Meter-Band. Doch aus dem überwachten Objekt vernahmen die Beamten nur Stimmengewirr und das Schnarren eines Akku-Schraubendrehers. So bekamen die Beamten nicht mit, daß die drei Garagenbesucher eine Verschalung lösten, das Friedrich-Bild hervorholten und mit einer Polaroid-Kamera ablichteten.

Erst als der Benz-Fahrer wieder in der Einfahrt auftauchte und scheinbar vor sich hin murmelte, kam der Befehl zum Zugriff. Der Mann hatte in ein verstecktes Knopflochmikrofon geflüstert: »Ja, das ist der echte Caspar.«

In kugelsicheren Westen stellte die mobile Einsatzgruppe den unversehrten Friedrich sicher. Die »kleinen Lichter« standen, so Soko-Chef Gunter Mewes, »kerzengerade und völlig unter Schock. Die trauten sich nicht mal, sich zu bewegen«. Unter dem Vorwurf des schweren Diebstahls, Strafmaß drei Monate bis zehn Jahre, sitzen nun der Tischler Felix Neumann, 24, und der Architekturstudent Sebastian Kuhröder, 25, in Untersuchungshaft - beide Hobby-Kriminelle aus dem Brandenburger Proletariermilieu.

Der Mercedes-Fahrer Hans-Otto Teschner, 42, blieb unbehelligt. Der Immobilienhändler, seit Juli vergangenen Jahres Mieter eines 45 Quadratmeter großen Einraumbüros mit Naßzelle in Buxtehude bei Hamburg, hatte die Polizei zu der Garage geführt.

Vorher hatte sich der gebürtige Altmärker allerdings bemüht, Käufer für das mystisch anmutende Hafenbildnis zu finden. Laut Ermittlungen versuchte er, den Hehlerwert des Bildes von einer Million Mark auf zuletzt 250 000 Mark herunterzuhandeln. Daß Teschner schließlich die Seiten wechselte, »weil er dieses unersetzliche Werk seinem Heimatland erhalten« wollte, wie der Potsdamer Polizeipräsident Detlef Graf von Schwerin spöttisch erklärte, glaubt keiner der Ermittler.

Die Fahnder, die bei fünf von sieben genehmigten Telefonüberwachungen Erfolg hatten, drehten den früheren Major der Hauptabteilung II des Ministeriums für Staatssicherheit erst um, nachdem er unter Hehlereiverdacht geraten war.

Bei den Überwachungen fielen neben Teschner noch der Autohändler Jürgen R., 45, und der Kraftfahrer André S., 26, als interessierte Hehler auf, der Haftbefehl gegen sie wurde mangels Fluchtgefahr ausgesetzt.

Die Behörden glauben nicht an weitere Hintermänner - doch der berufliche Werdegang Teschners weist in eine ganz besondere Richtung. Seit seiner Brandenburger Zeit kennt er die dunklen Kanäle des Kunstschachers. Teschner zählte zu den Führungsoffizieren von Axel Hilpert, der einst im berüchtigten KoKo-Imperium des Alexander Schalck-Golodkowski als Kunst- und Antiquitäten-Aufkäufer diente.

Waren also der arbeitslose ehemalige Defa-Tischler und sein an der Bauhaus-Universität Weimar studierender Schulfreund tatsächlich nur ahnungslose »Trottel« (bz), die das auf rund fünf Millionen Mark taxierte Gemälde aus der ungeheizten Garage heraus verkaufen wollten?

War es pure »Sammlerleidenschaft«, wie sie im ersten Verhör angaben, die sie binnen fünf Jahren dazu trieb, Kitsch und Kunst im Werte von zusätzlich 700 000 Mark zu Hause zu horten?

Bis unters Bett stapelte sich die Sore. Die illegale Kunstsammlung war eine krude Bilder- und Skulpturenmischung aus diversen Einbrüchen: Mal hatten die beiden das »Rote Haus«, die Villa des hingerichteten 20.-Juli-Attentäters Erwin von Witzleben, heimgesucht, mal waren sie ins Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam eingestiegen. Im Weimarer Traditionshotel »Elephant« nächtigten die mutmaßlichen Diebe, um mit einer Goethe-Büste im Wert von 50 000 Mark im Gepäck wieder abzureisen.

Branchenkenner kolportieren die Vermutung, daß der Diebstahl des Friedrich-Gemäldes die Qualität der bisher zusammengerafften Beute hätte steigern sollen. Damit wäre ein Zugang zu in der Branche bekannten Vertriebswegen nach Rußland, die in einem Potsdamer Cafe nahe dem Schloß Cecilienhof ihren Ursprung haben sollen, möglich gewesen.

Auch der Name Hilpert regt die Phantasie an. Der ehemalige KoKo-Mann , einst vom MfS als Inoffizieller Mitarbeiter »Monika« geführt und heute Makler, gilt in Potsdam immer noch als schillernde Figur. Der angebliche Ehrengeneral der kubanischen Armee bezeugte im Jahr 1990 vor der Polizei eine Fälschungsallianz zwischen Kuba und KoKo. Auf der Karibik-Insel seien Reprints historischer Briefmarken gedruckt worden. Die KoKo habe dafür die philatelistischen Echtheitszertifikate geliefert, um die Marken über ein West-Berliner Auktionshaus gegen Devisen zu verkaufen. Vor dem Koko-Ausschuß widerrief er diese Angaben.

Nach der Wende blieben Hilperts Geschäfte undurchsichtig. Wegen zu enger Verstrickung mit ihm mußte Brandenburgs Bauminister Jochen Wolf 1993 seinen Posten räumen. Auch die Potsdamer Polizei setzte auf Hilperts alte und neue Verbindungen - und empfing ihn zum Gespräch.

Die Fahnder schweigen sich darüber aus, ob die zur Rettung des nationalen Erbes generös bewilligten Abhörmaßnahmen oder Hilperts Tips weiterhalfen. Die Staatsanwaltschaft bestätigt zumindest, daß »ein Kunstsachverständiger« bei der zweiten Vernehmung eingeräumt habe, von Teschner das geraubte Bild angeboten bekommen zu haben.

So wurde es für Teschner eng. Ohnedies belastet von einem Strafbefehl über 5000 Mark, weil er einen 15 000-Mark-Rest für einen Mercedes nicht bezahlt hatte, gab er schließlich vor den Leitern der 17köpfigen Sonderkommission »Hafen« zu, die Diebe zu kennen. Den Kontakt zwischen ihm und den Kleinkriminellen hatte ein alter Kumpan hergestellt: Der Autohändler R., der jahrelang als Funktionär die Geschicke der Kicker des SV Babelsberg 03 im Potsdamer Edelvorort gelenkt hatte.

Teschner könnte womöglich als einziger aus dem Milieu profitieren: Er hofft jedenfalls auf einen Anteil an der von der Schlösserverwaltung ausgelobten Rückgabeprämie in Höhe von 50 000 Mark.

Gewonnen hat aber auch die Nation. Vom heutigen Montag an hängt Caspar David Friedrichs Öl-Hafen wieder da, wo er schon vor über 150 Jahren hing: tief im Westen Berlins, im Schloß Charlottenburg. Von dort war im Jahr 1989 »Der arme Poet« von Carl Spitzweg verschwunden - bis heute spurlos.

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