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LUFTSICHERHEIT Jagd auf Nagelscheren

Die Terroranschläge haben auch Luftikus-Sitten bei den Passagierkontrollen offenbart. Die Politik reagiert, auf den Flughäfen aber herrschen Hektik und der alte Trott.
Von Matthias Geyer, Ulrich Jaeger und Sebastian Knauer
aus DER SPIEGEL 39/2001

Die beiden Männer, die am Montag vergangener Woche in Singapur an Bord eines Linienjets steigen wollten, wurden jäh überwältigt und abgeführt. Ein Fluggast hatte gehört, wie einer der Inder behauptete, er sei ein »Bosnian terrorist«. Erst im Verhör klärte sich das Missverständnis auf: Der Fluggast hatte nur gesagt, er sei »Bassgitarrist«.

Seit den Terroranschlägen mit gekaperten Jets grassieren Misstrauen, Unsicherheit und Angst unter Airline-Angestellten, Flughafen-Mitarbeitern und Passagieren. Gleich nach den Attentaten verschärften Fluggesellschaften und Flughäfen ihre Kontrollen - Ergebnis: Die neue Dimension des Terrors lähmt weltweit den Luftverkehr.

In Frankfurt, London und Paris fahnden Sicherheitskräfte im Handgepäck von Passagieren nach Taschenmessern und Nagelscheren. Fluggesellschaften rüsten Bordküchen und Duty-free-Bestände ab: In der »First Class« der Lufthansa verschwand das Käsemesser, mit dem Stewardessen den Gästen Brie aufschnitten; Plastik ersetzt in der »Business Class« Metallbestecke, das Maniküre-Set Degeler D 001 wurde aus dem Bordverkauf genommen. Flugbegleiter dürfen keine eigenen Kellnerbestecke mehr mitnehmen, kurz vor Abflug wird ihnen ein Bordkorkenzieher überreicht.

Die Zeiten des »freundlichen Himmels«, den Airlines ihren Passagieren im Werbespot verhießen, sind passé. In Europa und den USA prüfen Expertengremien, wie der Luftverkehr künftig besser zu schützen ist. Die Gangart wird hart, Passagiere und Gepäck, so kündigte das Berliner Innenministerium an, werden penibel kontrolliert. Fluggästen drohen Regelabfertigungszeiten von zwei Stunden. Und das Personal deutscher Flughäfen, so sieht es ein Gesetzentwurf des Bundesverkehrsministeriums vor, soll sich bald einer verschärften »Zuverlässigkeitsüberprüfung« stellen müssen.

Ob Putzfrau oder Gepäckarbeiter, wer Zugang zu Sicherheitszonen auf Flughäfen hat, dessen Hintergrund wird demnächst mit Akribie ausgeforscht. Polizei- und Fahndungsdateien werden dann zu Instrumenten der Personalplanung: Eine Verurteilung wegen einer »versuchten oder vollendeten Straftat« in den »letzten zehn Jahren«, und der Kandidat hat keine Chance mehr, ein Flugzeug zu putzen oder auf dem Rollfeld zu arbeiten. Über die jeweils zuständigen Landesämter für Verfassungsschutz werden zudem nachrichtendienstliche Erkenntnisse über Mitarbeiter eingeholt, auch Unterlagen des ehemaligen DDR-Staatssicherheitsdienstes werden zur »Beurteilung der Zuverlässigkeit«, so der Gesetzentwurf, einbezogen.

Deutsche Airlines prüfen derweil, wie sich Cockpit-Türen gegen Eindringlinge sichern lassen. Selbst über den Einsatz von Sky Marshalls, bewaffneten Sicherheitsbeamten, die als Undercover-Fluggäste reisen, will die Piloten-Vereinigung Cockpit nun mit sich reden lassen. Bisher war das Thema für Deutschlands Flugkapitäne tabu, doch »New York«, so Cockpit-Sprecher Georg Fongern, bedeutet »eine Zäsur«.

Das Kamikaze-Attentat macht auch alle Schulungen zur Makulatur, in denen Piloten auf gewaltsame Kaperungen vorbereitet wurden. »Das Bankkassierer-Modell« europäischer und amerikanischer Airlines, so der US-Sicherheitsexperte Larry Johnson, »hat ausgedient.« Nahmen Hijacker ein Crew-Mitglied als Geisel, ließen die Piloten bisher die Entführer ins Cockpit. Wie bei der Geiselnahme in einer Bank sollten die Flugkapitäne unter allen Umständen verhindern, dass Luftpiraten bei Widerstand durchdrehten. Besonnenheit, das lehrte die Erfahrung Dutzender Flugzeugentführungen, konnte zumeist das Schlimmste verhindern.

Bei Selbstmordattentätern aber führt das Hinhaltekonzept - das ist die Lehre des 11. Septembers - direkt in die Katastrophe. Kamikaze-Charaktere müssen daher, wie Cockpit fordert, »herausgefiltert« werden - wie, darüber rätselt allerdings auch die Piloten-Lobby.

So liegen auf Deutschlands Flughäfen die Nerven blank. Drei bis vier Stunden warteten Nordamerika-Passagiere in der vergangenen Woche auf dem größten deutschen Flughafen in Frankfurt vor den Schaltern. »Da wird noch die Zahnpastatube im Handgepäck aufgeschraubt«, entschuldigt Flughafensprecher Klaus Busch die Verzögerungen.

Rund 1500 Sicherheitskräfte bietet die Flughafengesellschaft Fraport für Abfertigung, Personenschleusen und Gepäcküberprüfung auf. Weitere 1800 Bundesgrenzschützer (BGS) und 800 Zöllner komplettieren die Sicherheitsmannschaft auf dem Rhein-Main-Flughafen. Doch noch paart sich neuer Aktionismus mit altem Trott.

Linienpiloten, die nahezu zu allen Bereichen der Flughäfen Zugang haben, machten vergangene Woche in Frankfurt erschreckende Beobachtungen. So schob die Mitarbeiterin eines Ladens, der im Sicherheitsbereich liegt, Vorräte für ihr Geschäft mit der Sackkarre an die Überwachungsschleusen. Ihr Ausweis wurde überprüft, sie und die Kartons auf der Karre nicht. So als müsste, wo Lindt draufsteht, auch Schokolade drin sein.

Eine Putzfrau strebte samt »Putzeimer, Sack und Pack«, so ein Flugkapitän, zur Schleuse. Ihr Ausweis wurde durch ein Lesegerät gezogen, es leuchtete grün, und die Frau passierte die Sicherheitsschranke ohne Leibesvisitation und ohne dass ihre Gerätschaft kontrolliert worden wäre.

Selbst die Jagd auf die Nagelschere, Symbol und Skurrilität der neuen Sicherheitspolitik, blieb oft ohne Beute. Eine Nagelschere, eine Nagelfeile und drei Rasierklingen schmuggelte ein Passagier durch alle Kontrollen - erst in Hamburg, dann in Frankfurt. Ziel der Reise: New York.

Insgesamt 83 903 Gegenstände beschlagnahmten Sicherheitskräfte im vergangenen Jahr allein in Frankfurt. Darunter Totschläger, Säbel, Sensen und Armbrust. »Wir staunen«, so BGS-Sprecher Klaus Ludwig, »was die Leute so alles im Koffer haben.« Am Münchner Flughafen wurden seit Einführung der verschärften Kontrollen 3000 Messer, Nagelfeilen und andere »potenzielle Waffen« entdeckt.

Experten indes sehen die Flugsicherheit am wenigsten durch Nagelfeilen im Hermès-Schminkkoffer bedroht. Viel größer ist die Angst vor einer Bombe. Bislang galt die Annahme, dass Passagiere in ihrem Gepäck keine Sprengsätze versteckt haben. Alarmiert waren die Behörden deshalb nur bei herrenlosem Gepäck. In der Ära von Kamikaze-Tätern gelten solche Regeln nicht mehr.

Und dennoch gelangen auf allen Flughäfen die Koffer zumeist ungeprüft in den Bauch von Passagiermaschinen. Kein amerikanischer oder europäischer Flughafen vermag alle Gepäckstücke zu durchleuchten. Das geschieht nur stichprobenartig. In Europa ist erst vom 1. Januar 2003 an der generelle Gepäck-Check geplant.

Gegen Plastiksprengstoff etwa, den ein Selbstmordattentäter in seinem Koffer an Bord schafft, gibt es kaum Barrieren. Zwar wurden spezielle Sprengstoffsensoren entwickelt, doch nur wenige Flughäfen verfügen über die kostspieligen Geräte, vor denen sich die Koffer auf den Transportbändern zudem noch stauen.

Das Geschäft mit Flughafen-Sicher-heitstechnik läuft ohnehin zäh, weiß Carsten Deuser, Sprecher der Wiesbadener Spezialfirma Heimann Systems. Daran habe auch der New Yorker Anschlag noch nichts geändert. Von einem Auftragsboom sei bei Heimann jedenfalls nichts zu spüren.

Während US-Fluglinien angesichts dramatisch sinkender Passagierzahlen Massenentlassungen ankündigten, die Lufthansa einen Einstellungsstopp verhängte und British Airways 7000 Stellen »zur Disposition« stellte, zeichnet sich zumindest eine neue Tätigkeit in der Luftfahrt ab. In den USA suchen Behörden seit Ende vergangener Woche Bewerber für den Job des Sky Marshalls. MATTHIAS GEYER, KARSTEN HOLM,

ULRICH JAEGER, SEBASTIAN KNAUER

Karsten Holm
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