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KRIMINALITÄT Jag Ihn, jag Ihn

Farbige Teenager-Gangs terrorisieren die nordamerikanische Automobilstadt Detroit. Fast jeder zweite Schwarze ist dort arbeitslos.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Die Rock-Musikanten ergriffen die Flucht. Statt Schlagzeug-Rhythmen hörte man in Detroits riesiger Cobo Hall Gestühl bersten, statt tosender Begeisterung ertönten Schreie der Angst.

Bilanz gegen Mitternacht, als der Spuk in der Cobo Hall vorüber war und die gewalttätigen Invasoren des Rock-Konzerts anderwärts in der Stadt weiterrandalierten: eine Frau vergewaltigt, eine schwer belästigt, Dutzende von Konzertbesuchern ausgeraubt, Beulen und Blessuren.

Das war, Mitte der vorletzten Woche, vorläufiger Höhepunkt der Aktivitäten farbiger Teenager-Gangs, die Nordamerikas Automobilstadt Detroit an den »Abgrund des totalen Chaos« gestoßen haben ("Detroit Free Press").

Die Behörden sahen sich außerstande, eine plausible Erklärung für den jähen Ausbruch von Gewalt zu liefern -- statt dessen verhängten sie, einmalig in der westlichen Welt, bis auf weiteres eine abendliche Ausgangssperre (ab 22 Uhr) über alle Jugendlichen der Stadt unter 18 Jahren.

Aber um Rassenunruhen, vergleichbar denen von 1967, die 43 Menschen das Leben kosteten, handele es sich nicht, versicherten die Stadtväter eilfertig.

Es handelt sich um Schlimmeres, denn zum latenten Rassenkonflikt im halb weißen, halb schwarzen Großraum Detroit ist seit der 74er Krise in der Automobilindustrie massive Arbeitslosigkeit gekommen.

Detroit, Heimat fast aller US-Automobilgiganten. »hat vom Auto gelebt, ist sein Symbol gewesen, ist überhaupt nur des Autos wegen entstanden«, schrieb im vorigen Jahr der Journalist Robert Sam Anson. »Und nun ist es perfiderweise das Auto, das diese Stadt umbringt.«

Im April 1976 lag die Arbeitslosenrate bei über 20 Prozent -- dreimal so hoch wie im US-Durchschnitt. Von den farbigen Einwohnern Detroits aber, und da sind die Jugendlichen besonders betroffen, war fast jeder zweite ohne Job.

Der Zusammenhang zwischen Kriminalität und Arbeitslosenrate ist Detroits Stadtvätern spätestens seit 1974 klar, als die Autometropole sich mit 801 Morden -- Rekord in den Vereinigten Staaten -- den Ruf einer »Mörderkapitale« sicherte.

Gleichzeitig stieg speziell in den Reihen junger Farbiger die Selbstmordrate. »Die Leute«, so Bruce Danto, Chef des Detroiter Instituts für Selbstmord-Prophylaxe, »laufen herum und fühlen sich ohnmächtig.« Dieses Gefühl der Ohnmacht freilich führt auch zu Wut und Aggression, wie sie bei dem Zwischenfall in der Cobo Hall aufbrachen.

Mehr als 1000 schwarze Teenager sind mittlerweile nach Schätzungen des Polizeioffiziers Charles Sherrill in einem knappen Dutzend Gangs organisiert. Sie nennen sich die »Errol Flynns«, die »Sheridan Strips«, »Schwarze Killer« oder »Schwarze Gangster«.

Bei ihren Raubüberfällen auf Fußgänger, Hausbesitzer, parkende Autofahrer, vollbeladene Busse, Warenhäuser und Waffengeschäfte machen sie keinen Unterschied, ob ihre Opfer Weiße oder Farbige sind. Längst haben sie ihr ursprüngliches Operationsgebiet. die ausblutenden East-Side-Slums. auf andere Stadtteile ausgedehnt.

Der Detroiter Polizei macht vor allem das Alter der Gang-Mitglieder zu schaffen. Bei Überfällen werden meist nur Jungen aktiv, die jünger als 17 sind, denn sie kommen noch in den Genuß des Jugendschutzes und können auch nach Dutzenden von Festnahmen damit rechnen, daß sie zu ihren Eltern nach Hause geschickt werden. Im Tausch für Beute werden sie von ihren Führern ("Top dogs") mit Waffen und ermutigenden Sprüchen ausgerüstet.

Für Detroits ersten schwarzen Bürgermeister Coleman Young war der jüngste Gewaltakt in der Cobo Hall ein besonders harter Schlag: Er führt einen verzweifelten Kampf gegen die Stadtflucht der schwarzen und weißen Mittelklasse und die damit zurückgehenden Einnahmen der Stadt.

500 000 Dollar aus dem schwindsüchtigen Budget mußte er jetzt für Sofortmaßnahmen einsetzen, soviel kostet die Wiedereinstellung von 450 Polizisten, die großenteils aus Spargründen in den Ruhestand geschickt worden waren.

Mehr Polizei und Hausarrest für die Jugend scheinen jedoch dürftige, fragwürdige Maßnahmen, um der explosiven Situation Detroits zu begegnen.

In dieser »höllisch harten Stadt, nicht zu vergleichen mit solchen Scheißstädtchen wie Boston« (Bürgermeister Young), hat der Terror der Jugendbanden bereits gefährliche Emotionen wiedergeweckt. die Bereitschaft zu Selbstjustiz und Gegenterror.

»Wenn ich weiß, wer in mein Haus eingebrochen ist und mir alles gestohlen hat«, drohte ein Farbiger in der East Side, »hoI ich meine Kanone und jag ihn, jag ihn.«

Kanonen holen wollten letzte Woche auch Angehörige der Organisation »Frauen gegen Nichtsnutze«. Sie marschierten aufs Rathaus und verlangten Waffenscheine.

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