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CHINA / WELTREVOLUTION Jahr des Pferdes

aus DER SPIEGEL 13/1966

Pekings rote Mandarine priesen die

Gewalt des gelben Ostwindes, »der

den Westwind besiegt« (Premier Tschou En-lai).

Der Sturm schien das Reich der Mitte unaufhaltsam zum Gipfel der dritten Welt zu treiben. Der Sowjetrusse Chruschtschow stürzte über Peking, China stieg als erste nichtweiße Nation in den exklusiven Atomklub auf, Chinas Hauptfeind Amerika geriet in Vietnam in die Nähe einer Niederlage gegen gelb geschulte rote Guerillas.

Die Achse zwischen dem 700-Millionen-Volk Mao Tse-tungs und dem 100 -Millionen-Reich des indonesischen Führers Sukarno war als Kern für eine revolutionäre Gegen-Uno vorgesehen, in der sich, so hofften Pekings Weltrevolutionäre, einst alle »Weltdörfer«, wie Chinas Ideologen die unterentwikkelten farbigen Nationen nennen, gegen die etablierten weißen »Weltstädte« zusammenschließen würden.

Der Schatten des chinesischen Drachen zog über Asien, Afrika und Südamerika auf. Selbst Großmächte wie Japan und Frankreich fanden es nützlich, bei der neuen Weltmacht Rückversicherungen abzuschließen; Europas Rote liefen in Scharen zu den Gelben über.

Das war zu Beginn des chinesischen Jahres der Schlange, vor etwas mehr als einem Jahr. Pekings Bürgermeister Peng Tschen konnte triumphieren: »Der Imperialismus ist... zur Niederlage verurteilt. Wie ein Büffel, der in ein Flammenmeer hineinrennt, wird er unvermeidlich verbrennen.«

Ein Jahr danach, zu Beginn des chinesischen Jahres des Pferdes, hat der

Wind jäh umgeschlagen. Ein Weststurm hat Chinas feingesponnenes Weltrevolutions-Gebilde verwüstet; Peking sieht sich heute von einem Trümmerhaufen außenpolitischer Katastrophen umgeben:

Moskau schickt sich zur Endabrechnung mit den gelben Spaltern an, eine Viertelmillion US-Soldaten hat damit begonnen, in Vietnam Maos Partisanen-Lehrlinge zumindest militärisch auszuräuchern, in Indonesien werden China-Freunde massakriert, aus Afrika China-Emissäre hinausgeprügelt. Die Asiaten sind zu Pekings Feinden in Ost und West übergelaufen, und die gelben Fraktionen leiden an Schwindsucht.

17 Jahre nach seiner Geburt aus einer der größten Revolutionen in der Geschichte hat der volkreichste Staat der Erde zu kaum einem Drittel der unabhängigen Nationen normale Beziehungen; kein einziges der rund 150 Länder der Welt kann China heute mit Recht seinen Freund nennen.

Anstelle von Peng Tschens Triumphgeschrei über den ins Unheil rennenden Imperialismus sind fast flehentliche Aufrufe der Pekinger »Volkszeitung« an die Genossen getreten, nicht den Mut zu verlieren. Dreimal seit Anfang März tröstete Maos Sprachrohr die gelben Massen, daß es im anti-imperialistischen Kampf »Zeiten der Ebbe, Zeiten der Flut, neue Ebbe und neue Flut« gebe. In aller Heimlichkeit riefen die roten Mandarine in den letzten Monaten vierzig Spitzendiplomaten aus der ganzen Welt zu einer außenpolitischen Bestandsaufnahme nach Peking. Düstere Bilanz der Heerschau: Rotchina, dessen wirtschaftlicher »Großer Sprung nach vorn« (Mao) Ende der fünfziger Jahre in einem industriellen Chaos endete, mußte Mitte der sechziger Jahre auch in der Außenpolitik einen Großen Sprung nach rückwärts hinnehmen.

Das diplomatische Fiasko Chinas ist Ergebnis einer introvertierten Weltanschauung des gelben Gottes Mao, 72, der »gebannt auf die riesigen Probleme seines riesigen Landes starrt« (so die Asien-Expertin Lily Abegg) und - abgesehen von zwei Moskau-Reisen - niemals die Grenzen seines Landes verlassen hat. Diese Einstellung führte zu katastrophalen Fehleinschätzungen und grotesken Fehlentscheidungen in der Außenpolitik.

Es war vor allem die Diskrepanz zwischen großen Worten und bescheidenen Taten, die China zum Verhängnis wurde. Als die USA im letzten Frühjahr in Vietnam zupackten, stellten sie Chinas militärische Ohnmacht bloß. Als China seine Auslandshilfe von 330 Millionen Dollar im Jahre 1964 auf 50 Millionen für 1965 kürzte, enthüllte es, daß der Yuan nicht im entferntesten mit Rubel, Dollar oder Mark konkurrieren kann.

So fiel der »Papiertiger«, als den China die USA hinstellte, auf Peking selbst zurück. Eine Serie vernichtender diplomatischer Rückschläge folgte.

Am meisten Boden verlor Peking dort wo der gelbe Vormarsch am hoffnungsvollsten begonnen hatte: in Afrika.

»Afrika ist reif für die Revolution«, hatte Peking-Premier Tschou noch Anfang 1965 auf dem Schwarzen Kontinent verkündet. Peking knüpfte Diplomaten-Bande zu 15 afrikanischen Nationen. An der chinesischen Wuhan-Militärakademie entstand eine Guerilla-Schule für schwarze Revolutionäre.

Doch bald, begann der ungestüme Elan der gelben Wühlmäuse die schwarzen Machthaber zu erschrecken. Sie fühlten sich von Pekings Parteigängern selbst bedroht. Die Chinesen gerieten in den Ruf von Neokolonialisten, deren man sich am, besten entledigte:

- Dahomey, Ober-Volta und die Zentralafrikanische Republik wiesen kurz nacheinander Maos Diplomaten aus dem Land.

- Aus Burundi zogen die Chinesen ab, nachdem der Premier Ngendandumwe ermordet worden war.

- Tansania-Präsident Nyerere warnte Tschou, daß sein Volk »keine ausländische Einmischung oder irgendeine Form von Neokolonialismus dulden werde«. China hatte dem Land eine Radiostation nur unter der Bedingung schenken wollen, daß Chinesen das Programm kontrollieren dürften.

- Sambia lehnte im Juni 1965 einen Besuch Tschous ab, nachdem Präsident Kaunda erfahren hatte, daß die Chinesen gegen ihn wühlten.

- Kenia verweigerte dem chinesischen Premier sogar die Erlaubnis, in Nairobi zwischenzulanden.

- Houphouet-Boigny, Präsident der Elfenbeinküste, rief ganz Afrika zum Feldzug gegen die Chinesen auf: »Wir müssen Pekings Abgesandte wie räudige Hunde jagen.«

- Tunesiens Präsident Burgiba nannte Mao und Genossen »Wahnsinnige, die auf einen Weltkrieg zusteuern«, und wies seinen Botschafter an, sich bei einer Abstimmung über die Aufnahme Pekings in die Uno der Stimme zu enthalten.

- Peking-Diplomaten in Kairo mußten Ägypten nach einem Prozeß gegen chinahörige Kommunisten verlassen, die einen Putsch geplant hatten. Die beiden schlimmsten Schlappen erlebten die gelben Roten in Algerien und Ghana. Als es darum ging, ob die für Juni 1965 geplante Zweite Afroasiatische Konferenz trotz des Staatsstreichs gegen Ben Bella in Algier stattfinden sollte, kämpften die Chinesen gegen die große Mehrheit der Afroasiaten dafür - und verloren.

Als es darum ging, ob zu der auf November verschobenen Konferenz auch die Russen geladen werden sollten, focht Peking bis zur letzten Minute dagegen - und verhinderte damit das Treffen. Mit dieser Sabotage der großen Farbigen-Schau verletzten die Chinesen den Geltungsdrang der Unterentwikkelten, die wortreiches Gipfel-Tamtam nur ungern missen.

Pekings einziger verbliebener Freund im Schwarzen Erdteil. Erlöser Kwame Nkrumah von Ghana, stürzte gerade zu der Stunde, da er zu einem Besuch in der chinesischen Hauptstadt eintraf.

In Asien verlor China seinen Hauptparteigänger, Indonesiens Präsidenten Sukarno, durch einen Rechtsputsch der antichinesischen Militärs gegen einen von Peking inspirierten Linksputsch der indonesischen Kommunisten.

Peking-Freund Pakistan lief zum Peking-Feind Rußland über, als der sowjetische Ministerpräsident Kossygin in Taschkent unter Wutgeheul aus Peking Frieden im Kaschmirkrieg stiftete, den China zuvor geschürt hatte.

Nordvietnam, das Chinas Krieg im indonesischen Dschungel führen muß, stützt sich immer mehr auf russische Hilfe, Nordkorea widerstand bisher dem chinesischen Verlangen, zur Entlastung der Vietnamesen eine zweite Front in Korea zu eröffnen.

Kubas roter Wirrkopf Castro wütet seit Wochen aus Enttäuschung über verweigerte Reislieferungen gegen die »chinesischen Aggressoren, Piraten und Neokolonialisten« und droht mit dem Abbruch der Beziehungen.

Selbst Albanien, seit fünf Jahren bedingungsloser Satellit Chinas und dessen europäisches Sprachrohr im Kampf um die rote Führung, rief letzte Woche überraschend seinen Botschafter Nesti Nase aus Peking zurück; die chinesischen Spezialisten räumten das Hotel »Dajti« in Tirana. Peking hatte den Skipetaren weitere Wirtschaftshilfe verweigert.

Albanien bereitet jetzt seine reumütige Rückkehr ins rote Mekka Moskau vor: Ein Diplomat aus Tirana überwacht in der Sowjet-Hauptstadt schon die Renovierung des seit 1961 verwaisten Botschaftsgebäudes.

Moskau will Chinas Rückschläge nützen. Noch vor einem Jahr hatte sich Fernost-Tourist Kossygin in China von Mao abkanzeln lassen müssen. Der kranke Peking-Papst ließ den Sowjet-Premier damals anderthalb Stunden warten und eröffnete ihm dann: »Ihr hofft wohl, daß sich nach meinem Tod alles gemäß euren Wünschen ändern wird. Nichts wird sich ändern, dafür ist Vorsorge getroffen!«

Inzwischen hat die Sowjet-Union die große Abrechnung mit den von allen Verbündeten verlassenen abtrünnigen Genossen vorbereitet. Moskau füllte die Grenz-Garnisonen in Sibirien und in der verbündeten Äußeren Mongolei mit frischen Truppen auf und schickte allen kommunistischen Parteien einen 50 -Seiten-Brief, in dem die gelben Sünden aufgezählt werden. Im Gefolge des XXIII. KPdSU-Parteitags, der am 29. März in Moskau beginnt, soll zur offiziellen Verdammung der chinesischen Spalter geschritten werden.

In diesen schlimmen Zeiten erhielten die Mao-Menschen nur ein winziges »Zückerchen« (so die »Neue Zürcher Zeitung") zum Trost. Es kam von einem Mann, der durch Starrsinn und Arroganz in der westlichen Welt fast ebenso zum isolierten Außenseiter wurde wie China bei seinen einstigen Freunden.

Charles de Gaulle ließ Nationalchinas Diplomaten an der Seine durch Polizei aus ihren Häusern treiben und übergab die Gebäude den Rotchinesen.

Chinesen beim Ausmarsch aus Ghana: Rückzug aus 15 Ländern, Zucker nur vom General

New York Herald Tribune

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