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SUDAN Jagd auf Ketzer

Präsident Numeiri ließ einen Moslemführer hängen, weil der den Glauben modernisieren wollte. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Fliegen summten um Lachen von verschüttetem Tee, die das schmutzige Wachstuch bedeckten. Am Tisch saßen sechs Mullahs, vor ihnen, von einem Scheinwerfer bestrahlt, standen vier mit Fußketten gefesselte Männer: Inquisition auf sudanesisch.

Eine Fernsehkamera war aufgebaut, um den Widerruf der angeblichen Ketzer landesweit zu verbreiten. Widerriefen sie nicht, dann wartete der Galgen auf die vier, die da einem liberalen Islam anhängen wollten.

Als Belehrung über ihr drohendes Schicksal hatten sie Tage zuvor das Ende von Mahmud Mohammed Taha, 76, ihres geistlichen Führers, im Hof des Kober-Gefängnisses in Omdurman bei Khartum mit ansehen müssen.

3000 Menschen hatten sich dort vor der Hinrichtung versammelt. Als der Todeskandidat verhüllten Hauptes mit der Schlinge um den Hals auf dem grellrot gestrichenen Galgengerüst stand, verlas ein Armee-Offizier mit lauter Stimme das Urteil. Danach riß ein Wärter dem Verurteilten die braune Kapuze herunter und gab das faltige Gesicht Tahas den Zuschauern preis, die zu skandieren begannen: »Es lebe die Gerechtigkeit - Tod den Abtrünnigen vom Islam.«

Mahmud Mohammed Taha, der die Frage des Offiziers nach einem letzten Wunsch zurückgewiesen hatte, brachte noch ein ironisches Lächeln zustande. Dann zogen ihm zwei Henkersknechte das Brett unter den Füßen weg,

der alte Mann stürzte in den Tod.

Sein Verbrechen: Er hatte es gewagt, die von Staatspräsident Dschaafar el-Numeiri im September 1983 verfügte Anwendung der Scharia, der islamischen Rechtspraxis, zu kritisieren.

Taha und die von ihm geführte, etwa 5000 Anhänger zählende Organisation »Republikanische Brüder« traten für einen modernen Islam ein, für eine »intelligente, tolerante und moderne Religion, die sich auf das konzentriert, was den Menschen gemeinsam ist, und nicht auf das, was sie trennt«.

So heißt es in einer Schrift, in der Taha, im Sudan auch als »afrikanischer Gandhi« bezeichnet, »eine neue Konzeption des Islam« anregte.

Für den frömmelnden Numeiri und seine islamisch-fundamentalistischen Anhänger sind solche Gedanken reine Ketzerei und mit dem Tode zu ahnden. Die Exekution des sudanesischen Islam-Gelehrten aber provozierte in der ohnehin gärenden Glaubenswelt der Moslems weitere Auseinandersetzungen.

In fast allen islamischen Ländern sind die radikalen Religionsfanatiker zwar gut organisiert und treten lautstark auf, doch die Zweifler an jener Überzeugung, nach der Koran und religiöse Überlieferung auch ein buchstabengetreues Lebensrezept für die Anforderungen der Neuzeit darstellen, haben noch nicht aufgegeben.

Im Nachbarland Ägypten dämmert die Auseinandersetzung schon herauf. Kairos »Al-Ahram« sah in der Exekution Tahas »die Hinrichtung des guten Sudanesen schlechthin« und fragte: »Wer sagt der Welt, daß der Islam unschuldig ist an dem, was einige Moslems in seinem Namen verüben?« Doch Gadd el-Hakk, der Mufti der Al-Azahr-Universität, der unbestrittenen sunnitischen Autorität in islamischen Glaubensfragen, verlangte nach Tahas Tod energisch die Einführung der Scharia auch für Ägypten.

Ob Sudans Staatspräsident Numeiri, auf dessen persönliche Anordnung Taha der Prozeß gemacht worden war, nun die Gegner an seiner Scharia-Praxis auf Dauer eingeschüchtert und seine Machtstellung gefestigt hat, steht dahin.

Tatsache ist, daß Numeiri seit 1983 das drakonische islamische Recht fast so rigoros anwenden läßt wie Irans Oberhirte Chomeini. So zahlreich wurden die stets öffentlich vollzogenen Amputationen von Händen und Füßen (manchmal über Kreuz: rechte Hand, linker Fuß), daß Khartums größtes Hospital eine eigene »Scharia-Abteilung« zur psychiatrischen Vor- und Nachbehandlung von Delinquenten einrichten mußte.

Nicht nur überführte Diebe und Räuber fallen im Sudan der Verstümmelung anheim, auch solche, die bloß in Verdacht geraten sind, gleich ob Christen oder Moslems. Gelegentlich werden zur Empörung der sudanesischen Christen die Leichen Hingerichteter an Kreuze genagelt und ausgestellt.

Auch Ausländer entgehen Numeiris islamischem Gesetz nicht. Briten, Koreaner und Italiener wurden schon öffentlich ausgepeitscht, auch wegen »Verdachts auf ehebrecherische Absichten« und Alkoholgenusses.

Auf Trinker hat es Numeiri, der im September 1983 selbst eine Straßenwalze über Batterien von Wein- und Whiskyflaschen steuerte, ganz besonders abgesehen. Als er im vergangenen Mai eine saudische Delegation empfing, roch er, so wird erzählt, Whiskydunst im Atem eines jungen Prinzen.

Er befahl der Hoheit angeblich sofort, sich aufs Zimmer in Khartums Hilton Hotel zu verfügen. Später stürmte Numeiri dann herein, packte den Prinzen am Gewand und schrie: »Ich habe das Recht, dich zu bestrafen.« Mit eigener Faust habe er darauf dem saudischen Edelmann ein blaues Auge geschlagen.

Numeiri, der früher selbst durchaus ein Leben im flotten Offiziersstil schätzte, wollte mit seiner frommen Wendung wahrscheinlich die zumindest nach außen islamtreuen Saudis und die religiösen Fundamentalisten im eigenen Land, besonders die radikalen Moslem-Brüder, beeindrucken.

Saudisches Geld, auf das der wirtschaftlich dauerkranke Sudan dringend angewiesen ist, und innenpolitische Ruhe schienen mit einem Streich herbeizuschaffen zu sein.

Daß etwa die USA mit spürbaren Folgen für sein Land dagegen protestieren würden, daß heute im Sudan die Menschenrechte aus religiösen Gründen verletzt werden, brauchte Amerikafreund Numeiri nicht zu fürchten: Für Washington ist der flächengrößte Staat Afrikas strategisch hochwichtig. Außerdem mahnte Malik Hussein, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses in Khartum, mögliche westliche Kritiker, sie sollten nicht vergessen, daß die Scharia »unsere Hauptwaffe im Kampf gegen den Kommunismus« sei.

Doch höhlten Mißwirtschaft, Korruption, Massenelend und ein gnadenloser Feldzug gegen die christliche und animistische Bevölkerung des Südsudan die Machtstellung des Präsidenten ständig aus.

Ärzte und Beamte streikten, sogar Armee- und Polizei-Offiziere versagten dem Mann an der Staatsspitze den Gehorsam. In Dauerintrigen und offene Feindschaft mit Libyen, Äthiopien und Uganda verstrickt, verläßt sich der auch gesundheitlich angeschlagene Präsident nur noch auf eine Fraktion, die radikalen Moslembrüder.

Vor diesem Hintergrund ließ Numeiri den Prozeß gegen Taha inszenieren. Erst Tage zuvor hatte er 209 angebliche Umstürzler begnadigt, denen der Galgen drohte. Den »Ketzer« Taha aber hielt er wohl für noch gefährlicher, ihn wollte er hängen sehen.

Am 7. Januar wurde der Führer der Republikanischen Brüder verhaftet. Am 8. und 9. Januar stand Taha - ohne Verteidiger - für jeweils zwei Stunden vor Gericht. Am 10. Januar hörten er und vier willkürlich mitverhaftete Anhänger ihre Todesurteile. Am 11. sollten alle gehenkt werden.

Allerdings gewährte dann ein Berufungsgericht Taha und seinen Freunden nach islamischem Brauch noch einen Monat Hinrichtungsaufschub, damit sie ihre ketzerischen Ansichten bereuen und widerrufen und damit ihr Leben retten könnten. Da schritt Numeiri persönlich ein und ließ an Taha, der von seiner Überzeugung nicht abrückte, folgerichtig am 18. Januar die Todesstrafe vollstrecken.

Die vier anderen Verurteilten bereuten und widerriefen noch rechtzeitig.

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